LCB Berlin

Die besten Jugendbücher: Deutschland, 2018 – Vortrag am Literarischen Colloquium Berlin

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Am 13. März darf ich am Literarischen Colloquium Berlin sieben aktuelle Jugendbücher meiner Wahl vorstellen, denen ich ein internationales Publikum wünsche. 35 Übersetzer*innen aus 29 Ländern hören zu.

Seit 2009 lese und mag ich Jugendbücher: Ich schreibe einen Roman über Teenager, „Zimmer voller Freunde“, und war unsicher, sobald Agent*innen etc. fragten, ob das Young-Adult-Literatur sei. Kann ich aus YA-Literatur für mein Erzählen, Schreiben lernen? Soll mein Buch in dieser Ecke der Buchhandlung liegen? Ich las YA – um mich zu positionieren und, weil mir die Sparte schnell ans Herz wuchs.

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„Jugendbuch“ in Deutschland heißt meist:

ein Buch, geschrieben für Leser*innen ab ca. 10.

Auf dem US-Markt wird zwischen „Middle Grade Novels“ und „Young Adult“ unterschieden: Bücher für Tweens (10 bis ca. 12) und dunklere, anspruchsvollere, komplexere Bücher für Teenager auf der High School. Der deutsche Jugendbuchmarkt scheint mir, insgesamt, auf Jüngere fixiert: Ich finde kaum ein Buch, das explizit erst ab 14 bis 16 empfohlen wird, über 300 Seiten hat oder sich, im Young-Adult-Stil, bemüht, ein Problem-Thema besonders tief und intensiv zu bearbeiten.

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Young-Adult-Literatur, die ich mag:

  • …hat meist eine Hauptfigur, der wir möglichst nahe kommen sollen. Oft als Ich-Erzähler*in.
  • Die Figur kann sehr eigen sein in Sprache oder Verhalten; sie kann unsympathisch sein oder ein komplexes Krankheitsbild, einen komplizierten Background etc. haben. Doch Ziel ist fast immer, dass wir der Figur und ihren Problemen so nah wie möglich kommen. Die Welt aus ihren Augen sehen.
  • Oft gibt es EIN zentrales Thema im Buch, z.B. „Loslassen“, „Vertrauen fassen“, „zu sich selbst Stehen“ etc., und alle Figuren, alle Subplots etc. behandeln Facetten und Aspekte dieses zentralen Themas.
  • (Mein Roman hat drei Hauptfiguren, ein halbes Dutzend Perspektiven, Sprünge. YA-Leser*innen wären irritiert, wie viel Distanz durch solche Wechsel entsteht: Um die YA-Zielgruppe anzusprechen, müsste ich mich viel entschiedener, empathischer auf die Seite einer oder zweier Figuren stellen.)

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Deutschsprachige Jugendbücher sind weniger normiert als US-Titel.

Leider haben sie dafür oft auch weniger Formgefühl: Sie sind amorpher, labbriger erzählt. Ich frage mich oft: „Autor*in? Wie viele Jugendbücher hast DU bisher gelesen? Was genau tust du da, für wen?“ Die Bücher sind kürzer. Und: meist jünger, optimistischer, harmloser. Sprachlich und psychologisch weniger komplex.

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Zwei Probleme bei meiner Auswahl: Auch, weil viele der erfolgreichsten Klassiker auf dem deutschen Markt Märchen- und Fantasy-Elemente enthielten, gibt es aktuell eine Flut von Prinzessinnen-, Elfen- und Zauber-Romanen, meist „nur für Mädchen“. Sowie irrsinnig viele Jugend-Dystopien, die ich als schwache Kopie von „Hunger Games“ etc. lese. Beides: oft sexistisch, abgedroschen, klischiert.

Mir fehlen männliche Autoren, die ausschließlich Jugendbücher schreiben: Ich finde Jugend-Krimis von Krimi-Autoren, Jugend-Sci-Fi von Sci-Fi-Autoren, Jugend-Thriller von Thriller-Autoren. Die Jugendbücher dieser Männer kommen mir oft vor wie Nebenbei- oder Light-Projekte. Mein Erfahrungswert: Je hauptberuflicher, desto ambitionierter und intelligenter ist das Jugendbuch..

