Pressereise nach Georgien: Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2018

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2018 ist Georgien Ehrengast / Gastland der Frankfurter Buchmesse #fbm18.

Ende Mai 2018 war ich auf einer viertägigen Pressereise nach Tiflis / Tibilisi.

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Heute, hier im Blog: Fotos, die sich nicht selbst erklären.

Die Pressereise – erzählt in Bildern und kurzen Bildtexten […wird ergänzt, in den nächsten Tagen].

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Sieben Blogger*innen / „Influencer“ sind eingeladen: Alexandra Stiller (Bücherkaffee), Matthias Warkus (54Books), Angie Martiens (Litaffin), Anabelle Stehl (Stehlblüten), Florian Valerius (Literarischer Nerd), Karla Paul (Buchkolumne) und ich.

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Wir fliegen via Istanbul, mit Turkish Airlines. Flüge nach Tiflis sind nachts oft billiger. Georgier*innen sagen, wir haben Glück, schon kurz vor Mitternacht am Hotel zu sein: Oft kommen Gäste viel tiefer in der Nacht ins Land. Flugzeit der beiden Flüge: 6 Stunden, ab Frankfurt.

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Das Programm – Donnerstag, Freitag, Samstag; Rückflug Sonntag Nacht – ist straff: Stadtführung, Museen, Kirchen/Kloster, Bibliotheken, eine Ballettprobe. Alle Mittag- und Abendessen mit wechselnden georgischen Autor*innen.

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Ein Land, nicht viel größer als Bayern, am Schwarzen Meer. Nachbarländer: Armenien, Aserbaidschan, Russland und die Türkei. Religion: 84 Prozent orthodox, 9 Prozent Muslime. Am Flughafen und bei der Fahrt durch Tiflis sehen wir dauernd Casinos und Casino-Werbung. Erster Eindruck, auch landschaftlich: Canto Bight, der etwas vulgäre Glückspiel-Planet aus „Star Wars: The Last Jedi“.

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Betsy’s Hotel ist eine ordentliche, westlich-normierte viergeschossige Anlage mit Frühstücksterrasse, kleinem Pool, absurd gründlicher Zimmerreinigung – mit toller Aussicht über Tiflis. Ich fühlte mich wohl; doch glaube, dass viele Georgien-Reisende charmantere, geschichtsträchtigere Räume suchen: Für mich war das Hotel der… aseptischste, globalisierteste Ort der Reise.

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Davit Gabunia ist Dramaturg und Schriftsteller (Romane und Dramatik) und stellt uns in einer einstündigen Präsentation am Goethe-Institut ca. 15 große georgische Autor*innen vor, die auch in deutscher Übersetzung vorliegen. Der oft amüsant-spöttische Vortrag ordnet die Bücher chronologisch, und beginnt arg männerlastig, patriarchal. Erst ab den späten 90ern nennt Gabunia immer mehr Autor*innen, Experimente, Short Stories, LGBT- und feministische Stimmen etc.

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Davit Gabunia empfiehlt uns u.a. Dawit Kldiaschwili, Otar Tschiladse, Micheil Dschawachischwili, Naira Gelaschwili, Guram Dotschanaschwili. Ich arbeite an einem längeren Blogpost über georgische Bücher, die ich anlas und mochte. Bis dahin empfiehlt sich *dieser* Index ins Deutsche übersetzter Bücher auf Georgia-Characters.com

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Mehr Fotos unserer Reisegruppe: hier im Link.

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Matthias Warkus schreibt: „Im alten Hauptgebäude der Nationalbibliothek (früheres Bankgebäude im österreichischen Ringstraßenstil) konnten wir verschiedene internationale Lesesäle [überraschend große deutsche Bibliothek, englische Bibliothek] besichtigen. Das Magazin mit den vier Millionen Bänden georgischer Literatur ist wohl anderswo untergebracht.“

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Mit uns sieben Blogger*innen unterwegs, die meiste Zeit: Journalist*innen von u.a. Arte, FAZ, Deutsche Welle, Spiegel, Focus, ZEIT, ORF und dem Magazin „Bücher“.

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Giorgi Kekelidzes Redebeiträge waren auf Georgisch, und wurden recht schleppend übersetzt. Die Stimmlage deutscher Frauen wird seit Jahren immer tiefer. Viele ältere Georgierinnen, die mit uns sprachen, hatten eine hohe Stimme. Statt mehr zum georgischen Buchmarkt, zur georgische Kulturpolitik oder zum… kulturellen Selbstbild zu hören, erfuhren wir leider fast nur, wie DIESE EINE Bibliothek funktioniert: So, wie fast alle anderen, die ich kenne, auch. Schade.

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Matthias Warkus schreibt am Folgetag: „Leider ist die Weinprobe ausgefallen, weil von den 17 Personen der beiden hier anwesenden Delegationen (BuchbloggerInnen und RichtigjournalistInnen) insgesamt wohl nur zwei Personen Lust drauf hatten. Aber warum wollte denn nun niemand zur Weinprobe mit original georgischem in der Erde vergessenem Amphorenwein? Weil für eine Reise, bei der BuchbloggerInnen etwas über georgische Literatur lernen sollen, bisher erstaunlich wenig Kontakt mit georgischen Büchern passiert war. In der Bibliothek sahen wir nur repräsentative Räume und Lesesäle für ausländische Bücher; eine Buchhandlung [Prospero’s Books & Caliban’s Coffee], auf die sich einige bereits erwartungsvoll gestürzt hatten, bot vor allem englischsprachige Bücher an. Nachfragen dazu, ob es etwa eine Buchpreisbindung gibt oder ob es georgische Kinderbücher vergleichbar zu Pippi Langstrumpf o.Ä. gibt, scheiterten teilweise an der Sprachbarriere. Insofern wurde umdisponiert, um statt der Weinprobe doch lieber einen Buchladen zu besuchen.“

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Obwohl zur Nationalbibliothek auch ein „Book Museum“ und Ausstellungen gehören, sehen wir, insgesamt, kaum Bücher: Der Raum selbst ist VIEL interessanter als die Literaturvermittlung dort. .

Toll und fotogen: die Zettelkästen in der Nationalbibliothek. Deprimierend: dass sie tatsächlich immer noch benutzt werden. Beruhigend: Die vielen Online-Arbeitsplätze im Keller, und das Selbstverständnis, dass Bibliotheken nicht nur Bücher, sondern auch Netz und digitale Informationen zur Verfügung stellen [also: einen Third Place bieten].

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Bibliotheksleiter Giorgi Kekelidze, geboren 1984, lehrt, schreibt u.a. Lyrik für Kinder, moderiert eine TV-Sendung über Literatur. Über seine Karriere zu reden hätte mich mehr interessiert, als die Bibliothek zu sehen. Wikipedia: „His poetry does not include social or patriotic topics. Folklore is more interesting sphere for him. In 2016, his “Gurian Diaries” book 2 is the bestseller of the year in Georgia.“

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*Nichts* auf der ganzen Reise fand ich gestriger, öder als dieses… Kunschtwerk in der Nationalbibliothek. Mich erleichtert, freut, dass es nicht aus Georgien stammt: der Künschtler heißt Karl Eimermacher und ist Professor / Slawist.

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Im Kino: Die exakt selben Filme, die auch in Deutschland gerade starten. Ich lasse mir am Geldautomaten 50 Lari auszahlen (ca. 17 Euro): Das reicht für zwei Taxifahrten inkl. Trinkgeld (je 10 Lari), ca. fünfmal Wasser, Energy Drinks, Aloe-Vera-Limo etc. (meist 1 bis 2 Lari), ein paar Schokoriegel für meinen Partner daheim; und zwei, drei süße Snacks unterwegs. Das Durchschnittseinkommen liegt bei ca. 280 Euro im Monat. Alles, was ich kaufe, kostet ca. ein Sechstel von dem, was ich in Deutschland zahlen würde.

