Selbsthilfe & Helden der Kindheit: „Die Winnetou-Strategie“, Frank Behrendt

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Am 23. Oktober bespreche ich im Kulturmagazin „Kompressor“ bei Deutschlandfunk Kultur das… vielleicht schlechteste Buch, das ich seit 10 Jahren las:

einen Lebenshilfe- und Management-Ratgeber von PR-Berater, „Winnetou“-Fan und Stern-Kolumnist Frank Behrendt:

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„Die Winnetou-Strategie. Werde zum Häuptling deines Lebens.“

Gütersloher Verlagshaus / Random House, Oktober 2017. 224 Seiten, 17.99 EUR

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„Frank Behrendt, »Guru der Gelassenheit«, ließ sich in vielen Lebenslagen von Karl Mays stolzem Apachen-Häuptling inspirieren. Auch von Persönlichkeiten im echten Leben lernte er viel. Ihre Haltung, Klugheit und Weisheit hat er übernommen und für seinen eigenen Weg erfolgreich adaptiert. Selbstbestimmt und selbst-entschieden zu leben: In unterhaltsamen Geschichten erzählt Behrendt an konkreten Beispielen, wie ihn die Helden seiner Kindheit nachhaltig beeinflussten. Eine Inspiration und ein flammender Appell, Ausschau zu halten nach den Helden am Wegesrand – den fiktionalen und den realen.“

[Klappentext, gekürzt.]

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Ich bin Diplom-Kulturwissenschaftler und hatte im Studium (Kreatives Schreiben & Kulturjournalismus, Hildesheim) u.a. wöchentliche Seminare über Feminismus bei „Alien“ & „Akte X“ (2004), Fan-Fiction bei „Xena, die Kriegerprinzessin“ (2003) und, über Heroismus seit der Antike, „Das Leid der Superhelden“ (2003).

Der Idealismus, die Strahlkraft und die Inspiration durch Helden und Antihelden ist ein Thema, über das ich immer wieder spreche und schreibe:

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Entsprechend große Lust hatte ich auf Behrendts Ratgeber:

Wir sollten alle öfter und präziser darüber sprechen, welche Figuren, Rollen, Plots etc. uns inspirieren, Vorbild sind, überraschen.

Frank Behrendt, geboren 1963, verbrachte seine Kindheit in Rio de Janeiro und seine Jugend in Ottensen an der Nordsee. Er arbeitete in der PR- und Kommunikationsabteilung von u.a. Henkel und RTL, war Geschäftsführer von Karussell (Polygram) und aktuell Serviceplan (München), und berät z.B. Fußballer bei Social-Media-Auftritten.

2015 postete er zehn Tipps für gute Work-Life-Balance, die viral gingen (Link).

2016 wurde daraus ein Buch bei Random House, „Lebe dein Leben und nicht deinen Job. 10 Ratschläge für eine entspannte Haltung“

Er wohnt mit seiner zweiten Frau und mehreren Kindern in Köln, ist großer Karl-May-Fan und war u.a. Komparse im „Winnetou: Der Mythos lebt“-Remake (RTL, 2016) und Gast beim „Wer wird Millionär“-Winnetou-Special.

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  • „Gefragt sind heute Menschen, die teilen und vertrauen können.“
  • „Ein lockerer Spruch bricht den Bann.“
  • „Du musst ein Feeling für deine Mannschaft entwickeln.“
  • „Meine hohe Performance-Erwartung erwies sich als meine Achillesverse.“
  • „Ein guter Spirit ist keine Garantie für das Gelingen.“
  • „Der neue Impuls machte mich richtig happy.“
  • „Heute bin ich Fanboy Nummer 1 meines kleinen Gerätes mit dem angeknabberten Apfel.“
  • „Nach dem Säen darfst du das Ernten nicht vergessen.“
  • „Endlich checkte ich, dass der Sinn des Lebens nicht darin bestehen kann, pausenlos zu ackern.“
  • „Ein grandioses Finanzgenie lehrte mich, wie ein Plan aussehen muss, der in Amerika jeden happy macht.“
  • „Ob Oberboss oder mittleres Management: Als Häuptling schwebst du nicht irgendwo über den Wassern, sondern bis immer Teil des Ganzen.“
  • „Die Zeit arbeitet für die Frauen: Ihre stärksten Waffen – Empathie und Emotion – sind heute mehr denn je gefragt.“

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Behrendt schreibt: Freunde nennen ihn „Guru der Gelassenheit“, „Lord des Loslassens“, „Emir der Entspannung“. Er mag u.a. Paulo Coelho und spricht viel über persönliche Begeisterung, gegenseitige Achtung, Freundlichkeit.