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Sieben Favoriten, die ich gern übersetzt sähe:

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STEFANIE HÖFLER, „Mein Sommer mit Mucks“

  • Jugendbuch ab ca. 11 | Ich-Erzählerin ist ca. 12
  • Mädchen trifft einen exzentrischen Jungen im Schwimmbad; sie werden Vertraute.
  • Beltz & Gelberg, 140 Seiten, 2015
  • PerlentaucherGoodreads, Amazon

„Zonja besitzt eine unbezwingbare Neugier, weshalb die meisten in ihrer Klasse sie für eine Spinnerin halten. Egal. Zonja mit Z liebt es, im Schwimmbad Leute zu beobachten und Statistiken aufzustellen, und so fischt sie an diesem Tag einen Jungen – grüne Badehose, dünn wie eine junge Birke, abstehende Ohren – aus dem Wasser, weil der nicht schwimmen kann. Seltsam. Sie spielen Scrabble, beobachten den Sternenhimmel und essen viele Pfannkuchen – eigentlich ist Mucks der erste Mensch seit Jahren, der ihr Freund werden könnte. Doch irgendwas stimmt überhaupt nicht mit ihm, und es dauert diesen einen Sommer, bis sie weiß, warum er im Regen tanzt und was es mit den blauen Flecken und dem Pfefferspray auf sich hat.“ [Klappentext, ungekürzt]

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Ein pubertäres, idealistisches Mädchen im Stil von Lisa Simpson (talentiert, aufgeweckt, doch ziemliche Scheuklappen) mit harmonischen Eltern, liebevoller Oma, hübschem Garten etc… in einer nicht-sehr-großen, wohlhabenden (süddeutschen?) Stadt. Ein introvertierter, aber liebenswerter Junge aus einfachen Verhältnissen, dessen Vertrauen sie gewinnt. Ein Handlungsraum und Tonfall, in dem auch kleine Schritte (nachts die Sterne beobachten; den Mut fassen, an einem fremden Wohnblock in einer „schlechten“ Nachbarschaft zu klingeln usw.) angemessen dramatisch erzählt werden:

„Mein Sommer mit Mucks“ ist das schönste, wärmste, liebevollste, zugänglichste Jugendbuch, das ich seit Jahren las. Genug Tiefgang und eine intelligente Grundfrage – Wie weit kann man gehen, um jemandem zu helfen, der sagt, er brauche keine Hilfe? – um sich als Schullektüre zu empfehlen. Und so frei von Zeit-, Medien- und Gegenwarts-Bezügen, dass es in jeder Sprache funktioniert und für fast jede Altersgruppe: Stefanie Höfler hätte das Buch auch 1996 schreiben können, oder spielen lassen.

Als Autorin macht sie mir das eher unsympathisch – weil für mich Social Media, Serien, Kino etc. zu Jugend und Alltag gehören. Und, Grundproblem: Fehlen Jugendbücher mit dem Plot (A) „Bürgerliches Mädchen mit idyllischem Umfeld hat kurz Sorgen, wegen einem sozial schwachen Jungen“? Oder (B) „sozial schwacher Junge kennt nur häusliche Gewalt, Armut und Frauenhass“? (B) wäre mutiger. Und ginge tiefer.

Schwächen:

  • Betuliche, altbackene Sprache… die zwar zur sehr behütet aufwachsenden Erzählerin passt, doch auf mich arg saturiert, provinziell, bieder, tantig wirkt: Stefanie Höfler ist eine irrsinnig sympathische Erzählerin. Als Stilistin finde ich sie gestrig.
  • Wenige Illustrationen – die der Geschichte nichts vermitteln/hinzufügen.
  • Plot und Figuren sind großartig universell, zeitlos. Das heißt auch: Der spezifische Handlungsort, die Zeit etc. bleiben vage. Das Buch aus dieser Auswahl, dem Gegenwärtigkeit & „Sense of Place“ am egalsten sind, und das am wenigsten über Deutschland erzählt.

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STEFANIE HÖFLER, „Tanz der Tiefseequalle“

  • Jugendbuch ab ca. 12 | Ich-Erzähler und Ich-Erzählerin sind ca. 12
  • angepasstes Mädchen traut sich nicht, freundlich zu einem übergewichtigen (und: exzentrisch-schrullig-selbstverliebten) Jungen zu sein.
  • Beltz & Gelberg, 190 Seiten, 2017
  • Perlentaucher, Goodreads, Amazon

„Manchmal ist es diese eine Sekunde, die alles entscheidet: Niko, der ziemlich dick ist und sich oft in Parallelwelten träumt, rettet die schöne Sera vor einer Grapschattacke. Sera fordert Niko daraufhin zum Tanzen auf, was verrückt ist und so aufregend anders, wie alles, was in den nächsten Tagen passiert. Vielleicht ist es der Beginn einer Freundschaft von zweien, die gegensätzlicher nicht sein könnten – aber im entscheidenden Moment mutig über ihren Schatten springen.“ [Klappentext, ungekürzt]

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Niko ist für mich eine Kunstfigur: ein optimistischer, tagträumender, onkelig-altklug-distanzierter Nerd, der davon träumt, mit schrulligen Erfindungen den Alltag aller Menschen zu verbessern. In altkluger, künstlicher Sprache schreibt er über Klassenkameradin Sera – die er langsam aus der Reserve lockt und von der er hofft, sie sei anders als die vielen oberflächlichen Kinder, die ihn mobben.