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Überall auf den Straßen: alte Bücher auf Russisch und Georgisch, für 1 bis 3 Lari (30 Cent bis 1 Euro). Keine antiquarischen Schätze – sondern Paperbacks und Klassiker, oft sehr abgegriffen. Dass solche Bücher in Georgien noch verkäuflich sind (…während sie in Deutschland meist weg geworfen oder in öffentlichen Bücherschränken verschenkt werden) lässt mich fragen, ob in Georgien die „Lies Klassiker, das gute Buch. Das bringt dich weiter!“-Idee, die ich aus meiner Kindheit in den 80ern noch kenne, doch die heute eher verlacht wird, länger überlebt als in Europa. #aufstiegschancen #bildung

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Matthias Warkus schreibt: „Es gibt übrigens viele politische Parallelen zu Estland (ich war 2012 mal zehn Tage in Tallinn), z.B. auch, dass man das Land als seit dem Ersten Weltkrieg unabhängig betrachtet und die Sowjetzeit als Besatzung ansieht. Wir werden am Sonnabend die Feierlichkeiten zum 100. Unabhängigkeitstag erleben. Eine recht rigide Sprachpolitik erinnert an Québec: Ähnlich, wie dort keine englischsprachige Inschrift ohne eine deutlich größere französischsprachige stehen darf, müssen hier öffentliche Schilder und Logos immer auch in georgischen Buchstaben gehalten sein, weswegen H&M hier ein riesiges georgisches Logo hat; das uns bekannte findet sich deutlich kleiner darunter.“

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Zum Essen treffen wir die Autoren Beka Adamaschwili („Bestseller“) und Abo Iaschagaschwilli. Beka war Blogger, bevor ihm Facebook den Wind aus den Segeln nahm, arbeitet in einer Werbeagentur („Unsere erfolgreichsten Kampagnen waren eine Hängematte, von Drohnen getragen, und kleine Hamster, die Miniatur-Junk-Food verspeisten“) und schreibt an einem Roman, in dem ein Mann durch Bücher reist und versucht, Romanfiguren wie Sherlock Holmes vor dem Tod zu retten.

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Abo führt uns nach dem Essen fast sieben Stunden lang durch Tiflis. Er schreibt historische Krimis. In Deutschland erschien Band 2, „Royal Mary“. Klappentext: „Eine Stadt, die ein Schmelztiegel der Kulturen war: Tiflis gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Die Atmosphäre dieser Stadt, Bilder von Märkten, Spelunken und Palästen, exzentrische Typen, fremde Mächte, ja fast die Gerüche einer vergangenen Zeit – mit Witz und Virtuosität fängt Iaschaghaschwili all das ein, und erzählt doch von Mord und Totschlag. „

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Großer Innenhof, Gratis-WLAN (wie in vielen Restaurants), solides Essen: das zwanglose (HIpster?-)Café / Restaurant „Ezo“

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Fassaden, Stadtgeschichte, eine lange Tour durch die Stadt: Unsere Reisegruppe ist für einige Stunden zweigeteilt. Die andere Gruppe besucht das Georgische „Haus der Schriftsteller“ [keine Fotos von mir]. Über die dort ausgestellten Tiere und die stalinistischen Morde / Erschießungen schrieb Davit Gabunia das Theaterstück „Tiger und Löwe“, aufgeführt u.a. am Staatstheater Karlsruhe.

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Ein unrestauriertes Treppenhaus, keine 50 Meter unterhalb des Restaurants (Ezo: 16 Geronti Kikodze St.): Viele Türen in Innenhöfe und Mietshäuser stehen offen; als wir ankamen, probten ca. Zwölfjährige dort gerade eine Choreographie.

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Viele Mitreisende sind von Georgien fasziniert, seit sie Nino Haratischwilis 1200-Seiten-Roman „Das achte Leben“ (2014) lasen.

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Knut Krohn schreibt: „Hoch über der Stadt, auf der Burg, thront Nino, die Schutzheilige Georgiens. Der Legende nach soll die Syrerin im 4. Jahrhundert nach Christus zur Christianisierung Georgiens beigetragen haben. Das Momument stammt noch aus der Zeit der Sowjetunion.“

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Wir sieben Blogger*innen machen irrsinnig viele Fotos, holen in Restaurants oft das Handy raus und probieren, so aktuell / live wie möglich alles hier zu zeigen, aufzugreifen, überall zu teilen. Falls unser Stadtführer genervt war oder uns belächelte, ließ er sich das nicht anmerken. Schön, mal in einer Gruppe zu sein, in der das viele Dokumentieren die Norm ist – und nichts, für das wir uns rechtfertigen mussten: HIERFÜR waren wir in Georgien. So albern das auch, von außen, oft gewirkt haben muss.

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Reisen UND Bloggen kriege ich beim engen Zeitplan und ohne WLAN außerhalb des Hotels kaum hin: Ich sammle vier Tage lang Eindrücke, mache mir viele Notizen und probiere, so präsent und wach wie möglich zu sein. Die Nachbearbeitung der Reise (Fotos sortieren, bearbeiten, teilen; Links sammeln; Recherchieren; Twitter, den Blog, Facebook, Youtube etc. bespielen) kostet mich am Ende vier weitere Tage. Trotzdem: jederzeit wieder!

My-Travelworld schreibt: „Tiflis selbst ist sehr charakteristisch durch sein kleines und gut erlaufbares Zentrum, den umliegenden Anhöhen sowie seiner Kompaktheit im Allgemeinen. Obwohl die Stadt rund 1.000.000 Einwohner hat, ist sie flächenmäßig deutlich kleiner als zum Beispiel meine Heimatstadt Dresden. Vor allem von oben wundert man sich schon, wie in diese kleine Stadt eine ganze Million Menschen passen sollen. „Von oben“ ist auch direkt das Stichwort, denn um Tiflis herum befinden sich relativ viele Gebirgszüge, die nicht nur tolle Ausblicke ermöglichen, sondern auch ein kleines und vor allem grünes Naherholungszentrum darstellen.“

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Betreut wurden wir von der Bonner Agentur „projekt2508“. Wir konnten jederzeit *alles* fragen.

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Überall im Stadtbild – auch meist als Muster / Ikonografie im Schmuck und als Symbol in Metallgittern, Zierleisten, Kacheln etc.: Weinreben.

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„Deutsche Bau- und Brandschutzbehörden würden durchdrehen hier – besonders bei all den Außenbalkonen.“ Ich mag die Stadt sehr – doch treffe immer wieder Menschen, die bei überirdisch geführten Stromkabeln „Alles hier ist hässlich und primitiv!“ rufen. (Auch z.B. in Kanada und Japan. Ich selbst mag das.)

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Überall: fotogene Straßenkatzen und -Hunde. (Das Buch auf dem Müllcontainer wurde nicht von uns drapiert.)

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Das Bäderviertel: historische Schwefelbäder mit Kuppeldächern, ca. sieben verschiedene Betreiber, direkt bei einander. Einzelkabinen / kleine Wannen; aber auch größere Pools. Eintrittspreis laut Reiseführer: ca. 5 Lari, dazu ca. 10 für eine Massage. Im ersten Bad, das ich – mit 15 Rest-Lari – betrete, soll ich 40 Lari zahlen. Ich habe keine Geldkarte dabei und muss passen.

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Der Drescher-Reiseführer schreibt: „Das Zentrum Tbilisis liegt terrassenförmig zu beiden Seiten der Mtkvari. Im 18. Jh. bis auf die Grundmauern niedergebrannt, wird es durch die Residenzen und Wohnhäuser aus zaristischer Zeit geprägt.“ Der Fluss führt viel Lehm mit sich und ist ganzjährig so braun.

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Matthias Warkus schreibt: „Tiflis ist eine ungeheuer sympathische Stadt, relativ ruhig und dezent beleuchtet, in einem Talkessel mit wahnsinnigen Aussichten, mit einem gewaltigen kulturellen Erbe, aber auch einer Ader für radikal moderne Architektur, die befremdlich anmutet, wenn man aus Deutschland anreist, und zu der ich sowohl online als auch unter den Mitreisenden sehr unterschiedliche Meinungen gehört habe. Es gibt eine Oberstadt mit Gassengewirr, vielen Treppenstraßen, historischen Kirchen und einer Festung drüber.“ Das schlauchförmige Gebäude im Bild? Die Konzert- und Ausstellungshalle.

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Die Festung Nariqala. Gute Aussicht über Tiflis – aber, finde ich: kein Muss. Der Kirchgarten etwas unterhalb war stiller, einladender, sehenswerter.

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Schon seit dem 4. Jahrhundert ist Georgien christlich. Der Trescher-Reiseführer: „Georgien und Armenien sind die beiden östlichsten Länder, in denen sich das Christentum als Staatsreligion durchsetzen und halten konnte.“

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Mein Job in den nächsten Monaten: Georgische Bücher in deutscher Übersetzung anlesen, u.a. alle Titel, die im „Perlentaucher“ vorgestellt wurden (Link). Die Titel, die Georgia-Insight vorstellt (Link) durchgehen. Und die Liste von Georgian Characters (Link).

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Nur auf Goodreads kann man schlecht nach georgischer Literatur suchen: das Tag „Georgian“ meint dort meist: Südstaaten-Romane. „Georgia“ (das Land) bei Goodreads: Link. Bücher, die in Tiflis spielen: Link.

