Jugendliteratur

Die besten Jugendbücher: Deutschland, 2018 – Vortrag am Literarischen Colloquium Berlin

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Am 13. März darf ich am Literarischen Colloquium Berlin sieben aktuelle Jugendbücher meiner Wahl vorstellen, denen ich ein internationales Publikum wünsche. 35 Übersetzer*innen aus 29 Ländern hören zu.

Seit 2009 lese und mag ich Jugendbücher: Ich schreibe einen Roman über Teenager, „Zimmer voller Freunde“, und war unsicher, sobald Agent*innen etc. fragten, ob das Young-Adult-Literatur sei. Kann ich aus YA-Literatur für mein Erzählen, Schreiben lernen? Soll mein Buch in dieser Ecke der Buchhandlung liegen? Ich las YA – um mich zu positionieren und, weil mir die Sparte schnell ans Herz wuchs.

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„Jugendbuch“ in Deutschland heißt meist:

ein Buch, geschrieben für Leser*innen ab ca. 10.

Auf dem US-Markt wird zwischen „Middle Grade Novels“ und „Young Adult“ unterschieden: Bücher für Tweens (10 bis ca. 12) und dunklere, anspruchsvollere, komplexere Bücher für Teenager auf der High School. Der deutsche Jugendbuchmarkt scheint mir, insgesamt, auf Jüngere fixiert: Ich finde kaum ein Buch, das explizit erst ab 14 bis 16 empfohlen wird, über 300 Seiten hat oder sich, im Young-Adult-Stil, bemüht, ein Problem-Thema besonders tief und intensiv zu bearbeiten.

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Young-Adult-Literatur, die ich mag:

  • …hat meist eine Hauptfigur, der wir möglichst nahe kommen sollen. Oft als Ich-Erzähler*in.
  • Die Figur kann sehr eigen sein in Sprache oder Verhalten; sie kann unsympathisch sein oder ein komplexes Krankheitsbild, einen komplizierten Background etc. haben. Doch Ziel ist fast immer, dass wir der Figur und ihren Problemen so nah wie möglich kommen. Die Welt aus ihren Augen sehen.
  • Oft gibt es EIN zentrales Thema im Buch, z.B. „Loslassen“, „Vertrauen fassen“, „zu sich selbst Stehen“ etc., und alle Figuren, alle Subplots etc. behandeln Facetten und Aspekte dieses zentralen Themas.
  • (Mein Roman hat drei Hauptfiguren, ein halbes Dutzend Perspektiven, Sprünge. YA-Leser*innen wären irritiert, wie viel Distanz durch solche Wechsel entsteht: Um die YA-Zielgruppe anzusprechen, müsste ich mich viel entschiedener, empathischer auf die Seite einer oder zweier Figuren stellen.)

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Deutschsprachige Jugendbücher sind weniger normiert als US-Titel.

Leider haben sie dafür oft auch weniger Formgefühl: Sie sind amorpher, labbriger erzählt. Ich frage mich oft: „Autor*in? Wie viele Jugendbücher hast DU bisher gelesen? Was genau tust du da, für wen?“ Die Bücher sind kürzer. Und: meist jünger, optimistischer, harmloser. Sprachlich und psychologisch weniger komplex.

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Zwei Probleme bei meiner Auswahl: Auch, weil viele der erfolgreichsten Klassiker auf dem deutschen Markt Märchen- und Fantasy-Elemente enthielten, gibt es aktuell eine Flut von Prinzessinnen-, Elfen- und Zauber-Romanen, meist „nur für Mädchen“. Sowie irrsinnig viele Jugend-Dystopien, die ich als schwache Kopie von „Hunger Games“ etc. lese. Beides: oft sexistisch, abgedroschen, klischiert.

Mir fehlen männliche Autoren, die ausschließlich Jugendbücher schreiben: Ich finde Jugend-Krimis von Krimi-Autoren, Jugend-Sci-Fi von Sci-Fi-Autoren, Jugend-Thriller von Thriller-Autoren. Die Jugendbücher dieser Männer kommen mir oft vor wie Nebenbei- oder Light-Projekte. Mein Erfahrungswert: Je hauptberuflicher, desto ambitionierter und intelligenter ist das Jugendbuch..

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Sieben Favoriten, die ich gern übersetzt sähe:

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STEFANIE HÖFLER, „Mein Sommer mit Mucks“

  • Jugendbuch ab ca. 11 | Ich-Erzählerin ist ca. 12
  • Mädchen trifft einen exzentrischen Jungen im Schwimmbad; sie werden Vertraute.
  • Beltz & Gelberg, 140 Seiten, 2015
  • PerlentaucherGoodreads, Amazon

„Zonja besitzt eine unbezwingbare Neugier, weshalb die meisten in ihrer Klasse sie für eine Spinnerin halten. Egal. Zonja mit Z liebt es, im Schwimmbad Leute zu beobachten und Statistiken aufzustellen, und so fischt sie an diesem Tag einen Jungen – grüne Badehose, dünn wie eine junge Birke, abstehende Ohren – aus dem Wasser, weil der nicht schwimmen kann. Seltsam. Sie spielen Scrabble, beobachten den Sternenhimmel und essen viele Pfannkuchen – eigentlich ist Mucks der erste Mensch seit Jahren, der ihr Freund werden könnte. Doch irgendwas stimmt überhaupt nicht mit ihm, und es dauert diesen einen Sommer, bis sie weiß, warum er im Regen tanzt und was es mit den blauen Flecken und dem Pfefferspray auf sich hat.“ [Klappentext, ungekürzt]

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Ein pubertäres, idealistisches Mädchen im Stil von Lisa Simpson (talentiert, aufgeweckt, doch ziemliche Scheuklappen) mit harmonischen Eltern, liebevoller Oma, hübschem Garten etc… in einer nicht-sehr-großen, wohlhabenden (süddeutschen?) Stadt. Ein introvertierter, aber liebenswerter Junge aus einfachen Verhältnissen, dessen Vertrauen sie gewinnt. Ein Handlungsraum und Tonfall, in dem auch kleine Schritte (nachts die Sterne beobachten; den Mut fassen, an einem fremden Wohnblock in einer „schlechten“ Nachbarschaft zu klingeln usw.) angemessen dramatisch erzählt werden:

„Mein Sommer mit Mucks“ ist das schönste, wärmste, liebevollste, zugänglichste Jugendbuch, das ich seit Jahren las. Genug Tiefgang und eine intelligente Grundfrage – Wie weit kann man gehen, um jemandem zu helfen, der sagt, er brauche keine Hilfe? – um sich als Schullektüre zu empfehlen. Und so frei von Zeit-, Medien- und Gegenwarts-Bezügen, dass es in jeder Sprache funktioniert und für fast jede Altersgruppe: Stefanie Höfler hätte das Buch auch 1996 schreiben können, oder spielen lassen.

Als Autorin macht sie mir das eher unsympathisch – weil für mich Social Media, Serien, Kino etc. zu Jugend und Alltag gehören. Und, Grundproblem: Fehlen Jugendbücher mit dem Plot (A) „Bürgerliches Mädchen mit idyllischem Umfeld hat kurz Sorgen, wegen einem sozial schwachen Jungen“? Oder (B) „sozial schwacher Junge kennt nur häusliche Gewalt, Armut und Frauenhass“? (B) wäre mutiger. Und ginge tiefer.

Schwächen:

  • Betuliche, altbackene Sprache… die zwar zur sehr behütet aufwachsenden Erzählerin passt, doch auf mich arg saturiert, provinziell, bieder, tantig wirkt: Stefanie Höfler ist eine irrsinnig sympathische Erzählerin. Als Stilistin finde ich sie gestrig.
  • Wenige Illustrationen – die der Geschichte nichts vermitteln/hinzufügen.
  • Plot und Figuren sind großartig universell, zeitlos. Das heißt auch: Der spezifische Handlungsort, die Zeit etc. bleiben vage. Das Buch aus dieser Auswahl, dem Gegenwärtigkeit & „Sense of Place“ am egalsten sind, und das am wenigsten über Deutschland erzählt.

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STEFANIE HÖFLER, „Tanz der Tiefseequalle“

  • Jugendbuch ab ca. 12 | Ich-Erzähler und Ich-Erzählerin sind ca. 12
  • angepasstes Mädchen traut sich nicht, freundlich zu einem übergewichtigen (und: exzentrisch-schrullig-selbstverliebten) Jungen zu sein.
  • Beltz & Gelberg, 190 Seiten, 2017
  • Perlentaucher, Goodreads, Amazon

„Manchmal ist es diese eine Sekunde, die alles entscheidet: Niko, der ziemlich dick ist und sich oft in Parallelwelten träumt, rettet die schöne Sera vor einer Grapschattacke. Sera fordert Niko daraufhin zum Tanzen auf, was verrückt ist und so aufregend anders, wie alles, was in den nächsten Tagen passiert. Vielleicht ist es der Beginn einer Freundschaft von zweien, die gegensätzlicher nicht sein könnten – aber im entscheidenden Moment mutig über ihren Schatten springen.“ [Klappentext, ungekürzt]

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Niko ist für mich eine Kunstfigur: ein optimistischer, tagträumender, onkelig-altklug-distanzierter Nerd, der davon träumt, mit schrulligen Erfindungen den Alltag aller Menschen zu verbessern. In altkluger, künstlicher Sprache schreibt er über Klassenkameradin Sera – die er langsam aus der Reserve lockt und von der er hofft, sie sei anders als die vielen oberflächlichen Kinder, die ihn mobben.