Auch Sera ist Ich-Erzähler: In jedem zweiten Kapitel wägt sie ab, was es für ihren Status auf dem Schulhof bedeutet, wenn sie mit einem Außenseiter lacht und Zeit verbringt. Auf einer Klassenfahrt versucht Sera, für Niko Flagge zu zeigen – doch alles geht schief, und die beiden trampen, getrennt von ihrer Klasse, nach Hause.

Schwächen:

  • Sera ist ein Archetyp, den ich in der Schulzeit oft sah – doch kaum kenne, verstehe: ein Mädchen, das nicht auffallen will. Nicht als Pathologie oder große Charakterschwäche. Sondern einfach, weil das leichter ist. Was widerfährt so vielen Mädchen ab ca. 12, bis/dass sie glauben, es sei lebenswichtig, unter dem Radar zu bleiben? Ich hätte mir von Höfler mehr Tiefgang, bessere Antworten gewünscht.
  • Nikos schrullige und altbackene Sprache passt gut zu Höflers eigenem, meist biederem Stil. An zu vielen Stellen aber klingt Niko komplett artifiziell. Ein Junge voller Selbsthass wäre mir lieber gewesen als jemand, dessen drollige Exzentrik deutlich mehr Raum nimmt als die… Body Issues.
  • Niko ist großherzig, charmant und entspannt. Tatsächlich aber tragen die meisten gemobbten Jungs den Hass, den sie erfahren, an z.B. die Mädchen, in die sie sich erfolglos verlieben, weiter: Ich kann mir eine MENGE ca. 14jähiger Arschloch-Jungs vorstellen, die das Buch lesen, sich sagen „Auch ich wurde von einer dummen Fotze in die Friendzone gesteckt. Dabei bin ich so ein netter Kerl!“ Niko ist für mich eine Ausnahme, eine Fiktion.

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ANKE STELLING, „Erna und die drei Wahrheiten“

  • Jugendbuch ab ca. 11 | Ich-Erzählerin ist 11
  • Soll Erna einen scheußlichen Mitschüler verpetzen, unter dem alle leiden? Alle in der Gemeinschaftsschule mahnen: Nein – nimm bitte immer Rücksicht!
  • cbj, 240 Seiten, 2017
  • Perlentaucher, LovelyBooks, Amazon

„Warum steckt in „Gemeinschaft“ auch „gemein“? Solche Fragen interessieren Erna Majewski, 11. Sie besucht eine Gemeinschaftsschule und lebt, wie ihre Freundinnen Liv und Rosalie, im gemeinschaftlichen Wohnprojekt. Dass das ganze Gemeinschaftsgetue ungerecht und sogar verlogen sein kann, erleben Erna und ihre Freundinnen, als nach dem Schulfasching jemand mutwillig die Klos ruiniert hat: Weil der Täter sich nicht meldet, sollen jetzt alle dafür büßen. So eine Gemeinheit! Liv lässt das kalt, aber Erna ermittelt. Und sie findet heraus, was passiert ist. Aber soll sie es auch verraten? Schließlich gibt es laut einem Sprichwort drei Wahrheiten – deine, meine und die Wahrheit. Und wer kann die schon ertragen?“ [Klappentext, ungekürzt]

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2015 war Anke Stellings (Erwachsenen-)Roman „Bodentiefe Fenster“ auf der Longlist des deutschen Buchpreis‘: Eine Ich-Erzählerin mit Kindern und lapidarem Ehemann, zunehmend verzweifelt in einem Gemeinschaftswohnprojekt im Prenzlauer Berg. Linke Idealisten und Kreative, die sich Eigentumswohnungen bauten; doch deren Freundschaften während endloser Öko-, Achtsamkeits-, Bio-Debatten im Plenum starben. Ich mochte das Buch… doch wurde beim Lesen müde: Ist das Satire? Rollenprosa einer irr zergrübelten, analytischen, gehemmten Mutter – privilegiert und trotzdem prekär? Die Grübel-Ich-Erzählerin war so unentschieden, stellte ihre Gefühle so schnell in Frage, relativierte jeden Gedanken… Der Roman verlor Schwung. Jeden Gedanken mit einem Gegen-Gedanken zu kontern und dabei immer schneller zu pendeln… das wurde, gegen Ende, freudlos und zerquält. Ohne, dass ich noch sagen konnte: „Klug hinterfragt!“