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Oliver Zwahlen schreibt: „Im 17. Jahrhundert gab es über 70 unterschiedliche Badehäuser. Heute kannst du nur noch unter einer handvoll Bädern deinen Favoriten aussuchen. Die meisten sind unterirdisch unter einer Kuppel im persischen Stil. Nur ein Bad (das blaue Gebäude im Bild oben, das wie eine Moschee aussieht) ist überirdisch. Wir testeten das „Royal Bath“: Da angeblich alle kleinen Privaträume besetzt waren, gönnten wir uns für 40 Euro pro Stunde den grössten Pool, in dem problemlos eine ganze Schulklasse Platz gefunden hätte. Das mit hübschen Kacheln verzierte Bad war nicht ohne Charme. Luxuriös wirkte es aber trotz des vielen Platzes nicht, da die Einrichtung doch etwas verlottert aussah.“

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Bettler gehören offenbar erst seit ca. 15 Jahren zum Stadtbild. Oft sehen wir auch Menschen in Rollstühlen, Amputees in Armee-Uniformen oder Frauen, die mit ihren Babys oder Kindern betteln, auch nachts. Oft werden rechte Parteien gewählt, weil sie eine bessere Krankenversicherung / -versorgung versprechen.

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Oliver Zwahlen schreibt: „Auch wenn es bereits eine Reihe von grossangelegten Renovationen gab, ist der Verfall der alten Bausubstanz in vielen Stadtteilen noch immer deutlich sichtbar. Besonders stark betroffen sind die Häuser in der Altstadt und in der direkten Umgebung des Präsidentenpalasts. Aber eigentlich muss man nirgendwo weit gehen, um windschiefe Häuser und eingestürzte Dächer zu sehen. Oft schockiert es, dass in solchen Gebäuden noch Menschen wohnen müssen. Wieso das so ist, habe ich in dieser Reisedepesche beschrieben. Was mir zunächst nicht klar war: Die Häuser sind nicht einfach verwahrlost, sondern teilweise erklärt sich ihr Zustand mit einem schweren Erdbeben im April 2002, das über 10.000 Gebäude beschädigte und sechs Menschenleben forderte.“

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Schöne Ort: der Innenhof von „Prospero’s Books“, nicht weit vom Rustaveli-Platz. Der Kaffee, Iced Latte etc. schmeckte wie ein misslungenes Filterkaffee-Experiment; und als Buchhandlung taugen die Prospero’s-Filialen nicht: eine Handvoll Mainstream-Bestseller im Taschenbuch, deprimierender als jede Flughafen-Buchhandlung.

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Matthias Warkus schreibt: „Es gibt in Georgien laut Factsheet des Veranstalters 50 Buchläden und das durchschnittliche Buch kostet umgerechnet 3,99 €. Eine Preisbindung gibt es nicht und Amazon ist kein Thema. Die größte Buchhandelskette gehört dem größten Verlag, die Probleme, die sich daraus ergeben, liegen auf der Hand. Die gesamte Verlagsbranche setzt knapp 4,5 Mio. € jährlich um, pro Jahr erscheinen 3000–4000 Titel, davon 45 % Übersetzungen.“

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Der größte Supermarkt, den wir im Zentrum fanden. Importierte europäische Produkte, z.B. von Ferrero, sind absurd teuer. Auch Kaffee und Tee sind ein Statussymbol; ihre Preise erinnern mich an Deutschland in den ca. 60er Jahren. Ich war in ca. 7 georgischen Supermärkten, vom teuren ‚Spar‘ über Kiosks und Bodega-ähnliche Eckläden bis zu ‚Smart‘, und hätte gern noch mehr getestet, gekauft, ausprobiert.

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Karla Paul schreibt: „Ich sah selten einen Ort, an dem so viele Völker & Baustile wortwörtlich zusammenkrachten und es sich dennoch richtig und gut anfühlt. Die Stadt ist im Aufbau und Anbau, auch gesellschaftlich und belohnt jedes Suchen durch Finden, jede Neugier durch wunderschöne Hinterhöfe, Treppenhäuser, tausend versteckte Schätze und hinter jedem steckt eine Geschichte – ich will sie alle lesen!“

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Matthias Warkus schreibt: „Unser Stadtführer, Abo Iaschagaschwili, ist Bergführer und erfolgreicher Schriftsteller – selbst erfolgreiche Schriftsteller brauchen bei einem so kleinen Büchermarkt (das Land hat eine Bevölkerung von ca. 4,5 Mio.) immer einen Hauptberuf, haben wir mehrfach gehört. In den letzten vier Jahren hat die georgische Literaturszene und der Büchermarkt einen kleinen Boom oder zumindest einen großen Anschub dadurch erlebt, dass der Gastlandstatus bei der Buchmesse seinen Schatten voraus warf – man macht sich als naiver Deutscher gar keine Gedanken darüber, welche Bedeutung dieses Ereignis offenbar haben kann.“

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Abo Iaschagaschwilis Führung macht auch Spaß, weil er fast perfektes Deutsch spricht – das er, scheint mir, aus alten Büchern lernte: Er benutzt Worte wie „Zecherei“, liest Passagen aus der Weltliteratur vor… Bucht ihn für Stadtführungen! Kontakt z.B. via Instagram (Link).

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Schönes Viertel für Spaziergänge: die engen Gassen zwischen Rustaveli Square (im Tal) und Makashvil Street (oben am Hang; bei unserem Hotel). Weil viele Straßen den Berg hoch als Sackgasse enden, habe ich mich bei drei Versuchen, neue oder andere Routen zu finden, verlaufen: Hoch kommt man *immer* nur übers Gelände der Mikhail von Tver-Kirche.

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„Fabrika ist eine instandgesetzte ehemalige sowjetische Nähfabrik, die ‚wiederbelebt‘ und in einem multifunktionalen Stadtraum verwandelt wurde mit Cafés und Bars, Künstlerateliers und Geschäften, Bildungseinrichtungen, Co-Working-Spaces, dem größten Hostel der Region, einem Innenhof und ständig wechselnden Veranstaltungen.“ fabrikatbilisi.com

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„Wir haben bereits 2013 deutsche Literaturkritikerinnen und -kritiker sowie Journalistinnen und Journalisten eingeladen, unser Land zu besuchen und über kulturelle Themen in Georgien zu schreiben. Meiner Meinung nach macht es einen riesengroßen Unterschied ob man nur über georgische Literatur liest und schreibt oder ob man den kulturellen Kontext dieser Werke selbst entdeckt, in dem man das Land bereist, die Kultur am eigenen Leib erfährt, die Natur erlebt, die Menschen vor Ort trifft und mit den Autorinnen und Autoren ins Gespräch kommt.“ Link

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Medea Metrevelli vom Georgian Book Centre lädt uns ins Restaurant Tone (auf dem Fabrika-Gelände). Interview: Link (etwas hölzern übersetzt. Medea ist lebendiger, frisscher, als sie hier klingt!)

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Essen mit ca. 9 georgischen Schriftsteller*innen. Ich sprach leider nur mit Zurab Karumidze länger. Anthologien, um georgische Gegenwartsliteratur kennen zu lernen? „Techno der Jaguare“ (nur Autorinnen, 2013) und „Bittere Bonbons“ (nur Autorinnen, 2018).

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Deko: ein Betonkiosk aus Sowjet-Zeiten. Ich kenne die K67 Steckmodul-Kiosks aus Slowenien, die unter Design-Fans oft viral gehen.

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Essen mit Autor Zurab Karumidze – der sofort fragt, ob ich die Buchblogger Jochen und Gerard kenne (…die seinen Roman „Dagny oder: Ein Fest der Liebe“ vor Monaten empfahlen / besprachen.)

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My-Travelworld schreibt: „Das Preisniveau in Georgien ist noch sehr moderat und sehr budgetfreundlich. Besonders Früchte, Metrofahrten in Tiflis, kurze Busfahrten, Bäckereierzeugnisse oder Eis bewegen sich im unteren Centbereich. Auch ein Besuch im Restaurant belastet mit umgerechnet 3-4 Euro für ein Hauptgericht sowie 1 Euro für ein Bier nur mäßig die Urlaubskasse. Günstige Unterkünfte gibt es nahezu überall ab 10 Euro (Backpacker-Unterkünfte z.T. auch darunter) und auch gehobene Hotels sind deutlich günstiger zu buchen als in Mitteleuropa.“

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Matthias Warkus schreibt: „Das georgische Essen ist exzellent trotz oder gerade wegen großen Koriandereinsatzes und hat, wie auch das Sichbegrüßen mit Küsschen und die Weinkultur, etwas geradezu Französisches: Zu Mittag gab es Brot mit unterschiedlichen Dips, verschiedene hervorragende Salate, eine Hühnersuppe mit enorm viel Fleischeinlage, Gemüseschmorgerichte mit und ohne Fleisch, zu Abend ein gewaltiges Buffet mit u.a. dem salzigsten Käse der Welt, verschiedenen Quiches und Patés usw. Das Brot wird tandoorimäßig frisch gebacken, indem man Teig an die Wand eines großen heißen Tongefäßes klatscht.“ [auf dem Foto, im Vordergrund: Steinbackofen mit Metalldeckel, an dessen Wänden das Brot gebacken wird.]

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Das alte, brutalistische Postgebäude: heute ein Supermarkt. Hier im Bild? Der erste McDonald’s Georgiens, eröffnet 1999.