Auch Sera ist Ich-Erzähler: In jedem zweiten Kapitel wägt sie ab, was es für ihren Status auf dem Schulhof bedeutet, wenn sie mit einem Außenseiter lacht und Zeit verbringt. Auf einer Klassenfahrt versucht Sera, für Niko Flagge zu zeigen – doch alles geht schief, und die beiden trampen, getrennt von ihrer Klasse, nach Hause.

Schwächen:

  • Sera ist ein Archetyp, den ich in der Schulzeit oft sah – doch kaum kenne, verstehe: ein Mädchen, das nicht auffallen will. Nicht als Pathologie oder große Charakterschwäche. Sondern einfach, weil das leichter ist. Was widerfährt so vielen Mädchen ab ca. 12, bis/dass sie glauben, es sei lebenswichtig, unter dem Radar zu bleiben? Ich hätte mir von Höfler mehr Tiefgang, bessere Antworten gewünscht.
  • Nikos schrullige und altbackene Sprache passt gut zu Höflers eigenem, meist biederem Stil. An zu vielen Stellen aber klingt Niko komplett artifiziell. Ein Junge voller Selbsthass wäre mir lieber gewesen als jemand, dessen drollige Exzentrik deutlich mehr Raum nimmt als die… Body Issues.
  • Niko ist großherzig, charmant und entspannt. Tatsächlich aber tragen die meisten gemobbten Jungs den Hass, den sie erfahren, an z.B. die Mädchen, in die sie sich erfolglos verlieben, weiter: Ich kann mir eine MENGE ca. 14jähiger Arschloch-Jungs vorstellen, die das Buch lesen, sich sagen „Auch ich wurde von einer dummen Fotze in die Friendzone gesteckt. Dabei bin ich so ein netter Kerl!“ Niko ist für mich eine Ausnahme, eine Fiktion.

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ANKE STELLING, „Erna und die drei Wahrheiten“

  • Jugendbuch ab ca. 11 | Ich-Erzählerin ist 11
  • Soll Erna einen scheußlichen Mitschüler verpetzen, unter dem alle leiden? Alle in der Gemeinschaftsschule mahnen: Nein – nimm bitte immer Rücksicht!
  • cbj, 240 Seiten, 2017
  • Perlentaucher, LovelyBooks, Amazon

„Warum steckt in „Gemeinschaft“ auch „gemein“? Solche Fragen interessieren Erna Majewski, 11. Sie besucht eine Gemeinschaftsschule und lebt, wie ihre Freundinnen Liv und Rosalie, im gemeinschaftlichen Wohnprojekt. Dass das ganze Gemeinschaftsgetue ungerecht und sogar verlogen sein kann, erleben Erna und ihre Freundinnen, als nach dem Schulfasching jemand mutwillig die Klos ruiniert hat: Weil der Täter sich nicht meldet, sollen jetzt alle dafür büßen. So eine Gemeinheit! Liv lässt das kalt, aber Erna ermittelt. Und sie findet heraus, was passiert ist. Aber soll sie es auch verraten? Schließlich gibt es laut einem Sprichwort drei Wahrheiten – deine, meine und die Wahrheit. Und wer kann die schon ertragen?“ [Klappentext, ungekürzt]

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2015 war Anke Stellings (Erwachsenen-)Roman „Bodentiefe Fenster“ auf der Longlist des deutschen Buchpreis‘: Eine Ich-Erzählerin mit Kindern und lapidarem Ehemann, zunehmend verzweifelt in einem Gemeinschaftswohnprojekt im Prenzlauer Berg. Linke Idealisten und Kreative, die sich Eigentumswohnungen bauten; doch deren Freundschaften während endloser Öko-, Achtsamkeits-, Bio-Debatten im Plenum starben. Ich mochte das Buch… doch wurde beim Lesen müde: Ist das Satire? Rollenprosa einer irr zergrübelten, analytischen, gehemmten Mutter – privilegiert und trotzdem prekär? Die Grübel-Ich-Erzählerin war so unentschieden, stellte ihre Gefühle so schnell in Frage, relativierte jeden Gedanken… Der Roman verlor Schwung. Jeden Gedanken mit einem Gegen-Gedanken zu kontern und dabei immer schneller zu pendeln… das wurde, gegen Ende, freudlos und zerquält. Ohne, dass ich noch sagen konnte: „Klug hinterfragt!“

„Erna und die drei Wahrheiten“ spielt im selben Milieu. Mit einer elfjährigen Hauptfigur, genauso zergrübelt, fragend, nervös. Aber: Das Jugendbuch ist kürzer, spitzer, schärfer, witziger und zieht sich, anders als „Bodentiefe Fenster“, nicht ständig selbst durch Über-Analysieren den Boden unter den Füßen fort.

Ein oft brillanter Ton, der die maximal unbequemen Fragen in den witzigsten Momenten stellt – kindgerecht, doch für jedes Alter empfehlenswert. Den Erwachsenen aus „Bodentiefe Fenster“ wollte ich zurufen: Trennt euch! Zieht aus! Tut irgendwas und zieht es durch! Ihr habt alle Möglichkeiten!“ Erna, 11, hat keine Optionen. Das macht ihr Buch so dringlich, intensiv, klug. Ein Tonfall wie in den besten „Peanuts“-Strips: melancholisch, clever… und trotzdem irr süffig, lebenslustig, leicht!

Schwächen:

  • Erna liebt seltene Worte, hat immer ein etymologisches Wörterbuch dabei. Das ist, im Rahmen des Buchs, okay. Doch mich langweilt, dass DREI von sieben Kinder-Ich-Erzähler*innen hier auf der Liste seltene Worte sammeln, über die Schönheit von Vokabeln philosophieren. Ein Bildungsbürger-Kinderbuch-Klischee – das nochmal doppelt nervt, falls Figur und Autor dann auch noch Youtube, Whatsapp usw. ostentativ egal sind. [Erna schimpft immerhin, dass sie kein eigenes Tablet hat; und sie mag schlechte High-School-Filme.]
  • Ein abruptes Ende. Ich glaube, Ratlosigkeit und ein gewisses Sich-Abfinden sind Stellings Markenzeichen: Über Probleme mit klarer Lösung schreibt sie erst gar nicht.
  • Erna hat die zweit-dicksten Oberschenkel der Stufe. Ich mochte, dass das recht spät im Buch zum Thema wird – weil Erna selbst ihren Körper mag, nur unter den abschätzigen Kommentaren leidet. Doch wenn der Verlag Erna zeichnen lässt, will ich beim Blick aufs Buch-Titelbild bitte nicht denken: „schlaksiges, dünnes Mädchen“.

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DORIT LINKE, „Jenseits der blauen Grenze“

  • Jugendbuch ab ca. 13 | Ich-Erzählerin ist ca. 12 bis 16 (Rückblenden) / 17 oder 18 (Flucht)
  • Hanna und Andreas aus Rostock schwimmen über die Ostsee – weil sie in der DDR keine Zukunft sehen.
  • Magellan, 304 Seiten (TB), 2014
  • Goodreads, Amazon
  • Link zu geschichtlichen Hintergrund: „Die Ostsee – eine gefährliche Fluchtroute“

„Die DDR im August 1989: Hanna und Andreas sind ins Visier der Staatsmacht geraten und müssen ihre Zukunftspläne von Studium und Wunschberuf aufgeben. Stattdessen sehen sie sich Willkür, Misstrauen und Repressalien ausgesetzt. Ihre einzige Chance auf ein selbstbestimmtes Leben liegt in der Flucht über die Ostsee. Fünfzig Kilometer Wasser trennen sie von der Freiheit – und nur ein dünnes, verbindendes Seil um ihr Handgelenk rettet sie vor der absoluten Einsamkeit …

‚Ergreifend wird hier das Bild einer sozialistischen Jugend zwischen Aufmüpfigkeit und Resignation, Leistungssport und politischer Agitation gezeichnet. Hanna und ihre Freunde finden mit sicherem Instinkt die Brüche im System. Dorit Linke hat die Charaktere glaubwürdig und berührend gezeichnet und eine untergegangene Welt dem Vergessen entrissen.‘ Karen Duve“ [Klappentext, ungekürzt]

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Hanna, Andreas (…und der alberne, naive, eindimensionale „Sachsen-Jensi“) hadern seit der ca. 7. Klase mit gehässigen Lehrern, Drill, angepassten Kameraden. Jensi hat West-Verwandtschaft: Er darf nach Hamburg ausreisen. Andreas wird vom Vater geschlagen. Er rebelliert, landet im Jugendwerkhof und versucht, sich umzubringen. Ich-Erzählerin Hanna hat einen depressiven/umnachteten Vater. Eine Mutter, die sich nur wünscht, dass Hanna Zöpfe und Röcke trägt. Und einen renitenten Opa, der jedes Schulfest und jede Feier mit staats- und frauenfeindlichen Sprüchen sprengen will. Nach einem Scherz von Opas wird Hanna und Andreas das Abitur verwehrt – und Andreas beschließt, im Neoprenanzug ca. 50 Kilometer in den Westen zu schwimmen. Hanna, die als Sportlerin aussortiert wurde, trainiert in der Schwimmhalle. Auch, weil sie glaubt, dass Andreas unvorbereitet und schwach ist, und ohne sie sterben wird.