„Erna und die drei Wahrheiten“ spielt im selben Milieu. Mit einer elfjährigen Hauptfigur, genauso zergrübelt, fragend, nervös. Aber: Das Jugendbuch ist kürzer, spitzer, schärfer, witziger und zieht sich, anders als „Bodentiefe Fenster“, nicht ständig selbst durch Über-Analysieren den Boden unter den Füßen fort.

Ein oft brillanter Ton, der die maximal unbequemen Fragen in den witzigsten Momenten stellt – kindgerecht, doch für jedes Alter empfehlenswert. Den Erwachsenen aus „Bodentiefe Fenster“ wollte ich zurufen: Trennt euch! Zieht aus! Tut irgendwas und zieht es durch! Ihr habt alle Möglichkeiten!“ Erna, 11, hat keine Optionen. Das macht ihr Buch so dringlich, intensiv, klug. Ein Tonfall wie in den besten „Peanuts“-Strips: melancholisch, clever… und trotzdem irr süffig, lebenslustig, leicht!

Schwächen:

  • Erna liebt seltene Worte, hat immer ein etymologisches Wörterbuch dabei. Das ist, im Rahmen des Buchs, okay. Doch mich langweilt, dass DREI von sieben Kinder-Ich-Erzähler*innen hier auf der Liste seltene Worte sammeln, über die Schönheit von Vokabeln philosophieren. Ein Bildungsbürger-Kinderbuch-Klischee – das nochmal doppelt nervt, falls Figur und Autor dann auch noch Youtube, Whatsapp usw. ostentativ egal sind. [Erna schimpft immerhin, dass sie kein eigenes Tablet hat; und sie mag schlechte High-School-Filme.]
  • Ein abruptes Ende. Ich glaube, Ratlosigkeit und ein gewisses Sich-Abfinden sind Stellings Markenzeichen: Über Probleme mit klarer Lösung schreibt sie erst gar nicht.
  • Erna hat die zweit-dicksten Oberschenkel der Stufe. Ich mochte, dass das recht spät im Buch zum Thema wird – weil Erna selbst ihren Körper mag, nur unter den abschätzigen Kommentaren leidet. Doch wenn der Verlag Erna zeichnen lässt, will ich beim Blick aufs Buch-Titelbild bitte nicht denken: „schlaksiges, dünnes Mädchen“.

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DORIT LINKE, „Jenseits der blauen Grenze“

  • Jugendbuch ab ca. 13 | Ich-Erzählerin ist ca. 12 bis 16 (Rückblenden) / 17 oder 18 (Flucht)
  • Hanna und Andreas aus Rostock schwimmen über die Ostsee – weil sie in der DDR keine Zukunft sehen.
  • Magellan, 304 Seiten (TB), 2014
  • Goodreads, Amazon
  • Link zu geschichtlichen Hintergrund: „Die Ostsee – eine gefährliche Fluchtroute“

„Die DDR im August 1989: Hanna und Andreas sind ins Visier der Staatsmacht geraten und müssen ihre Zukunftspläne von Studium und Wunschberuf aufgeben. Stattdessen sehen sie sich Willkür, Misstrauen und Repressalien ausgesetzt. Ihre einzige Chance auf ein selbstbestimmtes Leben liegt in der Flucht über die Ostsee. Fünfzig Kilometer Wasser trennen sie von der Freiheit – und nur ein dünnes, verbindendes Seil um ihr Handgelenk rettet sie vor der absoluten Einsamkeit …

‚Ergreifend wird hier das Bild einer sozialistischen Jugend zwischen Aufmüpfigkeit und Resignation, Leistungssport und politischer Agitation gezeichnet. Hanna und ihre Freunde finden mit sicherem Instinkt die Brüche im System. Dorit Linke hat die Charaktere glaubwürdig und berührend gezeichnet und eine untergegangene Welt dem Vergessen entrissen.‘ Karen Duve“ [Klappentext, ungekürzt]

