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Töchter schreiben über Väter: Mareike Nieberding, Linn Ullmann, Elizabeth Garber bei Deutschlandfunk Kultur.

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Für Deutschlandfunk Kultur las ich drei aktuelle Bücher, in denen Töchter über ihre Väter schreiben…

…und über ihre Schwierigkeiten, mit den alternden Männern zu sprechen.

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Morgen – Donnerstag, 21. Juni 2018 – bin ich gegen 10.15 Uhr Studiogast in der „Lesart“, für ein ca. 6-Minuten-Gespräch mit Frank Meyer.

Der Audio-Link bleibt nur sechs Monate verfügbar.

Schon heute, hier im Blog: Thesen, Kurztexte und ein paar Links zum Themenfeld.

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Ich las:

MAREIKE NIEBERDING: „Ach, Papa. Wie mein Vater und ich wieder zueinanderfanden“ (Suhrkamp Nova, Februar 2018)

LINN ULLMANN, „Die Unruhigen. Roman (!)“ (Luchterhand, Juni 2018. Original: Norwegen 2015)

ELIZABETH GARBER, „Implosion. A Memoir of an Architect’s Daughter“ (She Writes Press, 12. Juni 2018. nicht auf Deutsch)

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Wie sprechen Töchter mit Vätern – und wie sprechen die Bücher darüber, wie schwer es ist, als Erwachsener mit wortkargen oder emotional kalten Männern neu ins Gespräch zu kommen? Den Generationskonflikt kannten Autor*innen der 68er-Generation: linke Töchter und Söhne, die ihre vom Krieg deformierten Väter (oft: Nazis) konfrontieren. Mir geht es um sanftere, jüngere Bücher.

Ich habe viele bleischwere Tochter-Vater-Lieblingsbücher: Liane Dirks schreibt in „Vier Arten, meinen Vater zu beerdigen“ über Missbrauch und Kolonialismus; Alison Bechdel erzählt im Comic „Fun Home“ vom Selbstmord ihres schwulen oder bisexuellen Vaters; auch Miriam Toews‘ „Mr. T, der Spatz und die Sorgen der Welt“ handelt vom Selbstmord des Vaters.

Stattdessen aber suchte ich nach aktuellen Büchern/Memoirs, die kleiner, intimer, alltäglicher sind: der Vater nicht als Monster oder lebenslanger Widersacher. Sondern als jemand, den die Welt überholt. und den man später, als Tochter, neu mitnehmen und einbinden will. Alle drei Bücher werden durch ihre Alltäglichkeit relevant: Die Autorinnen sprechen viel über Subjektivität, menschliche und literarische Versuche, Poetik: statt selbstbestimmt und autoritär aufzutreten (wie ihre Väter, in der Kindheit) wissen sie, dass ihr Erzählvorhaben auch scheitern kann.

Tastende Bücher, ohne Arroganz.

Ich suchte gezielt nach Töchtern, weil hier viel erzählt wird über neue Frauenbilder, Emanzipation… und eine ratlose ältere Männer-Generation, die sich neu erfinden sollte – doch meist einfach geschockt oder frustriert schweigt, verharrt. bei Vätern und Töchtern ist außerdem klar: der Vater kann kein 1-zu-1-Role-Model sein (wie in Vater-Sohn-Büchern):

Vor 30+ Jahren bestimmten diese Väter, wie Mädchen zu sein haben. Heute liegt die Macht, Verantwortung, Agency bei den Autorinnen, die als erwachsene Frauen abwägen müssen, wie sie über den Vater schreiben: Die Macht wandert von dem, der alles finanziert, normiert, wertet… zu der, die heute erzählt, normiert, wertet. Ich mag, wie macht- und schutzlos die Töchter sind, als Figuren, in der Kindheit… doch dass sie als Autor*innen ja ALLE Macht und Deutungshoheit über ihre Väter haben. Ich mag, dass alle Töchter versuchen, ihren Vätern etwas anzubieten, zurückzugeben etc.: „Du hast mir meine Kinderwelt gebaut. Jetzt bin ich erwachsen und nehme dich in meine… erwachsene, ganz eigene Welt mit.“ Spannend / dramatisch, wie schwer das ist – und wie vergeblich oft.

Die Bücher sind reizvoll, weil sie alltäglich, intim sind – und ich vieles gut mit der eigenen Familie/Kindheit abgleichen kann. Thema ist: Mein Vater baut mir eine Welt. an der ich mich reibe – und aus der ich raus wachse. Keiner der Väter in den Büchern meint es böse. Interessant, wie gesagt: wie Väter transportieren, wie Mädchen (später: Frauen) zu sein haben, was sich ziemt, wo sie sich in der Tochter sehen und, wo sie sich nicht sehen, weil sie verschiedene Geschlechter haben. Der Vater als Versorger, Richter, Autorität.

In Jugendbüchern kommt das kaum vor: Dort sind die Held*innen oft Waisen oder auf sich allein gestellt. Harper Lees „To kill a Mockingbird“ zeigt ein wunderbares, doch sehr idealisiertes Tochter-Vater-Gespann. Und, Überraschung: „Go set a Watchman“, Lees zuvor entstandenes, dunkleres, bittereres Buch, passt wunderbar in diese Memoir- und Nonfiction-Reihe über ambivalente, normierende Väter… und die Tochter, die da raus wächst.

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Mareike Nieberdings „Ach, Papa“ war ursprünglich für den Herbst 2017 angekündigt – unter dem Titel „Als wir das Reden vergaßen“.

Mein Vater wurde im Sommer 2016 60 – und wünschte sich von allen Gästen der Feier persönliche Texte. Doch weil er selbst so wenig Persönliches erzählt, schrieb ich eine Liste mit 200 Fragen (Link). Von Nieberding, einer ZEIT-Journalistin, vier Jahre jünger als ich (*1987) erhoffte ich mir einen recht persönlichen, vielleicht symptomatisierenden Blick auf diese Generation deutscher Väter/Männer:.

Doch „Ach, Papa“ kriegte, zusammen mit dem neuen Titel, ein zartrosa Cover – und vermittelt eher Landkindheits-, Wohlfühl-, Sehnsucht-nach-Zuhause-Atmosphäre.

Nieberdings Vater (stolz, stoisch, freundlich, warm, brummig) studierte in Freiburg und lebt mit der Familie bei Oldenburg. Nieberding zieht nach Berlin, doch kehrt für einen Tochter-Vater-Roadtrip bis nach Freiburg zurück. Unterwegs spricht sie über Lebensentwürfe, Träume, Heimat, Geborgenheit, Familienkonzepte. Ihr Vater sagt recht wenig – klingt vernünftig, aber bleibt, als Figur, stoisch und blass. Die beiden mögen sich: auf der Buchpremiere im Januar stand der Vater stolz, mit feuchtem Blick im Publikum.

Doch mich enttäuschte das Buch. Ich verstehe, dass man bei einem noch lebendem Vater nicht jeden Widerspruch, Konflikt ausbreiten will – und ich verstehe, dass ein gelungenes Tochter-Vater-Buch kein großes Trauma braucht: Ein undramatischer 190-Seiten-Text über einen etwas knorrigen Papa? Passt. Nur war hier, bei beiden Generationen, viel zu viel Scheu: Ein Vater, der seine Tochter fast nichts fragt, nicht wertet, wenig will, tut, ausspricht. Und eine Tochter, die auf 190 Seiten jeden Abgrund, jede harte Frage umgeht:

Ein übervorsichtiges, lauwarmes, defensives Buch – in dem niemand unsympathisch oder schwierig ist, doch bei dem ich mich trotzdem unangenehm berührt fühlte: Weil zwei Menschen, denen es offenbar nicht viel gibt, sich öffentlich zueinander zu positionieren… in der Öffentlichkeit stehen, nervös, befangen und norddeutsch-schmallippig.

Zwei Amazon-Statements, denen ich zustimme:

„Ich selbst gehöre einer ganz anderen Generation an und vielleicht ist das der Grund, warum ich mich immer wieder fragte „was will sie denn, sie hat doch ein tolles Verhältnis zu ihrem Vater“. Tatsächlich fand ich Mareikes Problem eher als Luxusproblem und ich hätte nicht von Entfremdung gesprochen. Was mir dieses Buch aver gegeben hat, war der Denkanstoß mich mit meinem eigenen Vater und seiner Vergangenheit zu beschäftigen, so intensiv, wie ich es vielleicht noch nie gemacht habe.“

„Um sich ihrem Vater anzunähern, schickt Nieberding ihm zum einen E-Mail-Fragebögen und unternimmt mit ihm außerdem einen Kurzurlaub in den Schwarzwald. Diese Passagen handelt von zweien, die keine Übung mehr darin haben, miteinander alleine zu sein. Allerdings kam mir Mareike Nieberdings Erkenntnis dann wenig spektakulär vor: „Auch ich hätte fragen können – und ebenso gut hätte ich auch einfach mal erzählen können.“ Stimmt – statt immer nur zu warten, dass ihr tiefschürfende Fragen gestellt werden. Ohnehin blieb bei mir der Eindruck zurück, den Vater trotz aller privaten Details zu wenig kennengelernt zu haben – wie steht er denn eigentlich zu der Entfremdung? Hat die Autorin ihn das eigentlich gefragt?

Als öffentliche Aufarbeitung ihrer eigenen Vater-Tochter-Beziehung hat Mareike Nieberding natürlich sowohl alle Freiheiten als auch die Deutungshoheit. Angekündigt wurde das Buch allerdings auch damit, dass es erzählen würde „[…] wie man sich wieder nahekommt, wenn man sich schon fast verloren hat.“ Das mag auf die Autorin und ihren Vater zutreffen, aber aus „Ach, Papa“ lässt sich nur wenig allgemein ableiten.“

Ich will das Buch nicht als Neon-Journalismus etc. aussortieren. Doch tatsächlich las auch ich nur deshalb mit Gewinn weiter, weil ich bei jeder Aussage an meinen eigenen Vater denken musste. Und wusste: ich wäre beherzter, konfrontativer, lauter als Niebderding.

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Linn Ullmanns „Die Unruhigen“ erzählt auf 410 Seiten von einem gescheiterten journalistischen, psychologischen, künstlerischen Projekt:

Als ihr Vater mit Anfang 80 erste Demenzerscheinungen zeigt, kauft Ullmann ein Diktiergerät, zieht in ein Haus nahe des Vater-Hauses auf der Insel Farö und verabredet sich mit ihm ein Frühjahr lang (2007) zu je zwei Stunden langen Interviews: Sie stellt Fragen – und gemeinsam wollen sie ein Buch über ihr Verhältnis – und sein Vermächtnis als Theater- und Filmregisseur – erarbeiten: diszipliniert, reflektiert, nüchtern.

Tatsächlich schätzte Ullmann ihren Vater falsch ein: Die Demenz ist weit fortgeschritten; die sechs Gespräche sind voller non sequiturs, ihr Vater fühlt sich hörbar unwohl. Sie bricht das Projekt ab – und beschließt Jahre später, einen Roman über ihre Kindheitssommer auf der Insel zu schreiben: Sie verbringt je einen Monat im Jahr bei ihm, lebt sonst bei ihrer Mutter, einer nervösen und einsamen Schauspielerin, in u.a. Amerika. Ullmanns Vater hat insgesamt neun Kinder, fünf Exfrauen, vier Häuser etc.

„Die Unruhigen“, ein Roman, vermischt Gesprächsprotokolle, skandinavischen Kindheits-Erinnerungs-Glanz im Stil von u.a. Tove Janssons „Sommerbuch“ (Empfehlung!), geschwätzige, detailversessene, oft viel zu lange Autofiktion wie bei Knausgard und viele, viele Reflektionen über die Natur des Erinnerns (u.a. mit massig Verweisen auf Proust): Ullmann findet die Tonaufnahmen ca. 2011 wieder – und montiert ein Erinnerungsbuch über die Unfähigkeit, ein kohärentes Erinnerungsbuch zu schreiben.

Mir wurde erst nach ca. 100 Seiten klar, dass Ullmann die Tochter von Ingmar Bergmann und Liv Ullmann ist: Das Buch ist auch ohne diese Promi-Ebene packend, übervoll. Einzelne Szenen dauern zu lang, oft sagt Ullmann die selben Dinge auf fünf verschiedene Arten: Das Buch wirkt zerquälter und schwerfälliger, als es sein müsste (insgesamt ist es weder besonders anklagend, noch deprimierend):

Eine sehr analytische Tochter zeichnet in teils ermüdenden, doch immer psychologischen, reifen, klugen Details, wie klein die Rolle war, die ihr im Leben des Regisseurs, Bestimmers, Pedanten zugeteilt wurde – und, wie schwer es oft war, sich selbst zu disziplinieren, anzupassen. Sehr gern gelesen, trotz der Längen!

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Elizabeth Garbers „Implosion“ ist das Buch, das ich mir am dringendsten wünschte: stilistisch, erzählerisch etc. eine wunderbar runde Sache.

Woodie Garber, deutschstämmiger Architektensohn, studierte während der Rezession Architektur. Mit seiner zweiten Frau und drei Kindern baute er Mitte der 60er Jahre ein Le-Corbusier-haftes Glashaus in einem Vorort von Cincinatti, Ohio. Elizabeth bewundert ihren (bipolaren, despotischen, frauenfeindlichen, snobistischen) Vater, der mit Jahr zu Jahr mehr Druck aufbaut. Die erste Hälfte des Buchs zeigt die feinen, klug beobachteten Ambivalenzen, mit einem Vater aufzuwachsen, dessen Häuser, Werte, Geschmack etc. ALLES prägen.

Als Elizabeth ca. 14 ist, bedrängt er sie sexuell. Er bedroht und tyrannisiert die Brüder und die Mutter; und parallel zur US-Bürgerrechtsbewegung und -Politisierung Ende der 60er und Elizabeths eigenem Coming-of-Age setzt ein schmerzhafter, ambivalenter, komplexer Emanzipationsprozess ein. Elizabeth Garber hat jahrzehntelange Schreib- und Therapieerfahrung, ein tolles Gespür für Szenen, Widersprüche und relevante Fragen… und vermittelt in einfacher Sprache, ohne ein Wort zu viel, alle Schwierigkeiten, die ein autoritärer Vater mit sich bringt.

Nebenbei ist das Buch eine gute Einführung in den Appeal von Mid-Century Modernism und die Ideale, Sehnsüchte etc. der Männer, die sich damit von ihren eigenen Eltern absetzen wollten. Eine Memoir, halb (…Sally Draper in) „Mad Men“, halb „Der Eissturm“. Emotional erwachsen. Oft überraschend. Immens lesenswert.

„Überraschend“ vor allem, weil Elizabeth ihren Vater nicht aufgeben will. Und ich bis zur letzten Seite nicht wusste, ob ich sie für diese Versuche feiern sollte – oder denken „Der Mann ist toxisch: Lauf! Du schuldest ihm nichts!“

Im Verlag, der Garber veröffentlicht, „She Writes Press“, erscheinen seit 2013 Bücher von Autorinnen: oft Memoirs; manchmal spezifisch über den Vater, u.a. „Veronica’s Grave“ von Barbara Donsky und „The Sportscaster’s Daughter“ von Cindi Michael.

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sieben aktuelle Bücher, die ins Themenfeld passen:

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Carsten Hueck zu Nadja Spiegelmans „Was nie geschehen ist“: „Im Buch der Tochter spielt Art Spiegelman nun kaum eine Rolle, im Mittelpunkt steht der Lebensweg ihrer Mutter.“

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mein Vater, ca. 1987.

Pressereise nach Georgien: Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2018

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2018 ist Georgien Ehrengast / Gastland der Frankfurter Buchmesse #fbm18.

Ende Mai 2018 war ich auf einer viertägigen Pressereise nach Tiflis / Tibilisi.

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Heute, hier im Blog: Fotos, die sich nicht selbst erklären.

Die Pressereise – erzählt in Bildern und kurzen Bildtexten […wird ergänzt, in den nächsten Tagen].

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Sieben Blogger*innen / „Influencer“ sind eingeladen: Alexandra Stiller (Bücherkaffee), Matthias Warkus (54Books), Angie Martiens (Litaffin), Annabelle Stehl (Stehlblüten), Florian Valerius (Literarischer Nerd), Karla Paul (Buchkolumne) und ich.

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Wir fliegen via Istanbul, mit Turkish Airlines. Flüge nach Tiflis sind nachts oft billiger. Georgier*innen sagen, wir haben Glück, schon kurz vor Mitternacht am Hotel zu sein: Oft kommen Gäste viel tiefer in der Nacht ins Land. Flugzeit der beiden Flüge: 6 Stunden, ab Frankfurt.

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Das Programm – Donnerstag, Freitag, Samstag; Rückflug Sonntag Nacht – ist straff: Stadtführung, Museen, Kirchen/Kloster, Bibliotheken, eine Ballettprobe. Alle Mittag- und Abendessen mit wechselnden georgischen Autor*innen.

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Ein Land, nicht viel größer als Bayern, am Schwarzen Meer. Nachbarländer: Armenien, Aserbaidschan, Russland und die Türkei. Religion: 84 Prozent orthodox, 9 Prozent Muslime. Am Flughafen und bei der Fahrt durch Tiflis sehen wir dauernd Casinos und Casino-Werbung. Erster Eindruck, auch landschaftlich: Canto Bight, der etwas vulgäre Glückspiel-Planet aus „Star Wars: The Last Jedi“.

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Betsy’s Hotel ist eine ordentliche, westlich-normierte viergeschossige Anlage mit Frühstücksterrasse, kleinem Pool, absurd gründlicher Zimmerreinigung – mit toller Aussicht über Tiflis. Ich fühlte mich wohl; doch glaube, dass viele Georgien-Reisende charmantere, geschichtsträchtigere Räume suchen: Für mich war das Hotel der… aseptischste, globalisierteste Ort der Reise.

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Davit Gabunia ist Dramaturg und Schriftsteller (Romane und Dramatik) und stellt uns in einer einstündigen Präsentation am Goethe-Institut ca. 15 große georgische Autor*innen vor, die auch in deutscher Übersetzung vorliegen. Der oft amüsant-spöttische Vortrag ordnet die Bücher chronologisch, und beginnt arg männerlastig, patriarchal. Erst ab den späten 90ern nennt Gabunia immer mehr Autor*innen, Experimente, Short Stories, LGBT- und feministische Stimmen etc.

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Davit Gabunia empfiehlt uns u.a. Dawit Kldiaschwili, Otar Tschiladse, Micheil Dschawachischwili, Naira Gelaschwili, Guram Dotschanaschwili. Ich arbeite an einem längeren Blogpost über georgische Bücher, die ich anlas und mochte. Bis dahin empfiehlt sich *dieser* Index ins Deutsche übersetzter Bücher auf Georgia-Characters.com

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Mehr Fotos unserer Reisegruppe: hier im Link.

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Matthias Warkus schreibt: „Im alten Hauptgebäude der Nationalbibliothek (früheres Bankgebäude im österreichischen Ringstraßenstil) konnten wir verschiedene internationale Lesesäle [überraschend große deutsche Bibliothek, englische Bibliothek] besichtigen. Das Magazin mit den vier Millionen Bänden georgischer Literatur ist wohl anderswo untergebracht.“

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Mit uns sieben Blogger*innen unterwegs, die meiste Zeit: Journalist*innen von u.a. Arte, FAZ, Deutsche Welle, Spiegel, Focus, ZEIT, ORF und dem Magazin „Bücher“.

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Giorgi Kekelidzes Redebeiträge waren auf Georgisch, und wurden recht schleppend übersetzt. Die Stimmlage deutscher Frauen wird seit Jahren immer tiefer. Viele ältere Georgierinnen, die mit uns sprachen, hatten eine hohe Stimme. Statt mehr zum georgischen Buchmarkt, zur georgische Kulturpolitik oder zum… kulturellen Selbstbild zu hören, erfuhren wir leider fast nur, wie DIESE EINE Bibliothek funktioniert: So, wie fast alle anderen, die ich kenne, auch. Schade.

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Matthias Warkus schreibt am Folgetag: „Leider ist die Weinprobe ausgefallen, weil von den 17 Personen der beiden hier anwesenden Delegationen (BuchbloggerInnen und RichtigjournalistInnen) insgesamt wohl nur zwei Personen Lust drauf hatten. Aber warum wollte denn nun niemand zur Weinprobe mit original georgischem in der Erde vergessenem Amphorenwein? Weil für eine Reise, bei der BuchbloggerInnen etwas über georgische Literatur lernen sollen, bisher erstaunlich wenig Kontakt mit georgischen Büchern passiert war. In der Bibliothek sahen wir nur repräsentative Räume und Lesesäle für ausländische Bücher; eine Buchhandlung [Prospero’s Books & Caliban’s Coffee], auf die sich einige bereits erwartungsvoll gestürzt hatten, bot vor allem englischsprachige Bücher an. Nachfragen dazu, ob es etwa eine Buchpreisbindung gibt oder ob es georgische Kinderbücher vergleichbar zu Pippi Langstrumpf o.Ä. gibt, scheiterten teilweise an der Sprachbarriere. Insofern wurde umdisponiert, um statt der Weinprobe doch lieber einen Buchladen zu besuchen.“

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Obwohl zur Nationalbibliothek auch ein „Book Museum“ und Ausstellungen gehören, sehen wir, insgesamt, kaum Bücher: Der Raum selbst ist VIEL interessanter als die Literaturvermittlung dort. .

Toll und fotogen: die Zettelkästen in der Nationalbibliothek. Deprimierend: dass sie tatsächlich immer noch benutzt werden. Beruhigend: Die vielen Online-Arbeitsplätze im Keller, und das Selbstverständnis, dass Bibliotheken nicht nur Bücher, sondern auch Netz und digitale Informationen zur Verfügung stellen [also: einen Third Place bieten].

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Bibliotheksleiter Giorgi Kekelidze, geboren 1984, lehrt, schreibt u.a. Lyrik für Kinder, moderiert eine TV-Sendung über Literatur. Über seine Karriere zu reden hätte mich mehr interessiert, als die Bibliothek zu sehen. Wikipedia: „His poetry does not include social or patriotic topics. Folklore is more interesting sphere for him. In 2016, his “Gurian Diaries” book 2 is the bestseller of the year in Georgia.“

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*Nichts* auf der ganzen Reise fand ich gestriger, öder als dieses… Kunschtwerk in der Nationalbibliothek. Mich erleichtert, freut, dass es nicht aus Georgien stammt: der Künschtler heißt Karl Eimermacher und ist Professor / Slawist.

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Im Kino: Die exakt selben Filme, die auch in Deutschland gerade starten. Ich lasse mir am Geldautomaten 50 Lari auszahlen (ca. 17 Euro): Das reicht für zwei Taxifahrten inkl. Trinkgeld (je 10 Lari), ca. fünfmal Wasser, Energy Drinks, Aloe-Vera-Limo etc. (meist 1 bis 2 Lari), ein paar Schokoriegel für meinen Partner daheim; und zwei, drei süße Snacks unterwegs. Das Durchschnittseinkommen liegt bei ca. 280 Euro im Monat. Alles, was ich kaufe, kostet ca. ein Sechstel von dem, was ich in Deutschland zahlen würde.