Alle ca. 8 Seiten wechselt das Buch von Rückblenden aus der Schulzeit (oft: schleppend, mit recht durchschaubaren Figurenkonflikten) zur Gegenwart: toll recherchierte, dramatische Survival-Action auf der Ostsee, blendend geschrieben. Hanna spricht und entscheidet extrem pragmatisch: Ich musste an „Hunger Games“ denken – denn wie Katniss liebt auch Hanna ihren Survival-Partner… doch hält ihn für leichtsinnig, zu weich, einen Klotz am Bein.

Eine sehr erwachsene, oft rhythmische Sprache. Eine Autorin, die ihr Milieu *sehr* genau kennt. Ein actionreiches, beklemmendes, oft erwachsen-unsentimentales Buch – ambitioniert, literarisch auf hohem Niveau. Passt auf den US-Markt, wo Action-Historien-Titel wie „Code Name Verity“ zu YA-Bestsellern wurden.

Schwächen:

  • Unmengen an DDR-Jargon? Das öffnet eine fremde Welt. Dass sich Vieles erst im Kontext erschloss? Kein Problem. Doch ich hatte den Eindruck, dass besonders in den dialog-intensiven Rückblenden auf jeder Seite fünf bis acht Idiome, Sprüche, Floskeln, Markennamen etc. aus der DDR gehäuft wurden. Als würde die Autorin eine Liste abarbeiten. Auf Kosten des Erzählfluss‘.
  • Am störendsten: Sachsen-Jensi und Opa erzählen gern Witze, manchmal drei oder vier am Stück. Auf 300 Seiten gibt’s 40, 50 (?) sehr zeit-spezifische Ost-Kalauer. Alle wären lost in translation. Mich haben sie beim Lesen gebremst: Sie nervten, in ihrer Monotonie.
  • „Sachsen-Jensi“ ist wie eine noch dümmere, feigere, faulere Version von Ron aus „Harry Potter“: eine eindimensionale Figur mit dümmlichen Slapstick-Problemen wie zu kleiner / zu großer / gerissener / hässlicher Kleidung.
  • Eine Übersetzung bräuchte Fußnoten, ein ausführliches Glossar – oder viele ergänzende Halbsätze wie „Wir gingen in den Intershop, wo man nur mit Fremdwährung einkaufen konnte.

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CHRISTIANE NEUDECKER, „Sommernovelle“

„Ein Sommer, wie es ihn nur in der Kindheit oder Jugend gibt: In den Ferien arbeiten zwei 15-jährige Schülerinnen auf einer Vogelstation direkt am Meer. Sie streifen über die Nordsee-Insel und lauschen den Trillergesängen der Austernfischer, zählen Silbermöwen am Himmel und führen Kurgäste durch das schillernde Watt.

Pfingsten 1989: Lotte und Panda wollen die Welt verändern. Es ist die Zeit kurz vor der Wende, in der es für Jugendliche in der BRD vor allem Nord und Süd gab, nicht aber Ost und West. Deutschland liegt noch im Schatten der Wolke von Tschernobyl und jedes Gewitter bringt sauren Regen. Die beiden Freundinnen sind sich einig: Sie wollen handeln. Gemeinsam mit einer bunt zusammengewürfelten Truppe aus Rentnern und Studenten leisten sie ökologischen Dienst in einer skurrilen Vogelstation. Da ist etwa Hiller, der vogelbesessene Pensionär, der Panda in sein Herz schließt und ihr beibringt, das Meer zu deuten und den Himmel zu lesen. Lotte nähert sich dem attraktiven Julian an, der sie für erwachsener hält, als sie tatsächlich ist.“ [Klappentext, gekürzt]

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Ich hasse, wenn Zyniker Kinder- und Jugendliteratur als Schwundstufe, Light-Version von E-Literatur begreifen. Ich zweifle, dass es einfacher, leichter ist, ein gutes Jugendbuch zu schreiben – und halte Jugendbuchautor*innen nicht für verkrachte Autor*innen zweiter Klasse. Trotzdem kann ich in Jugendbüchern – besonders bei Ich-Erzähler*innen gibt – besser mit Figuren leben, die nicht alles zu Ende denken. Ich las „Sommernovelle“ 2015… und fand das Buch zu harmlos, kurz, plätschernd unentschieden: Christiane Neudecker findet einen liebenswerten Ton. Schafft eine überzeugende Atmosphäre und eine Erzählerin, die man gern begleitet. Besonders tief, dramatisch, hässlich, verstörend oder klug-verdichtet sind die melancholischen Sommer- und Insel-Anekdoten nicht.

Doch übersetzt, und als Jugendbuch vermarktet? Die Ich-Erzählerin kommt mir nah (perfekt bei Jugendbüchern!), funktioniert als Einladung, Identifikationsfläche… doch ist trotzdem so charmant prototypisch-nostalgisch-spezifisch fürs 80er-Jahre-Bürgertum, dass z.B. eine etwas versnobte 40jährige Kanadierin, die sich für übersetzte Literatur interessiert, *sehr* viel wieder erkennen und mögen wird.

Ähnlich gelungen finde ich hier im Buch Sylt: Eine Kulisse, harmlos und einladend genug, dass das Buch als Sommer-, Strandlektüre und Middle-Brow-Novel funktioniert. Doch detailliert und fachkundig genug beschrieben, dass jeder sagen wird: „In diesem sehr deutschen Buch über Deutschland wurde mir eine attraktive deutsche Ecke in schöner Sprache einladend beschrieben.“

Überzeugendes, charmantes, publikumswirksames Zeit- und Lokalkolorit!

Schwächen:

  • Ich glaube, je mehr man denkt „Das hier will allergrößte Literatur sein“, desto enttäuschter ist man von diesem sanften, lapidaren Buch.
  • „Sommernovelle“ handelt von Jugendlichen, die nicht wissen, wie viel sie erwarten dürfen. Fast alle Erwartungen werden enttäuscht. Deshalb wirkt das Buch etwas… antiklimatisch.
  • (Aber: meine Lieblings-Jugendserie, „Willkommen im Leben“/“My so-called Life“, hat das selbe Grundthema. Ich finde tröstend, wenn Jugendliteratur, statt künstlicher Dramatik, zum Thema macht, wie wenig oft passiert.)

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CHRISTIAN DUDA, „Gar nichts von allem“

  • Jugendbuch ab ca. 10 | Ich-Erzähler ist 11
  • Der Vater schlägt. Die Mutter vertuscht und entschuldigt. In einem Tagebuch wird Magdi die eigene Machtlosigkeit bewusst.
  • Beltz & Gelberg, 140 Seiten, 2017
  • Perlentaucher, Amazon

„Der 11jährige Magdi ist glühender Fan des Boxers Mohammed Ali. Denn Ali ist stark, fair und einfach unbesiegbar. Ganz anders als Vater. Der buckelt nach oben und tritt nach unten. Unten, da stehen Magdi und seine drei Geschwister. Und Mutter. Was den arabischen Vater und die deutsche Mutter eint, ist der Wille, »gebührliche« Kinder großzuziehen. Bloß nicht unangenehm auffallen! Deshalb müssen Magdi und seine Geschwister besser sein als die anderen. Und wenn sie nicht besser sind, dann hilft Vater nach.“ [Klappentext, ungekürzt]

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Ein Tick zu kurz, zu schlicht. Doch dafür: Das Buch hier in meiner Auswahl, das ich jedem noch-so-lesefaulen Elfjährigen in die Hand drücken will. Zugänglich, pointiert und mit zwei, drei markanten Gedanken, Szenen oder Witzen pro Seite. Duda nutzt Sarkasmus, um einem 11jährigen in hoffnungsloser Lage Stimme, Agency, Mut, Spielraum zu zeigen: Im Schreiben versteht Magdi die Dynamiken seines (oft unerträglichen) Alltags.

Ob „Gar nichts von allem“ gefällt/gelingt, hängt an den eigenen Maßstäben: Alles könnte tiefer greifen. Viel länger sein! Geschwister, Nebenfiguren bleiben kaum genutzt. Dass Magdis Mutter als Enablerin / Vertuscherin genauso gefährlich ist wie der gewalttätige Vater, deprimiert mich. Realistisch, dass die Familie in ihrer Dynamik bleibt. Doch schade, dass (außer: Tagebuch-Führen) für keines der Kinder eine Lösung sichtbar wird: Magdi wünscht sich, dass sein Vater stirbt. Ein Wunsch, auch für uns Leser deprimierend verständlich.

Lieblingsstelle: Eine Fußballmanschaft gewinnt ein wichtiges Spiel. Die autoritäre, böse Lehrerin steht auf dem Hof und schreit völlig enthemmt „Sieg! Sieg!“, „als hätte sie das schon mal irgendwo geübt.“ ❤

Schwächen:

  • Hier im Buch ist das Meta-Gewäsch über den Zauber der Sprache und die empowernde Macht des Schreibens am stärksten: Magdi ist ein scharfsinniger, gewitzter Ich-Erzähler, genießt das Tagebuchschreiben sichtlich, wird als Figur plausibel. Doch fünf, sechs „XY ist SO ein verrücktes Wort, wenn man genauer darüber nachdenkt…!“-Passagen hätte ich streichen lassen.
  • Kleine Illustrationen, die aussehen wie Schmierereien und Tintenkleckse eines nervösen Elfjährigen: Sie passen gut ins Buch – doch fügen dem Text nichts hinzu, und die Motive sind nicht originell.
  • Das Buch spielt Mitte der 70er in einer Industriestadt (Ruhrgebiet?); der Klappentext rückt Mohammed Ali in den Mittelpunkt. Tatsächlich sind Plot und Milieu nicht besonders detailliert / zeitspezifisch. Ein halbes Dutzend recht verständlicher, doch nicht sehr origineller Popkultur-Anspielungen werden in einem witzigen, charmanten Glossar kurz erklärt.
  • Rezensent Hartmut el Kurdi „rechnet dem Autor hoch an, dass dieser die Probleme nie ethnisiert oder kulturalisiert und die Durchschnittlichkeit einer multikulturellen Identität ebenso thematisiert wie deren Besonderheit. Nicht zuletzt lobt El Kurdi den „authentischen“ Erzählton dieses lesenswerten Buches“. Ich stimme zu. Warne aber: Über den Alltag muslimischer Familien in Deutschland erfährt man hier deshalb eben… relativ wenig.