„Ich bin ohnehin jemand, der sehr stark in seiner glücklichen Kindheit verankert ist und ich bin auch nie so richtig erwachsen geworden. Freundschaft, Ehrlichkeit, Respekt, Verlässlichkeit waren mir als Junge wichtig und sind es heute noch. Was sich verändert hat, ist das Umfeld. Früher ging es um Werte innerhalb einer Klassengemeinschaft oder im Ruderverein, heute in meiner eigenen Familie oder in einem Unternehmen. Aber am Ende geht es immer um das gleiche: Ein faires und wertschätzendes Miteinander. Die Welt könnte schöner und friedlicher sein, wenn jeder so ticken würde.“

[Interview mit Helga König, Link]

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Ich las „Die Winnetou-Strategie“ kurz nach der Buchmesse, twitterte „Das ist das, glaube ich, schlechteste Buch, das ich seit ca. 10 Jahren las. Wow.“

…und bekam eine – freundliche, respektvolle – Rückfrage von Frank Behrendt: Was hat mich enttäuscht? Habe ich Nachfragen?

Wir wechselten einige Mails – und ich freue mich, dass er meine Haltung, Arbeit, Kritik nicht wütend weg wischen will.

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Meine Kritikpunkte:

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Es wird magic | Macht und Leadership | die Company war inhabergeführt | das Ergebnis der Session war top | es war Stress pur | eiskaltes Power-Selling | Downloads killten die CD | ich hatte nicht gecheckt, wie kniffelig die Situation sein kann | „die Neue“ brachte einen ganz neuen Spirit in die Kommunikationsabteilung | die Audience war begeistert | bei wichtigen Reden ist ein Reheasel [sic], also eine Generalprobe üblich | als Interims-CEO war ein smarter, relativ junger Typ verpflichtet worden, mit Power und Köpfchen

Die Mischung aus onkelig-bildreicher Bla-Sprache („mein Filius“ usw.) und Manager-Sprech voller Anglizismen (Der neue Impuls macht uns super-happy und ist gut für Performance und Spirit) lassen mich an Manager-Kunstfiguren wie „Stromberg“ denken:

  • „Hol dir den Happiness-Kick von früher zurück.“
  • „Zum Lunch am besten gechillten Talk.“

Ich kann das nicht lesen, ohne, die Augen zu rollen, zu lachen. Versteht sich Behrendts Buch (auch) als Management-Ratgeber, Leitfaden für Führungskräfte?

Gut, dass ein PR-Berater Erfahrung, Anekdoten teilt. Lehren aus dem Feld zieht, in dem er Profi ist. Doch stilistisch klingt er dabei wie die Parodie, Karikatur eines Managers. Und: Brauchen Menschen, die bereits Führungspositionen füllen, Empfehlungen wie „Du musst ein Feeling für deine Mannschaft entwickeln“? Behrendt baut eine bodenständige, entspannte Persona auf. Und macht dann viel kaputt, mit Passagen wie:

„Meine bisher längste berufliche Station verbrachte ich bei der PR-Agentur Pleon. Ein stolzer Kommunikationsriese, entstanden aus der legendären KohtesKlewes-Kommunikationsagentur der beiden PR-Granden Paul J. Kohtes und Dr. Joachim Klewes. Pleon war der absolute Marktführer, wuchs jedes Jahr und beschäftigte die besten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Branche. Es war eine unglaubliche Truppe, wir arbeiteten hart, gewannen und feierten wild. Ich war stolz, später Anführer dieser ganz besonderen Elite-Einheit zu sein.“

Show, don’t tell: Was die „unglaubliche Truppe“ so „legendär“ und „besonders“ macht, führt Behrendt nie aus. Ich lese hier Hyperbole, Sich-selbst-auf-die-Schulter-Klopfen, Glorifizierung, Mystifizierung.