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Hanna, Andreas (…und der alberne, naive, eindimensionale „Sachsen-Jensi“) hadern seit der ca. 7. Klase mit gehässigen Lehrern, Drill, angepassten Kameraden. Jensi hat West-Verwandtschaft: Er darf nach Hamburg ausreisen. Andreas wird vom Vater geschlagen. Er rebelliert, landet im Jugendwerkhof und versucht, sich umzubringen. Ich-Erzählerin Hanna hat einen depressiven/umnachteten Vater. Eine Mutter, die sich nur wünscht, dass Hanna Zöpfe und Röcke trägt. Und einen renitenten Opa, der jedes Schulfest und jede Feier mit staats- und frauenfeindlichen Sprüchen sprengen will. Nach einem Scherz von Opas wird Hanna und Andreas das Abitur verwehrt – und Andreas beschließt, im Neoprenanzug ca. 50 Kilometer in den Westen zu schwimmen. Hanna, die als Sportlerin aussortiert wurde, trainiert in der Schwimmhalle. Auch, weil sie glaubt, dass Andreas unvorbereitet und schwach ist, und ohne sie sterben wird.

Alle ca. 8 Seiten wechselt das Buch von Rückblenden aus der Schulzeit (oft: schleppend, mit recht durchschaubaren Figurenkonflikten) zur Gegenwart: toll recherchierte, dramatische Survival-Action auf der Ostsee, blendend geschrieben. Hanna spricht und entscheidet extrem pragmatisch: Ich musste an „Hunger Games“ denken – denn wie Katniss liebt auch Hanna ihren Survival-Partner… doch hält ihn für leichtsinnig, zu weich, einen Klotz am Bein.

Eine sehr erwachsene, oft rhythmische Sprache. Eine Autorin, die ihr Milieu *sehr* genau kennt. Ein actionreiches, beklemmendes, oft erwachsen-unsentimentales Buch – ambitioniert, literarisch auf hohem Niveau. Passt auf den US-Markt, wo Action-Historien-Titel wie „Code Name Verity“ zu YA-Bestsellern wurden.

Schwächen:

  • Unmengen an DDR-Jargon? Das öffnet eine fremde Welt. Dass sich Vieles erst im Kontext erschloss? Kein Problem. Doch ich hatte den Eindruck, dass besonders in den dialog-intensiven Rückblenden auf jeder Seite fünf bis acht Idiome, Sprüche, Floskeln, Markennamen etc. aus der DDR gehäuft wurden. Als würde die Autorin eine Liste abarbeiten. Auf Kosten des Erzählfluss‘.
  • Am störendsten: Sachsen-Jensi und Opa erzählen gern Witze, manchmal drei oder vier am Stück. Auf 300 Seiten gibt’s 40, 50 (?) sehr zeit-spezifische Ost-Kalauer. Alle wären lost in translation. Mich haben sie beim Lesen gebremst: Sie nervten, in ihrer Monotonie.
  • „Sachsen-Jensi“ ist wie eine noch dümmere, feigere, faulere Version von Ron aus „Harry Potter“: eine eindimensionale Figur mit dümmlichen Slapstick-Problemen wie zu kleiner / zu großer / gerissener / hässlicher Kleidung.
  • Eine Übersetzung bräuchte Fußnoten, ein ausführliches Glossar – oder viele ergänzende Halbsätze wie „Wir gingen in den Intershop, wo man nur mit Fremdwährung einkaufen konnte.

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CHRISTIANE NEUDECKER, „Sommernovelle“

„Ein Sommer, wie es ihn nur in der Kindheit oder Jugend gibt: In den Ferien arbeiten zwei 15-jährige Schülerinnen auf einer Vogelstation direkt am Meer. Sie streifen über die Nordsee-Insel und lauschen den Trillergesängen der Austernfischer, zählen Silbermöwen am Himmel und führen Kurgäste durch das schillernde Watt.

Pfingsten 1989: Lotte und Panda wollen die Welt verändern. Es ist die Zeit kurz vor der Wende, in der es für Jugendliche in der BRD vor allem Nord und Süd gab, nicht aber Ost und West. Deutschland liegt noch im Schatten der Wolke von Tschernobyl und jedes Gewitter bringt sauren Regen. Die beiden Freundinnen sind sich einig: Sie wollen handeln. Gemeinsam mit einer bunt zusammengewürfelten Truppe aus Rentnern und Studenten leisten sie ökologischen Dienst in einer skurrilen Vogelstation. Da ist etwa Hiller, der vogelbesessene Pensionär, der Panda in sein Herz schließt und ihr beibringt, das Meer zu deuten und den Himmel zu lesen. Lotte nähert sich dem attraktiven Julian an, der sie für erwachsener hält, als sie tatsächlich ist.“ [Klappentext, gekürzt]