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Matthias Warkus schreibt: „Morgens ab 10: ein Besuch im Nationalmuseum, wo wir steinzeitliche Funde aus Dmanisi (der älteste Fund von Homininen außerhalb Afrikas) und beeindruckenden Schmuck aus frühen georgischen Kulturen sehen konnten.“

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Sehenswertes Gebäude; und sympathische Einführung durch den Museumsleiter, David Lordkipanidze – charismatisch, engagiert.

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Wir verbrachten zu viel Zeit in der frühgeschichtlichen Abteilung: eine Archäologin führte uns in schleppendem Englisch durch die Repliken / Abgüsse verschiedener Schädel, und brauchte viel zu viel Zeit, um zu erklären, wann man von „Proto-Georgiern“ spricht, und ab wann von modernen Georgiern.

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Weil sich der Museumsbesuch so schleppte, entfiel für einen Teil der Gruppe der Besuch der Nationalgalerie. Schade!

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Georgien-Reise.com: „Die überwiegende Mehrheit der Protogeorgier siedelte längs des Flusses Mtkwari in Zentralgeorgien, wo sie mit Jahrhunderten eine eigene Sub Ethnie, die Kartlische, bildeten. Die Georgier betrachten diese Kultur als Ihren Ursprung, weshalb sie bis heute ihr Land als ,,Sakartwelo’’ (der Ort, wo die Kartlier leben) bezeichnen. Ungeachtet der komplizierten ethnischen Struktur, begannen sich die Georgier sehr früh als ethnische Gemeinschaft zu sehen und zu fühlen, was mit der Annahme des Christentums in relativ kurzer Zeit zur geistigen und kulturellen Einigung des Landes führte.“

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Sehenswerter als die Hominiden-Ausstellung: die wunderbare „Schatzkammer“ / „Treasury“-Ausstellung. Kritik auf Tripadvisor: „Wir haben und das gesamte Museum angeschaut, was man aber unbedingt sehen sollte, das ist die „Schatzkammer“ im Kellergeschoß: die Exponate (zumeist in Gold) sind teilweise unglaublich, wenn man bedenkt, aus welcher Zeit sie stammen (der erste kleine goldene (?)Löwe aus dem 3. Jahrtausend vor Christus!)“

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Viele Schmuckstücke scheinen ihrer Zeit weit voraus: Hier hätte ich gerne länger zugehört, mehr erfahren. Infos: Link. Mitreisende Angie Martins schreibt auf Litaffin: „Gold hat für Georgien eine besondere Bedeutung. Traditionell wurde von den Swanen, einem georgischen Bergvolk, in den Bergflüssen des Landes der Goldstaub mit einem Schafsfell aus dem Wasser gewaschen. Der griechisch-antike Mythos vom Goldenen Vlies geht auf diese mit Goldstaub getränkten Fälle zurück. Medea, Königin von Kolchis am Schwarzen Meer (dem heutigen Westgeorgien) soll nicht nur ihre Kinder getötet, sondern auch Iason beim Raub des Goldenen Vlieses geholfen haben. Und auch heute noch heißen georgische Frauen manchmal Medea, wie die Leiterin des Georgian National Book Centers, das die Pressereise mit organisiert hat.“

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Haarnadeln, die man auch in Kleider stecken kann und zum Reinigen von Zähnen, Fingernägeln etc. Der Name „Ear Picks“ macht mir bei den ca. 12 Zentimeter langen Metallstäben… Angst.

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Was ich noch gern gesehen hätte, zum Vergleich: eine Filiale der großen georgischen „Biblus“-Buchladenkette. Auch vom georgischen Zeitschriftenmarkt sah ich – in Supermärkten und an Kiosken – kaum etwas. Second-Hand-Bücher sind VIEL präsenter, überall.

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Restaurants in Tbilisi, die ich gern getestet hätte: People’s, Organique Josper Bar, Sololaki und, außerhalb: Keto and Kote.

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Immer wieder: Essen – und gleichzeitig Autor*innen kennen lernen, die nur für die Dauer der Mahlzeit zu uns stoßen. Die Fusion-Gerichte im hipsterigen „Lolita“ erinnern mich an Dean-&-David-Salate und -Bowls (lecker; doch nicht besonders lokal, authentisch, markant).

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Bei jedem Essen stießen ein, zwei Schriftsteller*innen zu uns. Tollste Begegnung, größtes Privileg: Tamar Tandaschwili zuhören, wie sie hyper-reflektiert über ihre Arbeit als Traumatherapeutin und LGBTQ-Aktivistin spricht… und die Romane und literarischen Arbeiten, die überraschend aus ihren Jobs erwuchsen.

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Matthias Warkus schreibt: „…eilten wir hurtig zu einer Probe des Georgischen Staatsballetts. Das 1945 durch ein Paar von Choreographen gegründete Ballett ist bis heute ein »Familienbetrieb«. Die vorgeführten Tänze sind eine Synthese aus georgischer Folklore und modernen Einflüssen. Wir saßen im Probesaal direkt vor der Spiegelwand und damit teils erschreckend nahe an der Truppe, was hier ein besonders treffender Ausdruck ist, da die Tänze sehr kriegerisch daherkommen. Bei stilisierten Kämpfen knallten Bühnenschwerter tatsächlich funkensprühend aufeinander, Tänzer wirbelten direkt vor uns über den Boden; das alles zu (vermutlich) live gespielter traditioneller georgischer Musik. Ich habe mir sagen lassen, dass dieses Ballett das einzige der Welt ist, bei dem Männer auf Spitzen tanzen, und das tun sie tatsächlich; sie tragen zudem auch Knieschoner, weil viele Sprünge auf den Knien gelandet werden, was schon zu etwas mulmigem Mitgefühl für die eine oder andere arme Patella führen kann.“

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Matthias Warkus schreibt: „Während die Männer also athletisch-aggressive, teils bewaffnete Choreographien aufführen und im Vergleich zu klassischen Corps de ballet recht wenig genormte Körpertypen haben, dürfen die Frauen sich körperlich offensichtlich weniger unterscheiden und haben vor allem »anmutige« und weniger aufregende Parts. Am Abend konnte ich mich noch einmal kurz mit Davit Gabunia über das Ballett unterhalten und er hat mir versichert, dass es inzwischen auch modernere Choreographien gibt, bei denen zum Beispiel die Frauen die traditionellen Männerparts übernehmen und andere Innovationen stattfinden.“

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Was für ein Privileg: Aus oft nur ein, zwei Metern Entfernung zusehen zu dürfen, wie diese Menschen sich verausgaben. Ich bin kein Fan von Choreographien, Paraden usw., bei dem der Einzelne in der Masse verschwindet. Sobald mehrere Menschen die selbe Bewegung machen (müssen), wirkt das auf mich beklemmend, totalitär.

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Beklemmend, für mich: Auf der Straße sah ich kaum gender-nonconforming Menschen. Kein Mann hier wirkte… tuntig, exaltiert, queer, theatral. Und selbst hier, im Ballett, sehen die Männer aus (und halten sich!) wie Dudes oder Clubber: viele Bandanas, Skateboard- und McFit-Kleidung. #heteronormativ

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Ich bin froh, statt einer Aufführung nur eine Probe zu sehen – weil die Tanzenden sonst unter historischen Kostümen / Trachten weitgehend verschwinden. Die beiden Solisten hier im Foto fand ich großartig – ich hoffe, sie auf Instagram o.ä. finden zu können. Edit: Yeah! David Chanishvilii (Instagram). Seine Kollegin suche ich noch.

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Wie funktioniert der georgische Buchmarkt? Welche Bücher werden nachgefragt, welche Themen dominieren? Auf Karlas Engagement und Drängen hin (vielen Dank!) besuchen wir am Freitag – statt einer Weinprobe – die Buchhandlung „Santa Esperanza“.

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Matthias Warkus schreibt: „Aus David Gabunias Langreferat zu georgischer Literatur habe ich vor allem mitgenommen, dass ich bei Gelegenheit einmal Aka Mortschiladses Santa Esperanza lesen möchte, einen nichtlinearen phantastischen Roman über ein fiktives Archipel im Schwarzen Meer.“ Nach diesem 850-Seiten-Roman (Link, Goodreads: 4.1 von 5) ist die Buchhandelskette benannt. Mich schrecken die satirischen Illustrationen eher ab.

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Als Bundle, Angebot im Doppelpack: „Watchmen“ (mochte ich) und „The Killing Joke“ (mochte ich auch, doch geht krass frauenverachtend mit Batgirl Barbara Gordon um).

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Eine Nationallegende? Das Epos vom Recken im Tigerfell. Der einzige georgische Comic bei Santa Esperanza erzählt eine ähnliche Geschichte über einen jungen Mann und einen Tiger, die sich gegenseitig im Kampf töten. Dann erhält die trauernde Mutter Geister-Besuch von der trauernden Tiger-Mutter.