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Überall auf den Straßen: alte Bücher auf Russisch und Georgisch, für 1 bis 3 Lari (30 Cent bis 1 Euro). Keine antiquarischen Schätze – sondern Paperbacks und Klassiker, oft sehr abgegriffen. Dass solche Bücher in Georgien noch verkäuflich sind (…während sie in Deutschland meist weg geworfen oder in öffentlichen Bücherschränken verschenkt werden) lässt mich fragen, ob in Georgien die „Lies Klassiker, das gute Buch. Das bringt dich weiter!“-Idee, die ich aus meiner Kindheit in den 80ern noch kenne, doch die heute eher verlacht wird, länger überlebt als in Europa. #aufstiegschancen #bildung

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Matthias Warkus schreibt: „Es gibt übrigens viele politische Parallelen zu Estland (ich war 2012 mal zehn Tage in Tallinn), z.B. auch, dass man das Land als seit dem Ersten Weltkrieg unabhängig betrachtet und die Sowjetzeit als Besatzung ansieht. Wir werden am Sonnabend die Feierlichkeiten zum 100. Unabhängigkeitstag erleben. Eine recht rigide Sprachpolitik erinnert an Québec: Ähnlich, wie dort keine englischsprachige Inschrift ohne eine deutlich größere französischsprachige stehen darf, müssen hier öffentliche Schilder und Logos immer auch in georgischen Buchstaben gehalten sein, weswegen H&M hier ein riesiges georgisches Logo hat; das uns bekannte findet sich deutlich kleiner darunter.“

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Zum Essen treffen wir die Autoren Beka Adamaschwili („Bestseller“) und Abo Iaschagaschwilli. Beka war Blogger, bevor ihm Facebook den Wind aus den Segeln nahm, arbeitet in einer Werbeagentur („Unsere erfolgreichsten Kampagnen waren eine Hängematte, von Drohnen getragen, und kleine Hamster, die Miniatur-Junk-Food verspeisten“) und schreibt an einem Roman, in dem ein Mann durch Bücher reist und versucht, Romanfiguren wie Sherlock Holmes vor dem Tod zu retten.

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Abo führt uns nach dem Essen fast sieben Stunden lang durch Tiflis. Er schreibt historische Krimis. In Deutschland erschien Band 2, „Royal Mary“. Klappentext: „Eine Stadt, die ein Schmelztiegel der Kulturen war: Tiflis gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Die Atmosphäre dieser Stadt, Bilder von Märkten, Spelunken und Palästen, exzentrische Typen, fremde Mächte, ja fast die Gerüche einer vergangenen Zeit – mit Witz und Virtuosität fängt Iaschaghaschwili all das ein, und erzählt doch von Mord und Totschlag. „

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Großer Innenhof, Gratis-WLAN (wie in vielen Restaurants), solides Essen: das zwanglose (HIpster?-)Café / Restaurant „Ezo“

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Fassaden, Stadtgeschichte, eine lange Tour durch die Stadt: Unsere Reisegruppe ist für einige Stunden zweigeteilt. Die andere Gruppe besucht das Georgische „Haus der Schriftsteller“ [keine Fotos von mir]. Über die dort ausgestellten Tiere und die stalinistischen Morde / Erschießungen schrieb Davit Gabunia das Theaterstück „Tiger und Löwe“, aufgeführt u.a. am Staatstheater Karlsruhe.

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Ein unrestauriertes Treppenhaus, keine 50 Meter unterhalb des Restaurants (Ezo: 16 Geronti Kikodze St.): Viele Türen in Innenhöfe und Mietshäuser stehen offen; als wir ankamen, probten ca. Zwölfjährige dort gerade eine Choreographie.

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Viele Mitreisende sind von Georgien fasziniert, seit sie Nino Haratischwilis 1200-Seiten-Roman „Das achte Leben“ (2014) lasen.

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Knut Krohn schreibt: „Hoch über der Stadt, auf der Burg, thront Nino, die Schutzheilige Georgiens. Der Legende nach soll die Syrerin im 4. Jahrhundert nach Christus zur Christianisierung Georgiens beigetragen haben. Das Momument stammt noch aus der Zeit der Sowjetunion.“

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Wir sieben Blogger*innen machen irrsinnig viele Fotos, holen in Restaurants oft das Handy raus und probieren, so aktuell / live wie möglich alles hier zu zeigen, aufzugreifen, überall zu teilen. Falls unser Stadtführer genervt war oder uns belächelte, ließ er sich das nicht anmerken. Schön, mal in einer Gruppe zu sein, in der das viele Dokumentieren die Norm ist – und nichts, für das wir uns rechtfertigen mussten: HIERFÜR waren wir in Georgien. So albern das auch, von außen, oft gewirkt haben muss.

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Reisen UND Bloggen kriege ich beim engen Zeitplan und ohne WLAN außerhalb des Hotels kaum hin: Ich sammle vier Tage lang Eindrücke, mache mir viele Notizen und probiere, so präsent und wach wie möglich zu sein. Die Nachbearbeitung der Reise (Fotos sortieren, bearbeiten, teilen; Links sammeln; Recherchieren; Twitter, den Blog, Facebook, Youtube etc. bespielen) kostet mich am Ende vier weitere Tage. Trotzdem: jederzeit wieder!

My-Travelworld schreibt: „Tiflis selbst ist sehr charakteristisch durch sein kleines und gut erlaufbares Zentrum, den umliegenden Anhöhen sowie seiner Kompaktheit im Allgemeinen. Obwohl die Stadt rund 1.000.000 Einwohner hat, ist sie flächenmäßig deutlich kleiner als zum Beispiel meine Heimatstadt Dresden. Vor allem von oben wundert man sich schon, wie in diese kleine Stadt eine ganze Million Menschen passen sollen. „Von oben“ ist auch direkt das Stichwort, denn um Tiflis herum befinden sich relativ viele Gebirgszüge, die nicht nur tolle Ausblicke ermöglichen, sondern auch ein kleines und vor allem grünes Naherholungszentrum darstellen.“

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Betreut wurden wir von der Bonner Agentur „projekt2508“. Wir konnten jederzeit *alles* fragen.

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Überall im Stadtbild – auch meist als Muster / Ikonografie im Schmuck und als Symbol in Metallgittern, Zierleisten, Kacheln etc.: Weinreben.

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„Deutsche Bau- und Brandschutzbehörden würden durchdrehen hier – besonders bei all den Außenbalkonen.“ Ich mag die Stadt sehr – doch treffe immer wieder Menschen, die bei überirdisch geführten Stromkabeln „Alles hier ist hässlich und primitiv!“ rufen. (Auch z.B. in Kanada und Japan. Ich selbst mag das.)

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Überall: fotogene Straßenkatzen und -Hunde. (Das Buch auf dem Müllcontainer wurde nicht von uns drapiert.)

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Das Bäderviertel: historische Schwefelbäder mit Kuppeldächern, ca. sieben verschiedene Betreiber, direkt bei einander. Einzelkabinen / kleine Wannen; aber auch größere Pools. Eintrittspreis laut Reiseführer: ca. 5 Lari, dazu ca. 10 für eine Massage. Im ersten Bad, das ich – mit 15 Rest-Lari – betrete, soll ich 40 Lari zahlen. Ich habe keine Geldkarte dabei und muss passen.

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Der Drescher-Reiseführer schreibt: „Das Zentrum Tbilisis liegt terrassenförmig zu beiden Seiten der Mtkvari. Im 18. Jh. bis auf die Grundmauern niedergebrannt, wird es durch die Residenzen und Wohnhäuser aus zaristischer Zeit geprägt.“ Der Fluss führt viel Lehm mit sich und ist ganzjährig so braun.

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Matthias Warkus schreibt: „Tiflis ist eine ungeheuer sympathische Stadt, relativ ruhig und dezent beleuchtet, in einem Talkessel mit wahnsinnigen Aussichten, mit einem gewaltigen kulturellen Erbe, aber auch einer Ader für radikal moderne Architektur, die befremdlich anmutet, wenn man aus Deutschland anreist, und zu der ich sowohl online als auch unter den Mitreisenden sehr unterschiedliche Meinungen gehört habe. Es gibt eine Oberstadt mit Gassengewirr, vielen Treppenstraßen, historischen Kirchen und einer Festung drüber.“ Das schlauchförmige Gebäude im Bild? Die Konzert- und Ausstellungshalle.

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Die Festung Nariqala. Gute Aussicht über Tiflis – aber, finde ich: kein Muss. Der Kirchgarten etwas unterhalb war stiller, einladender, sehenswerter.

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Schon seit dem 4. Jahrhundert ist Georgien christlich. Der Trescher-Reiseführer: „Georgien und Armenien sind die beiden östlichsten Länder, in denen sich das Christentum als Staatsreligion durchsetzen und halten konnte.“

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Mein Job in den nächsten Monaten: Georgische Bücher in deutscher Übersetzung anlesen, u.a. alle Titel, die im „Perlentaucher“ vorgestellt wurden (Link). Die Titel, die Georgia-Insight vorstellt (Link) durchgehen. Und die Liste von Georgian Characters (Link).

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Nur auf Goodreads kann man schlecht nach georgischer Literatur suchen: das Tag „Georgian“ meint dort meist: Südstaaten-Romane. „Georgia“ (das Land) bei Goodreads: Link. Bücher, die in Tiflis spielen: Link.

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Oliver Zwahlen schreibt: „Im 17. Jahrhundert gab es über 70 unterschiedliche Badehäuser. Heute kannst du nur noch unter einer handvoll Bädern deinen Favoriten aussuchen. Die meisten sind unterirdisch unter einer Kuppel im persischen Stil. Nur ein Bad (das blaue Gebäude im Bild oben, das wie eine Moschee aussieht) ist überirdisch. Wir testeten das „Royal Bath“: Da angeblich alle kleinen Privaträume besetzt waren, gönnten wir uns für 40 Euro pro Stunde den grössten Pool, in dem problemlos eine ganze Schulklasse Platz gefunden hätte. Das mit hübschen Kacheln verzierte Bad war nicht ohne Charme. Luxuriös wirkte es aber trotz des vielen Platzes nicht, da die Einrichtung doch etwas verlottert aussah.“

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Bettler gehören offenbar erst seit ca. 15 Jahren zum Stadtbild. Oft sehen wir auch Menschen in Rollstühlen, Amputees in Armee-Uniformen oder Frauen, die mit ihren Babys oder Kindern betteln, auch nachts. Oft werden rechte Parteien gewählt, weil sie eine bessere Krankenversicherung / -versorgung versprechen.

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Oliver Zwahlen schreibt: „Auch wenn es bereits eine Reihe von grossangelegten Renovationen gab, ist der Verfall der alten Bausubstanz in vielen Stadtteilen noch immer deutlich sichtbar. Besonders stark betroffen sind die Häuser in der Altstadt und in der direkten Umgebung des Präsidentenpalasts. Aber eigentlich muss man nirgendwo weit gehen, um windschiefe Häuser und eingestürzte Dächer zu sehen. Oft schockiert es, dass in solchen Gebäuden noch Menschen wohnen müssen. Wieso das so ist, habe ich in dieser Reisedepesche beschrieben. Was mir zunächst nicht klar war: Die Häuser sind nicht einfach verwahrlost, sondern teilweise erklärt sich ihr Zustand mit einem schweren Erdbeben im April 2002, das über 10.000 Gebäude beschädigte und sechs Menschenleben forderte.“

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Schöne Ort: der Innenhof von „Prospero’s Books“, nicht weit vom Rustaveli-Platz. Der Kaffee, Iced Latte etc. schmeckte wie ein misslungenes Filterkaffee-Experiment; und als Buchhandlung taugen die Prospero’s-Filialen nicht: eine Handvoll Mainstream-Bestseller im Taschenbuch, deprimierender als jede Flughafen-Buchhandlung.

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Matthias Warkus schreibt: „Es gibt in Georgien laut Factsheet des Veranstalters 50 Buchläden und das durchschnittliche Buch kostet umgerechnet 3,99 €. Eine Preisbindung gibt es nicht und Amazon ist kein Thema. Die größte Buchhandelskette gehört dem größten Verlag, die Probleme, die sich daraus ergeben, liegen auf der Hand. Die gesamte Verlagsbranche setzt knapp 4,5 Mio. € jährlich um, pro Jahr erscheinen 3000–4000 Titel, davon 45 % Übersetzungen.“

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Der größte Supermarkt, den wir im Zentrum fanden. Importierte europäische Produkte, z.B. von Ferrero, sind absurd teuer. Auch Kaffee und Tee sind ein Statussymbol; ihre Preise erinnern mich an Deutschland in den ca. 60er Jahren. Ich war in ca. 7 georgischen Supermärkten, vom teuren ‚Spar‘ über Kiosks und Bodega-ähnliche Eckläden bis zu ‚Smart‘, und hätte gern noch mehr getestet, gekauft, ausprobiert.

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Karla Paul schreibt: „Ich sah selten einen Ort, an dem so viele Völker & Baustile wortwörtlich zusammenkrachten und es sich dennoch richtig und gut anfühlt. Die Stadt ist im Aufbau und Anbau, auch gesellschaftlich und belohnt jedes Suchen durch Finden, jede Neugier durch wunderschöne Hinterhöfe, Treppenhäuser, tausend versteckte Schätze und hinter jedem steckt eine Geschichte – ich will sie alle lesen!“

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Matthias Warkus schreibt: „Unser Stadtführer, Abo Iaschagaschwili, ist Bergführer und erfolgreicher Schriftsteller – selbst erfolgreiche Schriftsteller brauchen bei einem so kleinen Büchermarkt (das Land hat eine Bevölkerung von ca. 4,5 Mio.) immer einen Hauptberuf, haben wir mehrfach gehört. In den letzten vier Jahren hat die georgische Literaturszene und der Büchermarkt einen kleinen Boom oder zumindest einen großen Anschub dadurch erlebt, dass der Gastlandstatus bei der Buchmesse seinen Schatten voraus warf – man macht sich als naiver Deutscher gar keine Gedanken darüber, welche Bedeutung dieses Ereignis offenbar haben kann.“

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Abo Iaschagaschwilis Führung macht auch Spaß, weil er fast perfektes Deutsch spricht – das er, scheint mir, aus alten Büchern lernte: Er benutzt Worte wie „Zecherei“, liest Passagen aus der Weltliteratur vor… Bucht ihn für Stadtführungen! Kontakt z.B. via Instagram (Link).

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Schönes Viertel für Spaziergänge: die engen Gassen zwischen Rustaveli Square (im Tal) und Makashvil Street (oben am Hang; bei unserem Hotel). Weil viele Straßen den Berg hoch als Sackgasse enden, habe ich mich bei drei Versuchen, neue oder andere Routen zu finden, verlaufen: Hoch kommt man *immer* nur übers Gelände der Mikhail von Tver-Kirche.

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„Fabrika ist eine instandgesetzte ehemalige sowjetische Nähfabrik, die ‚wiederbelebt‘ und in einem multifunktionalen Stadtraum verwandelt wurde mit Cafés und Bars, Künstlerateliers und Geschäften, Bildungseinrichtungen, Co-Working-Spaces, dem größten Hostel der Region, einem Innenhof und ständig wechselnden Veranstaltungen.“ fabrikatbilisi.com

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„Wir haben bereits 2013 deutsche Literaturkritikerinnen und -kritiker sowie Journalistinnen und Journalisten eingeladen, unser Land zu besuchen und über kulturelle Themen in Georgien zu schreiben. Meiner Meinung nach macht es einen riesengroßen Unterschied ob man nur über georgische Literatur liest und schreibt oder ob man den kulturellen Kontext dieser Werke selbst entdeckt, in dem man das Land bereist, die Kultur am eigenen Leib erfährt, die Natur erlebt, die Menschen vor Ort trifft und mit den Autorinnen und Autoren ins Gespräch kommt.“ Link

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Medea Metrevelli vom Georgian Book Centre lädt uns ins Restaurant Tone (auf dem Fabrika-Gelände). Interview: Link (etwas hölzern übersetzt. Medea ist lebendiger, frisscher, als sie hier klingt!)

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Essen mit ca. 9 georgischen Schriftsteller*innen. Ich sprach leider nur mit Zurab Karumidze länger. Anthologien, um georgische Gegenwartsliteratur kennen zu lernen? „Techno der Jaguare“ (nur Autorinnen, 2013) und „Bittere Bonbons“ (nur Autorinnen, 2018).

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Deko: ein Betonkiosk aus Sowjet-Zeiten. Ich kenne die K67 Steckmodul-Kiosks aus Slowenien, die unter Design-Fans oft viral gehen.

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Essen mit Autor Zurab Karumidze – der sofort fragt, ob ich die Buchblogger Jochen und Gerard kenne (…die seinen Roman „Dagny oder: Ein Fest der Liebe“ vor Monaten empfahlen / besprachen.)

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My-Travelworld schreibt: „Das Preisniveau in Georgien ist noch sehr moderat und sehr budgetfreundlich. Besonders Früchte, Metrofahrten in Tiflis, kurze Busfahrten, Bäckereierzeugnisse oder Eis bewegen sich im unteren Centbereich. Auch ein Besuch im Restaurant belastet mit umgerechnet 3-4 Euro für ein Hauptgericht sowie 1 Euro für ein Bier nur mäßig die Urlaubskasse. Günstige Unterkünfte gibt es nahezu überall ab 10 Euro (Backpacker-Unterkünfte z.T. auch darunter) und auch gehobene Hotels sind deutlich günstiger zu buchen als in Mitteleuropa.“

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Matthias Warkus schreibt: „Das georgische Essen ist exzellent trotz oder gerade wegen großen Koriandereinsatzes und hat, wie auch das Sichbegrüßen mit Küsschen und die Weinkultur, etwas geradezu Französisches: Zu Mittag gab es Brot mit unterschiedlichen Dips, verschiedene hervorragende Salate, eine Hühnersuppe mit enorm viel Fleischeinlage, Gemüseschmorgerichte mit und ohne Fleisch, zu Abend ein gewaltiges Buffet mit u.a. dem salzigsten Käse der Welt, verschiedenen Quiches und Patés usw. Das Brot wird tandoorimäßig frisch gebacken, indem man Teig an die Wand eines großen heißen Tongefäßes klatscht.“ [auf dem Foto, im Vordergrund: Steinbackofen mit Metalldeckel, an dessen Wänden das Brot gebacken wird.]

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Das alte, brutalistische Postgebäude: heute ein Supermarkt. Hier im Bild? Der erste McDonald’s Georgiens, eröffnet 1999.

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Matthias Warkus schreibt: „Morgens ab 10: ein Besuch im Nationalmuseum, wo wir steinzeitliche Funde aus Dmanisi (der älteste Fund von Homininen außerhalb Afrikas) und beeindruckenden Schmuck aus frühen georgischen Kulturen sehen konnten.“

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Sehenswertes Gebäude; und sympathische Einführung durch den Museumsleiter, David Lordkipanidze – charismatisch, engagiert.

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Wir verbrachten zu viel Zeit in der frühgeschichtlichen Abteilung: eine Archäologin führte uns in schleppendem Englisch durch die Repliken / Abgüsse verschiedener Schädel, und brauchte viel zu viel Zeit, um zu erklären, wann man von „Proto-Georgiern“ spricht, und ab wann von modernen Georgiern.

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Weil sich der Museumsbesuch so schleppte, entfiel für einen Teil der Gruppe der Besuch der Nationalgalerie. Schade!

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Georgien-Reise.com: „Die überwiegende Mehrheit der Protogeorgier siedelte längs des Flusses Mtkwari in Zentralgeorgien, wo sie mit Jahrhunderten eine eigene Sub Ethnie, die Kartlische, bildeten. Die Georgier betrachten diese Kultur als Ihren Ursprung, weshalb sie bis heute ihr Land als ,,Sakartwelo’’ (der Ort, wo die Kartlier leben) bezeichnen. Ungeachtet der komplizierten ethnischen Struktur, begannen sich die Georgier sehr früh als ethnische Gemeinschaft zu sehen und zu fühlen, was mit der Annahme des Christentums in relativ kurzer Zeit zur geistigen und kulturellen Einigung des Landes führte.“

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Sehenswerter als die Hominiden-Ausstellung: die wunderbare „Schatzkammer“ / „Treasury“-Ausstellung. Kritik auf Tripadvisor: „Wir haben und das gesamte Museum angeschaut, was man aber unbedingt sehen sollte, das ist die „Schatzkammer“ im Kellergeschoß: die Exponate (zumeist in Gold) sind teilweise unglaublich, wenn man bedenkt, aus welcher Zeit sie stammen (der erste kleine goldene (?)Löwe aus dem 3. Jahrtausend vor Christus!)“

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Viele Schmuckstücke scheinen ihrer Zeit weit voraus: Hier hätte ich gerne länger zugehört, mehr erfahren. Infos: Link. Mitreisende Angie Martins schreibt auf Litaffin: „Gold hat für Georgien eine besondere Bedeutung. Traditionell wurde von den Swanen, einem georgischen Bergvolk, in den Bergflüssen des Landes der Goldstaub mit einem Schafsfell aus dem Wasser gewaschen. Der griechisch-antike Mythos vom Goldenen Vlies geht auf diese mit Goldstaub getränkten Fälle zurück. Medea, Königin von Kolchis am Schwarzen Meer (dem heutigen Westgeorgien) soll nicht nur ihre Kinder getötet, sondern auch Iason beim Raub des Goldenen Vlieses geholfen haben. Und auch heute noch heißen georgische Frauen manchmal Medea, wie die Leiterin des Georgian National Book Centers, das die Pressereise mit organisiert hat.“

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Haarnadeln, die man auch in Kleider stecken kann und zum Reinigen von Zähnen, Fingernägeln etc. Der Name „Ear Picks“ macht mir bei den ca. 12 Zentimeter langen Metallstäben… Angst.

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Was ich noch gern gesehen hätte, zum Vergleich: eine Filiale der großen georgischen „Biblus“-Buchladenkette. Auch vom georgischen Zeitschriftenmarkt sah ich – in Supermärkten und an Kiosken – kaum etwas. Second-Hand-Bücher sind VIEL präsenter, überall.

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Restaurants in Tbilisi, die ich gern getestet hätte: People’s, Organique Josper Bar, Sololaki und, außerhalb: Keto and Kote.

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Immer wieder: Essen – und gleichzeitig Autor*innen kennen lernen, die nur für die Dauer der Mahlzeit zu uns stoßen. Die Fusion-Gerichte im hipsterigen „Lolita“ erinnern mich an Dean-&-David-Salate und -Bowls (lecker; doch nicht besonders lokal, authentisch, markant).

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Bei jedem Essen stießen ein, zwei Schriftsteller*innen zu uns. Tollste Begegnung, größtes Privileg: Tamar Tandaschwili zuhören, wie sie hyper-reflektiert über ihre Arbeit als Traumatherapeutin und LGBTQ-Aktivistin spricht… und die Romane und literarischen Arbeiten, die überraschend aus ihren Jobs erwuchsen.