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Ich hasse, wenn Zyniker Kinder- und Jugendliteratur als Schwundstufe, Light-Version von E-Literatur begreifen. Ich zweifle, dass es einfacher, leichter ist, ein gutes Jugendbuch zu schreiben – und halte Jugendbuchautor*innen nicht für verkrachte Autor*innen zweiter Klasse. Trotzdem kann ich in Jugendbüchern – besonders bei Ich-Erzähler*innen gibt – besser mit Figuren leben, die nicht alles zu Ende denken. Ich las „Sommernovelle“ 2015… und fand das Buch zu harmlos, kurz, plätschernd unentschieden: Christiane Neudecker findet einen liebenswerten Ton. Schafft eine überzeugende Atmosphäre und eine Erzählerin, die man gern begleitet. Besonders tief, dramatisch, hässlich, verstörend oder klug-verdichtet sind die melancholischen Sommer- und Insel-Anekdoten nicht.

Doch übersetzt, und als Jugendbuch vermarktet? Die Ich-Erzählerin kommt mir nah (perfekt bei Jugendbüchern!), funktioniert als Einladung, Identifikationsfläche… doch ist trotzdem so charmant prototypisch-nostalgisch-spezifisch fürs 80er-Jahre-Bürgertum, dass z.B. eine etwas versnobte 40jährige Kanadierin, die sich für übersetzte Literatur interessiert, *sehr* viel wieder erkennen und mögen wird.

Ähnlich gelungen finde ich hier im Buch Sylt: Eine Kulisse, harmlos und einladend genug, dass das Buch als Sommer-, Strandlektüre und Middle-Brow-Novel funktioniert. Doch detailliert und fachkundig genug beschrieben, dass jeder sagen wird: „In diesem sehr deutschen Buch über Deutschland wurde mir eine attraktive deutsche Ecke in schöner Sprache einladend beschrieben.“

Überzeugendes, charmantes, publikumswirksames Zeit- und Lokalkolorit!

Schwächen:

  • Ich glaube, je mehr man denkt „Das hier will allergrößte Literatur sein“, desto enttäuschter ist man von diesem sanften, lapidaren Buch.
  • „Sommernovelle“ handelt von Jugendlichen, die nicht wissen, wie viel sie erwarten dürfen. Fast alle Erwartungen werden enttäuscht. Deshalb wirkt das Buch etwas… antiklimatisch.
  • (Aber: meine Lieblings-Jugendserie, „Willkommen im Leben“/“My so-called Life“, hat das selbe Grundthema. Ich finde tröstend, wenn Jugendliteratur, statt künstlicher Dramatik, zum Thema macht, wie wenig oft passiert.)

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CHRISTIAN DUDA, „Gar nichts von allem“

  • Jugendbuch ab ca. 10 | Ich-Erzähler ist 11
  • Der Vater schlägt. Die Mutter vertuscht und entschuldigt. In einem Tagebuch wird Magdi die eigene Machtlosigkeit bewusst.
  • Beltz & Gelberg, 140 Seiten, 2017
  • Perlentaucher, Amazon

„Der 11jährige Magdi ist glühender Fan des Boxers Mohammed Ali. Denn Ali ist stark, fair und einfach unbesiegbar. Ganz anders als Vater. Der buckelt nach oben und tritt nach unten. Unten, da stehen Magdi und seine drei Geschwister. Und Mutter. Was den arabischen Vater und die deutsche Mutter eint, ist der Wille, »gebührliche« Kinder großzuziehen. Bloß nicht unangenehm auffallen! Deshalb müssen Magdi und seine Geschwister besser sein als die anderen. Und wenn sie nicht besser sind, dann hilft Vater nach.“ [Klappentext, ungekürzt]

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Ein Tick zu kurz, zu schlicht. Doch dafür: Das Buch hier in meiner Auswahl, das ich jedem noch-so-lesefaulen Elfjährigen in die Hand drücken will. Zugänglich, pointiert und mit zwei, drei markanten Gedanken, Szenen oder Witzen pro Seite. Duda nutzt Sarkasmus, um einem 11jährigen in hoffnungsloser Lage Stimme, Agency, Mut, Spielraum zu zeigen: Im Schreiben versteht Magdi die Dynamiken seines (oft unerträglichen) Alltags.

Ob „Gar nichts von allem“ gefällt/gelingt, hängt an den eigenen Maßstäben: Alles könnte tiefer greifen. Viel länger sein! Geschwister, Nebenfiguren bleiben kaum genutzt. Dass Magdis Mutter als Enablerin / Vertuscherin genauso gefährlich ist wie der gewalttätige Vater, deprimiert mich. Realistisch, dass die Familie in ihrer Dynamik bleibt. Doch schade, dass (außer: Tagebuch-Führen) für keines der Kinder eine Lösung sichtbar wird: Magdi wünscht sich, dass sein Vater stirbt. Ein Wunsch, auch für uns Leser deprimierend verständlich.