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Marvel-Zeichner David Mack („Jessica Jones“) gibt Kurse für georgische Jugendliche und entwarf mit ihnen zusammen die Graphic Novel „Fatal Error“. Bei Santa Esparanza sah ich die Mainstream-Klassiker „The Dark Knight Returns“, „V for Vendetta“ und „Persepolis“.

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Am 9. Juni 2018 findet das erste „Georgia Comic and Games Festival“ statt – nach dem Vorbild amerikanischer Comic- und Cosplay-Messen. Welche US-Heldencomics von „Big Time“ ins Georgische übersetzt werden, konnte ich online nicht raus finden. Der Buchladen hatte nur ca. 12 Hefte „Spider-Man“. [Das Original erschien 2011: „Amazing Spider-Man 654“]

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Haruki Murakami.

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Alle, älter als ca. 35, lernten in der Schule noch Russisch: Im Buchladen werden fast so viele russische (und: englische) Bücher verkauft wie georgische Titel.

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Erster Gedanke: „Harry Potter“? Waisenkinder, Fantasy, historisch, humorvoll… „A Series of Unfortunate Events“? [Edit: Ja! Die Cover sind international.]

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Die georgische Ausgabe von „Harry Potter“ erscheint bei Bakur Sulakauri Publishing. Wir sprachen überraschend mit dem Sohn des Verleger-Ehepaars. Hintergründe? In Anabelle Stehls Video, ab Minute 10:30.

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Klassiker, bewusst im Retro-Look. Trotzdem wirken die meisten georgischen Bücher in Sachen Buchdesign, Papierqualität, Ausstattung etc. auf mich wie deutsche Bücher bis Mitte der 90er (…oder Selfpublishing-Titel heute). Wichtig für Gegenwartsautor*innen? Jährliche „Book Festivals“, bei denen aktuelle Bücher zum Sonderpreis (auch: in besonderen Ausgaben?) in großer Auflage verkauft werden.

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Minimalistische und sehr zeitgemäße Buchcover im Stil der „Penguin Classics“-Reihe.

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Karla Pauls ausführliche Instagram-Stories, u.a. ihr langes Gespräch mit dem Santa-Esperanza-Buchhändler, kann man hier, bei „Tag 2“, nachschauen (im Browser u.a. mit Firefox):

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Stereotype Mädchen-Bücher: vieles wirkt ästhethisch auf dem Stand von Deutschland ca. 2005. #rosahellblaufalle

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Eines der (extrem wenigen) Kinderbücher, die ich zeitgemäß illustriert fand: „Gullivers Reisen“ für Zweit- oder Drittklässler.

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Georgische Literaturzeitschriften? Lyrik? Kleinverlage? Blogs? Wichtige Facebook-Seiten, Instagram-Profile, Multiplikator*innen? Alles noch nicht recherchiert. Beka Adamashwili sagt, seit ca. 2010 sind Debatten auf Facebook wichtiger: Kaum jemand bloggt noch.-

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„Do you sell LGBT fiction, too?“ – „Yes, of course“, sagt die Santa-Esperanza-Verkäuferin… und braucht zwei Sekunden, um ihre Empfehlungen aus dem Regal zu ziehen.

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Seit über zwei Jahren esse ich keinen Zucker und keine Kohlenhydrate mehr [Keto / LCHF], doch in Georgien wollte ich kulinarisch alles mitnehmen, ausprobieren. Es gab sieben größere Mahlzeiten (einmal im Hotel sowie drei Mittag- und drei Abendessen), die für die Gruppe organisiert wurden und bei denen wir nicht selbst bestellten: große Buffets bzw. Gastmahle aus vielen kleineren Speisen – oft viel Salat, Suppen, kalte Häppchen.

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Große westliche Ketten, überall in Tiflis: McDonalds, Wendy’s und Dunkin Donuts (Starbucks, Burger King etc. sah ich nicht). Der „GEO“-Donut wirkt auf mich ideenlos und armselig: Mit der georgischen Landesflagge hältte man leicht nen schöner localized Signature-Donut gestalten können.

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Georgia-Insight schreibt: „Zu Beginn des 20. Jahrhunderts fand ein reger Austausch zwischen Georgien und Westeuropa statt. Viele Georgier wie Grigol Robakidse (1882-1962) oder Konstantin Gamsachurdia (1893-1975), der Vater des zukünftigen ersten Präsidenten, studierten in Deutschland, Österreich und der Schweiz und kamen dort in Kontakt mit deutschen Schriftstellern wie Stefan Zweig und Thomas Mann. Verschiedene Literaturbewegungen entstanden, wie die avantgardistische Schriftstellergruppe „Tsisperi Kantsebi“ (Blaue Hörner) und wurden zur treibenden Kraft des intellektuellen Lebens im Kaukasus. Unter Stalin wurden alle moderne Literaturbewegungen vom Staat unterdrückt und den stalinistischen Säuberungen fielen auch zahlreiche georgische Schriftsteller zum Opfer. Fast die Hälfte der Gruppe „Tsisperi Kantsebi“, kam dabei um.“

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Überall an Straßenständen: alte Deutschbücher und -Sprachkurse. Auch die deutsche Bibliothek in Tiflis wird überwiegend von Georgiern besucht.

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Ähnlich wie bei Donauschwaben in Rumänien siedelten auch in Georgien seit ca. 1763 schwäbische Piätisten in eigene, anfangs steuerfreie Gemeinden. Fast jeder, mit dem wir länger sprachen, hat diese „Kaukasiendeutschen“ erwähnt – und erklärt, wie viele deutsche Worte, Schilder etc. es im georgischen Alltag gibt. [Die Nestlé-Marke „Alpengold“ kommt, glaube ich, aus Polen.] Die wichtigste deutsche Siedlung hieß Katharinenfeld; es gibt bis heute eine deutschsprachige Monatszeitung namens „Kaukasische Post“.

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Überall in Tiflis: Jugendstilbauten und -Elemente.

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Ein Running Gag, während unserer Reise: Der *sehr* pessimistische Georgien-Reiseführer aus dem „Reise Know-How“-Verlag, der vor Überfällen warnte, Minenfeldern usw. und den wir nur „Reiseführer des Todes“ nannten. Das einzige, das mich selbst verunsicherte, anstrengte: Der Rat, kein Wasser aus dem Hahn zu trinken – und die logistische Mühe, auch außerhalb der Mahlzeiten immer genug Trinkwasser mit zu schleppen.

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Ich kenne die Standseilbahn / „Bergbahn“ aus Heidelberg: Mein Partner lud meine Mutter 2015 auf eine Fahrt ein und würde seitdem, als Ritual, am liebsten jedes Mal damit fahren, wenn wir in der Stadt sind.

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Ich glaube, georgische Literatur ist gut vermittelbar, weil sie sich *eh* fast immer an eine nicht-georgische Leserschaft wendet. Zurab Karumidze: „Ich habe dieses Buch nicht für Georgier geschrieben. Die wissen das meiste davon. Ich spiele natürlich mit den Motiven, so frei manchmal, dass viele sagen: Hey, geh‘ nicht zu weit. Ich habe das Buch für eine Leserschaft außerhalb Georgiens geschrieben, und die ist riesig. Teil der Essenz dieses Buchs ist es, eine gute Einführung in diese unbekannte Kultur zu geben: in Georgiens Narrative, seine Geheimnisse, seine Geschichte, seine Kultur, seine Identität, seine Idiosynkrasien, that´s it!

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Oliver Zwahlen schreibt: „Hoch über der Stadt thront der Vergnügungspark Mtazminda. Das Gelände ist leicht zu finden: Es befindet sich am Fusse des 275 Meter hohen Fernsehturms, den du praktisch von der ganzen Stadt siehst. Leider verfügt der Sendeturm über keine Plattform, die für Besucher zugänglich ist. Aber auch vom Rand des Vergüngungsparks hast du eine tolle Aussicht auf Tiflis. Besonders eindrücklich ist der Ausblick allerdings von den kleinen Kabinen des Riesenrads. Es gibt auch eine Achterbahn, eine Wildwasserbahn, zahlreiche Marktstände und Restaurants sowie ein bizarrer Jurassic Park mit animierten Dinos. Die Fahrten und Eintritte sind sehr günstig und die Bahnen nicht besonders stark frequentiert.“

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Die Dachterrasse des Restaurants Funicular. Mein Partner, schockiert nach dem Blick auf die Fotos: „DA sitzen sie also. Auf ihrem Olymp! Und blicken auf uns Normalsterbliche hinab.“ Einer der… prunkvollsten Abende meines Lebens – keine Frage. Link: Fotogalerie

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Grandiose Aussicht, solides Essen, unvergesslicher Abend. Nur die viel, viel zu langen Tischreden nach jedem Gang waren… peinlich patriarchal. #mansplaining

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Jeder von uns sieben Influencer*innen / Blogger*innen setzt andere Schwerpunkte für die Reise: Karla Paul (links), Florian Valerius und Alexandra Stiller produzieren noch vor Ort lange Instagram-Stories. Anabelle Stehl filmt für ihren Youtube-Kanal „Stehlblüten“. Matthias Warkus‘ umfangreiche, präzise Blogposts für 54Books habe ich hier im Post ausführlich zitiert. Angie Martiens von „litaffin“ führte vier oder fünf sehr lange Interviews vor Ort. Als die Zeit mit Davit Gabunia knapp wurde, kam er einfach mit zum Essen. Ich freue mich auf die Texte!