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Matthias Warkus schreibt: „…eilten wir hurtig zu einer Probe des Georgischen Staatsballetts. Das 1945 durch ein Paar von Choreographen gegründete Ballett ist bis heute ein »Familienbetrieb«. Die vorgeführten Tänze sind eine Synthese aus georgischer Folklore und modernen Einflüssen. Wir saßen im Probesaal direkt vor der Spiegelwand und damit teils erschreckend nahe an der Truppe, was hier ein besonders treffender Ausdruck ist, da die Tänze sehr kriegerisch daherkommen. Bei stilisierten Kämpfen knallten Bühnenschwerter tatsächlich funkensprühend aufeinander, Tänzer wirbelten direkt vor uns über den Boden; das alles zu (vermutlich) live gespielter traditioneller georgischer Musik. Ich habe mir sagen lassen, dass dieses Ballett das einzige der Welt ist, bei dem Männer auf Spitzen tanzen, und das tun sie tatsächlich; sie tragen zudem auch Knieschoner, weil viele Sprünge auf den Knien gelandet werden, was schon zu etwas mulmigem Mitgefühl für die eine oder andere arme Patella führen kann.“

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Matthias Warkus schreibt: „Während die Männer also athletisch-aggressive, teils bewaffnete Choreographien aufführen und im Vergleich zu klassischen Corps de ballet recht wenig genormte Körpertypen haben, dürfen die Frauen sich körperlich offensichtlich weniger unterscheiden und haben vor allem »anmutige« und weniger aufregende Parts. Am Abend konnte ich mich noch einmal kurz mit Davit Gabunia über das Ballett unterhalten und er hat mir versichert, dass es inzwischen auch modernere Choreographien gibt, bei denen zum Beispiel die Frauen die traditionellen Männerparts übernehmen und andere Innovationen stattfinden.“

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Was für ein Privileg: Aus oft nur ein, zwei Metern Entfernung zusehen zu dürfen, wie diese Menschen sich verausgaben. Ich bin kein Fan von Choreographien, Paraden usw., bei dem der Einzelne in der Masse verschwindet. Sobald mehrere Menschen die selbe Bewegung machen (müssen), wirkt das auf mich beklemmend, totalitär.

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Beklemmend, für mich: Auf der Straße sah ich kaum gender-nonconforming Menschen. Kein Mann hier wirkte… tuntig, exaltiert, queer, theatral. Und selbst hier, im Ballett, sehen die Männer aus (und halten sich!) wie Dudes oder Clubber: viele Bandanas, Skateboard- und McFit-Kleidung. #heteronormativ

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Ich bin froh, statt einer Aufführung nur eine Probe zu sehen – weil die Tanzenden sonst unter historischen Kostümen / Trachten weitgehend verschwinden. Die beiden Solisten hier im Foto fand ich großartig – ich hoffe, sie auf Instagram o.ä. finden zu können. Edit: Yeah! David Chanishvilii (Instagram). Seine Kollegin suche ich noch.

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Wie funktioniert der georgische Buchmarkt? Welche Bücher werden nachgefragt, welche Themen dominieren? Auf Karlas Engagement und Drängen hin (vielen Dank!) besuchen wir am Freitag – statt einer Weinprobe – die Buchhandlung „Santa Esperanza“.

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Matthias Warkus schreibt: „Aus David Gabunias Langreferat zu georgischer Literatur habe ich vor allem mitgenommen, dass ich bei Gelegenheit einmal Aka Mortschiladses Santa Esperanza lesen möchte, einen nichtlinearen phantastischen Roman über ein fiktives Archipel im Schwarzen Meer.“ Nach diesem 850-Seiten-Roman (Link, Goodreads: 4.1 von 5) ist die Buchhandelskette benannt. Mich schrecken die satirischen Illustrationen eher ab.

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Als Bundle, Angebot im Doppelpack: „Watchmen“ (mochte ich) und „The Killing Joke“ (mochte ich auch, doch geht krass frauenverachtend mit Batgirl Barbara Gordon um).

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Eine Nationallegende? Das Epos vom Recken im Tigerfell. Der einzige georgische Comic bei Santa Esperanza erzählt eine ähnliche Geschichte über einen jungen Mann und einen Tiger, die sich gegenseitig im Kampf töten. Dann erhält die trauernde Mutter Geister-Besuch von der trauernden Tiger-Mutter.

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Marvel-Zeichner David Mack („Jessica Jones“) gibt Kurse für georgische Jugendliche und entwarf mit ihnen zusammen die Graphic Novel „Fatal Error“. Bei Santa Esparanza sah ich die Mainstream-Klassiker „The Dark Knight Returns“, „V for Vendetta“ und „Persepolis“.

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Am 9. Juni 2018 findet das erste „Georgia Comic and Games Festival“ statt – nach dem Vorbild amerikanischer Comic- und Cosplay-Messen. Welche US-Heldencomics von „Big Time“ ins Georgische übersetzt werden, konnte ich online nicht raus finden. Der Buchladen hatte nur ca. 12 Hefte „Spider-Man“. [Das Original erschien 2011: „Amazing Spider-Man 654“]

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Haruki Murakami.

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Alle, älter als ca. 35, lernten in der Schule noch Russisch: Im Buchladen werden fast so viele russische (und: englische) Bücher verkauft wie georgische Titel.

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Erster Gedanke: „Harry Potter“? Waisenkinder, Fantasy, historisch, humorvoll… „A Series of Unfortunate Events“? [Edit: Ja! Die Cover sind international.]

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Die georgische Ausgabe von „Harry Potter“ erscheint bei Bakur Sulakauri Publishing. Wir sprachen überraschend mit dem Sohn des Verleger-Ehepaars. Hintergründe? In Annabelle Stehls Video, ab Minute 10:30.

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Klassiker, bewusst im Retro-Look. Trotzdem wirken die meisten georgischen Bücher in Sachen Buchdesign, Papierqualität, Ausstattung etc. auf mich wie deutsche Bücher bis Mitte der 90er (…oder Selfpublishing-Titel heute). Wichtig für Gegenwartsautor*innen? Jährliche „Book Festivals“, bei denen aktuelle Bücher zum Sonderpreis (auch: in besonderen Ausgaben?) in großer Auflage verkauft werden.

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Minimalistische und sehr zeitgemäße Buchcover im Stil der „Penguin Classics“-Reihe.

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Karla Pauls ausführliche Instagram-Stories, u.a. ihr langes Gespräch mit dem Santa-Esperanza-Buchhändler, kann man hier, bei „Tag 2“, nachschauen (im Browser u.a. mit Firefox):

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Stereotype Mädchen-Bücher: vieles wirkt ästhethisch auf dem Stand von Deutschland ca. 2005. #rosahellblaufalle

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Eines der (extrem wenigen) Kinderbücher, die ich zeitgemäß illustriert fand: „Gullivers Reisen“ für Zweit- oder Drittklässler.

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Georgische Literaturzeitschriften? Lyrik? Kleinverlage? Blogs? Wichtige Facebook-Seiten, Instagram-Profile, Multiplikator*innen? Alles noch nicht recherchiert. Beka Adamashwili sagt, seit ca. 2010 sind Debatten auf Facebook wichtiger: Kaum jemand bloggt noch.-

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„Do you sell LGBT fiction, too?“ – „Yes, of course“, sagt die Santa-Esperanza-Verkäuferin… und braucht zwei Sekunden, um ihre Empfehlungen aus dem Regal zu ziehen.

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Seit über zwei Jahren esse ich keinen Zucker und keine Kohlenhydrate mehr [Keto / LCHF], doch in Georgien wollte ich kulinarisch alles mitnehmen, ausprobieren. Es gab sieben größere Mahlzeiten (einmal im Hotel sowie drei Mittag- und drei Abendessen), die für die Gruppe organisiert wurden und bei denen wir nicht selbst bestellten: große Buffets bzw. Gastmahle aus vielen kleineren Speisen – oft viel Salat, Suppen, kalte Häppchen.

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Große westliche Ketten, überall in Tiflis: McDonalds, Wendy’s und Dunkin Donuts (Starbucks, Burger King etc. sah ich nicht). Der „GEO“-Donut wirkt auf mich ideenlos und armselig: Mit der georgischen Landesflagge hältte man leicht nen schöner localized Signature-Donut gestalten können.

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Georgia-Insight schreibt: „Zu Beginn des 20. Jahrhunderts fand ein reger Austausch zwischen Georgien und Westeuropa statt. Viele Georgier wie Grigol Robakidse (1882-1962) oder Konstantin Gamsachurdia (1893-1975), der Vater des zukünftigen ersten Präsidenten, studierten in Deutschland, Österreich und der Schweiz und kamen dort in Kontakt mit deutschen Schriftstellern wie Stefan Zweig und Thomas Mann. Verschiedene Literaturbewegungen entstanden, wie die avantgardistische Schriftstellergruppe „Tsisperi Kantsebi“ (Blaue Hörner) und wurden zur treibenden Kraft des intellektuellen Lebens im Kaukasus. Unter Stalin wurden alle moderne Literaturbewegungen vom Staat unterdrückt und den stalinistischen Säuberungen fielen auch zahlreiche georgische Schriftsteller zum Opfer. Fast die Hälfte der Gruppe „Tsisperi Kantsebi“, kam dabei um.“

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Überall an Straßenständen: alte Deutschbücher und -Sprachkurse. Auch die deutsche Bibliothek in Tiflis wird überwiegend von Georgiern besucht.

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Ähnlich wie bei Donauschwaben in Rumänien siedelten auch in Georgien seit ca. 1763 schwäbische Piätisten in eigene, anfangs steuerfreie Gemeinden. Fast jeder, mit dem wir länger sprachen, hat diese „Kaukasiendeutschen“ erwähnt – und erklärt, wie viele deutsche Worte, Schilder etc. es im georgischen Alltag gibt. [Die Nestlé-Marke „Alpengold“ kommt, glaube ich, aus Polen.] Die wichtigste deutsche Siedlung hieß Katharinenfeld; es gibt bis heute eine deutschsprachige Monatszeitung namens „Kaukasische Post“.

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Überall in Tiflis: Jugendstilbauten und -Elemente.

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Ein Running Gag, während unserer Reise: Der *sehr* pessimistische Georgien-Reiseführer aus dem „Reise Know-How“-Verlag, der vor Überfällen warnte, Minenfeldern usw. und den wir nur „Reiseführer des Todes“ nannten. Das einzige, das mich selbst verunsicherte, anstrengte: Der Rat, kein Wasser aus dem Hahn zu trinken – und die logistische Mühe, auch außerhalb der Mahlzeiten immer genug Trinkwasser mit zu schleppen.

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Ich kenne die Standseilbahn / „Bergbahn“ aus Heidelberg: Mein Partner lud meine Mutter 2015 auf eine Fahrt ein und würde seitdem, als Ritual, am liebsten jedes Mal damit fahren, wenn wir in der Stadt sind.

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Ich glaube, georgische Literatur ist gut vermittelbar, weil sie sich *eh* fast immer an eine nicht-georgische Leserschaft wendet. Zurab Karumidze: „Ich habe dieses Buch nicht für Georgier geschrieben. Die wissen das meiste davon. Ich spiele natürlich mit den Motiven, so frei manchmal, dass viele sagen: Hey, geh‘ nicht zu weit. Ich habe das Buch für eine Leserschaft außerhalb Georgiens geschrieben, und die ist riesig. Teil der Essenz dieses Buchs ist es, eine gute Einführung in diese unbekannte Kultur zu geben: in Georgiens Narrative, seine Geheimnisse, seine Geschichte, seine Kultur, seine Identität, seine Idiosynkrasien, that´s it!

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Oliver Zwahlen schreibt: „Hoch über der Stadt thront der Vergnügungspark Mtazminda. Das Gelände ist leicht zu finden: Es befindet sich am Fusse des 275 Meter hohen Fernsehturms, den du praktisch von der ganzen Stadt siehst. Leider verfügt der Sendeturm über keine Plattform, die für Besucher zugänglich ist. Aber auch vom Rand des Vergüngungsparks hast du eine tolle Aussicht auf Tiflis. Besonders eindrücklich ist der Ausblick allerdings von den kleinen Kabinen des Riesenrads. Es gibt auch eine Achterbahn, eine Wildwasserbahn, zahlreiche Marktstände und Restaurants sowie ein bizarrer Jurassic Park mit animierten Dinos. Die Fahrten und Eintritte sind sehr günstig und die Bahnen nicht besonders stark frequentiert.“

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Die Dachterrasse des Restaurants Funicular. Mein Partner, schockiert nach dem Blick auf die Fotos: „DA sitzen sie also. Auf ihrem Olymp! Und blicken auf uns Normalsterbliche hinab.“ Einer der… prunkvollsten Abende meines Lebens – keine Frage. Link: Fotogalerie

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Grandiose Aussicht, solides Essen, unvergesslicher Abend. Nur die viel, viel zu langen Tischreden nach jedem Gang waren… peinlich patriarchal. #mansplaining

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Jeder von uns sieben Influencer*innen / Blogger*innen setzt andere Schwerpunkte für die Reise: Karla Paul (links), Florian Valerius und Alexandra Stiller produzieren noch vor Ort lange Instagram-Stories. Annabelle Stehl filmt für ihren Youtube-Kanal „Stehlblüten“. Matthias Warkus‘ umfangreiche, präzise Blogposts für 54Books habe ich hier im Post ausführlich zitiert. Angie Martiens von „litaffin“ führte vier oder fünf sehr lange Interviews vor Ort. Als die Zeit mit Davit Gabunia knapp wurde, kam er einfach mit zum Essen. Ich freue mich auf die Texte!

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Kein Buch über Georgien: Angela Steideles „Anne Lister: eine erotische Biografie“ ist bisher mein Buch des Jahres 2018. Steidele liest die Tagebücher der britischen lesbischen Noblewoman und folgt ihr u.a. auf einer Reise durch den Kaukasus. Trotz ca. 15 Seiten Text, die in Georgien spielen, habe ich beim Lesen wenig über das Land erfahren. Aber…

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…weil Steidele für die Recherche mit ihrer eigenen Partnerin, Susette Pia Schuster, Anne Listers Route via u.a. Moskau 200 Jahre später nach-reiste, erscheint Ende August 2018 ein Steidele-Buch, das *sicher* einen Blick wert ist: „Zeitreisen. Vier Frauen, zwei Jahrhunderte, ein Weg“.

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Matthias Warkus schreibt: „Vom Seilbahnhof aus konnte man deutlich erkennen, welche Spuren die Immobilienkonjunktur hinterlassen hat. Für mein naives Auge scheint es in Tiflis vier Kategorien auffällig moderner Gebäude zu geben:

  1. Sowjetische Moderne/Brutalismus (z.B. dieses ehemalige Ministerium)
  2. Abgefahrene öffentliche Projekte v.a. der Saakashvili-Ära (vgl. Artikel und Bildstrecke hier)
  3. Knallige Investitionsmerkwürdigkeiten (z.B. Berbuk Towers)
  4. Auf knappem Budget mit einfachen Mitteln errichtete Gebäude, die versuchen, trotzdem so modern wie möglich auszusehen – die m.E. sympathischste Kategorie.“

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„Supra (auch Keipi genannt) deutlich, einer großen Tafel, bei der es einen sogenannten Tischmeister (Tamada) gibt, der das Geschehen am Tisch lenkt und Trinksprüche ausbringt, und – um die Übersicht zu behalten – sogar einen Stellvertreter wählt.[2] Die Trinksprüche sind im Allgemeinen keine flapsigen Bemerkungen, sondern werden von jedem, der an dem Tisch sitzt, ernst genommen“

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Zwei Literatur-Orte, die mir empfohlen wurden, und für die keine Zeit blieb: Das „Buch-Café“ „Book Corner“, und das (etwas herunter gekommene?) Literaturmuseum in Tiflis, geleitet von Schriftsteller und Schauspieler Lasha Bakradze (Interview über Stalin, der in Georgien geboren wurde).

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Großes Thema beim Essen: der Oligarch Bidsina Iwanischwili, Eigentümer der Carrefour-Supermarkt-Kette, der seit ca. 2012 die georgische Politik beherrscht.

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„Man muss nur seine wirren Statements hören. Die Art, wie er spricht. Seine Sätze sind so…“ – „…wie bei Trump?“ – „Nein. VIEL schlimmer als bei Trump.“ Oha. MDR-Beitrag zu Iwanischwili (Link)

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Oliver Zwahlen schreibt: „Kleiner Tipp: Ab Tiflis fliegt zwei Mal pro Woche ein Hubschrauber in etwa 45 Minuten nach Swanetien. Damit sparst du nicht nur eine etwa achtstündige Fahrt im Bus, sondern du hast auch einen Flug durch eine grandiose Bergwelt. Und bevor du nun wegen preislichen Bedenken abwinkst: Der Flug kostet etwa 70 Lari (35 Euro).“

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Am Abend findet das 4GB-Elektro-Festival statt, ca. 25 Kilometer außerhalb. Doch aus unserer fast 20köpfigen Gruppe haben nur vier Frauen Lust auf die Fahrt. Ich selbst will ins Schwefelbad, gehe von der Seilbahnstation bis runter ins Bäderviertel, doch nehme gegen Mitternacht dann doch einfach ein Taxi zurück ins Hotel. Der Taxifahrer spielt Balladen von Sergi Gvajarladze, das Fenster ist offen, der Fahrtwind warm.

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Ich bin am Samstag Nachmittag kurz ins „Café Gallery“ – einem LGBTQ-Café, das abends zum Techno-Club wird. Doch wegen dem Trubel um den Unabhängigkeitstag saßen nur drei, vier vor ihrer Limo. „Success“, Tiflis‘ schwule Bar, sah ich nicht. Der queer-freundliche Club Bassiani war eine Woche vor unserer Reise in den Medien – wegen einer (homophoben?) Razzia und riesigen Protesten. Artikel zu Diskriminierung und kirchlicher Bigotterie 2014.

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Freitag, am Vorabend des Unabhängigkeitstags, gehe ich die Hauptstraße entlang und sehe Hunderte von Pflanzen, aufwändig präsentiert. Eine Tradition, ein Brauch? Eine einfache Ausstellung?

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Die selbe Ausstellung, am nächsten Tag: Menschen machen Selfies und schauen auf Töpfe. Verkauft oder verschenkt wird offenbar nichts.

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Statt Wikipedia lese ich oft auch unbedingt die (kein Witz!) kulturwissenschaftlichen „Useful Notes“-Texte auf TVTropes.org um ein Land kennen zu lernen: „The Patron Saint of the country is St. George, as for Serbia, Russia, England, Greece, Montenegro and Canada, among other territories. However it is not named after St. George, at least not directly; the name comes from the Ancient Greek word „geōrgos“, which means „land-worker“.“

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TV Tropes: „One interesting thing about Georgia is that it’s not clear on which continent it is. German Post, for example, considers it to be in Asia, as it costs more to send things to Asia than to Europe. The problem plagues the entire Caucasus; ordinary folks would have problems dictating which continent that neighbors Azerbaijan and Armenia (the latter of which, geographically-speaking, is located wholly in Asia, but is sometimes classified as a part of Europe due to its Christian heritage) belong to. The three countries are the crossroad of the two continents and are the definitive examples of „East meets West“, sharing this distinction with Turkey. „

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Die „Bridge of Peace“-Fußgängerbrücke (Link).

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Eine Polemik, die wir mehrmals hörten: Im sehr patriarchalen Georgien stehen Männer viel auf der Straße, trödeln, beherrschen das Stadtbild. Frauen organisieren, planen im Hintergrund: Sie arbeiten härter.

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Insa Wilke schreibt: „„[In der Sowjetzeit, sagt Manana Tandaschwili, entstanden] immer wieder wahre Kunstwerke, antisowjetisch, aber so schön verpackt, dass die Zensur es nicht gemerkt hat. Seit der Unabhängigkeit ist kulturell plötzlich viel weniger passiert.“ Das habe vor allem an der Kriegssituation gelegen. „Die Leute waren frustriert und müde vom Bürgerkrieg in den 90er Jahren, den Kriegen gegen Abchasien und Südossetien, den Regierungswechseln und Enttäuschungen. Und jetzt schreiben auf einmal so viele Autorinnen wie nie zuvor.“ Dazu muss man wissen, dass es vor der Unabhängigkeit so gut wie keine Prosa-Autorinnen in Georgien gab. „Die starke Stimme der Prosa war Männersache“, erzählt Tandaschwili. Dass jetzt so viele weibliche Stimmen die georgische Literatur prägen, hängt auch mit sozialen Entwicklungen zusammen, vermutet sie. „Die literarische Bühne wird genutzt, um den Wandel der sozialen Rollen zu zeigen. Die Frauen haben ja ansonsten keine öffentliche Bühne.“ Dabei sind sie es, die ihre Familien während der 1990er Jahre, als das Land im Chaos versank, durchgebracht haben..

Viele Bars und Straßencafés, angenehmes Klima: Mein Vater fährt nicht in den Urlaub. Doch in vielen Straßen dachte ich mir: deutsche „Best Ager“ zwischen 50 und 70 würden sich hier, mit Wein, niedrigen Preisen etc. sehr wohl fühlen. Auch bei uns im Flugzeug war eine große, ergraute deutsche Reisegruppe im Studiosus-Look.

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Matthias Warkus schreibt: „Obwohl Georgien, wie wir gehört haben, nach wie vor ein sehr patriarchales Land ist, in dem Schwule, Lesben, queere Menschen oder auch nur Frauen, die Bücher machen, mit vielen Problemen zu kämpfen haben.) Ebenfalls erkennbar schien, dass feiernde Georgierinnen und Georgier relativ leise sind und einen sehr gesitteten Eindruck machen; ob das etwas mit der angeblichen traditionellen Verachtung für öffentliche lärmende Trunkenheit zu tun hat, ist unklar.“

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Georgisches Kino, georgische Filme? „Eine glückliche Familie“ wird mir mehrmals empfohlen. 177 Ergebnisse bei IMDb.com (Link)

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Matthias Warkus schreibt: „Der Ort ist das Dschwari-Kloster über der alten Hauptstadt Mzcheta, an einer Flussmündung, wo man die verschiedenfarbigen Wässer nebeneinander sieht wie bei Donau, Inn und Ilz, und die Aussicht ist natürlich wieder atemberaubend.“

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Knut Krohn schreibt: „Das Kloster Dschwari ist ein georgisch-orthodoxes Kloster aus dem 6. Jahrhundert nahe Mzcheta. Der Name wird mit Kreuzkloster übersetzt. 1996 wurde Dschwari zusammen mit anderen Monumenten von Mzcheta in die Weltkulturerbe-Liste der UNESCO aufgenommen.“

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Matthias Warkus schreibt: „Wir kommen in eine kleine, halbdunkle, über 1400 Jahre alte Kirche, am Eingang verkauft ein Mönch Opferkerzen in unterschiedlichen Preisklassen; ein paar Frauen singen im Hintergrund wunderschön und sauber mehrstimmige orthodoxe Gesänge, ein Geistlicher und ein Lektor psalmodieren dazu vor sich hin, Weihrauch, Bienenwachs, sich bekreuzigend geht ein unablässiger Strom jeder Art von Menschen ein und aus.“

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Gelernt, auf der Reise? Dass Fragen wie „Ist es hier friedlich?“, „Ist es hier liberal?“, „Ist es hier aufgeklärt?“ nichts bringen – wenn Befragter und Befragender verschiedene Parameter, Messlatten nutzen. „Kommen deine Eltern mit deiner Homosexualität gut klar?“ – „Klar! Mein Partner durfte schon mal im selben Zimmer mit mir übernachten. Das nahmen sie hin. Ansonsten haben sie einfach nie gefragt und wollen nichts davon wissen.“ (Uff!) Oder: „Religion ist wichtig, auch im Fernsehen. Aber eine Zensur o.ä. gibt es nicht!“ – „Das heißt, im TV sind z.B. Brustwarzen zu sehen?“ – „Nein, natürlich nicht!“

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Der Trescher-Verlag stellte uns einen aktuellen Reiseführer zur Verfügung: mit exzellenten Texten, aus denen ich viel lernte. Das Bildmaterial und die Gestaltung dagegen fand ich drittklassig, für ein Buch, überarbeite 2018: Zuletzt las und kaufte ich ca. 2001 Reiseführer. Hat sie seitdem ästhetisch nichts getan?