Lieblingsstelle: Eine Fußballmanschaft gewinnt ein wichtiges Spiel. Die autoritäre, böse Lehrerin steht auf dem Hof und schreit völlig enthemmt „Sieg! Sieg!“, „als hätte sie das schon mal irgendwo geübt.“ ❤

Schwächen:

  • Hier im Buch ist das Meta-Gewäsch über den Zauber der Sprache und die empowernde Macht des Schreibens am stärksten: Magdi ist ein scharfsinniger, gewitzter Ich-Erzähler, genießt das Tagebuchschreiben sichtlich, wird als Figur plausibel. Doch fünf, sechs „XY ist SO ein verrücktes Wort, wenn man genauer darüber nachdenkt…!“-Passagen hätte ich streichen lassen.
  • Kleine Illustrationen, die aussehen wie Schmierereien und Tintenkleckse eines nervösen Elfjährigen: Sie passen gut ins Buch – doch fügen dem Text nichts hinzu, und die Motive sind nicht originell.
  • Das Buch spielt Mitte der 70er in einer Industriestadt (Ruhrgebiet?); der Klappentext rückt Mohammed Ali in den Mittelpunkt. Tatsächlich sind Plot und Milieu nicht besonders detailliert / zeitspezifisch. Ein halbes Dutzend recht verständlicher, doch nicht sehr origineller Popkultur-Anspielungen werden in einem witzigen, charmanten Glossar kurz erklärt.
  • Rezensent Hartmut el Kurdi „rechnet dem Autor hoch an, dass dieser die Probleme nie ethnisiert oder kulturalisiert und die Durchschnittlichkeit einer multikulturellen Identität ebenso thematisiert wie deren Besonderheit. Nicht zuletzt lobt El Kurdi den „authentischen“ Erzählton dieses lesenswerten Buches“. Ich stimme zu. Warne aber: Über den Alltag muslimischer Familien in Deutschland erfährt man hier deshalb eben… relativ wenig.

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TANYA LIESKE, „Mein Freund Charlie“

  • Jugendbuch ab ca. 11 | Ich-Erzähler ist 12 oder 13
  • Ein Sommer in Düsseldorf, damit Niks‘ Vater auf dem Bau Geld machen kann. Niks, allein in der Wohnung, wird in den Bandenkrieg der russischen Nachbarn verwickelt.
  • Beltz & Gelberg, 170 Seiten, 2017
  • Perlentaucher, Bücherkinder, Amazon

„Niks lernt Charlie kennen, als er mit seinem Vater Mahris für mehrere Wochen von Riga nach Deutschland kommt. Während Mahris Arbeit sucht, streunen die Jungen durch die Stadt und Charlie zeigt Niks, was er besonders gut kann: sich unsichtbar machen. Egal, ob in einer Menschenmenge oder in einem Geschäft, manchmal ist Charlie einfach weg. Oft sind dann auch Portemonnaies, Skateboards oder anderes Zeugs verschwunden. Niks ist fasziniert von Charlies Talent.“ [Klappentext, ungekürzt]

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Das schwächste Buch dieser Auswahl: Ich freue mich, dass eine deutschsprachige Autorin versucht, die Stimme eines jungen Letten einzunehmen. Psychologisch klappt das gut – für mich handelt Niks nachvollziehbar und authentisch. Stilistisch, sprachlich klappt es kaum: Tanya Lieske benutzt viele Floskeln und Sprachbilder aus den ca. 60ern. Das Buch klingt IRRSINNIG altbacken [aber: genau solche Dinge kann eine gute Übersetzung ja ausbügeln/ausgleichen].

Drei Viertel des Romans glücken für mich: Niks, allein in einer deprimierenden Mietwohnung, lernt von seiner Zufallsbekanntschaft Charlie die Kunst des Taschendiebstahls, doch muss dann für dessen Familie in ein Hehler-Haus klettern, damit Charlies russische Hehler-Familie ihre Rivalen, zwei deutsche Hehler-Brüder, bestehlen können. Viel Action. Eine vernünftige, gewinnende Hauptfigur – und ihr liebevoller, hilflos optimistischer Vater: ein Duo, eine Familiendynamik, die mir sehr gefiel!