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Kein Buch über Georgien: Angela Steideles „Anne Lister: eine erotische Biografie“ ist bisher mein Buch des Jahres 2018. Steidele liest die Tagebücher der britischen lesbischen Noblewoman und folgt ihr u.a. auf einer Reise durch den Kaukasus. Trotz ca. 15 Seiten Text, die in Georgien spielen, habe ich beim Lesen wenig über das Land erfahren. Aber…

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…weil Steidele für die Recherche mit ihrer eigenen Partnerin, Susette Pia Schuster, Anne Listers Route via u.a. Moskau 200 Jahre später nach-reiste, erscheint Ende August 2018 ein Steidele-Buch, das *sicher* einen Blick wert ist: „Zeitreisen. Vier Frauen, zwei Jahrhunderte, ein Weg“.

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Matthias Warkus schreibt: „Vom Seilbahnhof aus konnte man deutlich erkennen, welche Spuren die Immobilienkonjunktur hinterlassen hat. Für mein naives Auge scheint es in Tiflis vier Kategorien auffällig moderner Gebäude zu geben:

  1. Sowjetische Moderne/Brutalismus (z.B. dieses ehemalige Ministerium)
  2. Abgefahrene öffentliche Projekte v.a. der Saakashvili-Ära (vgl. Artikel und Bildstrecke hier)
  3. Knallige Investitionsmerkwürdigkeiten (z.B. Berbuk Towers)
  4. Auf knappem Budget mit einfachen Mitteln errichtete Gebäude, die versuchen, trotzdem so modern wie möglich auszusehen – die m.E. sympathischste Kategorie.“

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„Supra (auch Keipi genannt) deutlich, einer großen Tafel, bei der es einen sogenannten Tischmeister (Tamada) gibt, der das Geschehen am Tisch lenkt und Trinksprüche ausbringt, und – um die Übersicht zu behalten – sogar einen Stellvertreter wählt.[2] Die Trinksprüche sind im Allgemeinen keine flapsigen Bemerkungen, sondern werden von jedem, der an dem Tisch sitzt, ernst genommen“

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Zwei Literatur-Orte, die mir empfohlen wurden, und für die keine Zeit blieb: Das „Buch-Café“ „Book Corner“, und das (etwas herunter gekommene?) Literaturmuseum in Tiflis, geleitet von Schriftsteller und Schauspieler Lasha Bakradze (Interview über Stalin, der in Georgien geboren wurde).

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Großes Thema beim Essen: der Oligarch Bidsina Iwanischwili, Eigentümer der Carrefour-Supermarkt-Kette, der seit ca. 2012 die georgische Politik beherrscht.

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„Man muss nur seine wirren Statements hören. Die Art, wie er spricht. Seine Sätze sind so…“ – „…wie bei Trump?“ – „Nein. VIEL schlimmer als bei Trump.“ Oha. MDR-Beitrag zu Iwanischwili (Link)

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Oliver Zwahlen schreibt: „Kleiner Tipp: Ab Tiflis fliegt zwei Mal pro Woche ein Hubschrauber in etwa 45 Minuten nach Swanetien. Damit sparst du nicht nur eine etwa achtstündige Fahrt im Bus, sondern du hast auch einen Flug durch eine grandiose Bergwelt. Und bevor du nun wegen preislichen Bedenken abwinkst: Der Flug kostet etwa 70 Lari (35 Euro).“

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Am Abend findet das 4GB-Elektro-Festival statt, ca. 25 Kilometer außerhalb. Doch aus unserer fast 20köpfigen Gruppe haben nur vier Frauen Lust auf die Fahrt. Ich selbst will ins Schwefelbad, gehe von der Seilbahnstation bis runter ins Bäderviertel, doch nehme gegen Mitternacht dann doch einfach ein Taxi zurück ins Hotel. Der Taxifahrer spielt Balladen von Sergi Gvajarladze, das Fenster ist offen, der Fahrtwind warm.

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Ich bin am Samstag Nachmittag kurz ins „Café Gallery“ – einem LGBTQ-Café, das abends zum Techno-Club wird. Doch wegen dem Trubel um den Unabhängigkeitstag saßen nur drei, vier vor ihrer Limo. „Success“, Tiflis‘ schwule Bar, sah ich nicht. Der queer-freundliche Club Bassiani war eine Woche vor unserer Reise in den Medien – wegen einer (homophoben?) Razzia und riesigen Protesten. Artikel zu Diskriminierung und kirchlicher Bigotterie 2014.

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Freitag, am Vorabend des Unabhängigkeitstags, gehe ich die Hauptstraße entlang und sehe Hunderte von Pflanzen, aufwändig präsentiert. Eine Tradition, ein Brauch? Eine einfache Ausstellung?

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Die selbe Ausstellung, am nächsten Tag: Menschen machen Selfies und schauen auf Töpfe. Verkauft oder verschenkt wird offenbar nichts.

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Statt Wikipedia lese ich oft auch unbedingt die (kein Witz!) kulturwissenschaftlichen „Useful Notes“-Texte auf TVTropes.org um ein Land kennen zu lernen: „The Patron Saint of the country is St. George, as for Serbia, Russia, England, Greece, Montenegro and Canada, among other territories. However it is not named after St. George, at least not directly; the name comes from the Ancient Greek word „geōrgos“, which means „land-worker“.“

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TV Tropes: „One interesting thing about Georgia is that it’s not clear on which continent it is. German Post, for example, considers it to be in Asia, as it costs more to send things to Asia than to Europe. The problem plagues the entire Caucasus; ordinary folks would have problems dictating which continent that neighbors Azerbaijan and Armenia (the latter of which, geographically-speaking, is located wholly in Asia, but is sometimes classified as a part of Europe due to its Christian heritage) belong to. The three countries are the crossroad of the two continents and are the definitive examples of „East meets West“, sharing this distinction with Turkey. „

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Die „Bridge of Peace“-Fußgängerbrücke (Link).

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Eine Polemik, die wir mehrmals hörten: Im sehr patriarchalen Georgien stehen Männer viel auf der Straße, trödeln, beherrschen das Stadtbild. Frauen organisieren, planen im Hintergrund: Sie arbeiten härter.

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Insa Wilke schreibt: „„[In der Sowjetzeit, sagt Manana Tandaschwili, entstanden] immer wieder wahre Kunstwerke, antisowjetisch, aber so schön verpackt, dass die Zensur es nicht gemerkt hat. Seit der Unabhängigkeit ist kulturell plötzlich viel weniger passiert.“ Das habe vor allem an der Kriegssituation gelegen. „Die Leute waren frustriert und müde vom Bürgerkrieg in den 90er Jahren, den Kriegen gegen Abchasien und Südossetien, den Regierungswechseln und Enttäuschungen. Und jetzt schreiben auf einmal so viele Autorinnen wie nie zuvor.“ Dazu muss man wissen, dass es vor der Unabhängigkeit so gut wie keine Prosa-Autorinnen in Georgien gab. „Die starke Stimme der Prosa war Männersache“, erzählt Tandaschwili. Dass jetzt so viele weibliche Stimmen die georgische Literatur prägen, hängt auch mit sozialen Entwicklungen zusammen, vermutet sie. „Die literarische Bühne wird genutzt, um den Wandel der sozialen Rollen zu zeigen. Die Frauen haben ja ansonsten keine öffentliche Bühne.“ Dabei sind sie es, die ihre Familien während der 1990er Jahre, als das Land im Chaos versank, durchgebracht haben..

Viele Bars und Straßencafés, angenehmes Klima: Mein Vater fährt nicht in den Urlaub. Doch in vielen Straßen dachte ich mir: deutsche „Best Ager“ zwischen 50 und 70 würden sich hier, mit Wein, niedrigen Preisen etc. sehr wohl fühlen. Auch bei uns im Flugzeug war eine große, ergraute deutsche Reisegruppe im Studiosus-Look.