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Ich reise nicht in Länder, in denen Homosexualität kriminalisiert wird. Las vor der Georgien-Reise den Wikipedia-Eintrag „LGBT Rights in Georgia“ und dachte: „Das klingt weitgehend progressiv – bis auf die Verfassungsänderung 2018, Ehe als Bund zwischen Mann und Frau zu definieren.“

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Aber: „According to a 2011 survey, almost nine in 10 Georgians who responded said homosexuality could never be justified. […] More than 30 violent attacks on LGBT people, including the deadly stabbing of a trans woman, were recorded in 2016, according to advocacy groups.“

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Auch mein Trescher-Reiseführer verstört mich: „Verhaltenstipps. Ein Sprichwort lautet: Gehst du in ein fremdes Kloster, vergiss das Statut deines eigenen. Die Georgier sind in der Regel gastfreundlich, Fremden gegenüber aufgeschlossen, hilfsbereit, gesellig, oft herzlich und tolerant. Religiöse Werte nehmen im Weltbild der meisten Menschen einen wichtigen Platz ein. Die im ‚Westen‘ geführten Diskussionen um Abtreibungen, gleichgeschlechtliche Lebensformen, genderpolitische Fragen etc. stoßen bei der Mehrheit der Bevölkerung auf wenig Verständnis oder Abneigung. Die meisten Menschen haben andere Sorgen [krass homophober Satz: Minderheitenrechte sind Menschenrechte, kein Luxusproblem!] und sind vor allem mit dem täglichen Überleben beschäftigt. […] Gleichgeschlechtliche Paare, die gemeinsam Georgien besuchen, sollten überlegen, inwieweit sie ihre Zuneigung in der Öffentlichkeit zeigen.“

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Nichts für mich: „Tschurtschchela, bei der man Haselnuss- oder Walnusskerne auf eine Leine bindet und diese so lange in Traubensaft taucht, der mit Mais- und Weizenmehl angedickt ist, bis sich eine dünne Schicht über die Nüsse gelegt hat.“ [Wikipedia] Ich rechnete mit karamell- oder hariboartigem Geschmack; doch der gelierte Traubensaft schmeckt wächsern, mehlig, kaum süß.

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Chinkali (Wikipedia): „…werden von Hand gegessen. Dabei greift man zur Spitze der Teigtasche (georgisch kudi „Hut“), die kühler ist als der Inhalt. Man beißt etwas Teig ab und trinkt den Saft aus der Tasche, dann isst man den Rest. Weil die Spitze hart ist, wird sie nicht mitgegessen, sondern zur Seite gelegt. Am Ende der Mahlzeit kann gezählt werden, wie viele Teigtaschen jeder Esser geschafft hat.“

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Oben auf dem Berg: Ninos „Kreuzkirche“, das Dschwari-Kloster (Link). Hier unten im Tal: Die Swetizchoweli-Kathedrale (Link). Viel Tourismus, viel Frömmelei. Ein recht trostloser Ort. 

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Knut Krohn schreibt: „Die Innenstadt lebt von den Touristen, die jedes Jahr zu hunderttausenden in den Ort strömen. Für viele Millionen Euro wurde die Stadt aufwändig renoviert. Vom ursprünglichen Flair ist allerdings kaum mehr etwas gebliegen. Die kleinen Geschäfte verkaufen vor allem den üblichen Nippes an die Touristen.“

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Frühchristliche Wandmalereien? Selbstbezogenes Endlos-Gerede über Proto-Georgier im Nationalmuseum? Ballett? Die Reise war großartig organisiert. Und ich verstehe, dass ein Land seine Kulturschätze und Geschichte zeigen will. Doch sollte ich je wieder auf solche Reisen geladen werden, wünsche ich mir noch mehr Gegenwart, Literatur und Literaturbetrieb, Verlage. Lieber fünf georgische Journalist*innen treffen, als in einem Kloster zu stehen, bei dem ich… keinen Bezug zur aktuellen Literatur des Landes sehe.

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Interessanter als die Kathedrale: Unserer Reiseleiterin zuhören zu dürfen, während sie erzählt, wie sie den Krieg 2008 erlebte. Als junge Mutter in der Wohnung saß, während Tiflis von Russland beschossen wurde.

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My-Travelworld schreibt: „Ansonsten herrscht in Mtskheta wirklich ein richtig ruhiges Kleinstadtflair. Obwohl der Ausflug in eigentlich jedem Reiseführer und Gespräch über Tiflis empfohlen wird, empfand ich das kleine Städtchen nicht wirklich als Highlight.“

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Matthias Warkus schreibt: „Die Stadt Mzcheta hat etwas von Rüdesheim und von Altötting, ein paar Gassen, die nur aus Souvenirständen bestehen, und in der Mitte eine wieder einmal uralte Kirche, die Kathedrale, in der die Könige der Bagratiden-Dynastie begraben liegen. Wieder Wachskerzen, Kopftücher, Fresken, mit dem iPad filmende Fernsehjournalisten. Auf dem Weg zum Essen gehen wir an gepanzerten Fahrzeugen der georgischen Armee vorbei, beklettert von Kindern, es ist Unabhängigkeitstag.“

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Teures Restaurant, sehr gutes Essen, absurdes und neureiches Ambiente. Ich liebe das Wort „poshlost“, mit dem Nabokov solchen Kitsch beschreibt.

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Gujari heißt das Restaurant. Absurde Fotos von Hochzeiten, Empfängen usw. auf der Facebook-Seite (Link).

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Matthias Warkus schreibt: „Das Restaurant in Mzcheta, in dem wir zu Mittag essen, hat den Charakter einer Jagdlodge in einem Luxusresort, ein mit Trinkhörnern und alten Waffen dekorierter neo-folkloristischer Bau in einem Garten aus englischem Rasen und Steinskulpturen, der ein wenig wie eine Parzelle der Bestatterbranche bei einer Landesgartenschau aussieht. Hier gibt es im Zuge eines wieder brachial üppigen Menüs auch das andere Nationalgericht, Chinkali, Teigtaschen, aus denen man der Tradition zufolge die Brühe zuzeln muss, so dass es nicht tropft.“

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Matthias Warkus schreibt: „Abendessen gibt es in einer Art Chalet über der Stadt. Diesmal gibt es Amphorenwein, scheint mir, die orange Flüssigkeit steht in großen Kannen auf dem Tisch wie auch der Rotwein, der Wein schmeckt harzig und herb, aber er ist so gefährlich süffig wie die anderen Weine, die wir hier zum Essen bekommen haben. Das Huhn schwimmt im Knoblauch, es gibt Käse-Bohnen-Fladen in Filoteig, zu allem Tkemali, eine Sauce aus Alycha, unreifen Kirschpflaumen (das Nationalobst, natürlich; die InstagrammerInnen unter uns sind sich einig, man könnte die Dinger dort problemlos als den neuen Detox- oder Irgendwas-Trend verkaufen und damit groß machen).“

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Zum Georgischen Unabhängigkeitstag standen drei Panzer (und eine Hüpfburg) auf der Straße ins nächste Dorf. Kinder kletterten auf den Panzern umher, und auf X.s „DAS wäre Deutschland dann doch zu viel.“ lachte Y.: „Geh mal zum Tag der Bundeswehr. Das sieht genau so aus.“ #nationalismus #hurrapatriotismus #überalldeprimierend

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Essen am letzten Abend: bei Rachis Urbani, hoch im Wald über Tiflis.

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Am Samstag will ich noch einmal zu den Schwefelbädern, und gehe quer durch die Stadt: Ich sehe die Feierlichkeiten zum georgischen Unabhängigkeitstag. Viel Musik und Bühnen (ein creepy Knabenchor singt ‚Hey Jude‘), alle 200 Meter Kinderschminken, viele Spider-Man- und Peppa-Woods-Ballons. Viele Georgien-Flaggen, aber wenig Militarismus.

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Seit 1991 sind fast eine Million Menschen aus Georgien ausgewandert. Ein Fünftel der Bevölkerung.

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Ich sagte einem meiner Redakteure, dass ich nach Georgien reise. „Alle anderen auch“, lachte er: Es scheint sehr viele Pressereisen zu geben, bis Oktober 2018. Ich mag, dass sich das Georgian Book Office bemüht, diese Reisen möglichst unterschiedlich zu gestalten: Jede Gruppe trifft ganz andere Schriftsteller*innen. Die Gefahr, dass Deutsche am Ende alle die selben Interviews führen und identische Artikel schreiben, scheint mir klein. Trotzdem frage ich mich vier Tage lang: Wen und was verpasse, übersehe ich gerade?

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Menschen, die von ihrem Urlaub erzählen, frage ich meist: „Würdest du noch mal hinreisen?“ Ich würde sofort ein zweites Mal nach Tiflis (nur in die Stadt: Kloster, Berge, Natur etc. sind mir egal). Und dann auch: die weiteren kleinen Buchhandlungen sehen, entdecken (Link zu einer Liste mit Tipps).

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Matthias Warkus bilanziert: „Man kann das sehr einfach nehmen. Die Küche (Georgiens Nationalgericht ist übrigens ein Salat, erstaunlich), der Wein, die Kirche, die Gebirgslandschaft, die Schwefelquellen und die Landesgeschichte greifen ineinander, wir sind hier fromme Orthodoxe, langlebige Salatesser und fröhliche Weintrinker, die Frauen schön, die Männer mutig, all das seit Jahrtausenden hier zuhause, vielfach erobert, nie ausgelöscht. Ich muss daran denken, dass ein Außenstehender mit genügend unscharfem Blick vielleicht Baden, Ostthüringen oder Oberbayern genauso sehen könnte. Auf der anderen Seite sind da Übergriffe auf LBGTQ*-Personen und religiöse Minderheiten, die traumatische Erfahrung des Zusammenbruchs nach 1991, als es plötzlich keine Arbeit, keine Heizung und keinen Strom mehr gab, die Kriege (»fünf Kriege in zwanzig Jahren«, sagte uns jemand), die Oligarchen, der klare Wille zu Modernität und zu Befreiung in der jungen Literatur,“

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Gesperrte Straße zum Unabhängigkeitstag. Tiflis ist sehr fußgängerfreundlich – aber hat so viele Steigungen, Schwellen etc., dass Rollstuhl-Nutzer*innen große Schwierigkeiten haben.

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Wir sind mit Shuttle-Bussen unterwegs, alle vier Tage: Die Metro (nur zwei Linien, kompakt und billig) wird empfohlen – ich selbst benutzte sie nie.

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Überall in touristischen Ecken: frische Erdbeeren und andere Früchte, die als Saft, geeist, geeist und püriert usw. verkauft werden. Überteuert – wurden wir gewarnt. Erdbeeren gab es auch am Ende *jeder* Mahlzeit, die man uns servierte: aromatisch, geschmacksintensiv, doch tiefst dunkelrot und weich.

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Freundlicher, unspektakulärer Pflanzenmarkt am Unabhängigkeitstag: besonderes Event? Oder feste Institution in der Altstadt?.

Die zehn aktuellsten georgischen Filme mit guten Kritiken?

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Die nächsten Ehrengäste auf der Frankfurter Buchmesse:

  • 2019: Norwegen
  • 2020: Kanada (yeah! ich war fünf Jahre lang in Toronto, drei Monate im Jahr.)
  • 2021: Spanien
  • 2022: Slowenien
  • 2023: Italien

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Die deutschsprachigen Buchblogs mit der größten Osteuropa-Kompetenz:

  • Muromez (Ilja Regier)
  • Read-Ost (Georgierin Irine Beridze und Annika Grützner)

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Das georgische Alphabet ist auch Zentrum und Leitmotiv des Buchmesse-Auftritts und des Claims „Georgia made by Characters“ [= Schriftzeichen]. Wikipedia: “ Von heutigen Wissenschaftlern wird angenommen, dass sich das georgische Alphabet zu Beginn des 5. Jahrhunderts unter griechischem Einfluss aus der aramäischen Schrift weiterentwickelte.“ TV Tropes: „Georgian uses a different alphabet from Russian and a VERY different language. It is (as far as we know) completely unrelated to any of the major language families, instead being part of a „South Caucasian“ family more or less consisting of itself and a couple of close relatives.“

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Straßenhunde und -Katzen? Überall in der Stadt. Sind sie geimpft und kastriert, tragen Hunde einen Knopf im Ohr. Trotzdem gibt, laut diesem Link, nirgendwo mehr tollwütige Hunde als in Georgien.

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Die Hunde haben Flöhe – doch sind recht freundlich. Lucia Höllemann schreibt: „Straßenhunde sieht man in fast allen Städten, aber besonders penetrant fiel es uns in Kutaisi auf, zum Glück sind die meisten dieser Hunde eher friedlich und verhalten sich dem Menschen gegenüber nicht aggresiv. Vor allem in Mestia und Ushguli haben wir sehr viele freundliche Hunde getroffen, die einen gerne auf einem Spaziergang begleiten und einen fast nicht mehr alleine nach Hause lassen!“

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Karla Paul schreibt: „Mehr als die Literatur selbst haben mich die Menschen beeindruckt, die dahinter stehen und trotz bis heute andauernden politischen und gesellschaftlichen Schwierigkeiten an ihre Worte und die darin versteckte Botschaft als Teil der Lösung glauben – für sich selbst, aber auch diejenigen, die sie lesen und täglich leben. Für die Bücher ein wichtiges Transportmittel sind und ihr Weg, Euch die Geschichte ihres Landes zu erzählen. In den kommenden Wochen wird noch viel schriftliche Nacharbeit folgen, Berichte, Interviews und Buchempfehlungen.“

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Ich genoss die Tage sehr. Ich war noch nie östlicher als Berlin – und bin erleichtert, wie wohl ich mich in Tiflis fühlte und, dass Osteuropa / Vorderasien für mich jetzt attraktiver, denkbarer, naher sind als zuvor. Sympathische Gruppe, kluge Begegnungen, und mehr Input in 4 Tagen als sonst oft in zwei Wochen – gern wieder!

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Wer lud mich ein, zu Live-Blogs und Berichterstattung?


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Die Teilnehmenden unserer Blogger-/Influencer-Gruppe:

Angie Martiens_„Litaffin“

Alexandra Stiller_„Bücherkaffee“ | Instagram

Karla Paul_„Buchkolumne“ | Instagram

Florian Valerius_„Literarischer Nerd“ | Instagram

Annabelle Stehl_„Stehlblüten“ | Instagram | Youtube

Matthias Warkus_„54books“ | Twitter

…und ich selbst: Stefan Mesch (Bio) | Twitter | Instagram

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Angie Martins‘ Foto-Blogpost zu unserer Reise:

Der Charme des abblätternden Lacks. Eine (Bilder-)Reise durch Tbilisi

Annabelle Stehls 20-Minuten-Vlog über unsere Reise, auf Youtube:
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Georgia made by Characters: Pressereise / Influencer-Reise nach Tiflis, für die Frankfurter Buchmesse 2018 #fbm18

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Hier kommt der „kleine“, persönlichere Blogpost zur Reise.

Der faktensatte, ausführlichere ist hier (Link).

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Georgien ist 2018 Gastland / Ehrengast der Frankfurter Buchmesse.

Das Georgian Book Office, die Buchmesse Frankfurt und die Agentur 2508 luden ca. 10 (Print- und TV-) Journalist*innen, Literaturkritiker*innen sowie sieben Blogger*innen / „Influencer“ zu einer viertägigen Reise nach Tiflis / Tbilisi:

23. bis 27. Mai 2018.

2016 wurde ich auf eine Pressereise durch Flandern und die Niederlande (damals: Ehrengastregion der #fmb16) eingeladen – doch konnte nicht mit, wegen Deadlines und Verpflichtungen.

Mir für Georgien Zeit zu nehmen, war eine der besten Entscheidungen seit Monaten: Die Reise war schnell, eng getaktet. Ich verbrachte selten *so* intensive Tage, in einer *so* freundlichen, professionellen, mitreißenden Atmosphäre. Viel gesehen, viel gelernt, irrsinnig viel gesprochen, fotografiert, interagiert.

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Bis zur Buchmesse im Oktober werde ich georgische Literatur sichten, sortieren und, falls Redakteur*innen anbeißen, sicher auch besprechen und kritisieren, z.B. für Deutschlandfunk Kultur, vielleicht auch Spiegel Online oder im Freitag.

Ein längerer Blogpost mit konkreten Texten, Informationen, Links, Details zur Reise braucht noch einige Tage Zeit: Ich werde ca. Montag länger bloggen.

Bis dahin empfehle ich die vier Blogposts von Matthias Warkus bei 54books [Text 1, Text 2, Text 3, Text 4] und die Instagram-Stories von @buchkolumne Karla Paul.

Heute, hier im Blog: Fotos, die Atmosphäre, Stimmung unserer Tage in Tiflis gut vermitteln; gegen Ende auch Gruppenbilder der Mitreisenden.

Mein „richtiger“, faktensatter Text zur Reise: online in ca. 5 Tagen.

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Die Teilnehmenden unserer Blogger-/Influencer-Gruppe:

Angie Martiens_„Litaffin“

Alexandra Stiller_„Bücherkaffee“ | Instagram

Karla Paul_„Buchkolumne“ | Instagram

Florian Valerius_„Literarischer Nerd“ | Instagram

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…und ich selbst: Stefan Mesch (Bio) | Twitter | Instagram

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kurz notiert: Christian Krachts Poetik-Vorlesungen und „Text + Kritik“

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Wenn ich im Radio spreche, schicke ich Moderator / Moderatorin und der Redaktion meist vorbereitend einen Leitfaden:

Die wichtigsten Links, Stichpunkte, Gedanken und Fragen, die ich bei der Recherche eines Themas fand.

Manchmal sind die Leitfäden knapp. Doch meist sind sie so lang und ausführlich, dass ich sie, mit ein paar Bildern etc., als öffentlichen Blogpost teile.

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Am Mittwoch war ich Gast beim Abendmagazin „Fazit“ (Deutschlandfunk Kultur), und sprach über Christian Kracht.

Am Freitag war ich Gast bei „Kulturzeit“ (3Sat), weil eine Redakteurin mein „Fazit“-Gespräch gehört hatte und gut fand.

In beiden Fällen gab es – anders als sonst – keine wochenlange Recherche.

…und deshalb keinen ausführlichen Leitfaden.

Trotzdem teile ich heute kurz Links und Notizen zum Thema:

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Seit 1959 gibt es an der Goethe-Universität Frankfurt halbjährlich / einmal pro Semester Vorlesungsreihen, in denen je ein(e) Schriftsteller*in versucht, Wechselwirkungen von Gegenwart, Werk, Biografie etc. zu zeigen: die Frankfurter Poetik-Vorlesungen.

Ich selbst mag aus den letzten Jahren z.B. Terézia Mora und Andreas Maier (…Monika Maron war furchtbar banal).

Meist werden die Poetik-Vorlesungen auch als Buch veröffentlicht.

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Gestern – am 15. Mai – hielt Christian Kracht die erste von drei Vorlesungen.

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Er sprach davon, dass Klaus Theweleit in „Männerfantasien“ fragt, wie der Faschismus Männer in ihrem Selbstbild und Auftreten verformt hat, und zieht Parallelen zum eigenen Werk – das sich meist um sehr grausame, sehr ahnungslose, privilegierte, ästhetisierende Boys / Bubis dreht:

„Ausformungen der menschlichen Erniedrigung, und dann ein gewisser Ästhetizismus“

„Der Akt des Schreibens selbst, die Gewalt, die Erniedrigung, die Grausamkeit, der körperliche Ekel und die fetischisierte, oft verlagerte männliche Sexualität sind Topoi meiner Arbeit, deren ich mir erst jetzt bewusst werde, die aber sozusagen mit der ersten Zeile von ‚Faserland‘ alles bestimmt haben.“

Die FAZ paraphrasiert Kracht: „Auch er selbst weise Eigenschaften auf, die Klaus Theweleit am faschistischen Mann entdeckt habe: hochfunktional, gesichert durch seelische und körperliche Panzer, erworben durch Disziplin.“

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Der Schweizer Autor, geboren 1966, debütierte 1995 mit „Faserland“ – einem satirischen Roman im Stil von Bret Easton Ellis, in dem ein verwöhnter Ex-Internatsschüler von Sylt bis Zürich reist und dabei a) seine eigenen Defizite und seine Wut darüber, dass ein Freund nichts von ihm will, kaum selbst versteht oder ausdrücken kann und b) eine Art… Schneise der Verwüstung schlägt: aus Hochmut, Langeweile, sozialer Kälte, Dekadenz, Unreife/Armseligkeit/Verdrängung etc.

Fast alle Kracht-Romane haben *irrsinnig* selbstbezogene, tragikomische Figuren, die ihre Privilegien nicht sehen. In „1979“, meinem Lieblings-Kracht-Roman, wird ein schnöseliger schwuler Kunstsammler in ein chinesisches Arbeitslager eingeliefert, ernährt sich nur noch von Maden, die er auf menschlichem Stuhlgang züchtet und sagt: „Na ja – andererseits ist das auch eine Chance, endlich seriously abzunehmen.“

Mit diesem zynischen Tonfall etc. nahm Kracht schon 2001 viel der Menschenfeindlichkeit vorweg, die Lifestyle-Welten heute… oft nah ans Totalitäre rückt: ein Gulag und Instagram, bei Kracht ist das kein sehr weiter Weg.

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Ende 2017 sollte Prince Andrew ein Taufbecken stiften im Namen eines 2009 verstorbenen kanadischen Paters, Keith Gleed: Gleed war Kaplan an einem Internat/College in Ontario. Doch über 30 Ex-Schüler meldeten sich und gaben an, von Gleed sexuell misshandelt worden zu sein.

Erst durch diese Meldung wurde Christian Kracht, der Ende der 70er Jahre das Internat – Lakefield College – besuchte, klar, dass er sich eine Begegnung, in der Gleed ihn mit dem Gürtel schlug und hinter seinem Rücken masturbierte, nicht ausgedacht hatte.

Die halb-verschüttete Erinnerung floss in verschiedene Romane ein, z.B. in „Imperium“.

Die FAZ fragt: „Was bestimmt das Denken und Schreiben von Christian Kracht?“ Ich finde es verkürzt und boulevardesk, zu titeln, als „bestimme“ dieser Missbrauch, über den Kracht gestern erstmals sprach, „das Denken und Schreiben von Christian Kracht“.