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TANYA LIESKE, „Mein Freund Charlie“

  • Jugendbuch ab ca. 11 | Ich-Erzähler ist 12 oder 13
  • Ein Sommer in Düsseldorf, damit Niks‘ Vater auf dem Bau Geld machen kann. Niks, allein in der Wohnung, wird in den Bandenkrieg der russischen Nachbarn verwickelt.
  • Beltz & Gelberg, 170 Seiten, 2017
  • Perlentaucher, Bücherkinder, Amazon

„Niks lernt Charlie kennen, als er mit seinem Vater Mahris für mehrere Wochen von Riga nach Deutschland kommt. Während Mahris Arbeit sucht, streunen die Jungen durch die Stadt und Charlie zeigt Niks, was er besonders gut kann: sich unsichtbar machen. Egal, ob in einer Menschenmenge oder in einem Geschäft, manchmal ist Charlie einfach weg. Oft sind dann auch Portemonnaies, Skateboards oder anderes Zeugs verschwunden. Niks ist fasziniert von Charlies Talent.“ [Klappentext, ungekürzt]

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Das schwächste Buch dieser Auswahl: Ich freue mich, dass eine deutschsprachige Autorin versucht, die Stimme eines jungen Letten einzunehmen. Psychologisch klappt das gut – für mich handelt Niks nachvollziehbar und authentisch. Stilistisch, sprachlich klappt es kaum: Tanya Lieske benutzt viele Floskeln und Sprachbilder aus den ca. 60ern. Das Buch klingt IRRSINNIG altbacken [aber: genau solche Dinge kann eine gute Übersetzung ja ausbügeln/ausgleichen].

Drei Viertel des Romans glücken für mich: Niks, allein in einer deprimierenden Mietwohnung, lernt von seiner Zufallsbekanntschaft Charlie die Kunst des Taschendiebstahls, doch muss dann für dessen Familie in ein Hehler-Haus klettern, damit Charlies russische Hehler-Familie ihre Rivalen, zwei deutsche Hehler-Brüder, bestehlen können. Viel Action. Eine vernünftige, gewinnende Hauptfigur – und ihr liebevoller, hilflos optimistischer Vater: ein Duo, eine Familiendynamik, die mir sehr gefiel!

Leider läuft alles auf einen Klimax hinaus, in dem Figuren entführt werden, Schüsse im Mietshaus fallen, verkleidete Männer Lassos (!) in einer Sozialwohnung schleudern etc. – ein Finale, in dem sich Abgründe auftun, die dann aber – völlig misslungen! – binnen zwei, drei Seiten geklärt sind. Wenn Lieske erklärt, dass eine ganze Mietskaserne den Atem anhält, gafft, die Helden beobachtet… DANN in einer kleinen Wohnung ein Schuss fällt… doch nie jemand nachschaut, nachfragt, die Polizei ruft etc. …bin ich raus.

Schwächen:

  • Freund Charlie hat kaum Persönlichkeit, Tiefe, Kontur.
  • Seine Verwandten/Geschwister bleiben noch blasser: ein Buch ohne nennenswerte Frauenfiguren.
  • Lieske bedankt sich bei einer Kommissarin, die „viel weiß über Bandenkriminilität, Wohnungseinbrüche und Kinder, die in diesem Milieu aufwachsen. Die Wirklichkeit ist um etliches düsterer, als in meinem Roman dargestellt.“ Ich wünschte, der Roman hätte sich näher an dieser Wirklichkeit orientiert, statt…
  • …die Geiselnahme zu beenden, indem Niks‘ reicher Onkel aus Amerika maskiert ins Zimmer stürmt und mit Zirkus-Tricks und Lassos zwei Hehler überrumpelt. Auch, dass Niks‘ nicht wusste, dass sein Vater und Onkel im Zirkus erwachsen wurden, schien mir aufgesetzt/hanebüchen.
  • Lieske bedankt sich bei einer lettischen Autorin, die ihr viel über Lettland erklärte, und den Jugendkrimi „Spelés Meistars“ schrieb. Im Roman ist „Spelés Meistars“ Niks‘ Lieblingsbuch, wird oft erwähnt – doch an keiner Stelle erfahren wir, worum es geht oder, was das Buch besonders, wichtig macht für Niks. Das wirkt für mich wie… albernes Product-Placement. Oder: eine schlecht durchdachte Gefälligkeit unter Kolleginnen.
  • Nachdem wir über 150 Seiten sahen, dass Mahris ein liebevoller, doch finanziell / lebenspraktisch oft inkompetenter Vater ist, sich kaum über Wasser halten kann… eröffnet er einen Zauber- und Artistik-Shop in Riga und wird damit mühelos erfolgreich? Ein Ende, das allem, was zuvor gezeigt wurde über Nöte, Pragmatismus, schmutzige Kompromisse… ins Gesicht spuckt.

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Die besten Jugendbücher 2016: Entdeckungen / Vorauswahl zur Leipziger Buchmesse

Jugendbücher 2016, Stefan Mesch (2)

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Einmal pro Monat stelle ich ca. 20 unbekannte oder neue Bücher vor.

heute: aktuelle Jugendbücher und Young-Adult-Literatur, neu auf Deutsch.

Neue Titel oder Neuausgaben, erschienen zwischen Frühling 2016 und Frühling 2017…

…angelesen, gemocht und vorgemerkt.

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jugendbücher 2016 - Stefan Mesch

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Ich schreibe einen Roman über Sechzehnjährige. Ich lese seit ca. 2009 Young-Adult-Literatur, empfehle Titel bei ZEIT Online und veröffentliche immer wieder auch längere Texte über z.B.“Mockingjay” (Link) oder neue Dystopien (Link). Meine Lieblings-Jugendbuchautorin ist A.S. King (Link).

10 große Favoriten / Empfehlungen:

The Member of the Wedding   To Kill a Mockingbird  Quien ama a Gilbert Grape  The Only Alien on the Planet  Vielleicht Lieber Morgen

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The Usual Rules  The Hunger Games (The Hunger Games, #1)  Please Ignore Vera Dietz  Two Boys Kissing  Imperfect Spiral

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“Willkommen im Leben” gehört zu meinen Lieblingsserien. “One Tree Hill” ist ein Guilty Pleasure.

2014 habe ich bei Beltz & Gelberg veröffentlicht, in “Das ist genau mein Ding!”.

Jetzt: 20 aktuelle Bücher, in meiner “bald lesen!”-Vorauswahl: Leseprobe gelesen – aber noch nicht gekauft.

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01: Tanya Lieske, „Sommernachtstraum“

  • leichte, aber sprachlich recht komplexe Verwechslungskomödie
  • 336 Seiten, Fischer KJB, Februar 2016
  • Goodreads: noch kaum Wertungen

„Shakespeares ›Sommernachtstraum‹ als Schultheaterprojekt! Ben und seine Schüler stürzen sich in die Proben. Hermia liebt Lysander, Helena will Demetrius, Oberon straft Titania, und die Feenkönigin liebt plötzlich einen Esel. Während den Proben geraten auch die Liebesgeschicke der Theatergruppe durcheinander: Struppi liebt Mireille, Mary Jane will Ben, Bens Freundin trifft sich heimlich mit Mireilles Vater.“ [Klappentext, gekürzt]

Sommernachtstraum

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02: Kenneth Oppel, „Das Nest“

  • Kinder-Fantasy im Stil von Neil Gaimans „Coraline“.
  • Illustrator John Klassen hat viele Fans – aber langweilt mich meist.
  • 217 Seiten, Dressler (Oetinger), Januar 2016
  • deutsch von Jessika Kornina-Scholz, illustriert von John Klassen. Goodreads: 3.82 von 5

„Steve durchlebt eine schwere Zeit: sein neugeborener Bruder kämpft um sein Leben. Als sich eines Nachts die Wespenkönigin in Steves Träume einschleicht und ihm anbietet, das Baby zu ‚reparieren‘, scheinen seine Wünsche erhört zu werden. Doch die Dinge nehmen eine finstere Wendung, als Steve erkennt, was wirklich mit dem Kleinen geschehen soll.“ [Klappentext, gekürzt]

The Nest

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03: Jason Reynolds, „Coole Nummer“

  • New-York-Roman, mitreißend, psychologisch, sympathisch.
  • 260 Seiten, Reihe Hanser bei dtv, August 2015
  • deutsch von Klaus Fritz, Goodreads: 3.95 von 5

„Brooklyn: Ali hat sich fast sechzehn Jahre lang von allem Ärger fern gehalten. Dann ergibt sich die Gelegenheit, mit den großen Jungs zu spielen.“ [Klappentext, gekürzt]

When I Was the Greatest

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04: Susin Nielsen, „Die hohe Kunst, unterm Radar zu bleiben“

  • gewollt schrulliges Jugendbuch – vielleicht zu drollig…
  • …aber auf den ersten Seiten scheint mit der exzentrische Ich-Erzähler plausibel und sympathisch!
  • 256 Seiten, cbt, Februar 2016
  • deutsch von Claudia Max, Goodreads: 4.18 von 5