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Matthias Warkus schreibt: „Obwohl Georgien, wie wir gehört haben, nach wie vor ein sehr patriarchales Land ist, in dem Schwule, Lesben, queere Menschen oder auch nur Frauen, die Bücher machen, mit vielen Problemen zu kämpfen haben.) Ebenfalls erkennbar schien, dass feiernde Georgierinnen und Georgier relativ leise sind und einen sehr gesitteten Eindruck machen; ob das etwas mit der angeblichen traditionellen Verachtung für öffentliche lärmende Trunkenheit zu tun hat, ist unklar.“

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Georgisches Kino, georgische Filme? „Eine glückliche Familie“ wird mir mehrmals empfohlen. 177 Ergebnisse bei IMDb.com (Link)

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Matthias Warkus schreibt: „Der Ort ist das Dschwari-Kloster über der alten Hauptstadt Mzcheta, an einer Flussmündung, wo man die verschiedenfarbigen Wässer nebeneinander sieht wie bei Donau, Inn und Ilz, und die Aussicht ist natürlich wieder atemberaubend.“

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Knut Krohn schreibt: „Das Kloster Dschwari ist ein georgisch-orthodoxes Kloster aus dem 6. Jahrhundert nahe Mzcheta. Der Name wird mit Kreuzkloster übersetzt. 1996 wurde Dschwari zusammen mit anderen Monumenten von Mzcheta in die Weltkulturerbe-Liste der UNESCO aufgenommen.“

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Matthias Warkus schreibt: „Wir kommen in eine kleine, halbdunkle, über 1400 Jahre alte Kirche, am Eingang verkauft ein Mönch Opferkerzen in unterschiedlichen Preisklassen; ein paar Frauen singen im Hintergrund wunderschön und sauber mehrstimmige orthodoxe Gesänge, ein Geistlicher und ein Lektor psalmodieren dazu vor sich hin, Weihrauch, Bienenwachs, sich bekreuzigend geht ein unablässiger Strom jeder Art von Menschen ein und aus.“

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Gelernt, auf der Reise? Dass Fragen wie „Ist es hier friedlich?“, „Ist es hier liberal?“, „Ist es hier aufgeklärt?“ nichts bringen – wenn Befragter und Befragender verschiedene Parameter, Messlatten nutzen. „Kommen deine Eltern mit deiner Homosexualität gut klar?“ – „Klar! Mein Partner durfte schon mal im selben Zimmer mit mir übernachten. Das nahmen sie hin. Ansonsten haben sie einfach nie gefragt und wollen nichts davon wissen.“ (Uff!) Oder: „Religion ist wichtig, auch im Fernsehen. Aber eine Zensur o.ä. gibt es nicht!“ – „Das heißt, im TV sind z.B. Brustwarzen zu sehen?“ – „Nein, natürlich nicht!“

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Der Trescher-Verlag stellte uns einen aktuellen Reiseführer zur Verfügung: mit exzellenten Texten, aus denen ich viel lernte. Das Bildmaterial und die Gestaltung dagegen fand ich drittklassig, für ein Buch, überarbeite 2018: Zuletzt las und kaufte ich ca. 2001 Reiseführer. Hat sie seitdem ästhetisch nichts getan?

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Ich reise nicht in Länder, in denen Homosexualität kriminalisiert wird. Las vor der Georgien-Reise den Wikipedia-Eintrag „LGBT Rights in Georgia“ und dachte: „Das klingt weitgehend progressiv – bis auf die Verfassungsänderung 2018, Ehe als Bund zwischen Mann und Frau zu definieren.“

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Aber: „According to a 2011 survey, almost nine in 10 Georgians who responded said homosexuality could never be justified. […] More than 30 violent attacks on LGBT people, including the deadly stabbing of a trans woman, were recorded in 2016, according to advocacy groups.“

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Auch mein Trescher-Reiseführer verstört mich: „Verhaltenstipps. Ein Sprichwort lautet: Gehst du in ein fremdes Kloster, vergiss das Statut deines eigenen. Die Georgier sind in der Regel gastfreundlich, Fremden gegenüber aufgeschlossen, hilfsbereit, gesellig, oft herzlich und tolerant. Religiöse Werte nehmen im Weltbild der meisten Menschen einen wichtigen Platz ein. Die im ‚Westen‘ geführten Diskussionen um Abtreibungen, gleichgeschlechtliche Lebensformen, genderpolitische Fragen etc. stoßen bei der Mehrheit der Bevölkerung auf wenig Verständnis oder Abneigung. Die meisten Menschen haben andere Sorgen [krass homophober Satz: Minderheitenrechte sind Menschenrechte, kein Luxusproblem!] und sind vor allem mit dem täglichen Überleben beschäftigt. […] Gleichgeschlechtliche Paare, die gemeinsam Georgien besuchen, sollten überlegen, inwieweit sie ihre Zuneigung in der Öffentlichkeit zeigen.“

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Nichts für mich: „Tschurtschchela, bei der man Haselnuss- oder Walnusskerne auf eine Leine bindet und diese so lange in Traubensaft taucht, der mit Mais- und Weizenmehl angedickt ist, bis sich eine dünne Schicht über die Nüsse gelegt hat.“ [Wikipedia] Ich rechnete mit karamell- oder hariboartigem Geschmack; doch der gelierte Traubensaft schmeckt wächsern, mehlig, kaum süß.

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Chinkali (Wikipedia): „…werden von Hand gegessen. Dabei greift man zur Spitze der Teigtasche (georgisch kudi „Hut“), die kühler ist als der Inhalt. Man beißt etwas Teig ab und trinkt den Saft aus der Tasche, dann isst man den Rest. Weil die Spitze hart ist, wird sie nicht mitgegessen, sondern zur Seite gelegt. Am Ende der Mahlzeit kann gezählt werden, wie viele Teigtaschen jeder Esser geschafft hat.“

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Oben auf dem Berg: Ninos „Kreuzkirche“, das Dschwari-Kloster (Link). Hier unten im Tal: Die Swetizchoweli-Kathedrale (Link). Viel Tourismus, viel Frömmelei. Ein recht trostloser Ort. 

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Knut Krohn schreibt: „Die Innenstadt lebt von den Touristen, die jedes Jahr zu hunderttausenden in den Ort strömen. Für viele Millionen Euro wurde die Stadt aufwändig renoviert. Vom ursprünglichen Flair ist allerdings kaum mehr etwas gebliegen. Die kleinen Geschäfte verkaufen vor allem den üblichen Nippes an die Touristen.“

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Frühchristliche Wandmalereien? Selbstbezogenes Endlos-Gerede über Proto-Georgier im Nationalmuseum? Ballett? Die Reise war großartig organisiert. Und ich verstehe, dass ein Land seine Kulturschätze und Geschichte zeigen will. Doch sollte ich je wieder auf solche Reisen geladen werden, wünsche ich mir noch mehr Gegenwart, Literatur und Literaturbetrieb, Verlage. Lieber fünf georgische Journalist*innen treffen, als in einem Kloster zu stehen, bei dem ich… keinen Bezug zur aktuellen Literatur des Landes sehe.

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Interessanter als die Kathedrale: Unserer Reiseleiterin zuhören zu dürfen, während sie erzählt, wie sie den Krieg 2008 erlebte. Als junge Mutter in der Wohnung saß, während Tiflis von Russland beschossen wurde.

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My-Travelworld schreibt: „Ansonsten herrscht in Mtskheta wirklich ein richtig ruhiges Kleinstadtflair. Obwohl der Ausflug in eigentlich jedem Reiseführer und Gespräch über Tiflis empfohlen wird, empfand ich das kleine Städtchen nicht wirklich als Highlight.“

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Matthias Warkus schreibt: „Die Stadt Mzcheta hat etwas von Rüdesheim und von Altötting, ein paar Gassen, die nur aus Souvenirständen bestehen, und in der Mitte eine wieder einmal uralte Kirche, die Kathedrale, in der die Könige der Bagratiden-Dynastie begraben liegen. Wieder Wachskerzen, Kopftücher, Fresken, mit dem iPad filmende Fernsehjournalisten. Auf dem Weg zum Essen gehen wir an gepanzerten Fahrzeugen der georgischen Armee vorbei, beklettert von Kindern, es ist Unabhängigkeitstag.“

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Teures Restaurant, sehr gutes Essen, absurdes und neureiches Ambiente. Ich liebe das Wort „poshlost“, mit dem Nabokov solchen Kitsch beschreibt.

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Gujari heißt das Restaurant. Absurde Fotos von Hochzeiten, Empfängen usw. auf der Facebook-Seite (Link).