Andererseits aber ist die Frankfurter Poetikdozentur genau DER Rahmen, in dem Autor*innen erzählen, was ihr Denken und Schreiben bestimmt.

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Für Kracht ist diese Wortmeldung besonders ungewöhnlich, weil…

a) er, wie Christoph Schröder bei ZEIT Online schreibt „Der Mann [ist], der bei seinen raren Lesungsauftritten geradezu panisch darauf bedacht ist, dass ihm kein Zuhörer eine Frage stellen darf.““

b) seine Romane und besonders die Reportagen mit Biografismen, Autofiktion spielen.

c) ganz lange z.B. Krachs Wikipedia-Foto ein Bild war, das OFFENSICHTLICH ein Selfie war – doch als dessen Fotograf ein „Anthony Shouan-Shawn“ angegeben war, ein „bekannter Industriedesigner“, dessen [inzwischen gelöschte] Website aber ebenfalls wie eine Kracht-Inszenierung wirkt: Gibt es diesen Menschen?

Als Kracht dann d) die Regisseurin Frauke Finsterwalder heiratete, war mein erster Gedanke: „Frauke Finsterwalder? Ist das WIEDER eine Kracht-Kunstfigur?“

Die Artikel um Krachts Vorlesung sind misstrauisch und fragen sich, wie immer bei Kracht, wie wir als Leser*innen der Romane mit dieser neuen Information umgehen sollten:

_die Welt schreibt: „Geständnis“, „Kracht beginnt mit einem furchtbaren Geständnis“ #täteropferumkehr

_Spiegel Online: „Die Ruhe, mit der Kracht diese Sätze vorträgt. Ausgerechnet er. Angestarrt wird er. Wie muss das aussehen für ihn, all diese fremden Augen?“ [uff. und was heißt „ausgerechnet er“.]

_Spiegel Online: „…was bedeutet das für ihn als Autor und somit für die Interpretation seines Werkes?“

ich erinnere mich, dass wir im Studium (Kreatives Schreiben, Hildesheim, 2003 bis 2008) immer wieder über Kracht sprachen als jemand, der es geschafft hat, eine Persona zu etablieren:

Was ist seine Masche? Wie funktioniert diese Masche, was ist an ihr so faszinierend? der ironische Dandy, der von FDP-Bubis geliebt wird UND von allen, die FDP-Bubis verachten etc.

Als Mitherausgeber der Zeitschrift „Der Freund“ gab Kracht damals Katmandu als Redaktionssitz an, und mir ist bis heute nicht klar, ob Kracht damals in Katmandu lebte, ein paar Jahre. [Edit: Kracht schrieb auch einen Reiseführer zu Katmandu; er lebte länger in Südasien und aktuell in LA. Ich habe keinen Grund mehr, Katmandu anzuzweifeln.]

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2012 fragte sich SPIEGEL-Kritiker Georg Diez, ob Krach faschistoid ist – weil der Ich-Erzähler in „Imperium“, ein (Amateur-)Kolonialherr im deutschen Kaiserreich durchgängig, ohne Brechung rassistisch und erniedrigend etc. handelt. ich fand die Gleichsetzung von Autor und Figur völlig absurd, unsachlich, ad hominem und… peinlich für Diez.

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Ich selbst „freue“ mich sehr, wenn Christian Kracht offen oder persönlich spricht – und finde enttäuschend, wenn man bei „Ich wurde missbraucht“-Aussagen groß öffentlich fragt: „Was bezweckt er / sie damit? Warum jetzt? Ist das ein Trend, will er/sie sich interessant machen?“ etc.

Klar ist das ein… außergewöhnlicher und wichtiger Schritt:

Dass einer der verschlossensten und diskretesten Autoren der letzten 20 Jahre direkt sagt: Teile meines Schreibens lassen sich auch aus einer Missbrauchserfahrung heraus erklären, kontextualisieren.

Dahinter sofort wieder eine Masche, ein Spiel mit Erwartungen etc. zu vermuten, finde ich respektlos, boulevardesk und… auch literaturwissenschaftlich KRASS fragwürdig/arm.

Ein Mann, der mir persönlich als Autorenpersona oft viel zu weit weg, viel zu distanziert, viel zu vage blieb, macht diese Autorenpersona bewusst und absichtlich greifbarer, verletzlicher, menschlicher. Ich selbst möchte mich für diesen Schritt am liebsten bedanken.

Auch, weil ich z.B. unerträglich fand, dass Kracht DIE Galionsfigur für „anspruchsvolle schwule deutschsprachige Gegenwartsliteratur“ war seit 1995 – und ich mich immer fragte: Ein Autor, mit einer Frau verheiratet, der kaum über sich selbst spricht, lässt Ich-Erzähler, die ihr eigenes schwules Begehren meist verdrängen, ungeschickt und armselig durch die Welt holpern. DAS ist das „beste“ „schwulste“, das wir als Kultur haben?

Und: ein Autor, der nicht auf Twitter ist, keinen Blog hat, kaum sichtbar ist als öffentliche Person [Edit: Krachts Instagram-Account ist einen Blick wert!], schreibt über Pop, Gegenwart, Jetztzeitigkeit – doch nimmt eben kaum an öffentlichen Debatten teil? Bleibt so vage, dass Leute wie Diez sich ernsthaft fragen können: „Ist das ein Rechter, der den Kolonialismus liebt?“

Ich habe KEINE Ahnung, wer Christian Kracht – als Mensch – ist. Doch ich bin froh und dankbar, dass er mit diesen Vorlesungen konkreter, sichtbarer wird.

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Kracht authentisch

Inszeniert sich Kracht? Gutes Essay von Thomas Wegmann, in „Text & Kritik: Christian Kracht“

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Statement von mir, transkribiert:

„Christian Kracht war bisher nie jemand, der sich eingemischt hat, oder der Position bezogen hat, und dass so jemand, nachdem wir 20 Jahre lang diese Bücher oft sehr einseitig, in Schwarz und Weiß gelesen haben, ausgerechnet bei der Poetikdozentur, also dem Ort, wo literaturkritisch noch mal alles in ein neues Licht gerückt werden kann, sagt, ‚Leute, ich möchte euch etwas sagen und ich sage das auch, damit ihr meine Romane anders lest, damit ihr die in einem anderen Licht seht‘, ich finde schon, dass das die ganze Rezeption verändert, und ich bin ein bisschen froh drum, weil wir jetzt 20 Jahre lang doch eher auf der Stelle traten.“

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Es gibt mehrere Texte, die ich empfehle:

„Der Autor will seinen Interpreten, den Journalisten, Literaturkritikern und -wissenschaftlern seine Texte aus der Hand nehmen. Genug habe er von den ständigen Zuschreibungen, vom Popliteratur-Schmäh, den unzähligen Dandy- und Camp–Analysen. Seine Poetikvorlesung steht ganz im Zeichen der Wiederaneignung des eigenen Werkes. Nur konsequent erscheint so, dass Kracht zum Abschluss seines Vortrags die letzten Seiten aus Faserland vorlas, als wollte er dem Publikum vorführen, dass kein Text mehr derselbe sein wird nach diesem Abend. Eine werkbiographische Zäsur ist markiert. Ab sofort gibt es eine prä- und eine post-Frankfurt-Lesart Christian Krachts. Obwohl der Autor jeder offiziellen Video- und Ton-Aufzeichnung widersprochen hatte und sich zu einer Publikation der Vorlesungen bislang nicht geäußert hat, wird seine Biographie in Zukunft unzählige Kracht-Lektüren prägen. Vor biographistischen Lesarten, die Krachts Texte beflissentlich nach Traumaspuren absuchen, graust uns bereits. Wie die Literaturwissenschaft allerdings mit Krachts biographischer Entblößung umgehen wird, ist mit Spannung zu erwarten.“

…schreiben Miriam Zeh und Kevin Kempke bei „Merkur“

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Literaturwissenschaftlerin Lena Vöcklinghaus postet einen wichtigen, öffentlichen Facebook-Kommentar über Privilegien und Sichtbarkeit:

„Vor zwei Tagen saß ich in einem Hörsaal der Goethe Universität in Frankfurt am Main und habe Christian Kracht dabei zugehört, wie er vor rund neunhundert Menschen einen erlittenen sexuellen Missbrauch und seine Folgen beschrieb. Er beschrieb, wie er in den letzten Monaten verstanden hatte, dass der Missbrauch und das ständige Anzweifeln der Erinnerungen seine Entwicklung und auch sein Schreiben in großem Maße beeinflussten. Die Finesse, die Kraft und der restliche Inhalt dieses Vortrags wurden an vielen Stellen sehr schön beschrieben. Ich weiß, das weil ich seit Dienstag die Berichterstattung gebannt verfolge. Ich hatte Angst vor den Artikeln, die entstehen würden, und ich bin dankbar, dass sie zwar den offensichtlichen Aufhänger ausschlachten, aber das auf so eine behutsame Art und Weise tun. Sie loben zu Recht, was an dem Vortrag literarisch und in Bezug auf Krachts Poetik beeindruckend und bewegend war. Aber noch fehlt mir eine Dimension in den Berichten. Sie fehlt wahrscheinlich, weil sie wenig mit Kracht selbst zu tun hat, wenig mit seinem Vortrag und überhaupt nichts mit seiner Literatur; und weil sie für eine ganz andere Zielgruppe wichtig ist als für die Leserinnen und Leser, Literaturwissenschaftlerinnen und Literaturwissenschaftler, die sich ab jetzt mit dieser Vorlesung auseinandersetzen werden.

Kracht hat ein Tabu gebrochen. Er hat eine Geschichte, die zuhauf erzählt wird, weil sie zuhauf stattfindet, an einen Ort getragen, an dem sie so noch nie erzählt wurde. Er hat die Verletzung, die bei ihm zurückblieb, als ein vertrauter Erwachsener ihn missbrauchte und niemand ihm glaubte, und das späte, viel zu späte Verstehen dieser Verletzung in die Worte des Kanons (Walter Benjamins, seine eigenen) gefasst. Er erzählte eine Geschichte, für die es Ratgeberliteratur gibt, die verschämt im Versandhandel bestellt wird, für die es therapeutische Angebote gibt, die unauffällige Namen und Türschilder tragen, und für die es einige wenige gute und viele kitschig-verklärende fiktionale Selbthilfekrücken gibt. Eine Geschichte also, die überall sonst außer in der Hochkultur zuhause ist. Er erzählte sie Professorinnen und Professoren, dem Dekan der Universität, Geldgeberinnen und Geldgebern der Poetikdozentur, Studierenden und der Presse. Er konnte sich sicher sein, dass einige die Erlebnisse, von denen er berichtet, nur allzu gut kennen. Er konnte sich aber genauso sicher sein, dass die wenigsten in diesen Räumen die Freiheit haben, über solche Erlebnisse offen, gar öffentlich zu sprechen.

Kracht konnte das tun, weil Kracht Kracht ist. Weil Kracht die Sprachmacht besitzt, die Effekte einer solchen Schilderung durch seine Wortwahl weitestgehend zu gestalten. Weil Kracht dieses Werk hat, längst fest im Kanon der Gegenwartsliteratur sitzt, weil Kracht es sich leisten kann, sich dem öffentlichen Interesse zu entziehen, und trotzdem verkauft wird, gebucht wird, geehrt wird. Aber dass Kracht seine privilegierte Stellung nutzt, um öffentlich den eigenen Missbrauch zu erzählen, ist nicht selbstverständlich. Selbst Kracht, sogar Kracht geht mit einer solchen Schilderung ein Risiko ein. Es war so still im Saal während der Vorlesung, weil der Vortrag so gut gemacht war. Aber es war auch so still, weil Kracht etwas riskiert hat. Nicht literarisch, diesmal. Aber menschlich.

Kracht hat an dem denkbar unwahrscheinlichsten Ort auf denkbar unwahrscheinlichste Art #metoo gesagt. Er hat dann noch ein bisschen aus Faserland gelesen, als sanften Ausklang der Vorlesung, sich dann bedankt und ganz kurz in den Applaus hinein verbeugt. Es gab Standig Ovations, einige sogar von Trägern wichtiger Funktionen in Frankfurt. Kracht war da längst wieder an seinem Platz und hat in seiner Tasche gekramt, ich bezweifle, dass er sie gesehen hat. Aber ich bereue trotzdem, nicht aufgestanden zu sein. Ich habe heute Morgen tatsächlich überlegt, den ersten Leserinnenbrief meines Lebens ausgerechnet an Christian Kracht zu schreiben. Jetzt habe ich stattdessen diesen Post geschrieben, weil ich nicht aufhören kann, dankbar zu sein. Ich bin diesen Menschen um ihre Standing Ovations dankbar. Ich bin den Journalistinnen und Journalisten um ihre behutsamen Berichterstattungen dankbar. Aber vor allem bin ich Christian Kracht dankbar, seine Position auf diese Weise genutzt zu haben.

Annie Ernaux schreibt: „Zu jedem Moment gibt es neben dem, was als normal gilt, all das worüber die Gesellschaft Schweigen bewahrt und so all jene, die diese Dinge empfinden, sie aber nicht benennen können, zu Einsamkeit und Unglück verdammt. Eines Tages wird das Schweigen dann gebrochen, ganz plötzlich oder allmählich, endlich bekommen die Gefühle einen Namen, endlich werden sie anerkannt, während darunter neues Schweigen entsteht.“

Dienstag war für mich einer dieser Tage. Danke, Christian Kracht.“

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Ist es ein Versuch, sich und sein Werk zu erklären?

Mit dieser Annahme wäre ich vorsichtig. In der Berichterstattung geht unter, dass er mit dem Bekenntnis nicht die ganze Vorlesung ausgefüllt hat. Das war nur ein Moment, aber sicherlich ein Schockmoment.

Es war der Anfang der Vorlesung. Kracht ist damit eingestiegen.

Genau. Aber er selbst hat es nicht als Skandal präsentiert. Er hat es im Grunde als einen Baustein in der Genese seiner Existenz als Schriftsteller präsentiert.

Er erzählt von einer Erinnerung, von der er lange geglaubt hat, es wäre eine falsche Erinnerung oder bloss eine Erzählung, die ihm jetzt als Wahrheit erscheint. Kracht ist jemand, der sehr gut weiss, wie man auch etwas so Furchtbares erzählt. Doch selbst da schimmert durch, dass er sich durch die Worte vor diesen Ereignissen schützt.

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Miriam Zeh und Kevin Kempke, als Besucher*innen der Vorlesung:

„Mit der Handreichung dieser Fülle von Referenzen wird Krachts Poetikvorlesung bei allem Eingeständnis von Verletztlichkeit und Schwäche auch eine Geste der Souveränität. Der Autor will seinen Interpreten, den Journalisten, Literaturkritikern und -wissenschaftlern seine Texte aus der Hand nehmen. Genug habe er von den ständigen Zuschreibungen, vom Popliteratur-Schmäh, den unzähligen Dandy- und Camp–Analysen. Seine Poetikvorlesung steht ganz im Zeichen der Wiederaneignung des eigenen Werkes. Nur konsequent erscheint so, dass Kracht zum Abschluss seines Vortrags die letzten Seiten aus Faserlandvorlas, als wollte er dem Publikum vorführen, dass kein Text mehr derselbe sein wird nach diesem Abend. Eine werkbiographische Zäsur ist markiert. Ab sofort gibt es eine prä- und eine post-Frankfurt-Lesart Christian Krachts.“

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ein unangenehm süffisanter Text über die zweite Vorlesung (taz, Arno Frank):

„Licht ins Dunkel sollte die zweite Vorlesung bringen. So richtig brechend voll, mit Leuten im Schneidersitz auf den Gängen und Zuspätgekommenen an den Wänden, so richtig brechend voll ist es nicht – und doch ist das auf 1.200 Plätze ausgelegte Audimax am Campus Westend beinahe voll ausgelastet. In den vorderen Reihen hat sich geschlossen das Feuilleton der Republik versammelt, dazu Prominenz aus dem Verlagswesen, man kennt sich, grüßt familiär. Ist gespannt. Wird er den Bluff auflösen? Die Erzählung weiterspinnen?“

Warum steht hier „Bluff“?

Heißt das: Frank (…und all die Leute, denen Frank unterstellt, dass sie alle wegen dieser „Bluff“-Frage gekommen sind?“), warten darauf, dass Kracht sagt, der Missbrauch sei ein Bluff?

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Zur Vorbereitung der Gespräche….

  • …sah ich „Finsterworld“ von Frauke Finsterwalder (Drehbuch: Christian Kracht) und war angetan. Ein unerwartet optimistischer, abwechslungsreicher, charmanter Episodenfilm, bei dem ich a) an die Serie „Fargo“ denken musste und b) an den tollen Comic „Ghost World“, den eine der Figuren liest. Wer Kracht nicht kennt und einen mühelosen, schwungvollen Einstieg in seine Themen sucht: Empfehlung!

    [irritierend nur, dass es schon *wieder* ums Essen von Körperteilen ging.]

  • …ließ ich mir die E-Book-Version des hundertseitigen „Text + Kritik“-Bandes über Christian Kracht von 2017 schicken. Der Band ist recht teuer und ein Tick zu kurz (gern noch vier, fünf weitere Beiträge; v.a. auch mehr Texte von Frauen!) Doch kein einziger Beitrag war spöttisch, eitel, verblasen, kulturpessimistisch oder schlimm-am-Thema-vorbei: zweieinhalb Stunden Lesezeit, die sehr helfen, Kracht zu kontextualisieren, zu greifen.
  • ein Problem: Dass trotz 100 Seiten Platz niemand noch einmal genauer durch Krachts Briefwechsel mit David Woodard schaut, veröffentlicht als „Five Years“. Georg Diez nimmt 2012 in seiner Kracht-ist-rechts-Attacke im Spiegel „Five Years“ als Basis, stärkste Indiziensammlung für seine Thesen. Ich habe „Five Years“ nicht gelesen und wünsche mir jemanden, der dieses Buch fachkundigt vermittelt. [Aber: Dass Kracht kein Fan des Totalitären, Faschistoiden ist, „beweist“ mir z.B. das warmherzige „Finsterworld“.]

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zum Abschluss: Passagen aus „Text + Kritik“, die ich aufbewahren und teilen will:

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Kracht schwul

Krachts Romane als „queere Literatur“? Isabelle Stauffer & Björn Weyand

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Kracht Steckdose

Steckdose?!

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Kracht Kleinschmidt

Ironie? Pop? Ein Bluff?

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Kracht 3

Thomas Wegmann zu Krachts „übercodierten“ Romanen

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Daniel Kehlmann Faserland

…und Daniel Kehlmann zu Krachts Debüt, „Faserland“

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Kulturzeit 3sat Stefan Mesch

ein Stil-Problem von Mainstream-Heldencomics…

die Batcave, gezeichnet von Greg Capullo

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„Die Bat-Höhle sieht jedes Mal anders aus.“

DC veröffentlicht gut 50 monatliche oder zweiwöchige Heftreihen. Jede Reihe hat ein, manchmal zwei oder drei Zeichner*innen.

…und jeder dieser Leute zeichnet Lois Lane eine etwas andere Frisur. Lex Luthor manchmal grüne, manchmal blaue Augen usw.

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Ich sagte das neulich meinem besten Freund.

Er war enttäuscht, dass es auch für die bekanntesten, grundlegendsten Figuren und Orte oft so viel Spielraum gibt.

So viele Widersprüche. Auch in Heften, die gleichzeitig spielen und im selben Monat erscheinen.

Ich selbst finde es nicht mehr dramatisch – doch ich lese Heldencomics seit 2008; habe mich an vieles gewöhnt.

TV Tropes: Art Shift | Art Evolution

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die Batcave, gezeichnet von Jim Lee

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Nur kurz aber – um zu zeigen, wie weit die Zeichenstile, Charakterdesigns und Handschriften auseinander gehen:

die Nebenfigur „Arcade“ aus dem Marvel-Universum, und ihre Auftritte in den letzten Jahren, in verschiedenen Heftreihen, von jeweils anderen Zeichner*innen:

Das ist *immer* die selbe Figur, und immer in der selben „Wirklichkeit“ / Continuity. All diese Geschichten passieren gleichrangig:

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Avengers Arena 16. Zeichner: Karl Moline

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Hellcat 6. Zeichnerin: Natasha Allegri

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Gwenpool 12. Zeichner: Gurihiru

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Avengers Undercover 10. Zeichner: Tigh Walker

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Avengers Arena 07. Zeichner: Allessandro Vitti

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Elektra 02. Zeichner: Juan Cabal

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America 06. Zeichner: Juan Villalobos

Frauen im Science-Fiction-Comic [Gasteintrag ‚Binge Reader‘]

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Ich bin kein Fan von „Paper Girls“: dem aktuell beliebtesten Science-Fiction-Comic in deutschsprachigen Buchblogs.

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In bisher vier Sammelbänden stranden vier zwölfjährige Schülerinnen aus Cleveland, die 1988 auf Fahrrädern Zeitungen austragen, in einem Krieg unter Zeitreisenden. Portale und Flugsaurier, Soldaten und Verschwörungen.

Ich liebe die ausdrucksstarken, schlichten Zeichnungen Cliff Chiangs. Autor Brian K. Vaughan gehört seit fast zwanzig Jahren zu den fähigsten Comic-Erzählern. Doch er schrieb auch für „Lost“ – eine Serie, die ich erst mochte, der Figuren wegen…  doch schnell zu hassen lernte, als all diese Figuren zu immer flacheren Spielsteinen wurden. Weil sie nur flüchteten, rannten, Fallen entkamen: In tausend hektisch-öden Standard-Action-Szenarios blieb kaum Raum für Dialoge, komplexer als „Wir müssen zum Frachter! Schnell!“

„Paper Girls“ ist die selbe Sorte flach-naive Schnitzeljagd: Vier Heldinnen, bei denen ich nach fast 500 Seiten noch immer nur ein, zwei Charaktereigenschaften nennen kann, sind auf mehreren Zeitebenen einzig damit beschäftigt, zu laufen, nicht getrennt zu werden und Soldaten, Monstern, Robotern zu entkommen. Ein professioneller Comic? Ja. Doch als Story um Klassen schlechter als „Stranger Things“. Die Figurentiefe? Flacher als in „My Little Pony“.

Toll, vier junge Frauen in der Hauptrolle zu sehen. Doch das geht besser, tiefer!

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Sabine Delorme bloggt als „Binge Reader“ [Buchblog, Link] und sammelt aktuell Gastbeiträge über Feminismus und Science-Fiction unter #womeninscifi

Es geht u.a. um:

Ich selbst bloggte auf „Binge Reader“ über Science-Fiction-Comics mit Frauen in der Hauptrolle (und manchmal: auch von Frauen gezeichnet und geschrieben).

Heute cross-poste ich den Eintrag noch einmal hier bei mir im Blog, mit ein paar zusätzlichen Bildern.

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Frauen in SciFi-Comics: 7 Favoriten

 

Twin Spica | in 16 Sammelbänden abgeschlossen

Text und Zeichnungen: Kou Yagunima

9781939130945Die ersten „Harry Potter“-Bände? Als alle neu in Hogwarts sind – und jeden Tag überrumpelt, überrascht werden?