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  • „Ich habe heute noch vor Augen, wie ein Kollege aus Südamerika im Seminar mit Hilfe von zwei Kokosnüssen erklärte, wie ein perfektes Einstellungsgespräch abläuft. Das war so ein irres Bild!“ Aber WAS war, mit den Kokosnüssen?
  • „Alle paar Wochen bin ich für einen Abend im Altersheim bei mir um die Ecke zu Gast, wo ich auf einer kleinen Bühne zum Gespräch bitte. Gesprächspartner sind Bewohner des Altersheimes.“ Warum dieses Ehrenamt: Was hört, lernt, erfährt man genau dort?
  • „Selbst heute noch bin ich nicht davor gefeit, zu sehr auf andere, und zu wenig auf mich zu hören. […] Freunde und Bekannte hatten uns von den Super-Hotels und den tollen Stränden in Dubai vorgeschwärmt. Wir knickten ein und fuhren in die Stadt, die schon auf den Bildern aussah, als wäre sie eine einzige Filmkulisse. Es wurde der blanke Horror! Für uns die Nummer 1 auf der Liste der Places not to be.Weil es kulissenhaft wirkt? „Der blanke Horror“ klingt so dramatisch: Details!
  • „Seit 1972 ist in Bhutan nicht etwa die Steigerung des Bruttoinlandsprodukts, sondern die Steigerung des Nationalglücks vorrangige Aufgabe des Staates. Dort am Himalaya gibt es einen Glücksminister. Ich finde diesen Ansatz hervorragend.“ Klappt das gut, für Bhutan? Was entscheidet der Minister konkret, und was bedeutet das gesellschaftspolitisch?

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Behrendt versucht bei fast jedem Beispiel, Anekdote, möglichst positiv zu bleiben: Seine (recht reichen?) Eltern sind streng und wollen die Kinder nie übervorteilen. Im Beruf gibt es viele „legendäre“ Mentoren, Förderer. Behrendt lernt von jüngeren Kolleg*innen, und wenn jemand Fehler macht oder scheitert, bleibt Behrendts Schilderung so anonym, ungefähr und harmlos-gutmütig wie möglich.

Ich bin 34, und mag Autor*innen und Memoirs, die tief blicken lassen, Widersprüche zum Thema machen, immer neu fragen, was sagbar ist. Karl-Ove Knausgard wird von Verwandten verklagt. Lena Dunham schreibt personal essays über schlechten Sex und Geschlechtskrankheiten. Mir imponiert, wenn öffentliche Personen Fehler teilen. Behrendt bleibt langweilig vage, enttäuschend neutral:

  • Im Ruderclub hörte er bei einem Wettkampf nicht auf die Trainer und verausgabte sich zu früh.
  • Seine erste Ehe scheiterte, weil er viel arbeitete.
  • Ein Kollege, der zotige Witze erzählt, verstand nicht, dass er damit alle abstieß.

Solche Momenten, Anekdoten KÖNNEN „teachable Moments“ sein. Doch hier im Buch bleiben das, was Behrendt als Beispiel hastig und vage skizziert und die Lehre, die er daraus zieht, viel zu weit auseinander, viel zu beliebig verknüpft.

  • Ruderclub: Wie genau haushaltet man also die eigenen Kräfte?
  • Ehe: Wie kann man exzellente Arbeit machen UND eine glückliche Ehe führen?
  • Witze: eine Zote nervt alle, doch „ein lockerer Spruch bricht den Bann“. Tiefer rein ins Thema, bitte!

Oft klaffen „Fehler“, Lerneffekt und konkrete Tipps so weit auseinander, dass ich aus ganzen Kapiteln vor allem mitnehme: „Ich habe alles richtig gemacht. Der Erfolg gibt mir Recht. Ich bin PR-Berater in legendären Teams. Alle sind happy.“

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„Nur wer ein selbstbestimmtes Leben führt, verfügt über die Freiheit, Verantwortung auch für andere zu übernehmen.“

Starke These… die an keiner Stelle tiefer durchdacht wird: Sind Menschen ohne „selbstbestimmtes“ Leben zu schwach, faul oder dumm? Wie viel Freiheit und Selbstbestimmung haben wir im Kapitalismus? Was ist mit z.B. arbeitslosen Müttern, die Verantwortung für ihre Kinder übernehmen? Ist (fehlende) Selbstbestimmung ein privater Makel – oder ein strukturelles Problem?

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Ich mailte Frank Behrendt (gekürzt):

Ich fand Ihr Buch tatsächlich sehr phrasenhaft, nichtssagend und… aufgeblasen. Vielleicht hatte ich falsche Erwartungen: mehr Winnetou, oder mehr, tiefere persönliche Erlebnisse. Oder ein Selbsthilfe-Modell, das dem Untertitel „Werde zum Häuptling deines Lebens“ gerechter wird.