„Henry ist 13. Seine Devise: bloß nicht auffallen. Denn wehe, es kommt raus, was sein Bruder getan hat. Weil Henry, seit ES passiert ist, nur noch Robotersprache spricht, hockt er viel beim Seelendoc. Als er Alberta trifft, die zwar auch nicht normal, aber ziemlich toll ist, fragt er sich, ob da mehr daraus werden könnte. Und ob das bedeutet, dass es für ihn tatsächlich ein Leben DANACH gibt.“ [Klappentext, gekürzt]

The Reluctant Journal of Henry K. Larsen

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05: Karin Bruder, „Panama“

  • ruhiger, vielleicht auch klassisch-literarischer als viele aktuelle Young-Adult-Novels.
  • 337 Seiten, Reihe Hanser bei dtv, Oktober 2015
  • Goodreads: noch kaum Wertungen

„Ihr Großvater schickt Liana nach dem Abitur nach Panama City. Sie soll den Sohn ihres verstorbenen Bruders abholen, der seit Jahren als verschollen galt. Doch vor Ort ist alles komplizierter als gedacht. Als sie Ruud kennenlernt, hat sie es nicht mehr eilig, in ihr altes Leben zurückzukehren.“ [Klappentext, gekürzt]

Panama: Roman (Reihe Hanser)

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06: Karin Kaci, „Homevideo“

  • Typische Schullektüre. Ich mag Tempo, Härte und Geschwindigkeit: kurz und rasant.
  • 176 Seiten, Carlsen, Januar 2016
  • Goodreads: noch kaum Wertungen

„Das Buch zum TV-Film »Homevideo« (Grimme-Preis 2012): Jakobs Kamera ist wie ein Tagebuch. Der 15-Jährige filmt, was ihn bewegt. Doch dann gerät ein selbstgedrehtes, intimes Video durch Zufall in die Hände von Mitschülern, die es ins Internet stellen. Jakob wird ausgelacht, angemacht, gemobbt. Seine Freundin Hannah zieht sich zurück. Lehrer und Eltern wissen kaum, wie sie mit der Sache umgehen sollen. Keiner kann helfen, keiner kann die Hassbotschaften stoppen. Es bleibt nur ein Ausweg…“ [Klappentext, gekürzt]

Homevideo

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07: Bonnie-Sue Hitchock, „Der Geruch von Häusern anderer Leute“

  • kitschige Prämisse – aber literarisch/stilistisch überzeugt mich die Autorin.
  • 320 Seiten, Königskinder (Carlsen), März 2016
  • deutsch von Sonja Finck, Goodreads: 4.19 von 5

„Unweit des nördlichen Polarkreises, wo der Alltag manchmal unerbittlich ist, kreuzen sich ihre Lebenswege immer wieder: Alyce weiß nicht, wie sie Fischen und Tanzen in Einklang bringen soll. Ruth hat ein Geheimnis, das sie nicht mehr lange verbergen kann. Dora will ihren Vater nie wieder sehen und wird von Dumplings Familie aufgenommen. Hank und seine Brüder hauen von zu Hause ab, doch einer von ihnen gerät in große Gefahr. Und trifft auf Alyce…“ [Klappentext, gekürzt]

The Smell of Other People's Houses

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08: Gudrun Pausewang, „Der einhändige Briefträger“

  • noch mit 90 schreibt Pausewang Jugendbücher: erwachsener Ton, gut recherchiert.
  • 192 Seiten, Ravensburger, April 2015
  • Goodreads: noch kaum Wertungen

„September 1944: Der Krieg ist längst Alltag. Außer Johann, 17, leben im ostböhmischen Wolfentann fast nur noch Frauen, Greise und Kinder. Johann arbeitet als Briefträger, seit er an der Front seine linke Hand verlor. Er ist beliebt, denn er bringt den Dorfbewohnern Nachrichten von den fernen Vätern, Söhnen, Brüdern und kennt ihre Schicksale und Geschichten. Doch seine Freundschaft zur verwirrten alten Försterswitwe wird Johann bei Kriegsende zum Verhängnis…“ [Klappentext, gekürzt]

Der einhändige Briefträger

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09: Klaus Kordon, „Krokodil im Nacken“

  • sehr beliebter Autor von Jugendbüchern über die deutsche Geschichte: Kordons autobiografischer Gefängnisroman wirkt auf mich dringlich, nah, persönlich. Nur der Umfang macht mir Angst: 800 Seiten Fliesen, Betonboden, Selbstmitleid?
  • 800 Seiten, Beltz und Gelberg, November 2015 [Neuauflage. Buch von 2002.]
  • Goodreads: 4.04 von 5

„Die Lebensgeschichte von Manfred Lenz, der nach einem missglückten Fluchtversuch aus der DDR ein Jahr in Stasi-Gefängnissen verbringt. Seine Frau Hannah ist ebenfalls inhaftiert, die Kinder Silke und Michael wurden im Heim untergebracht. In seiner Isolation lässt Manfred Lenz sein Leben Revue passieren: Die Kneipe am Prenzlauer Berg, in der er nach dem Krieg aufgewachsen ist, der Einmarsch der sowjetischen Truppen auf dem Potsdamer Platz, der Tod der Mutter, das Kinderheim, das Jugendwohnheim – und dann die nur ein paar hundert Meter entfernte Grenze nach Westberlin. Der große Roman erzählt mit bestechender Authentizität deutsch-deutsche Zeitgeschichte.“ [Klappentext, gekürzt]

Krokodil im Nacken

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10: Tromly, „Digby“

  • charmante Detektiv-Komödie, erster Band einer Reihe
  • 368 Seiten, Oetinger, Februar 2016
  • deutsch von Sylke Hachmeister, Goodreads: 3.92 von 5

„Beschossen. Inhaftiert. Gekidnappt. Ein ganz normaler Tag mit Digby. Das war Zoe schnell klar. Denn Digby will den Fall seiner kleinen Schwester, die vor acht Jahren entführt wurde, aufklären. Spannende Unterhaltung auf höchstem Niveau, mit einer Prise schrägem Humor und einem besonders lässigem Dedektiv.“ [Klappentext, gekürzt]

Digby (Digby, #1)

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11: Robert Clement, „70 Meilen zum Paradies“

  • Vielleicht wissen wir 2016 so viel über Schleuser, Lampedusa und die Flucht aus Nordafrika, dass das Buch langweilt? Aber: Stil, Ton, Figuren sprechen mich an.
  • Taschenbuch: 176 Seiten, Verlag Jungbrunnen, März 2015. Zuvor 2006 im Sessler Verlag.
  • Goodreads: 3.80 von 5

„Siad, ein junger Krankenpfleger aus Somalia, und seine Tochter Shara warten in Tunesien gemeinsam mit anderen Flüchtlingen aus Afrika, bis Schlepper sie nach Europa bringen. Ihr Ziel ist Lampedusa, das Tor zu einer Zukunft, von der sie sich Sicherheit und Wohlstand erhoffen. Mit 55 anderen Flüchtlingen drängen sie sich in einem kleinen, altersschwachen Kutter. Die Reise wird zum Albtraum. Im Flüchtlingslager müssen sie unter menschenunwürdigen Bedingungen warten, bis entschieden ist, ob sie einreisen dürfen oder zurückgeschickt werden. Österreichischer Kinder- und Jugendbuchpreis, Kinder- und Jugendbuchpreis der Stadt Wien.“ [Klappentext, gekürzt]

70 Meilen zum Paradies

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12: Elke Reichard, „Deutschland, gefühlte Heimat. Hier zuhause und trotzdem fremd“

  • Gestaltung wie aus den frühen 90ern, Klappentext wie aus den 70ern, wirkt wenig selbstbewusst oder empowernd. Aber: Das Buch versammelt interessante Protokolle/Portraits – und ist weniger muffig als sein Cover.
  • 176 Seiten, Reihe Hanser bei dtv, August 2015
  • Goodreads: noch kaum Wertungen

„Jeder vierte Jugendliche in Deutschland hat inzwischen einen sogenannten Migrationshintergrund. Die Autorin ging auf die Reise durch das Einwanderungsland Deutschland.“ [Klappentext, gekürzt]

DEUTSCHLAND, GEFÜHLTE HEIMAT

ähnlich: „Neu in der Fremde. Von Menschen, die ihre Heimat verlassen.“ [März 2016, Beltz & Gelberg]

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13: Arne Svingen, „Die Ballade von der gebrochenen Nase“

  • Tragikomischer Zwischendurch-Roman für Elf-, Zwölf-, Dreizehnjährige. Mir sind solche Middle-Grade-Jungs-Bücher, besonders aus Skandinavien, am Ende oft zu süßlich oder simpel. Trotzdem: angelesen und gemocht.
  • 192 Seiten, Luebbe, Oktober 2015
  • deutsch von Gabriele Haefs, Goodreads: 3.96 von 5

„Bart geht Ärger am liebsten aus dem Weg. Seine Mutter schickt ihm zum Boxunterricht, dabei gehört seine Leidenschaft der Musik. Er liebt Opern und singt heimlich. Das darf in der Schule niemand erfahren. Doch Ada ist anders als seine Mitschüler und stellt auf den Kopf.“ [Klappentext, gekürzt]

La chanson du nez cassé

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14: Luca Bloom, „Ich, Elias“