„Twin Spica“ erzählt von einer Schülerin im selben Alter, die Astronautin werden will. Alltag (und viel Sense of Wonder!) in der Akademie. Eine traurige Familiengeschichte. Etwas magischer Realismus. Und die Frage, welche Ziele sich Menschen setzen, die viel verloren haben. Verlust gegen Hoffnung. Zuversicht trotz Trauma. Wer die Optik von 70er-Trickserien wie „Heidi“ mag, findet hier eine emotional komplexe, viel erwachsenere Geschichten im selben Stil. Ich las bis Band 6 von 16. Und bin fasziniert, wie harmlos ein existenzieller, reifer Comic aussehen kann.

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Dept. H | in 4 Sammelbänden abgeschlosen
Text und Zeichnungen: Matt Kindt
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Mias Vater ist Tiefseeforscher, Umweltaktivist – der Jacques Cousteau Südasiens. Mia forscht im All, nicht unter Wasser. Bis ihr Vater an Bord seiner Station ermordet wird: Jemand aus der kleinen Crew muss Täter sein; Mia will ihn vor Ort überführen. Doch die Station wird sabotiert… und damit zur Falle. Ein Kammerspiel mit unvergesslichen Figuren, viel Psychologie, trügerisch schlichten Zeichnungen, absurd warmherzigen Rückblenden und einer Spannungskurve wie in den größten Horror- und Thriller-Klassikern: technisch, menschlich, literarisch ist „Dept. H“ der reifste aktuelle Comic, den ich kenne.
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Lazarus | bisher 5 Sammelbände und der recht nichtssagende Kurzgeschichten-Band „Lazarus X+66“

Text: Greg Rucka, Zeichnungen: Michael Lark
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Konzerne regieren die Welt. Jedes große Familienunternehmen herrscht über ein Terrain, wie im Feudalismus. Die Bevölkerung lebt in zwei Gruppen: als wertloser „Waste“ oder als Dienerklasse, „Serf“. Und diplomatische Konflikte werden meist unter Elite-Kampfkräften der Clans ausgetragen. Manchmal durch Krieg, Terrorismus, Spionage. Oft aber in rituellen Duellen: Jede Familie hat einen „Lazarus“.
Clan Carlyle herrscht über die Südwestküste der ehemaligen USA. Tochter Forever Carlyle wurde ihr Leben lang als Lazarus trainiert. Machtspiele, Samurai-Drama, Biotech und tolle Nebenfiguren aus den unteren Klassen: Rucka ist mein Lieblings-Comicautor. „Lazarus“ sein durchgängig packendstes Werk.
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Shade | 2 Sammelbände, dann das Crossover „Milk Wars“, dann die Reihe „Shade, the Changing Woman“
Text: Cecil Castellucci, Zeichnungen: Marley Zarcone
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Eine depressive Vogelfrau vom Planeten Meta stiehlt ein Artefakt, mit dem sie in den Körper des komatösen US-Schulmädchens Megan springt. Megan war hasste sich selbst – und ihre Nicht-Freunde und Mobbing-Opfer Megans fragen sich, warum sie plötzlich spricht wie ferngesteuert. „Shade“ bringt 90er-, Indie- und David-Lynch-Atmosphäre ins DC-Universum; fragt nach Gender, Identität, Körperbildern und Agency. Grandios koloriert, unverwechselbar gezeichnet.
Feministisch, komplex, verspielt, überraschend. Die originellen Bilder, Layouts und Wendungen machen so viel Lesefreude: ein Gegengewicht zu den düsteren Frauen-Leben.
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Squirrel Girl | bisher 8 Sammelbände; besonders empfehlenswert ist der Sonderband „The unbeatable Squirrel Girl beats up the Marvel Universe“
Text: Ryan North, Zeichnungen: Erica Henderson
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Ich brauchte 100 Seiten, um den Tonfall zu verstehen: Eine Eichhörnchen-Superheldin Anfang 20, die im ersten Semester Computerlinguistik studiert – und sich die gute Laune nie verderben lässt? Sollen wir mit ihr lachen… oder über sie? Doch wer Doreen Green drei, vier Bände lang folgt – schrullige Dialoge, grimmiger Optimismus, zu viele hyper-theoretische, absurde Zeitreise- und Doppelgänger-Storylines, die immer fünf, sechs Seiten zu lang dauern, immer mehrere pedantische Gedankenspiel-Wendungen mehr als nötig nehmen – wird die Figur und ihren Blick nie vergessen. Ein unvergleichlicher Marvel-Comic, albern, kantig, schlau. Lernte Ryan North von Terry Pratchett?
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Wandering Island | bisher 2 Sammelbände
Text und Zeichnungen: Kenji Tsuruta
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Mikura, eine junge Pilotin mit Wasserflugzeug, liefert an der japanischen Küste als privater Kurierdienst Pakete aus. Die selbe Prämisse wie in „Käptn‘ Balu und seine tollkühne Crew“ – doch erzählt in ruhigen, detaillierten Flug- und Landschaftsbildern. Auch Mikuras Großvater war Pilot: Sein Archiv sammelt Indizien, dass eine mechanische, schwimmende Insel vor der Küste treibt. Sind die Mentoren und Vorbilder in Mikuras Leben wirklich tot – oder verstecken sie sich in einem Steampunk-Exil? „Wandering Island“ zeigt eine absurd schlanke, oft nackte junge Frau, über Seekarten gebeugt. Trotz dem sexistischen Blick und arg dünnem Plot: große Zeichenkunst, tolle Atmosphäre!
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Unstoppable Wasp | in 8 Kapiteln / 2 kurzen Sammelbänden abgeschlossen
Text: Jeremy Whitley, Zeichnungen: Elsa Charretier
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Mädchen und MINT-Fächer? Nadia Pym ist Tochter des verstorbenen Forschers und Avengers Hank Pym: Ant-Man. Die junge (und: lesbische?) Osteuropäerin erbt sein Labor – und fragt sich, weshalb im S.H.I.E.L.D.-Ranking der intelligentesten Menschen so wenige Frauen stehen. Oder Bobbi Morse als Super-Spionin bekannt ist, doch kaum als Wissenschaftlerin. Und, wie solche Probleme strukturell, institutionell, politisch lösbar sind. Ein schwungvoller, farbenfroher, optimistischer Comic für alle ab 11 mit einer idealistischen, hochbegabten, doch nie kitschig-perfekten Heldin.
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5 Mainstream-Superheldinnen:

Thor. 11+ Sammelbände; von Jason Aaron (Text), Russell Dauterman u.a. (Zeichnungen):
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2010 nannte ich „Green Lantern“ das „vielleicht letzte große triviale Epos im Comic“: eine wuchtige Space Opera, blutig, überbordend, warmherzig. Seit 2011 schreibt Jason Aaron „Thor“, im selben Stil: Erst geht es vier Sammelbände lang um Odins Sohn. Dann um eine geheimnisvolle Frau, die Thors Hammer übernimmt. Eine Reihe, die immer schneller, facettenreicher, melodramatischer wird. Allergrößte Oper!
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Invincible Iron Man. Bisher 2+ Bände, dann das Crossover „The Search for Tony Stark“; von Brian Michael Bendis (Text), Stefano Caselli (Zeichnungen):
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Tony Stark ist fort. Doch sein Bewusstsein hilft, als A.I.-Programm, der brillanten Schülerin Riri Williams beim Bau einer eigenen Iron-Man-Rüstung. Brian Michael Bendis, Erfinder von Jessica Jones, ist einer der wichtigsten (und: feministischsten) Marvel-Autoren. Mit „Invincible Iron Man“ und der (leider: viel schlechteren) parallelen Serie „Infamous Iron Man“ verabschiedet er sich aus dem Marvel-Universum und wechselt zu Konkurrenzverlag DC. Riris Hefte? Young-Adult-Spaß mit allen Figuren, die schon in den Iron-Man-Kinofilmen überzeugten (Pepper Potts etc.) – und Spider-Mans Tante May!
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Runaways [Neustart]. Bisher ein Sammelband; von Rainbow Rowell (Text), Kris Anka (Zeichnungen)
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Ein Comic-Erfolg ab 2003, seit 2017 auch als TV-Serie: Fünf Jugendliche denken, ihre Eltern seien alte Geschäftsfreunde. Tatsächlich sind sie ein Schurken-Geheimbund. In Rainbow Rowells Neuauflage verging Zeit: Fast alle kriminellen Eltern sind besiegt, die Runaways gehen eigene Wege. Dann gelingt es zweien, eine verstorbene Freundin via Zeitreise in die Gegenwart zu retten. Start einer langsamen, dialoglastigen, gefühlvollen, oft „Buffy“-haften Young-Adult-Reihe über Freundschaft und Entfremdung. Vorwissen über die früheren „Runaways“-Hefte? Kein Muss.
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Batwoman. Greg Rucka (Text), J.H. Williams III (Zeichnungen, ab Band 2 auch Text)
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Kate Kane, Bruce Waynes lesbische, jüdische Cousine, wollte Elite-Soldatin werden. Jetzt kämpft sie gemeinsam mit ihrem Vater, einem Colonel, gegen meist übersinnliche und okkulte Bedrohungen in Gotham City. Eine unverwechselbare Frau in düster-märchenhaften Urban-Fantasy-Abenteuern, oft ebenso unverwechselbar gezeichnet, inszeniert. Die ersten fünf Sammelbände? Die beste DC-Serie seit 2011. Auch James Tynions „Detective Comics“, über Kate als Bat-Team-Chefin, machen Spaß.
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Moon Girl. Bisher 5+ Sammelbände; Amy Reeder (Text), Brandon Montclare (Zeichnungen)
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Ein Comic für Kinder ab 8 – über die begabteste Person im Marvel-Universum: eine schwarze Drittklässlerin in Midtown, mit liebevollen Eltern und einem bodenständigen Alltag. Lunella Lafayette lernt einen tumben Saurier kennen, versteckt ihn im geheimen Labor unter der Schule. Ich liebe, dass die Serie viel süßlicher, harmloser sein könnte – doch immer wieder komplizierte Abenteuer und Konflikte entwickelt; und dass Lunella oft atemberaubend arrogant, unterfordert, frustriert sein darf. Eine kindgerechte Kinder-Heldin – mit Profil und Abgründen.
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6 Sci-Fi-Tipps, in denen Frauen zentral sind – doch nicht die einzige Hauptfigur:

Saga. Bisher 8+ Sammelbände; von Brian K. Vaughan (Text), Fiona Staples (Zeichnungen)
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Eine Soldatin verliebt sich in einen Mann der gegnerischen Spezies. Die beiden zeugen ein Kind – und flüchten, vor beiden Nationen. Vaughans brutale, aber sehr zärtliche Weltraum-Odyssee zeigt markante, originelle Welten, Wesen; und liebt irre Cliffhanger, Zeitsprünge, dramatische Ironie. Der beste Comic des Jahrzehnts, mit vielen interessanten Frauenfiguren – einige auch queer und/oder trans.
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Injection. Bisher 3+ Sammelbände; von Warren Ellis (Text), Declan Shalvey (Zeichnungen)
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Fünf britische Genies – zwei Frauen, drei Männer – setzen eine künstliche Intelligenz in die Welt. Doch das Programm glaubt, wachsen zu können, indem es prüft, ob es Übersinnliches, fremde Dimensionen, okkulte Wesen gibt – und diese kontrollieren kann. Ein Mystery-Comic im Stil von „Akte X“, „Fringe“ oder „Torchwood“, mit Figuren, inspiriert von „Dr. Who“, James Bond und Sherlock Holmes. Autor Warren Ellis liebt Technologie, Literatur, Mythologie – und spielt hier kongenial mit britischen Pulp-Nationalmythen.
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Invisible Republic. Bisher 3+ Sammelbände; von Gabriel Hardman (Text und Zeichnungen), Corinna Bechko (Zeichnungen)
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Die Menschheit hat ein fremdes Sonnensystem besiedelt – doch der Mond Avalon wurde durch Bergbau, Korruption und einen Stellvertreterkrieg zur Militärdiktatur. Ein junger Partisane und seine Cousine wollen das Regime stürzen. Mit welchen Mitteln? Auf zwei Zeitebenen zeigt Hardman Geopolitik, Kolonialismus, linke Debatten; und fragt nach der Rolle von Whistleblowern und Presse. Ein realistischer, manchmal grauer Geheimtipp, der optisch an Osteuropa in den 70ern erinnert. Eine TV-Version? Kommt sicher bald. Perfekte Vorlage!
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The Vision. In 2 Sammelbänden abgeschlossen; von Tom King (Text), Gabriel Hernandez Walta (Zeichnungen)
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Ein Android mit Sehnsucht nach Menschlichkeit baut sich eine Kleinfamilie, zieht in die Vorstadt… und erlebt, wie in einem magischen Norman-Rockwell-Herbst alles vor die Hunde geht: „The Vision“ beginnt als „domestic drama“ im satirischen Retro-Look. Doch in Band 2 tauchen auch andere Avengers, Victor Mancha, die Scarlet Witch auf – und aus einer „Mad Men“-artigen Parabel wird ein Helden-Thriller. Nerdig, menschlich, überraschend. Und, wie immer bei Tom King: voller Motivketten, formaler Spielchen und erzählerischer Tricks. Souverän!
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Black Hammer. Bisher 3+ Sammelbände sowie mehrere Spin-Off-Comics; von Jeff Lemire (Text), (Zeichnungen)
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Eine Gruppe Superhelden, wie wir sie aus den 50ern und 60ern kennen, dem „Golden“ und dem „Silver Age“ der Heldencomics, ist seit Jahrzehnten gestrandet – in einem künstlichen Retro-Dorf. Kanadier Jeff Lemire liebt Groschenheft-Klischees. Und ehrliche, tiefe Provinz-Melancholie. „Black Hammer“ ist ein neues, eigenes Erzähl-Universum, das klassische Figuren wie Mary Marvel, Lex Luthor und Martian Manhunter neu denkt. Liebevoll, morbide, intelligent.
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Darth Vader. In 4 Sammelbänden und dem Crossover „Vader Down“ abgeschlossen; doch fortgesetzt in der (schwächeren) Serie „Star Wars: Doctor Aphra; von Kieron Gillen (Text), Salvador Larroca (Zeichnungen)
Dr. Aphra ist Archäologin (und lesbisch) – und hat keine Skrupel, fürs Imperium zu arbeiten. In klugen Polit- und Action-Dramen, die alle zwischen Episode IV und V spielen, kämpfen Vader und Aphra mit- und gegeneinander. Sie überlisten Rebellen. Verbündete. Und alle, die versuchen, sie zu verraten. Ein Comic voll zynischer Figuren – der jedoch selbst nie menschenfeindlich, respektlos wird. Sondern zeigt, wie im totalitären Imperium jeder leidet – unter jedem anderen.
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15 Comics, auf die ich mich freue:

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Hawkeye Kate

tolles Panel aus: „Hawkeye: Kate Bishop“, Vol. 2

Die besten Comics 2018: Empfehlungen zum Gratis-Comic-Tag #gct2018

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Am Samstag, den 12. Mai 2018 ist Gratis Comic Tag [Infos: hier].

In teilnehmenden Comic-Shops, Buchhandlungen, Zeitschriftenläden darf man aus 35 je ca. 40 Seiten langen Gratis-Comics wählen; so lange der Vorrat reicht. Ein Radar zum Finden aller Stores: hier im Link.

Als Kritiker und Journalist stelle ich u.a. bei Deutschlandfunk Kultur und im Berliner Tagesspiegel Comics vor und gebe regelmäßig persönliche Empfehlungen hier im Blog [2017 | 2016 | 2015 | Mangas]. 2017 und 18 schrieb ich die Programmtexte zur Manga Comic Con der Leipziger Buchmesse. 2014 und 2015 übersetzte ich zwei Versionen eines „Avengers“-Lexikon vom Englischen ins Deutsche.

Zum Gratis Comic Tag ließ ich mir alle 35 Titel zur Rezension schicken. Hier im Eintrag stelle ich sie vor.

Hier im Blogpost: Ausschnitte, [gekürzte, teils präzisierte] Klappentexte und etwas Literaturkritik / Einordnung von mir.

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Unerschrocken. Portraits außergewöhnlicher Frauen

Reprodukt | Pénélope Bagieu

Reprodukt_GCT2018_Unerschrocken„Vorreiterinnen, Querdenkerinnen. Jede eine Heldin auf ihre ganz eigene Art. Diese Frauen fanden ihre Bestimmung: Insgesamt 30 beeindruckende Persönlichkeiten porträtiert Pénélope Bagieu in den beiden Bänden von “Unerschrocken”, darunter bekannte Namen wie die Kunstsammlerin Peggy Guggenheim und noch zu entdeckende Persönlichkeiten wie die Vulkanologin Katia Krafft. Sie alle führen und führten ein selbstbestimmtes Leben und haben die Welt verändert. Das Heft zum Gratis Comic Tag zeigt drei spannende Biografien: Sonita Alizadeh, Rapperin aus Afghanistan; Autorin und Zeichnerin Tove Jansson; und Mae Jemison – die erste schwarze Frau im Weltall.“ [Klappentext, gekürzt.]

Details: Reprodukt | Goodreads

Empfehlung: Drei politische, inspirierende, packende Kurzbiografien, je 6 Seiten lang – die ich nie vergessen werde.

Schwächen? Über einen großen Mann schreiben Menschen eine Monografie. Doch wegweisende Frauen landen dauernd in Büchern, die 15, 20, 30 von ihnen sammeln. „Unerschrocken“ begann als Zeitungsprojekt und wirkt weniger wie ein Comic als eine illustrierte Info-Seite. Didaktisch, textlastig, visuell nie besonders reizvoll. Aber: Pénélope Bagieu ist SEHR gut darin, Relevantes auszuwählen und pointiert, kurzweilig zu präsentieren. Für mich sind diese Biografien Einladungen, zu googeln, mich selbst weiter zu bilden. Bagieu macht Lust, mehr zu erfahren!

und dann? Narrativere, literarischere Comics über Frauen- und Bürgerrechte, z.B. „Stuck Rubber Baby“ oder „Ooku – the inner Chambers“; Tove Janssons wunderbares „Sommerbuch“

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Q-R-T

Reprodukt | Ferdinand Lutz

Reprodukt_GCT2018_Q-R-T_CVR_web„Q-R-T sieht aus wie ein normaler Junge, doch ist schon 122 Jahre alt. Er kommt vom Planeten Rzzz, auf dem man sein Leben lang Kind bleibt. Mit seinem tollpatschigen Haustier Flummi, das jede beliebige Gestalt annehmen kann, zieht er in eine Plattenbausiedlung, um das Verhalten der Erdlinge zu studieren. Die scharfsinnige Nachbarin Lara lässt nicht locker und stellt unangenehme Fragen. Ferdinand Lutz’ liebevoll-schräge Comics erschienen 2011 bis 2016 monatlich im Kindermagazin “Dein SPIEGEL”.“

Details: Reprodukt| Goodreads

Empfehlung: Kurze, kindgerechte Episoden. Jedes Panel zeigt schöne Charakter-Momente oder einen Grund, zu lachen. Lara wirkt etwas banal / nebensächlich, und die Atmosphäre (mit Kehrwoche etc.) erinnert mich an eine Kindheit der 80er, nicht an heute. Trotzdem: So einladend, leicht verständlich, schwungvoll… ein gutes Geschenk; und eine Figur, die Kinder anspricht. (Plus: kluges Kurzinterview des Zeichners/Autors.)

Schwächen? Ein Ensemble wie aus einer typischen 80er-Jahre-Sitcom („ALF“, „Mein Vater ist ein Außerirdischer“); viele Witze wirken etwas gestrig.

und dann? „Kiste“ von Patrick Wirbeleit. Solider Erstleser-Comic ab 6. Und, wie immer: mein Lieblingscomic für alle Grundschüler*innen, „Yotsuba!“

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To your Eternity

Egmont Manga | Yoshitoki Oima

02_GCT2017_Manga_ToYourEternity„Allein in der Tundra: Der letzte Überlebende eines Dorfes ist dem Tode nahe. Doch er bekommt Gesellschaft: Ein unsterbliches Wesen ist auf der Welt gelandet und kopiert den Körper seines sterbenden Wolfshunds. Eine fantastische Geschichte voll Leid, Schmerz, Freundschaft, Liebe der Zeichnerin von ‚A Silent Voice‘.“ [Klappentext, gekürzt.]

Details: Goodreads | Egmont

Empfehlung: Ein stiller, sofort verständlicher, märchenhafter A-Boy-and-his-Dog-Manga, der mich mühelos in die Geschichte zieht, neugierig macht.

Schwächen? Die Mangaka schrieb auch „A Silent Voice“: eine Manga-Reihe, in der eine gemobbte, gehörlose Schülerin Nebenfigur ihrer eigenen Geschichte blieb. Selbsthass und Tristesse, kein Empowerment. Ich mag, dass „To your Eternity“ ganz andere Figuren zeigt, eine ruhigere Grundstimmung. Doch ich traue dieser Autorin nicht zu, viel Kluges zu sagen über z.B. Nomadenvölker, oder die Psychologie jahrelanger Hunger-, Survival- / Überlebenskampf-Konflikte.

und dann? Viel besser gezeichnet? „Young Bride’s Story“, über Alltag an der Seidenstraße im späten 19. Jahrhundert. Großes, märchenhaftes Survival-Kino? „Nausicaä – Prinzessin aus dem Tal der Winde“. Auch die Manga-Vorlage will ich endlich lesen.

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Schattenspringer

Panini | Daniela Schreiter

Schattenspringer-GCT-Cover-500x„’Wer einen Autisten kennt, kennt genau EINEN Autisten‘, sagt sich Daniela Schreiter im dritten ‚Schattenspringer‘-Band und macht sich auf, andere Betroffene zu interviewen. Wie immer kombiniert sie dies mit ihren eigenen Erfahrungen. Und schafft erneut, wundervoll unterhaltend über ein scheinbares Tabuthema aufzuklären, ohne belehrend zu wirken. Schreiter wurde im wilden Berlin der 1980er Jahre geboren.“ [Klappentext, gekürzt.]

Details: Panini  | Goodreads

Empfehlung: Eine Künstlerin mit Asperger-Autismus zeigt ihren Alltag – in didaktischen, einladenden Sach-Comics. Ich mag das Figurendesign, die klare Sprache und, wie verhältnismäßig tief, komplex hier auf wenigen Seiten über Themen wie „Warum stört mich, dass mir Partner beim Kochen helfen?“ oder „Warum brachte mich Gruppenarbeit an der Uni aus dem Konzept?“ gesprochen wird. Durchgängig lehrreich, lesenswert!

Schwächen? Ich war SO enttäuscht, dass der Mittelteil des Comics plötzlich nur Schwarzweiß zeigt. Und ich bin gespannt, wie tief Daniela Schreiter z.B. über Sexualität spricht, in ihren drei Büchern: einerseits gibt es eine „Nacktszene“. Andererseits spielt in den langen Passagen über die Dynamik in Partnerschaften Körperlichkeit *gar keine* Rolle.

und dann? Ich liebe den Pädagogik-Manga „With the Light: Raising an Autistic Child“. Tolle Sach-Comics über Neurodiversität oder Krankheit habe ich HIER im Link gesammelt. Ich folge Schreiters Kollegin und Freundin Sarah Burrini auf Twitter – und glaube, sie haben ähnliche Zielgruppen.