Sie wirken nicht unsympathisch. Ich bin nur einfach… schockiert, wie Sie aus Allgemeinplätzen, Binsenweisheiten und SEHR dünner anecdotal evidence im Brustton der Überzeugung „Weisheiten“ raus hauen, die mir sehr… beliebig vorkommen.

Meine – wirklich: große! – Enttäuschung beim Lesen: Sie halten sich sehr bedeckt und bleiben dauernd im Ungefähren. Ich weiß jetzt, dass Frank Behrendt nette Eltern, nette Geschwister, nette Kinder hat, und dass er Fehler machte, die wir alle machten (Überarbeitung, vorschnelle Urteile, falsche Prioritäten)…

…doch in einer Welt, in der Autorinnen wie Lena Dunham in jedem personal Essay, das sie veröffentlichen, über Geschlechtskrankheiten sprechen oder private Super-GAUs, ist mir Ihr Buch zu ungefähr, ausweichend, harmlos.

Ich muss die ganze Zeit an TED-Talks denken: die Idee, dass jemand den Vortrag seines Lebens hält. Alles vermittelt, was er/sie zu sagen hat. Dringlichkeit!

Ich kann mir bei der „Winnetou-Strategie“ einfach nicht vorstellen, dass Sie z.B. dieses Buch als Vermächtnis für Ihre Kinder geschrieben haben. Alles bleibt so knapp, zurückhaltend, nett… da tun sich keine Abgründe auf. Meine Hoffnung ist, dass Ihr erstes Buch mehr Dringlichkeit hat, Substanz, schwerere Konflikte mit klügeren Fragen origineller und mutiger durchleuchtet… dass es einfach mehr klingt wie ein Buch, in dem Sie auch etwas von SICH teilen wollen.

Nach der „Winnetou-Strategie“ weiß ich nicht einmal, warum jetzt ausgerechnet „Winnetou“ so prägend für Sie war. Oder, warum Dubai Ihnen nicht gefiel. Warum Sie Menschen im Altersheim interviewen. Oder sich Bhutan aufs Nationalglück konzentriert. All das wird nur erwähnt, nie ausgeführt.

Stattdessen Sätze wie „Nach dem Säen darfst du das Ernten nicht vergessen“ und Weisheiten wie „Perfektion macht nicht glücklich“ – von denen ich hoffe, dass jeder Neunzehnjährige schon so weit dachte.

Das ist einfach zu dünn, für mich. Sie kennen, denke ich, Randy Pauschs „The Last Lecture“? Das fand ich so gut, dass ich es ca. 2011 zu Weihnachten sicher zehnmal verschenkte, an alle engen Freund*innen. Weil da Dringlichkeit war, und Pausch fast nur sagte und erzählte, was ihm erkennbar am Herzen lag – und originellere Erkenntnisse/Lehren mit persönlichen Geschichten verband, die tiefer gingen.

Ich denke auch an z.B. Ihre Stern-Kollegin Meike Winnemuth: ähnlich happy, ähnlich kurze und harmlose Sätze, ähnlich leicht verdaulich. Doch DIE nimmt sich die Zeit, um in einem Buch auf 40 Seiten zu erklären, warum sie von Indien enttäuscht war und sich ausgezehrt fühlte: IHR fühle ich mich nah, weil sie mehr von sich verrät und uns näher an sich ran lässt. Was Sie an Dubai stört, weiß ich nicht. Das ist schade – denn an solchen Stellen wirkt das Buch auf mich einfach irrsinnig beliebig, defensiv, ungefähr.“

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Ich erfahre nichts Profundes über Winnetou.

Die Ratschläge bleiben schwammig und nichtssagend („Mach auch mal eine Pause“, „Frauen in Führungspositionen sind oft eine Bereicherung, weil oft einfühlsamer und geschickter“ etc).

Es gibt keine konkrete „Winnetou-Strategie“: Behrendt verknüpft Allgemeinplätze mit recht beliebigen „bei Winnetou ist das so ähnlich“-Momenten. „Man muss auch mal über sich lachen können. Nebenfigur aus Sam Hawkins aus Winnetou weiß das auch.“

Das Buch bietet keine Antworten auf die Frage, warum wir überhaupt auf Kindheitsheld*innen, Literatur oder Geschichten/Figuren schauen sollten: Wie das ein Leben prägt.

Als Ratgeber, als Lebenshilfe, als Management-Anleitung… und auch als Weg, um einen erfolgreichen PR-Berater kennen zu lernen, bleibt das mangelhaft, misslungen, dürftig.

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