  • Simples Konzept, aber souverän erzählt. Ein Jungs-Buch, das hoffentlich nicht in Selbstmord oder der großen Katastrophe endet.
  • 144 Seiten, Beltz & Gelberg, Juli 2015 [Neuauflage: Buch von 2009]
  • Goodreads: 3.44 von 5

»Erwachsene sagen, die Jugend sei die schönste Zeit im Leben. Sie haben wirklich keine Ahnung.« Elias, 15, mitten in der Pubertät, verliebt, entrückt und durcheinander: Die Welt steht still, wenn er Zoe sieht. Doch er macht einen entscheidenden Fehler.“ [Klappentext, gekürzt]
Ich, Elias

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15: Dave Cousins, „15 kopflose Tage“

  • Harte Themen, leichte Sprache: Ich bin gespannt, ob diese Gratwanderung knapp 300 Seiten lang glückt.
  • 288 Seiten, Verlag Freies Geistesleben, Februar 2015
  • deutsch von Anne Brauner, Goodreads: 3.86 von 5

„Laurence Roach wünscht sich ein normales Leben. Doch seine Mutter ist eine depressive Alkoholikerin. Als sie eines Abends nicht mehr nach Hause kommt, erzählt er niemandem davon – aus Angst, er und sein Bruder Jay müssten sonst in Pflegefamilien. Er zieht sich ihre Kleider an und verstrickt sich immer mehr in ein Netz aus Lügen.“ [Klappentext, gekürzt]

Fünfzehn kopflose Tage

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16: Kenneth Oppel, „Affenbruder“

  • Der Klappentext klingt vorhersehbar, Bücher über kleine weiße Jungs und ihre liebsten Tiere sind mir oft zu sentimental – aber 440 Seiten bieten Platz für Tiefgang, Psychologie.
  • 439 Seiten, Beltz & Gelberg, Juli 2015
  • deutsch von Gerold Anrich und Martina Instinsky-Anrich, Goodreads: 4.04 von 5

„Ein ungewöhnlicher Tierversuch, der ethische Grenzen überschreitet und eine Familie auf die Probe stellt. Zan ist ein Schimpansen-Baby und soll Zeichensprache lernen. Für Ben wird zum »richtigen« Bruder, den er über alles liebt und zu dem er eine enge Beziehung aufbaut. Als Zan die Erwartungen nicht erfüllt und von der Uni weiterverkauft wird, erlebt fragt Ben sich verzweifelt: Wie weit darf die Wissenschaft Zan für ihre Zwecke einsetzen?“ [Klappentext, gekürzt]

Affenbruder

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17: Andrew Smith, „Auf Umwegen“

  • Smith hat einen sehr, sehr guten Ruf und schreibt Bücher, die auch männliche Teenager sehr ansprechen. Das Pferd, das Meilen-Gerede, die ersten Seiten und der Road-Trip-Plot langweilten mich… aber ich glaube, das ist nochmal einen längeren, genaueren Blick wert:
  • 336 Seiten, Königskinder (Carlsen), Oktober 2015
  • deutsch von Hans-Ulrich Möhring, Goodreads: 3.89 von 5

„Finn berechnet die Zeit in Meilen, nicht in Minuten. Stets am Rande der Katastrophe – als Kind ist ein totes Pferd von einer Brücke auf ihn gefallen – hat er immerhin den besten Freund der Welt: den total irren Cade. Dann lernt er Julia kennen. Als sie wegzieht, macht er sich auf eine Reise, die sie nicht – wie geplant – zum College ihrer Wahl führt. Ein unerwarteter Unfall macht sie zu ebenso unerwarteten Helden.“ [Klappentext, gekürzt]

Auf Umwegen

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18: Leila Sales, „This Song will save your Life“

  • ruhiges, warmherziges Buch über Identität und Freundschaft
  • 320 Seiten, Kosmos, Juni 2015
  • deutsch von Anja Herre, Goodreads: 3.97 von 5

„Niemand teilt Elises Kleidungsstil oder ihren Musikgeschmack. Bei einem ihrer Nachtspaziergänge trifft sie Pippa und Vicky, die sie in den Underground-Musikclub „Start“ mitnehmen – und plötzlich ist Elise unter Menschen, die sie so nehmen, wie sie ist. Außerdem entdeckt sie ihr Talent fürs DJ-ing. Sie wird zur heißesten Newcomerin der Szene und scheint mit einem Mal alles zu haben, was sie sich schon immer gewünscht hat: Freunde, Akzeptanz und vielleicht sogar Liebe. Doch was, wenn das richtige Leben droht, alles wieder zunichte zu machen?“ [Klappentext, gekürzt]

This Song Will Save Your Life

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19: Rob Thomas & Jennifer Graham, „Veronica Mars, Bd. 2: Mörder bleiben nicht zum Frühstück“

  • ich mag die ersten ca. anderthalb Staffeln des Krimi-Serie (2004). Den Kinofilm von 2014 habe ich noch nicht gesehen – doch bevor Rob Thomas die Serie schrieb, war er Young-Adult-Autor, und die beiden neuen „Veronica Mars“-Romane machen auf mich einen sehr soliden Eindruck.
  • 368 Seiten, Loewe, September 2015
  • deutsch von Sandra Knuffinke und Jessika Komina, Goodreads: 4.02 von 5

„Das Neptune Grand war schon immer das eleganteste Hotel am Platz. Reiche und Prominente gehen ein und aus. Doch als eine Frau behauptet, in einem der Zimmer angegriffen worden zu sein, wenden sich die Hotelbesitzer an Veronica. Veronica-Mars-Schöpfer Rob Thomas legt den heiß ersehnten zweiten Thriller um die Kult-Detektivin vor.“ [Klappentext, gekürzt]

Mörder bleiben nicht zum Frühstück (Veronica Mars #2)

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20: Melanie Mühl, „Fünfzehn sein. Was Jugendliche heute wirklich denken“

„Diese Teenager! Gucken pausenlos auf ihr Handy. Anstatt sich mit Freunden zu treffen, tummeln sie sich im Internet. Lieben nur Computerspiele, Kosmetik, sich selbst und den Konsum. Klassische Bildung? Fehlanzeige. Melanie Mühl hat Jugendliche befragt, und sie erzählen ausführlich und erstaunlich offen über Liebe und Intimrasur, Freundschaft und die besten Posen bei Instagram. Wie hart ist es für Teenager, in einer Optimierungsgesellschaft aufzuwachsen? Wovon träumen Jugendliche im 21. Jahrhundert? Fest steht: Von vielen Vorurteilen müssen wir uns verabschieden.“ [Klappentext, gekürzt]

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schon hier im Blog vorgestellt:

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21: Sarah Darer Littman: „Die Welt wär besser ohne dich“

  • NOCH ein Buch über Mobbing/Cyber-Stalking. Hier überzeugt mich der Stil, nicht das verbrauchte Thema.
  • 384 Seiten, Ravensburger, Januar 2016.
  • deutsch von Franziska Jaekel, Goodreads: 4.14 von 5

„Seit Wochen chattet Lara mit Christian. Sie ist total verliebt und möchte ihn endlich treffen. Doch dann postet Christian plötzlich fiese Kommentare auf ihrer Facebook-Pinnwand. Und minütlich schließen sich ihm andere an. Als Lara die Beleidigungen nicht mehr erträgt, trifft sie eine verzweifelte Entscheidung.“ [Klappentext, gekürzt]

Die Welt wär besser ohne dich

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22: Jenny Valentine, „Durchs Feuer“

  • Zu schrullig? Zu sentimental? Ich bin unsicher: Ich mochte Stil und Figuren – aber erwarte eine Art… Noah-Baumbach-Groteske, übertrieben bittersüß.
  • 260 Seiten, dtv, Februar 2016
  • deutsch von Klaus Fritz, Goodreads: 3.99 von 5

„Iris hat für ihre Eltern nur Verachtung übrig. Mutter Hanna sieht nicht nur aus wie eine Barbiepuppe, sondern ist genauso leblos, und Stiefvater Lowell, der verkrachte Soap-Darsteller, ignoriert sie. Dann tritt Ernest, Iris` leiblicher Vater, in ihr Leben: ein hoch betuchter Kunstsammler. Ernests Tod ist ein Abgang wie ein Paukenschlag und die letzte große Liebeserklärung an seine Tochter Iris.“ [Klappentext, gekürzt]

Durchs Feuer

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23: James Dawson, „How to be Gay. Alles über Coming-Out, Sex, Gender und Liebe“

  • Ratgeber für/über schwule, lesbische, queere, bi- und transsexuelle Jugendliche und sexueller Vielfalt in der Pubertät – in einfacher Sprache, aber: informiert, witzig, mitreißend. 2015 gelesen und sehr gemocht: Ich wollte Dawson für den Queerspiegel/Berliner Tagesspiegel interviewen – aber es scheiterte hieran (Link)
  • 304 Seiten, S. Fischer, Juli 2015
  • deutsch von Volker Oldenburg, Goodreads: 4.05 von 5

„Wie fühlt es sich an, zum ersten Mal in ein Mädchen verliebt zu sein, wenn man selbst ein Mädchen ist? Und was passiert dann? Wie findet man andere schwule Jungs? Und warum fühlen sich manche Menschen im falschen Körper gefangen? Mit über hundert Originalbeiträgen von lesbischen, schwulen, bi- und transsexuellen Jugendlichen, die ein unendliches Spektrum sexueller Identitäten repräsentieren. Für alle, die immer schon mehr wissen wollten über Homosexualität und Transgender – und für alle, die einfach nur neugierig sind!“ [Klappentext, gekürzt. Das versprochene „unendliche“ Spektrum ist leider Quatsch: Schwule stehen im Vordergrund, der Rest wird oft nur nebenbei erwähnt.]