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Matthias Warkus schreibt: „Das Restaurant in Mzcheta, in dem wir zu Mittag essen, hat den Charakter einer Jagdlodge in einem Luxusresort, ein mit Trinkhörnern und alten Waffen dekorierter neo-folkloristischer Bau in einem Garten aus englischem Rasen und Steinskulpturen, der ein wenig wie eine Parzelle der Bestatterbranche bei einer Landesgartenschau aussieht. Hier gibt es im Zuge eines wieder brachial üppigen Menüs auch das andere Nationalgericht, Chinkali, Teigtaschen, aus denen man der Tradition zufolge die Brühe zuzeln muss, so dass es nicht tropft.“

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Matthias Warkus schreibt: „Abendessen gibt es in einer Art Chalet über der Stadt. Diesmal gibt es Amphorenwein, scheint mir, die orange Flüssigkeit steht in großen Kannen auf dem Tisch wie auch der Rotwein, der Wein schmeckt harzig und herb, aber er ist so gefährlich süffig wie die anderen Weine, die wir hier zum Essen bekommen haben. Das Huhn schwimmt im Knoblauch, es gibt Käse-Bohnen-Fladen in Filoteig, zu allem Tkemali, eine Sauce aus Alycha, unreifen Kirschpflaumen (das Nationalobst, natürlich; die InstagrammerInnen unter uns sind sich einig, man könnte die Dinger dort problemlos als den neuen Detox- oder Irgendwas-Trend verkaufen und damit groß machen).“

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Zum Georgischen Unabhängigkeitstag standen drei Panzer (und eine Hüpfburg) auf der Straße ins nächste Dorf. Kinder kletterten auf den Panzern umher, und auf X.s „DAS wäre Deutschland dann doch zu viel.“ lachte Y.: „Geh mal zum Tag der Bundeswehr. Das sieht genau so aus.“ #nationalismus #hurrapatriotismus #überalldeprimierend

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Essen am letzten Abend: bei Rachis Urbani, hoch im Wald über Tiflis.

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Am Samstag will ich noch einmal zu den Schwefelbädern, und gehe quer durch die Stadt: Ich sehe die Feierlichkeiten zum georgischen Unabhängigkeitstag. Viel Musik und Bühnen (ein creepy Knabenchor singt ‚Hey Jude‘), alle 200 Meter Kinderschminken, viele Spider-Man- und Peppa-Woods-Ballons. Viele Georgien-Flaggen, aber wenig Militarismus.

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Seit 1991 sind fast eine Million Menschen aus Georgien ausgewandert. Ein Fünftel der Bevölkerung.

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Ich sagte einem meiner Redakteure, dass ich nach Georgien reise. „Alle anderen auch“, lachte er: Es scheint sehr viele Pressereisen zu geben, bis Oktober 2018. Ich mag, dass sich das Georgian Book Office bemüht, diese Reisen möglichst unterschiedlich zu gestalten: Jede Gruppe trifft ganz andere Schriftsteller*innen. Die Gefahr, dass Deutsche am Ende alle die selben Interviews führen und identische Artikel schreiben, scheint mir klein. Trotzdem frage ich mich vier Tage lang: Wen und was verpasse, übersehe ich gerade?

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Menschen, die von ihrem Urlaub erzählen, frage ich meist: „Würdest du noch mal hinreisen?“ Ich würde sofort ein zweites Mal nach Tiflis (nur in die Stadt: Kloster, Berge, Natur etc. sind mir egal). Und dann auch: die weiteren kleinen Buchhandlungen sehen, entdecken (Link zu einer Liste mit Tipps).

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Matthias Warkus bilanziert: „Man kann das sehr einfach nehmen. Die Küche (Georgiens Nationalgericht ist übrigens ein Salat, erstaunlich), der Wein, die Kirche, die Gebirgslandschaft, die Schwefelquellen und die Landesgeschichte greifen ineinander, wir sind hier fromme Orthodoxe, langlebige Salatesser und fröhliche Weintrinker, die Frauen schön, die Männer mutig, all das seit Jahrtausenden hier zuhause, vielfach erobert, nie ausgelöscht. Ich muss daran denken, dass ein Außenstehender mit genügend unscharfem Blick vielleicht Baden, Ostthüringen oder Oberbayern genauso sehen könnte. Auf der anderen Seite sind da Übergriffe auf LBGTQ*-Personen und religiöse Minderheiten, die traumatische Erfahrung des Zusammenbruchs nach 1991, als es plötzlich keine Arbeit, keine Heizung und keinen Strom mehr gab, die Kriege (»fünf Kriege in zwanzig Jahren«, sagte uns jemand), die Oligarchen, der klare Wille zu Modernität und zu Befreiung in der jungen Literatur,“

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Gesperrte Straße zum Unabhängigkeitstag. Tiflis ist sehr fußgängerfreundlich – aber hat so viele Steigungen, Schwellen etc., dass Rollstuhl-Nutzer*innen große Schwierigkeiten haben.

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Wir sind mit Shuttle-Bussen unterwegs, alle vier Tage: Die Metro (nur zwei Linien, kompakt und billig) wird empfohlen – ich selbst benutzte sie nie.

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Überall in touristischen Ecken: frische Erdbeeren und andere Früchte, die als Saft, geeist, geeist und püriert usw. verkauft werden. Überteuert – wurden wir gewarnt. Erdbeeren gab es auch am Ende *jeder* Mahlzeit, die man uns servierte: aromatisch, geschmacksintensiv, doch tiefst dunkelrot und weich.

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Freundlicher, unspektakulärer Pflanzenmarkt am Unabhängigkeitstag: besonderes Event? Oder feste Institution in der Altstadt?.

Die zehn aktuellsten georgischen Filme mit guten Kritiken?

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Die nächsten Ehrengäste auf der Frankfurter Buchmesse:

  • 2019: Norwegen
  • 2020: Kanada (yeah! ich war fünf Jahre lang in Toronto, drei Monate im Jahr.)
  • 2021: Spanien
  • 2022: Slowenien
  • 2023: Italien

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Die deutschsprachigen Buchblogs mit der größten Osteuropa-Kompetenz:

  • Muromez (Ilja Regier)
  • Read-Ost (Georgierin Irine Beridze und Annika Grützner)

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Das georgische Alphabet ist auch Zentrum und Leitmotiv des Buchmesse-Auftritts und des Claims „Georgia made by Characters“ [= Schriftzeichen]. Wikipedia: “ Von heutigen Wissenschaftlern wird angenommen, dass sich das georgische Alphabet zu Beginn des 5. Jahrhunderts unter griechischem Einfluss aus der aramäischen Schrift weiterentwickelte.“ TV Tropes: „Georgian uses a different alphabet from Russian and a VERY different language. It is (as far as we know) completely unrelated to any of the major language families, instead being part of a „South Caucasian“ family more or less consisting of itself and a couple of close relatives.“

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Straßenhunde und -Katzen? Überall in der Stadt. Sind sie geimpft und kastriert, tragen Hunde einen Knopf im Ohr. Trotzdem gibt, laut diesem Link, nirgendwo mehr tollwütige Hunde als in Georgien.

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Die Hunde haben Flöhe – doch sind recht freundlich. Lucia Höllemann schreibt: „Straßenhunde sieht man in fast allen Städten, aber besonders penetrant fiel es uns in Kutaisi auf, zum Glück sind die meisten dieser Hunde eher friedlich und verhalten sich dem Menschen gegenüber nicht aggresiv. Vor allem in Mestia und Ushguli haben wir sehr viele freundliche Hunde getroffen, die einen gerne auf einem Spaziergang begleiten und einen fast nicht mehr alleine nach Hause lassen!“

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Karla Paul schreibt: „Mehr als die Literatur selbst haben mich die Menschen beeindruckt, die dahinter stehen und trotz bis heute andauernden politischen und gesellschaftlichen Schwierigkeiten an ihre Worte und die darin versteckte Botschaft als Teil der Lösung glauben – für sich selbst, aber auch diejenigen, die sie lesen und täglich leben. Für die Bücher ein wichtiges Transportmittel sind und ihr Weg, Euch die Geschichte ihres Landes zu erzählen. In den kommenden Wochen wird noch viel schriftliche Nacharbeit folgen, Berichte, Interviews und Buchempfehlungen.“

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Ich genoss die Tage sehr. Ich war noch nie östlicher als Berlin – und bin erleichtert, wie wohl ich mich in Tiflis fühlte und, dass Osteuropa / Vorderasien für mich jetzt attraktiver, denkbarer, naher sind als zuvor. Sympathische Gruppe, kluge Begegnungen, und mehr Input in 4 Tagen als sonst oft in zwei Wochen – gern wieder!

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Wer lud mich ein, zu Live-Blogs und Berichterstattung?


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Die Teilnehmenden unserer Blogger-/Influencer-Gruppe:

Angie Martiens_„Litaffin“

Alexandra Stiller_„Bücherkaffee“ | Instagram

Karla Paul_„Buchkolumne“ | Instagram

Florian Valerius_„Literarischer Nerd“ | Instagram

Anabelle Stehl_„Stehlblüten“ | Instagram | Youtube

Matthias Warkus_„54books“ | Twitter

…und ich selbst: Stefan Mesch (Bio) | Twitter | Instagram

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Angie Martins‘ Foto-Blogpost zu unserer Reise:

Der Charme des abblätternden Lacks. Eine (Bilder-)Reise durch Tbilisi

Anabelle Stehls 20-Minuten-Vlog über unsere Reise, auf Youtube:
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