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Snoopy

Carlsen | Charles M. Schulz

CarlsenComics_Cover_Peanuts-500„‚DIE PEANUTS‘ gehören zu den großen, zeitlosen Comics: seit Jahrzehnten von Kindern und Erwachsenen geliebt. Bei Carlsen erscheinen deshalb Bücher für unterschiedlichste Zielgruppen, wie die 26-bändige, bibliophil ausgestattete Gesamtausgabe. Und die Reihe „Peanuts für Kids“ für die jüngsten Leser. Dieser Gratiscomic enthält farbige Comicstrips, Zeichenanleitungen und Rätsel.“ [Klappentext, gekürzt.]

Details: Carlsen | Goodreads

Empfehlung: Sympathische, solide Snoopy-Comics, selten ganz-, meist halbseitig. Gewitzt, warmherzig, für jede Altersgruppe geeignet.

Schwächen? Keine. Snoopy ist nicht meine „Peanuts“-Lieblingsfigur. Das Heft dreht sich fast nur um ihn. Persönlich wäre mir ein Band über z.B. Patty, Linus oder Schröder lieber.

und dann? Ich frage mich oft, welche erwachsenere Serie den „Peanuts“-Tonfall am besten aufgreift. „Scott Pilgrim“ und „Honey & Clover“ sind recht schrullig, idiosynkratisch, melancholisch.

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Der freie Vogel fliegt

Chinabooks | Jidi & Ageng

chinabooks_der_freie_vogel_flie„China in den 90er Jahren: Lin Xiaolu besucht eine Mittelschule mit Schwerpunkt Kunst und Gestaltung. Als Scheidungskind lebt sie mit ihrer Mutter in der westchinesischen Stadt Chengdu. Sehr realistisch erfährt man von seelischen Nöten und Sorgen: erste Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht, erste Liebe und Liebeskummer, die Sprachlosigkeit zwischen Heranwachsenden und ihren Eltern. Es werden auch schwierige Themen angepackt wie der enorme Schuldruck und Prüfungsstress.“ [Klappentext, gekürzt.]

Details: Chinabooks | Goodreads

Empfehlung: Pastellfarben, gefällig, illustrativ. Ein sympathischer Comic mit interessanten Zwischentönen. Im Grundschulalter z.B. freut sich die Hauptfigur, dass ihre Eltern sich trennen und Partner suchen, die besser passen. Mir fehlen längere Szenen mit mehr Sprechblasen, Dynamik: Oft schreibt die Ich-Erzählerin drei, vier Sätze über ihr Innenleben, und auf der Bild-Ebene gibt es dazu eine nette, doch nie besonders originelle visuelle Umsetzung. Ein braver, statischer Comic. Klappentext und Erzähltext sind zudem seltsam trocken, akademisch: Ich kann kein Chinesisch. Doch vermute, dass hier an vielen Stellen unnötig abstrakt, verlabert übersetzt wurde.

Schwächen? Hätten die Nebenfiguren mehr Raum und mehr szenische Auftritte – die Geschichte wäre dynamischer, vielleicht authentischer.

und dann? „The Nao of Brown“ erzählt im selben Zeichenstil von einer Angststörung, deutlich klüger. „Punpun“ ist psychologischer (…und gegen Ende leider platt nihilistisch), zieht mich tiefer rein. Der tolle Anime „Your Name“ ist ähnlich illustrativ & pretty. Und Thi Buis „The Best we could do“ zeigt, dass es keine makellosen Bilder braucht, um Zwischentöne der Pubertät toll zu schildern. Auf meinem bald-Lesen-Stapel: Yoshihiro Tatsumis Künstler-Biografie „A Drifting Life“

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Black Hammer

Splitter | Jeff Lemire, Dean Ormston

Splitter_Black_Hammer_GCT_Cover„Das goldene Zeitalter der Superhelden ist um: Abraham Slam und seine Gefährten waren einst die Beschützer von Spiral City, doch nach einem Gefecht gegen ihren Erzfeind finden sie sich in einem gottverlassenen Nest im Nirgendwo wieder. Dort müssen die Helden sich häuslich einrichten, denn aus der Kleinstadt gibt es kein Entkommen. Jeff Lemire, Spezialist für ausgefallene Stories mit Tiefgang, schafft eine Hommage an die großen Comic-Helden, bei der die Liebe zum Genre aus jeder Seite strahlt.“ [Klappentext, gekürzt.]

Details: Splitter | Goodreads

Empfehlung: Ich empfahl „Black Hammer“ schon mehrmals. Zuletzt mit folgendem Kurztext: Eine Gruppe Superhelden, wie wir sie aus den 50ern und 60ern kennen, dem „Golden“ und dem „Silver Age“ der Heldencomics, ist seit Jahrzehnten gestrandet – in einem künstlichen Retro-Dorf. Kanadier Jeff Lemire liebt Groschenheft-Klischees. Und ehrliche, tiefe Provinz-Melancholie. „Black Hammer“ ist ein neues, eigenes Erzähl-Universum, das klassische Figuren wie Mary Marvel, Lex Luthor und Martian Manhunter neu denkt. Liebevoll, morbide, intelligent.

Schwächen? Heft 1 ist männerlastig und recht trostlos. Die Erzählwelt wird bald bunter, feministischer, reicher. Nicht zuletzt durch z.B. Gastzeichner David Rubin.

und dann? James Robinsons „Starman“, Jeff Lemires „Royal City“ und „Essex County“, vielleicht auch Darwyn Cookes „The New Frontier“ (über das Silver Age, nicht das Golden Age); auch der direkte Vergleich zwischen „Watchmen“ und „Black Hammer“ lohnt sich.

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American Gods

Splitter | Neil Gaiman, P. Craig Russell, Scott Hampton

Splitter_American_Gods_GCT_Cove„Kaum hat Shadow seine Haftstrafe abgesessen, erfährt er, dass seine Frau einen tödlichen Unfall hatte. Darum hält ihn nichts davon ab, auf das Jobangebot des jovialen Mr. Wednesday einzugehen und dessen Leibwächter zu werden. Die Personen, die Mr. Wednesday auf seinen Reisen quer durch die USA besucht, sind ebenso undurchschaubar. Shadow steckt mitten in einem uralten Konflikt von wahrhaft göttlichem Ausmaß.“ [Klappentext, gekürzt.]

Details: Splitter | Goodreads

Empfehlung: Neil Gaimans Romanvorlage? Eins meiner Lieblingsbücher. Die aktuelle HBO-Serie? Solide Kritiken. Der Comic irritiert: Ich mag, wie viel Platz jede Seite lässt, um Neil Gaimans Prosa Wort für Wort zu erhalten. Doch damit wirkt das Heft recht steif. Bildaufbau und Figuren (nach Models gezeichnet: Photo Referencing?) kommen mir vor wie aus den 90ern; und ich habe kein Vertrauen, dass jemand diese Seiten liest und daran sieht, was Comics als eigene, distinkte Kunstform können. Trotzdem: tolle Geschichte, schön koloriert, kompetent adaptiert. Und: sympathisch, dass eine der wagemutigsten Szenen im Roman – ein Mann wird von einer Vagina verschlungen – direkt hier im Heft zu finden ist.

Schwächen? Women in Refrigerators: Frauen, die sterben, damit die männlichen Helden Antrieb haben, zu handeln. Wäre ich kein Gaiman-Fan, würde mir dieser Start keine Lust machen, mehr von ihm zu lesen.

und dann? Ich bin kein Fan von Grant Morrisons und Dave McKeans „Arkham Asylum“, doch glaube, wer die „American Gods“-Ästhetik mag, wird den Klassiker lieben. Ich selbst empfehle den (schrulligen, auch toll verfilmten) Comic „Wild Palms“ von Bruce Wagner.

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Die drei ??? und das Dorf der Teufel

Kosmos | Christopher Tauber, Ivar Leon Menger, John Beckmann, Asja Wiegand

Kosmos_GCT2018_DDF_print-1-500x„Auf der Suche nach einem vermissten Freund des Chauffeurs Morton landen die drei ??? in Redwood Falls. Die Bewohner lehnen Fortschritt ab. Schon bald überschlagen sich die Ereignisse und das Dorf der Teufel zeigt sein wahres Gesicht.“ [Klappentext, gekürzt.]

Details: Kosmos | Goodreads

Empfehlung: Drei schnöselige Jungs in Abenteuern, die mir wenig über Kalifornien zeigen/verraten. In meiner (Nicht-Bildungsbürger-)Kindheit las man das prollige, rassistische „TKKG“, nicht die drei Fragezeichen. Auch hier wachsen mir die drei Stock-im-Arsch-Boys und ihr Junge-Liberale-haftes Siezen nicht an Herz. Die Geschichte (oder: der Ausschnitt des Bandes, auf den sich das Gratis-Heft beschränkt) ist durchschaubar, klischeehaft, hat ein offenes Ende. Eine frustrierende Rahmenhandlung macht nichts besser. Doch die Zeichnungen?! Das Heft ist zeichnerisch – keine Übertreibung! – Weltklasse, und erzählerisch gut genug, dass ich… begeistert wäre, falls das ???-Team US-Horror-Lieblings-Comicreihen wie „Afterlife with Archie“, „Harrow County“ übernehmen würde.

Schwächen? Massig. Egal: Feiert dieses Heft; gebt den Künstlern Geld, Jobs, künstlerische Freiheiten. Erste Liga!

und dann? „Harrow County“ und „Afterlife with Archie“. Außerdem: Alles von Seth (Link), einem kanadischen Comiczeichner, der oft im selben Stil und mit den selben Farbkombinationen arbeitet. Und: Der aktuelle, lesenswerte Matt-Ruff-Roman „Lovecraft Country“ hat die selben Themen, Atmosphäre, den selben „Look“.

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Batman: Metal

Panini | Scott Snyder, Jim Lee, Andy Kubert, John Romita Jr

DBATME001CT_cover_RGB-500x714„Starautor Scott Snyder taucht tief ein in die Vergangenheit der Familie Wayne und die Ursprünge des DC-Kosmos ‒ und präsentiert die Schrecken des Schwarze-Materie-Universums! Batman und Helden wie Wonder Woman, Superman, Aquaman und Flash kämpfen ums Schicksal der Welt. Das DC-Mega-Event, das niemand verpassen darf!“ [Klappentext, gekürzt.]

Details: Wikipedia | Goodreads

Empfehlung: Die ersten beiden „Batman“-Bände von Scott Snyder, „Court of Owls“ und „City of Owls“, sind einsteigerfreundlich, packend. Dann wurden Snyders Comics esoterischer, barocker: überspannt. Oft toll eigensinnig. Oft einfach: Trash und Fan-Wank für ein Nischenpublikum. Ein DC-Autor dagegen, der auch Nischen-Themen toll mainstreamfreundlich erzählen kann? Geoff Johns. 2016 deutete Johns an, dass der Joker keine Einzelperson ist, sondern drei verschiedene Entitäten. In „Batman: Metal“ erzählt Snyder (der dafür wirklich GAR kein Talent bewies bisher) eine Geschichte im Johns-Stil, u.a. über den Joker. Die Kritiken sind großartig, der Start macht Spaß (ich las bisher erst 100 von fast 400 Seiten). Aber, Warnung: Das hier…

Schwächen? …ist ein DC-Comic für Menschen, die nachts wach liegen und sich fragen „WAS ist eigentlich mit Hawkman?“ oder „Welche Plastic-Man-Comics sind weiterhin ‚offiziell passiert‘, und welche kosmischen Zauber, Dimensionswechsel, Neustarts etc. haben die Figur verändert: inwiefern?“

und dann? Die meisten DC-Serien sind ab 2016 recht zugänglich, einsteigerfreundlich. Ich empfehle „Superman“ und „Action Comics“, „Detective Comics“, „Super Sons“ und das barocke, doch einladende, süffige „Injustice 2“.

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Die Nektons: Abenteurer der Tiefe

Dani Books | Tom Taylor, James Brouwer

dani_books-GCT-2018-Die-Nektons„Die wagemutige Meeresforscherfamilie Nekton reist mit ihrem High-Tech-U-Boot „Arronax“ in die Tiefe! Als es nach einem Erbeben vor der Küste Grönlands vermehrt zu Berichten über Monstersichtungen kommt, machen sich William und Kaiko Nekton gemeinsam mit ihren Kindern Fontaine und Ant (sowie natürlich Ants Haustier, dem Fisch Jeffrey) auf, um dem Rätsel auf den Grund zu gehen. Werden sie aus Versehen aufgefressen? Wird es Ant gelingen, einem Fisch das Stöckchenholen beizubringen? Das Comic zur beliebten Super-RTL-Trickserie von Tom Taylor („Injustice: Gods Among Us“, „All-New Wolverine“).“ [Klappentext, gekürzt.]

Details: Serie bei TV Tropes | Goodreads | Dani Books

Empfehlung: Australier Tom Taylor, einer der witzigsten, schwungvollsten, zugänglichsten US-Heldencomic-Autoren, hat eine Kinderserie? Drei Staffeln? Auch in Deutschland erfolgreich? Ich bin bei Unterwasser-Serien (wie „Seaquest“) schnell nervös – weil oft nach wenigen Episoden die Ideen ausgehen. Die Rollenverteilung in der Familie Nekton ist konventionell, und noch bevor etwas Originelles geschieht, Ausmaß und… Tiefgang des Konflikts absehbar werden, hört der Gratis-Comic auf. Trotzdem: für 8- bis 12jährige wartet hier kompetente Mainstream-Unterhaltung eines Comic-Profis, dem ich seit ca. 2012 vertraue.

Schwächen? Seit Jahren sensibilisieren mich Freund*innen, dass Worte wie „dumm“, „irre“, „bescheuert“ ableistisch sind. Beim dritten, vierten „Du bist ein Idiot!“ unter den Geschwistern hier im Comic war ich gelangweilt, genervt.

und dann? Mein Tiefsee-Favorit (für Erwachsene) ist Matt Kindts „Dept H“. Die Nektons wirken auf mich noch zu sehr wie „The Incredibles“ (Pixar). Trotz guter Kritiken konnte ich mit den Abteuer-Grundschul-Comics „Amulet“ und „Avatar: Herr der Elemente“ wenig anfangen (die „Avatar“-Trickserie mag ich sehr).

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Super Mario Adventures

Kazé | Kentaro Takekuma, Charlie Nozawa

Kaze_SuperMario_COVER_UNVERBIND„Prinzessin Peach wird vom teuflischen Halunken Bowser entführt. Doch die Super-Klempner Mario und Luigi sind mit ihrem neuen Freund Yoshi schon auf dem Weg. Können sie den Koopa-König aufhalten, bevor er Peach zur Heirat zwingt und das Pilzkönigreich an sich reißt? Exklusiv für das offizielle Magazin ‚Nintendo Power‘ entstand von Januar 1992 bis Januar 1993 eine Reihe von Comic-Strips. Diese Comics folgten nicht der Storyline eines bestimmten Spieles, vielmehr erzählten sie neue Abenteuer der bekannten Helden – und führten sogar neue Figuren ein. Der Sammelband Super Mario Adventures bündelt erstmals und vollständig auf Deutsch alle Comics. Zum Gratis Comic Tag gibt es die Kapitel 1 bis 3 zum Schnuppern.“ [Klappentext, gekürzt.]

Details: TV Tropes | Kaze | Goodreads

Empfehlung: Die Super-Mario-Trickserien von 1989 („Super Mario Bros Super Show“), 90 („Super Mario Bros 3“), 91 („Super Mario World“) sind atemberaubend schäbig, geistlos, schlecht. Umso toller, wie viele skurrile Ideen, Bildwitze, Wortspiele und Details dieser Werbe-Comic von 1993 aus dem selben Stoff holt. Man merkt dem Comic sein Alter deutlich an – Luigi nahm ich z.B. in modernen Spielen nie als faulen Vielfraß wahr. Doch Mario ist eine SO populäre Figur, über die es SO wenig interessante Texte, Geschichten gibt: Ich bin hingerissen! (Schaut z.B. oben: Bowser hat sogar DEN SCHREI VERSTEINERT!)

Schwächen? Ein Toad-Masseur, der über Chi spricht, eine halbe Seite lang auftaucht, sieht aus wie die typische rassistische Karikatur eines Chinesen.

und dann? Sagt es mir! Der „Sonic“-Comic hat oft gute Kritiken, doch bisher war ich von jeder Leseprobe gelangweilt. TV Tropes hat eine kurze Liste mit Comics, die auf Spielen basieren.

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Grandville

Schreiber & Leser | Bryan Talbot

schreiberleser_Grandville_cover„Wie sähe die Welt aus, wenn Napoleon bei Waterloo gewonnen hätte? Vielleicht wäre die Sozialistische Republik Britannia ein kleiner, unbedeutender Staat, über die Kanalbrücke verbunden mit dem Empire Frankreich. In dieser Parallelwelt wird die Leiche eines britischen Diplomaten aufgefunden. Selbstmord? Detective Inspector LeBrock und sein Assistent Roderick Ratzi ermitteln in der Grandville Paris, der Stadt der Lichter. Bryan Talbot, u.a. bekannt durch ‚Sandman‘, verneigt sich mit dieser Steampunk-Serie vor Meistern wie J.J. Grandville, Albert Robida, Sir Arthur Conan Doyle und Quentin Tarantino.“ [Klappentext, gekürzt.]

Details: Schreiber & Leser | Goodreads

Empfehlung: Bedingt. Ein Dachs, der spricht wie Sherlock Holmes, erlebt recht hölzern und steif geschriebene und gezeichnete Steampunk-Krimi-Abenteuer mit erwartbaren Nebenfiguren, Wendungen. Ich mag die detailverliebten Zeichnungen, die Alternate-History-Ideen und, wie erkennbar tief und leidenschaftlich sich Autor Bryan Talbot literarisch in die Tropen, Stimmungen, Themen des viktorianischen Zeitalters einarbeitete. Außerdem: Paradoxe wie „In Paris scheißen die Hunde auf die Straße“. Sprechen wir von anthropomorphisierten Hunden? Oder haben die anthropomorphisierten Hunde im Grandville-Universum Hunde als Haustier? Ich glaube, dass z.B. Disney mit diesem Stoff mehr machen könnt. (Oder – hey: Die Spanier, die in den 80ern „Um die Welt mit Willy Fog“ animierten!)

Schwächen? Im ganzen Heft: amateurhafte Computereffekte, Kolorierung. Trotzdem ist der Comic innen deutlich einladender als das triste Titelbild. Unbedingt aufschlagen, blättern!

und dann? Um Welten besser gezeichnet, stilsicherer inszeniert: die „Blacksad“-Comics.

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Usagi Yojimbo

Dantes Verlag | Stan Sakai

Dantes-Verlag-GCT-2018-Usagi-Yo„Die Saga um Usagi Yojimbo [wörtlich: „Leibwächter Hase“] entfaltet sich im teils fiktiven Japan am Ende des 16. Jahrhunderts. Die historische Schlacht von Sekigahara wurde am 21. Oktober 1600 geschlagen: Sie beendete die Zeit der Bürgerkriege und etablierte die Shogunatsherrschaft. Die Samurai bilden im ganzen Land die herrschende Klasse. Sie folgen einem strengen aber ungeschriebenen Kodex an Verhaltensregeln, dem bushido [„Weg des Kriegers“], und müssen in der neuen Ordnung erst noch ihren Platz finden. Es ist eine Zeit unruhiger Geschäftigkeit und politischer Intrigen. Durch diese Welt wandert ein herrenloser Samurai: Miyamoto Usagi. Im Comic „Ein welkes Feld“ trifft er auf Nakamura Koji, einen in die Jahre gekommenen, vollendeten Schwertkämpfer.“ [Klappentext, gekürzt.]

Details: Dantes | Goodreads

Empfehlung: Bedingt. Das kluge Vorwort des Gratis-Comics zeigt: Der Dantes-Verlag brennt für diesen Comic, will die historischen Hintergründe vermitteln. Ich liebe Holzschnitte von u.a. Hasui Kawase, bewundere Sakais elegante, fachkundige Zeichnungen. Emotional stieg ich trotzdem aus – als die Hauptfigur 16 Samurai tötet, ohne Gedanken. Mir sind fast alle Samurai-Manga zu gefühlskalt – und ich komme mit der Mischung „Funny Animal-Figuren & Seppuku“ nicht zurecht, emotional.

Schwächen? Moderne „Turtles“-Comics werden oft für ihre Psychologie, Deepness gelobt – doch bisher las ich keinen, der mich tatsächlich packte. „Usagi Yojimbo“ ist etwas tiefer, melancholischer, psychologischer – doch auch hier wünsche ich mir mehr Innenleben. Die Hauptfigur blieb mir teils ekelhaft fremd.

und dann? Hier im Link merkte ich mehrere Samurai-Manga vor. MÜSSTE ich einen lesen, wäre es „Jin“ von Motoka Murakami (ein Arzt in der Edo-Zeit). „Blade“ und „Vagabond“ sind zu nihilistisch; „Shigurui“ fand ich absurd und, in seinen Gewaltdarstellungen, pornografisch. Trotzdem war’s ne Lektüre, die ich nie vergaß.

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Ekhö

Splitter | Christioge Arleston, Alessandro Barbucci

Ekhoe_01_GCT_Cover-500x714„Als ihre Linienmaschine vom Blitz getroffen wird, landet die junge Studentin Ludmilla auf dem Rücken eines Flugdrachen in New York landet. Doch ist dies überhaupt noch New York? Es gibt keinen Strom oder Autos, dafür aber jede Menge Fabeltiere. Im Hintergrund der bizarren Parallelwelt Ekhö halten die Preshauns die Fäden in der Hand: scheinbar putzige, etwas pedantische Wesen, die Eichhörnchen ähneln. Im Flugzeug krallte sich Ludmilla an ihrem Sitznachbarn Juri fest, der ihr nun auf Schritt und Tritt folgen muss. Gelegentlich wird sie von ruhelosen Geistern kürzlich Verstorbener besessen, die erst von ihr ablassen, wenn ihr ungeklärter Todesfall gelöst ist.“ [Klappentext, gekürzt.]

Details: TV Tropes | Goodreads

Empfehlung: Bedingt. In jedem Sammelband erkundet Ludmilla (mit Juri?) eine andere Stadt der Spiegelwelt. Warum sie dabei zusätzlich „Ghost Whisperer“-artige Fälle löst? Mir scheint das unfertig, überfrachtet. Hintergründe, Design des Comics: Weltklasse. Die Geschichte? Recht banal, schleppend. Allerwelts-Fantasy!