How to be Gay: Alles über Coming-out, Sex, Gender und Liebe

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24: Jim Shepard, “Aron und der König der Kinder”

  • Junge im Warschauer Ghetto (schon wieder)…
  • simples, aber mitreißendes Kinder-/Jugendbuch, USA 2015.
  • 270 Seiten, C.H. Beck, Januar 2016.
  • deutsch von Claudia Wenner. Goodreads: 3.74 von 5

„Aron ist ein kleiner polnisch-jüdischer Junge in einer großen, armen Familie. Leider hat er keine Zeit, ein vernünftiger Erwachsener zu werden. Denn seine Familie zieht nach Warschau, die Deutschen überfallen Polen und die Juden werden ins Ghetto gepfercht. Er freundet sich mit einer Gruppe Jugendlicher an, die für sich und ihre Familien ums Überleben kämpfen, arbeiten, schmuggeln und stehlen und sich immer fragen müssen, wieviel Freundschaft und Liebe sie sich noch leisten können. Als der König der Kinder, der berühmte Arzt und Pädagoge Janusz Korczak, Aron in sein Waisenhaus aufnimmt, beginnt eine ungewöhnliche Freundschaft, die den Jungen verändert und beide über sich hinauswachsen lässt.“ [Klappentext, gekürzt]

Aron und der König der Kinder

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25: MONIKA FETH, “Der Libellenflüsterer”

  • das klingt SO bieder und nach “deutsches Jugendbuch”… doch Feth erzählt so plastisch, plausibel, dass ich sobald wie möglich weiterlesen will.
  • 529 Seiten, cbt, August 2015
  • Goodreads: 4.13 von 5

“Merle ist Tierschützerin. Ein Hund, den sie einst vermittelt hatte, starb wenige Wochen später auf grausame Weise. Der neue Besitzer wurde angeklagt und aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Nun kreuzen sich ihre Wege erneut und Merle kommt einem weit gefährlicheren Geheimnis auf die Spur…” [Klappentext, gekürzt]

Der Libellenflüsterer

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26: David Levithan, „Two Boys Kissing – Jede Sekunde zählt“

  • eins meiner Lieblingsbücher. größte denkbare Empfehlung!
  • 288 Seiten, S. Fischer, September 2015
  • deutsch von Martina Tichy, Goodreads: 4.10 von 5

„Craig und Harry wollen ein Zeichen für alle schwulen Jungs setzen. Dafür küssen sie sich. 32 Stunden, 12 Minuten und 10 Sekunden. So lange dauert es, um den Weltrekord im Langzeitküssen zu brechen. So lange dauert es, sich über die Gefühle füreinander klarzuwerden, nachdem man sich eigentlich gerade getrennt hat. Geschickt verwebt David Levithan Geschichten [mehrerer Paare, schwuler und transsexueller Figuren] zu einer großen Geschichte über homosexuelle Jugendliche von heute.“

[2013 bei ZEIT Online empfohlen] In US-amerikanische Jugendbüchern tut sich stilistisch oft nicht viel: Stakkatosätze. Präsens. Sekundenrealismus, nah am Ich-Erzähler. Alles klingt gleich. Nichts irritiert. Eine Ausnahme ist David Levithan, der in zehn Jahren fast 20 Bücher über Paare, Selbstverwirklichung und Partnerschaft-als-Selbstverwirklichung schachtelte. Jedes klang anders. Allerdings ist Two Boys Kissing ist der erste Levithan-Roman, der mich überzeugt: Acht schwule Jugendliche auf dem Land, 50 Stunden persönlichste Katastrophen und Triumphe, brillante Perspektivwechsel, Schnitte. 200 Seiten nichts als Sätze, die Leser zum Weinen bringen wollen. Vor Wut. Freude. Begeisterung. Ein hoher Ton.

David Levithan: Two Boys Kissing. A Novel. Knopf Books for Young Readers, New York 2013. 208 Seiten, 11,40 Euro.

Two Boys Kissing  Two Boys Kissing: Jede Sekunde zählt

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Graphic Novel-Reihe: „Ms. Marvel“

Ms. Marvel (USA)

Autorin: G. Willow Wilson, Zeichner: Adrian Alphona
Marvel Comics, seit Februar 2014. Deutsch bei Panini.
19+ Hefte und einige Gastauftritte / drei Sammelbände, wird fortgesetzt.

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Den ersten Band „Ms. Marvel“ würde ich am liebsten jedem Menschen von 10 bis 15 schenken – oder… bis 45. Ein All-Ages-Comic, charmant, atmosphärisch, optimistisch und rasant wie „Harry Potter“.

Band 2 hatte hanebüchene Konflikte und viel (leeres, dummes) Gerede über die angeblichen Besonderheiten der Generation Y. Und mit Band 3 tauchen immer kompliziertere Marvel-Crossover und -Bezüge auf. Auch der Zeichner wechselt ärgerlich oft: Vielleicht verheddert sich die Reihe gerade.

Vorerst aber: Unbedingt lesen! Kamala Khan, Teenager, Online-Nerd und Muslima, lebt in New Jersey. Ihre Eltern sind aus Pakistan eingewandert und haben Angst, dass sie verwestlicht. Als sie bemerkt, dass sie ihren Körper verformen, schrumpfen, verwandeln kann, hilft sie in Schule und Nachbarschaft. Ein humorvoller Comic, bunter und kindlicher als viele andere Marvel-Titel – geschrieben von einer muslimischen Autorin.

Ein zeitgemäßer, sympathischer Bestseller – aber manchmal zu drollig, harmlos.

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und:

Morton Rhues „No place, no home“ klingt vielversprechend – doch ich fand keine Leseprobe.

Goodreads: 3.86 von 5

„Nie im Leben hätte Dan damit gerechnet, dass auch er und seine Eltern einmal hier landen würden: in Dignityville. Dignityville ist eine Zeltstadt, ein Zufluchtsort für Leute, die erst ihre Arbeit, dann ihr Haus verloren haben. Ein Ort für Verlierer, die sich nicht genug angestrengt haben, dachte Dan. Doch dann lernt er Menschen kennen, die ohne Schuld ihren Platz in der Mitte der Gesellschaft verloren haben – nicht jedoch ihren Stolz und den Willen, ihn sich zurückzuerobern.“

No place, no home

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ein aktueller US-Titel, angelesen und gemocht: Monica Tesler, „Bounders“

Bounders

Erzählen / Schreiben… mit „My so-called Life“ / „Willkommen im Leben“

wordpress mscl.

Du schreibst ein Buch über Schüler? Dorfjugend?“ – „Elftklässler, ja.“ – „Ein Jugendbuch?“ – „Ich… bin nicht sicher.“

  • Zugriff und Stil ähneln US-Erzählern wie John Updike, Stewart O’Nan.

  • Zielgruppe? Leser von 25 bis 40, meine „Generation“.

  • Doch meinen Ansprüchen wird „Zimmer voller Freunde“ erst gerecht, wenn Siebzehnjährige das Buch im Schwimmbad lesen – und in der Clique verleihen.

Passt „Jugendbuch“, als Etikett, auf den Roman? Nur, falls “Willkommen im Leben“ / „My so-called Life“ (1994/95 auf ABC, eine Staffel, 19 Episoden) eine „Jugendserie“ ist. Beides zeigt Alltag, Freundschaft, Familienleben. Macht Teenager zu Perspektivträgern, Erzählern. Doch steht jedes Format, das sich auf Lebenswelten Jugendlicher konzentriert, im Jugend-Genre?

  • 2007 produzierten Edward Zwick und Marshall Herskovitz „quarterlife“, eine (ABC-)Webserie über College-Absolventen, die sich zum ersten Mal auf dem Arbeitsmarkt behaupten.

  • 1999 bis 2002 produzierten Zwick und Herskovitz die ABC-Familienserie „Once and again“ („Nochmal mit Gefühl“) über eine geschiedene Frau Anfang 40, die mit ihrem Partner und je zwei Kindern zwischen 9 und 16 eine Patchwork-Familie wagt.

  • 1987 bis 1991 produzierten Zwick und Herskovitz eine ABC-Serie über junge Eltern und ihre ledigen Freunde, „thirtysomething“ („Die besten Jahre“). Werber, Journalisten, eine Fotografin und eine „Career Woman“, die Arbeit und Familie balancieren.

Willkommen im Leben“ zeigt Alltag (und altersgemäß „tiefsinnige“ Einsichten und Monologe) von Angela Chase, einer behüteten Fünfzehnjährigen aus einem Vorort Pittsburghs, die zum Start der zehnten Klasse Eltern und alte Freunde – Nerd-Nachbar Brian und die häusliche, „anständige“ Sharon – vor den Kopf stößt, als sie ihr Haar rot färbt und sich Punk-Mädchen Rayanne und Hispano-Außenseiter Rickie zuwendet.

19 Episoden erzählen vom Abnabelungsprozess zu ihren Eltern und Angelas erster, oft tragikomischer Beziehung mit Jordan Catalano, einem Fleecepulli-Jungen mit Gitarre, altem Cabrio und Lese-Rechtschreib-Schwäche.

  • Ich sah „Willkommen im Leben“ 1995/96, mit zwölf.

  • 1997 und 1999, mit 14 und 16, in Nachmittags-Wiederholungen.

  • 2009, mit 26, zur Vorbereitung von „Zimmer voller Freunde“.