Schwächen? TV Tropes nennt Ekhö einen „Young Adult“-Comic; vom Zeichner der („Sailor Moon“-artigen) Kinderserie „WITCH“. Ludmilla wirkt wie Cassie Sandsmark, Wonder Girl in… (noch) pornös(er). Für mich ist Ekhö vorbei, weil a) Ludmilla auf jede Gefahr mit einem dümmlich-erstaunten Porno-Gesichtsausdruck reagiert, b) jedes Panel die übergroßen Brüste zeigt, c) zwei Stripperinnen ihre Brustwarzen schwenken, seitenlang. Nicht, weil sich  Erotik und Young Adult widersprechen. Sondern, weil hier zwei super-talentierte Männer, die sich auf jeder Seite endlos gestalterische Mühe geben, mit schmierigem Male Gaze alles verderben. Selbstsabotage. Selbst-Verramschung.

und dann? Der schönste aktuelle Parallelwelt-Comic, den ich kenne: Matt Kindts „Ether“. Doch tatsächlich sind die „Ekhö“-Zeichnungen besser. Sehenswert: Simon Spurriers „The Power of the Dark Crystal“

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Lucky Luke: Billy the Kid

Egmont | René Goscinny, Morris

03_GCT2018_Comic_Lucky_Luke_37-„Der einsame Cowboy kommt nach Fort Weakling. Das einst lebhafte Städtchen ist wie ausgestorben und wird von Billy the Kid terrorisiert. Lucky Luke will Billy dingfest und aus den verschüchterten Einwohnern wehrhafte Bürger machen.“ [Klappentext, gekürzt.]

Details: Goodreads zur Reihe | Kritiken zum Einzelband

Empfehlung: Bedingt. Ein Comic von 1961 – mit markantem Figurendesign, viel Humor, seiner Zeit voraus. Mich langweilte „Lucky Luke“ als Kind, Anfang der 90er, und ich bin unsicher, wen diese Comics ansprechen: europäische Western-Klischees, alles sehr normiert – auch z.B. durch die engen, rigiden Panels. Wer die Figur mag, findet hier eine komplette Geschichte. Ich selbst habe keine Lust, mehr zu lesen.

Schwächen? Kaum Frauen. First-Nation-Figuren als übliches rassistisches Klischee.

und dann? Ich glaube, ich lese gar keine Western – und merke oft, dass andere Formate als Western konzipiert wurden (z.B. Staffel 4 von „Fear the Walking Dead“), ohne, dass mir diese Strukturen auffallen. Der Weltraum-Westerncomic „Copperhead“ ist brav, gemächlich, aber sympathisch. „Westworld“ ist toll – aber kein Western.

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Battle Angel Alita

Carlsen | Yukito Kishiro

battle_angel_perfect_edition_GC„Neuausgabe in vier Sammelbänden im Großformat, frisch digitalisiert und mit neuen Farbseiten – rechtzeitig zum Kinostart der von James Cameron produzierten Hollywood-Live-Action-Verfilmung. Auf dem Schrottplatz unterhalb der Himmelstadt Zalem findet der Mechaniker Ido den Kopf eines weiblichen Cyborgs, dessen Gehirn noch intakt ist. In seiner Werkstatt baut er dem Wesen einen reizvollen mechanischen Körper und gibt ihm den Namen Alita…“ [Klappentext, gekürzt.]

Details: Carlsen | Goodreads

Empfehlung: Bedingt. 2017 legte ich den „Ghost in the Shell“-Manga (1989) zur Seite, weil mich die Optik „detailverliebte Technik, puppenhafte Kindfrauen mit Riesenbrüsten und Männer, im Funny-Stil gezeichnet“ abstieß. „Alita“ stammt aus der selben Ära (1991), hat etwas luftigere Layouts, ist flüssiger zu lesen. Doch ich mag a) keine Pinoccio-Plots, b) keine Mangas über Mädchen als Kampfmaschinen wie „Saikano“ und „Home sweet Home: Die fünfte Stunde des Krieges“. Durch „Westworld“ bin ich komplexe, feministische Geschichten gewohnt über künstliche Frauen, von Männern instrumentalisiert. „Alita“ ist, fürchte ich, schlichter. Im Gratis-Heft werden Prostituierte ermordet. Allen Figuren ist das Schicksal dieser Frauen recht egal. Bestimmt wird „Alita“ noch etwas tiefsinniger. Doch ich will SciFi lesen, in denen ALLE Frauen wertvoll sind. Nicht nur die eine: die mit dem Puppenmund und den Riesenbrüsten.

Schwächen? Hier gilt die umgekehrte Frage. Kann ich etwas, das handwerklich solide wirkt, nach ca. 40 Seiten aussortieren? Ich WILL das nicht lesen. Doch einen zweiten Blick ist es sicher wert.

und dann? „Westworld“, wie gesagt.

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Courtney Crumrin

Dani Books | Ted Naifeh

dani_books-GCT-2018-Courtney-Cr„Courtneys Eltern wollen fortan im alten Spukhaus des gruseligen Großonkels Aloysius wohnen. Courtney muss sich mit hochnäsigen Klassenkameraden und seltsamen zwielichtigen Besuchern herumschlagen, die oft bei ihrem Onkel vorbeischauen. Statt der Kinder aus der Nachbarschaft sind nun grausige Ghule und gräuliche Geister ihre einzigen Freunde.“ [Klappentext, gekürzt.]

Details: Wikipedia | Goodreads

Empfehlung: Bedingt. Ein Horror-Comic mit langweilig konventionellem Figuren-Design und Plot – an dem nur die bizarr unsympathischen Nebenfiguren auffallen: Courtneys Eltern sind ignorant, eitel; die Mitschüler prügeln, wenn Courtney kein Taschengeld auszahlt. Ein freundlicherer Schüler wird von ihr verachtet, dann von Monstern verspeist – ohne, dass sich Courtney oder der Erzähler daran stören. „Courtney Crumrin“ will etwas literarischer, „Coraline“-hafter sein als z.B. „Emily the Strange“ und „Monster High“ – doch wirkt wie ein freudloser, fader Nachklapp, zehn Jahre zu spät. [Edit: Nein. Der Comic erschien im Original 2002. Er wird nur absurd spät übersetzt!]

Schwächen? Der Klappentext gilt fürs komplette Buch, nicht fürs Gratis-Comic-Heft – und erwähnt, dass Courtney mit Geistern befreundet ist. Ich hoffe, einer dieser Geister ist der tote Kumpel. Falls nicht, ist mir das Menschenbild hier zu… garstig, kalt, gehässig für eine Geschichte, die ca. Elfjährigen gefallen soll.

und dann? Die warmherzige, makabre, schwungvolle Horror-Reihe „October Faction“ von Steve Niles! Unterkomplexe Plots. Doch viel enthusiastischere Helden! Oder meine Lieblings-Comicreihe überhaupt, „Locke & Key“. Auch der Middle-Grade-Grusel-Comic „Anya’s Ghost“ ist solide.

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Sigurd

Ewald Verlag | Hansrudi Wäscher, Angel B. Mitkov

Cover-Becker-Comic-etc„Zwei Kurzgeschichten des ritterlichen Helden Sigurd. Im von Hansrudi Wäscher gezeichneten Abenteuer „Im Tal der Schatten“ nimmt Sigurd es gegen eine Bande auf, die als sagenhaften Werwölfe Angst und Schrecken verbreiten. „Gefährliche Hilfe“, gezeichnet von Angel B. Mitkov, ist ein Auszug aus der aktuell geschaffenen Fortsetzung des 1968 abgebrochenen Abenteuers: wobei streng darauf geachtet wurde, dass Wäschers markanter Zeichen- und Erzählstil beibehalten wurde.“[Klappentext, gekürzt.]

Details: Wikipedia

Empfehlung: Bedingt. Ich glaube, man kann aus „Sigurd“, seiner Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte viel lesen über Deutschland in den 50ern, und ich bin froh um jeden Satz, der diese Comics kontextualisiert, erklärt. Lesespaß? Nein. Eine farblose Hauptfigur, keine Frauen, zu viel Der-Erzähler-erzählt. Immerhin spielen die Comics nicht im apolitischen „Gummibärenbande“-Märchenbuch-Mittelalter. Sondern setzen voraus, dass ihre Leser z.B. wissen, wie Wilderei funktioniert oder, was Lehnsherren sind.

Schwächen? Ich dachte, die Panels, die ich oben fotografierte, stammen aus den 50ern. Doch sie sind moderne Hommagen: „echte“ Sigurd-Comics waren noch hölzerner.

und dann? Ab 1905 zeichnete ein Amerikaner „Little Nemo“. Ab 1940 zeichnete Will Eisner „The Spirit“. Deutschland feierte DAS hier?

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Aposimz: Land der Puppen

Manga Cult | Tsutomu Nihei

GCT2018_MangaCult_Aposimz_Cvr_rDas neue Meisterwerk von Tsutomu Nihei (Blame!, Knights of Sidonia): Vor 500 Jahren verloren die Menschen des künstlichen Planeten Aposimz den Krieg gegen den Kern des Planeten und somit auch das Recht, im Inneren von Aposimz zu leben. Seitdem kämpfen sie auf der eiskalten Oberfläche des Planeten ums Überleben. Sie verstecken sich in den Ruinen einer längst vergangenen Zeit, um der Unterdrückung durch die aggressiven Cyborgs (oder Puppen) des Kernes zu entgehen… während sie eine mysteriöse Krankheit einen nach dem anderen selbst in Puppen verwandelt.“ [Klappentext, gekürzt.]

Details: Cross Cult | Wikipedia

Empfehlung: Nur für a) Menschen, die durch „Blame!“ und „Knights of Sidonia“ schon Vertrauen in den Mangaka haben oder b) Menschen, die „Alien“-Designer H.R. Giger so toll finden, dass ihnen auch eine fade Schwarzweiß-Hommage des Looks (ohne besondere eigene Ideen) sehenswert scheint. Ich mag, wie absurd weit in der Zukunft alles spielt und hoffe, im Planetenkern sind komplexere, futuristischere Dinge verborgen (Hard Sci-Fi!). An der Oberfläche gibt’s erstmal nur Survival-, Soldaten- und Zombie-Klischees.

Schwächen? Das Manga-Kapitel hat Überlänge, das Gratis-Heft nicht: Die Handlung bricht mittendrin ab.

und dann? Der postapokalyptische Sci-Fi-Manga, auf den ich mich freue? „Desert Punk“. Liste mit weiteren Mangas des Genres: Link, TV Tropes.

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Kultgeschichten

Kult Comics | Michael Mikolajzak, Sascha Dörp, Holger Klein, Andreas Möller

KultComics_kultgeschichten_GCT1„Zum ersten Mal ist Kult Comics beim Gratis Comic Tag dabei, mit drei Geschichten: »S.C.U.M.« gezeichnet von Sascha Dörp, »Königinnen« von Holger Klein und »Wurzeln« von Andreas Möller. Alle Stories wurden von Michael Mikolajczak geschrieben. Spannende [70er-Jahre-]Geschichten über starke Frauen, Wahnsinn, Verzweiflung, Rache, Familienbande und Mord.“ [Klappentext, gekürzt.]

Details: Kult Comics

Empfehlung: Bedingt. Ich schlage 35 Comics auf. „Unerschrocken“ (Platz 1) und „Kult Comics“ sind die einzigen, in denen Schwarze Frauen und queere Figuren nennenswerte Rollen spielen. Wer 80er-Jahre-Underground-Comics im Stil von „V for Vendetta“ mag, findet hier drei literarische, visuell halbwegs interessant inszenierte Episoden: Comics über die 70er, erzählt wie in den 80ern.

Schwächen? „Comics über die 70er, erzählt wie in den 80ern“ war kein Lob. Jeder von uns hat fünf, sechs Facebook-Freunde, die Zeug posten wie „Nach Led Zeppelin gab es keine nennenswerte Musik mehr!“ oder „‚Der Pate‘? Bester Film, seitdem gehts nur bergab“. Die „Kultgeschichten“ erzählen von Emanzipation, queere Politik (Valerie Solanas, Andy Warhol), Selbstermächtigung. Im Ton von Onkel Wolfgang.

und dann? Keine Ahnung – ich fand auch Reinhard Kleists „The Secrets of Coney Island“ schlimm gestrig, altbacken: Bin ich bei deutschen Amerika-Comics überkritisch? Aber: Warum nicht Schwarzen Künstler*innen direkt zuhören? In z.B. „Atlanta“.

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Garfield

Egmont | Jim Davis

03_GCT2018_Comic_Garfield-500x7„1978 erblickte der fett, faul, filosofische Kater das Licht der Welt. Das feiern wir mit einem Best-of aus 40 Jahren Garfield Comic-Strips.“ [Klappentext, gekürzt.]

Details: TV Tropes | Goodreads

Empfehlung: Ästhetisch, sprachlich, „zeitgeistig“ blieb „Garfield“ in den späten 70ern. 2017 las ich einen klugen, leidenschaftlichen „Squirrel Girl“-Comic von Jim Davis; bin deshalb umso enttäuschter, wie einfach er es sich sonst macht. „Garfield“ ist „Garfield“ ist „Garfield“. Nicht weniger. Aber: Ein bisschen wäre schön gewesen, in 40 Jahren!

Schwächen? Die längeren Farb-Strips, einer pro Doppelseite, sind origineller, witziger als die Drei-Panel-Shorts, die drei Viertel des Hefts einnehmen. Krass auch, dass kaum Frauen vorkommen.

und dann? „Calvin & Hobbes“ (dort sind die kurzen Schwarzweiß-Strips besser als die farbigen, mir immer etwas zu langen Sunday Strips). Oder, klar: „Garfield minus Garfield“!

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The Tale of the Wedding Rings

Kazé | MAYBE

Kaze_WeddingRings_Cover_NEU-500„Seit Jahren ist Sato schon in seine Nachbarin Hime verknallt. Doch als er den Mut aufbringt, ihr diese Liebe zu gestehen, eröffnet sie ihm, dass sie fortgehen wird – für immer. Seine Angebetete die Prinzessin eines magischen Königreiches und die letzte Hoffnung ihres verzweifelten Volkes. Um ihre Welt zu retten, muss Hime unbedingt heiraten, denn ihre Hochzeitsringe bergen ein mächtiges Geheimnis…“ [Klappentext, gekürzt.]

Details: TV Tropes | Wikipedia | Goodreads

Empfehlung: Ich scheitere am Timing. Sato und Hime waren jahrelang Nachbarn – doch stellten sich die wichtigsten Fragen nie? Ein 08/15-Schulboy. Eine brave, gewissenhafte Standard-Schulmädchen-Figur. Auf den letzten Seiten ein Standard-Fantasy-Königreich. Ich sehe hier literarisch, gestalterisch, psychologisch keine Lust, keinen Ansatz, etwas Neues zu probieren. Eine Erzählwelt, so Schema F, dass ich aussteige.

Schwächen? „Sato ist von nun an der Ringkönig, dessen Aufgabe es ist, die Prinzessinnen der fünf verschiedenen Völker zu ehelichen. Jede Prinzessin besitzt einen Ring, mit dem man über ein Element gebieten kann.“ [Wikipedia] Urks.

und dann? Fantasy-Königreiche im Comic? „Monstress“, vielleicht die neue Reihe „Isola“.

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Wayne Shelton

All Verlag | Jean Van Hamme, Christian Denayer, Thierry Cailleteau

GCT2018-All_Verlag_v1-1-500x714„Vietnam-Veteran Wayne Shelton ist Mann für heikle Missionen, in Diensten finanziell potenter Auftraggeber ein. Der exzentrische Milliardär Horace T. Quale bietet Shelton stattliche Summen, um einem französischen Fernfahrer, der in der fiktiven ehemaligen Sowjetrepublik Kalakschistan in einem Hochsicherheitsgefängnis sitzt, zur Flucht zu verhelfen. Shelton schart ein Team bewährter Mitarbeiter um sich. Ein Meisterwerk des modernen Abenteuercomics, geschaffen vom belgischen Erfolgsautor Jean van Hamme und seinem Landsmann Christian Denayer.“ [Klappentext, gekürzt.]

Details: Goodreads | Wikipedia

Empfehlung: Nur für Menschen, die z.B. „The Italian Job“, alte Bond-Filme und „Ocean’s Eleven“ sehen können, ohne, dort Frauenfiguren, Vielfalt, Repräsentation zu vermissen. Ich las „Wayne Shelton“ und dachte „Oha. SO sahen die 80er aus. Angestaubt, altbacken – aber ECHT stilsicher.“ Dann merkte ich: Der Comic ist von 2001.

Schwächen? Am liebsten würde ich eine diverse Gruppe 17jähriger bitten, alle Sprechblasen und Texte neu zu schreiben. „Wayne Shelton“ ist ein Cliché Storm, altmännerhaft und provinziell, über den ich lachen, heulen könnte. Kunstvolle Zeichnungen, detailverliebtes Ambiente. Und: Es ist kein *böse* reaktionäres Comic. Sondern einfach: kurz gedacht, gedankenlos, langweilig.

und dann? Ed Brubakers „Velvet“ liebt 70er-Jahre-Dekor; Band 3 endet leider banal. 60er-Jahre-Bildwelten? Darwyn Cookes „Hunter“-Comics.

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Der Janitor

Schreiber & Leser | Francois Boucq, Yves Sente

schreiberleser_Janitor_cover-1-„Zwölf Janitoren bilden die geheime Elite-Schutztruppe des Vatikan. Als Nummer Drei ausfällt, muss jemand nachrücken: So wird aus dem jungen Pater Vince, der sich bereits als Leibwächter bei Sondereinsätzen bewährte, Janitor Trias. Doch Vince, weltlichen Genüssen nicht abgeneigt, quält sich mit Zweifeln über seine klerikale Berufung.“ [Klappentext, gekürzt.]

Details: Schreiber & Leser | Goodreads

Empfehlung: Bedingt. „Janitor“ hat keine dramatischen Schwächen, Angriffsflächen, Probleme – doch leider auch keine besondere Dramatik. Ein souveräner, gemächlicher Polit-Thriller, der im Original als großformatiges Album erschien und dessen kleine Schriftart hier als Heft alles noch träger macht. Fahrzeuge, Hintergründe sind detailverliebt, atmosphärisch inszeniert. Die Hauptfigur bleibt blass.

Schwächen? Keine interessanten Frauen. Um Welten zeitgemäßer als „Wayne Shelton“. Doch während Shelton Trash-Charme hat, ist mir der „Janitor“ einfach sehr egal.

stattdessen? Die aktuellen James-Bond-Comics haben maue Kritiken – und auch dort schnarchte ich jedes Mal, wenn ich mehr als zehn Seiten las, weg. Ich liebe Greg Ruckas „Queen & Country“-Spionage-Polit-Thriller.

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ASH – Austrian Superheroes

Contentkaufmann | Andi Paar, Harals Havas, Martin Frei, Jan Dinter u.a.

ASH_LDH_GCT_Cover-500x714Die Comicserie wurde 2015 durch Crowdfunding finanziert und 2016 gestartet. Seit 2017 erscheinen die Hefte regelmäßig alle zwei Monate. Das Ziel? Ein eigenes europäisches Mainstream-Superhelden-Universum. Seit Herbst 2017 wird ASH durch eine zweite Serie namens „LDH – Liga deutscher Helden“ ergänzt. Dahinter stehen über 20 Zeichnerinnen und Zeichner, österreichische bei ASH, deutsche bei LDH. Sowohl von den Storys und dem Artwork her als auch dem qualitativ hochwertigen Druck versucht das Team, denselben Look und Feel zu bieten wie die großen amerikanischen Vorbilder. Und denselben Spaß!“ [Klappentext, gekürzt.]

Details: Website | Goodreads

Empfehlung: Nein. Ich teile die Kritikpunkte von Lara Keilbart im Tagesspiegel (Link, zum Spinoff „LDH“): „Das Gesamtbild wirkt älter, wie ein Comic aus den 60er Jahren. […] Einerseits möchte es keine Parodie sein, andererseits sind die Protagonisten auf allen Ebenen wandelnde Klischees. Vor allem der alberne Jeck und der grobschlächtige Gamsbart irritieren mit Dialektsprache und unangebrachten lockeren Sprüchen. Die Dialoge sind dabei hölzern und die Formulierungen wirken oft peinlich verkrampft auf vermeintliche Epik getrimmt.“

Die burschikos-rustikale Lady Heumarkt ist eine witzige Figur. Und: toll, dass deutschsprachige Profis versuchen, mit der US-Szene mitzuhalten. Dass das Ergebnis so sehr nach Regionalliga klingt / aussieht, liegt für mich vor allem an der Idee, lokale Held*innen müssten „Captain Ethnic“-Klischees erfüllen. Ein lokaler Held sein? Heißt für mich nicht, sich zu kostümieren und zu benennen, als sei man Lokalmarketing; ein Maskottchen vom Fremdenverkehrsamt!

Schwächen? Mein größter Wunsch an diese Reihe: WENN euch so wichtig ist, Wien etc. zu zeigen, zeichnet bitte detailliertere, liebevollere Hintergründe. Und, hey: Für mich ist Österreich ein Land, das RIESIGE Probleme mit Fremdenhass, reaktionären Stimmen, Rechtspopulismus hat. Kämpfen die ASH-Leute dagegen? Oder steht die Heimattümelei dieser Comics für die Sehnsucht nach einem „Wir sind wieder wer!“/“Wir sind genau so gut! Sogar unsere Heldencomics“…?

stattdessen? Ich bin kein Fan der (humorvolleren, satirischen) Justice-League-Comics von Keith Giffen. Und: Bezeichnend, dass der einzige professionelle US-Comic, der mir zu ASH einfällt, eine Reihe von 1987 ist.

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Star Wars Abenteuer

Panini | Landry Q. Walker, Chris Eliopoulos, Allessandro Ferrari, Jordie Bellaire, Derek CHarm u.a.

StarWars_GCT_2018_Cover-500x714„Neben einer Leseprobe zur Junior Graphic Novel zum Filmhit ROGUE ONE enthält dieses spannende Heft zwei abgeschlossene Droiden-Kurzgeschichten, eine davon exklusiv nur in diesem Heft. Ein Highlight für junge Star Wars-Fans.“ [Klappentext, gekürzt.]

Details: Star Wars Adventures in Deutschland: je 80 Seiten, bei Panini

Empfehlung: Nein. Drei von vier Gratis-Comics von Panini 2018 scheitern, weil sich statt einer packenden Geschichte viel zu knappe Vignetten ins Heft quetschen. „Star Wars“-Comics sind seit 2015 oft großartig: Kieron Gillens „Darth Vader“, „Kanan“, „Poe Dameron“. Ich mag die TV-Jugendserie „Rebels“, ich LIEBE Jarson Frys „Rebels“-Romanreihe „Servants of the Empire“. Doch ich las bisher keinen guten Comic der Jugendreihen „Star Wars: Adventures“ & „Forces of Destiny“ (Sympathisch? Die deutsche Zeichnerin Eva Widermann). Mich langweilen Landry Q. Walkers dialogfreie Druiden-Comics. Und der simple Zeichenstil lässt alle Figuren naiv, zu harmlos wirken.

Schwächen? Erst eine Nicht-Geschichte, in der C-3PO anreißt, wie viel er erlebte. Dann banale Druiden. Am Ende der Start der Kindercomic-Adaption von „Rogue One“. Nichts davon: unprofessionell. Doch als „Geschichte“ qualifiziert sich keine der drögen Szenen.

stattdessen? Ich suche selbst: abgeschlossene Graphic Novels für ca. Zehnjährige werden wichtiger, populärer (Liste für 2018, Link). Doch eine Heftreihe für die Altergruppe? Mit SciFi, Abenteuer? „Princeless: Raven the Pirate Princess“ war… okay.

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Werner: Wat Nu!?

BröseLine Verlag | Brösel