Bei jedem Durchgang erschien mir Angelas Leben „authentisch“, „realistisch“, „persönlich“, „dringlich“ – ohne schrille Misstöne, Hysterie, Übertreibungen, Eskapismus und Melodrama, die bei „Beverly Hills, 90210“ oder „Dawson’s Creek“ schnell Überhand gewannen: Stewart O’Nan (Link: Text von mir) nennt seine (Vorstadt-)Romane „domestic fiction“ – und ich verstehe, wenn der Begriff falsche, staubige Assoziationen weckt: Muttis und Blumenbeete, Leben in der Spielstraße, Milch, Kekse, Schwangerschaftsstreifen – die Welt von Pinterest und Chefkoch.de. Eng. Apolitisch. Hohl.

Willkommen im Leben“ – und: O’Nan, Richard Yates, John Updikes „Rabbit“-Romane – sind Beispiele für gelungene „domestic fiction“: In einer Hierarchie menschlicher Bedürfnisse – z.B. in Maslovs Fünf-Stufen-Pyramide: physische Ansprüche, Sicherheit, sozialer Anschluss, Wertschätzung, Selbstverwirklichung – bleiben die Ziele von Thriller- und Fantasy-Figuren oft (langweilig, für mich uninteressant) auf der untersten Ebene: „Die Pferde brauchen Futter!“, „Wir müssen Obdach finden, bevor es dunkel wird!“, „Jemand muss rein – und meine Tochter da raus holen!“.

domestic fiction“ folgt Menschen, die grundsätzlich sicher sind: Kein anderes Genre kann so differenziert, zeitbezogen, offen Fragen zu Identität, Familie, Elternschaft, Sexualität, Lebenszielen, Gemeinschaft stellen. Und während die Ziel- und Altersgruppen der Zwick-/Herzskovitz-Serien ständig wechseln, bleibt die Arbeitsweise der jeweiligen Serien-Autoren dieselbe: eine Gruppe Schreiber sammelt „authentische“, „realistische“, „persönliche“, „dringliche“ Alltags-, Generations- und Lebenserfahrungen. Erlebnisse, so mundane, dass sie jeder (er-)kennt. Und – hier wird es Kunst und Kunstgriff – hängt diese Erkenntnis-Nuggets an Figuren und Figurensprache, so eigensinnig, dass sie einmalig / authentisch wirken:

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Im August 1994, am Ende des Pilotfilms von „Willkommen im Leben“, kommt Angela nach Mitternacht zurück nach Hause. Sie streift die Schuhe ab und steigt barfuß die Treppe hoch, um niemanden zu wecken. Von oben fällt Licht auf ihr rot gefärbtes Haar. Und vorne, im Schlafzimmer der Eltern, läuft der Fernseher: Ihre Mutter sitzt alleine auf dem Ehebett und schaut durch alte Alben oder Adressbücher. James Stewart, in schwarzweiß und ohne Ton, sagt auf dem Bildschirm seiner Tochter gute Nacht. Angela lehnt den Kopf an den Türrahmen. „Meine Mutter wurde adoptiert“, sagt sie im Off. „Eine Zeit lang hat sie ihre richtigen Eltern gesucht.“ Sie macht eine Pause. „Das tun wir wohl alle.“ [Zitat aus „Zimmer voller Freunde“]

Als Teenager traf „Willkommen im Leben“ bei mir auf große, größte Resonanz:

  • Fast nichts passt / ereignet sich: Angela verbringt viel Zeit damit, still zu klagen, dass ihr Leben nur sehr langsam, schwerfällig Fahrt aufnimmt. Erwachsenwerden, das ist Warten, die Zähne zusammenbeißen, die Nerven behalten. („I thought, at least, that by the age of 15, I would have a love life. But I don’t even have a ‚like‘ life.“)

  • Oft missglücken Angela und ihren Nicht-Mehr- oder Noch-nicht-so-richtig-Freunden die banalsten Vorhaben (Tanzen gehen, ein Konzert besuchen, zu selbstbezogenen, nervösen Eltern durchdringen)… ohne, dass die Autoren dabei einladen, über Pech, Missgeschick und pubertäre Beschränktheit der Beteiligten zu lachen.

  • und, in den Worten des „TV Tropes“-Wikis: „Often, the show took a comic plot and subverted it by playing it for drama (and, arguable, realism) rather than for humor – and this was both much funnier and much more painful than it would have been as a comedy.“

Die tagesaktuellen, akuten „Klappt es? Misslingt es?“-Spannungsbögen einzelner „Zimmer voller Freunde“-Kapitel bleiben oft in dieser – sehr unspektakulären – Größenordnung:

  • Darf Antje die Wohnung ihrer Mutter sehen, hinter deren Rücken?

  • Soll Frank am 18. Geburtstag durch die Schule trotten?

  • Kann Stefan Stoff zur Rede stellen, bevor die Stadtbahn kommt?

Die größte Arbeit / Mühe an „Zimmer voller Freunde“ ist, 420 Seiten lang Spannung und Dringlichkeit zu schüren für eine lose Gruppe pubertärer Figuren, die – einerseits – stets ganz, ganz oben auf der Pyramide über Selbstbilder und Rollen philosophieren… aber – andererseits – vor jedem selbstbestimmten Schritt die dümmsten, dörflichsten „Hoffentlich hat Papa heute Abend Lust, uns in die Disko zu fahren!“-Konflikte lösen müssen:

Ich war zweimal in Sassis Flur.

[…] Ich war elfmal bei Stoff, gut fünfzigmal bei Fred, ich war dreihundertmal bei Frank und ich war viermal bei den Langs, viermal in 28 Monaten, denn Dawson hat den Führerschein, ein Ruder- und das Motorboot; und jedes Prolo-Kind in jeder Stadt hat Straßenbahnen, Züge, einen Nachtbus. Aber von meinem Dorf zu Helena sind es zwölf Kilometer. Hinter die Au, zu Fred, beinahe 15. Runter in Danis Dorf fast 19. Das ist doppelt so weit wie von der Bronx zum Central Park.“ [Zitat aus „Zimmer voller Freunde“]

Der Ton, in dem „Willkommen im Leben“ von Jugend, Erwachsenwerden und den – manchmal: läppisch narzisstischen; manchmal: hochkomplexen, drastischen – Fragen ganz oben auf der Pyramiden-Spitze erzählt, ist „authentisch“, „realistisch“, „persönlich“ und „dringlich“. Als Elftklässler, Auf-den-Schulbus-Warter, Leser, Zuschauer half mir dieser Ton, eine artifizielle, oft sehr pointierte US-Serie sehr ernst und sehr persönlich nehmen zu können (ohne mich, wie bei „90210“ und „Dawson’s Creek“, ständig latent „betrogen“ und manipuliert zu fühlen). Als Autor, heute, hilft mir derselbe Ton, sehr persönliche, biografische Momente zugänglich, relevant, auf-der-Decke-im-Schwimmbad-lesefreundlich zu erzählen.

Jugendbuch“ ist (aus Gründen, die ich im nächsten Teil erläutere) kein guter Leit- und Sammelbegriff für meine Arbeit. „domestic fiction“ – so un-sexy, apolitisch und „Schatz? Da ist schon wieder Laub in unserer Regenrinne!“ das klingt – passt besser. Und greift tiefer:

[…a]ls mir in der Grundschule die Freunde fehlten, las ich „TKKG“.

Als ich kein Super-NES bekam, las ich die Spiele-Tests in Mega Fun oder Total!.

Als ich vor „Akte X“ zu Bett gehen musste, las ich den TeleVision-Episodenguide.

Und heute? Seit Sassis Zorn die beiden einzig nennenswerten Mädchen meiner Welt verstören (und fast verjagen…) konnte? Blicke ich auf Kunstfiguren wie Dawson, Joey, Jen. Denn alles, was ich fühlen und erleben will, wird irgendwo für mich beschrieben und erklärt. In einem Buch, in einer Serie, in Zeitschriften, in einem Song, im Netz. In den Erzählungen und Selbstzeugnissen fremder Menschen! Wann treffe ich geschlechtsreife, reale junge Frauen? Wo bleiben echte Kellys und Rayannes? Ich sprach noch nie mit einer richtigen Studentin. Ich saß noch nie bei einer echten Achtzehnjährigen im Auto. Vor einer wildfremden und dubiosen Chrissy, vor einer schwabbeligen Dani, vor einer stutenbissigen  […] Nina […] habe ich oft beinahe… Angst. Denn ich weiß sehr genau, wie Major Kira oder Lois Lane agieren. Ich habe Miss Parker aus „Pretender“ weinen sehen! Doch keine einzige geglückte weibliche Figur im echten Leben. Weiß Stoff, wie man sich fühlt, wenn man allein über den Schulhof muss? Oder gezwungen ist, sich auszuziehen, vor einer Doppelstunde Sport? Oder am Rand von einer Party steht, auf der sich niemand freut, dass man gekommen ist?

Ich brauche die Teenager im Fernsehen (und, im Notfall: Frank) damit ich weiß, was für mein Alter gut, gesund, normal und tolerabel ist. Ich lerne – ich lebe! – durch Filme und Serien.“ [Zitat aus „Zimmer voller Freunde“]

Willkommen im Leben“ war bis heute der beste dieser „Lehrer“. Und – fast 20 Jahre nach der ersten Ausstrahlung – weiterhin sehenswert.

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Stefan Mesch schreibt an “Zimmer voller Freunde”, seinem ersten Roman…

…und – hin und wieder – über Serien und Fernsehen, z.B. hier und hier.