Leider läuft alles auf einen Klimax hinaus, in dem Figuren entführt werden, Schüsse im Mietshaus fallen, verkleidete Männer Lassos (!) in einer Sozialwohnung schleudern etc. – ein Finale, in dem sich Abgründe auftun, die dann aber – völlig misslungen! – binnen zwei, drei Seiten geklärt sind. Wenn Lieske erklärt, dass eine ganze Mietskaserne den Atem anhält, gafft, die Helden beobachtet… DANN in einer kleinen Wohnung ein Schuss fällt… doch nie jemand nachschaut, nachfragt, die Polizei ruft etc. …bin ich raus.

Schwächen:

  • Freund Charlie hat kaum Persönlichkeit, Tiefe, Kontur.
  • Seine Verwandten/Geschwister bleiben noch blasser: ein Buch ohne nennenswerte Frauenfiguren.
  • Lieske bedankt sich bei einer Kommissarin, die „viel weiß über Bandenkriminilität, Wohnungseinbrüche und Kinder, die in diesem Milieu aufwachsen. Die Wirklichkeit ist um etliches düsterer, als in meinem Roman dargestellt.“ Ich wünschte, der Roman hätte sich näher an dieser Wirklichkeit orientiert, statt…
  • …die Geiselnahme zu beenden, indem Niks‘ reicher Onkel aus Amerika maskiert ins Zimmer stürmt und mit Zirkus-Tricks und Lassos zwei Hehler überrumpelt. Auch, dass Niks‘ nicht wusste, dass sein Vater und Onkel im Zirkus erwachsen wurden, schien mir aufgesetzt/hanebüchen.
  • Lieske bedankt sich bei einer lettischen Autorin, die ihr viel über Lettland erklärte, und den Jugendkrimi „Spelés Meistars“ schrieb. Im Roman ist „Spelés Meistars“ Niks‘ Lieblingsbuch, wird oft erwähnt – doch an keiner Stelle erfahren wir, worum es geht oder, was das Buch besonders, wichtig macht für Niks. Das wirkt für mich wie… albernes Product-Placement. Oder: eine schlecht durchdachte Gefälligkeit unter Kolleginnen.
  • Nachdem wir über 150 Seiten sahen, dass Mahris ein liebevoller, doch finanziell / lebenspraktisch oft inkompetenter Vater ist, sich kaum über Wasser halten kann… eröffnet er einen Zauber- und Artistik-Shop in Riga und wird damit mühelos erfolgreich? Ein Ende, das allem, was zuvor gezeigt wurde über Nöte, Pragmatismus, schmutzige Kompromisse… ins Gesicht spuckt.

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Blogs, Bücher, Plattformen in Deutschland: Wem folgen? [Vortrag am LCB Berlin]

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Am 13. März spreche ich am LCB Berlin: ein 90-Minuten-Vortrag über das Entdecken von Büchern, online.

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  • Welche Plattformen stellen Neuerscheinungen vor?
  • Wo finden sich Geheimtipps, Entdeckungen?
  • Welche Blogs, Multiplikator*innen, Twitter-, Instagram-, Facebook-Accounts vernetzen und informieren?
  • Wie behalte ich, durch Listen und Tools wie Goodreads, den Überblick?

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Noch zwei Tage lang, bis Dienstag, bleibt dieser Blog-Eintrag Work-in-Progress:

Habt ihr Ideen, Anregungen, Adressen? Für alle, die sich für deutschsprachige Gegenwartsliteratur interessieren? 

Vor allem aber: Für Übersetzer*innen aus dem Ausland, die online über die deutschsprachige Literaturszene informiert bleiben wollen?

Kommentiert – oder mailt mir eure Tipps! das.ensemble@gmail.com & drüben bei Facebook: facebook.com/smesch

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Am internationalen Übersetzertreffen des Literarischen Colloquiums Berlin nehmen in diesem Jahr 34 Übersetzerinnen und Übersetzer aus 29 Ländern teil, die die deutschsprachige Literatur in 27 verschiedene Sprachen übertragen. Nach einem mehrtägigen Seminarprogramm im LCB besuchen wir die Leipziger Buchmesse, wo am Donnerstag, 15. März um 11 Uhr im Übersetzerzentrum (Halle 4, Stand C500) eine Podiumsdiskussion mit ausgewählten Teilnehmern stattfindet.

Mit dabei sein werden Zofia Sucharska (Polen), Anna Kukes (Russland), Nelia Vakhovska (Ukraine), Chrytsyna Nazarkevich (Ukraine), Katalin Rácz (Ungarn), Jaugen Bialasin (Belarus), Katarina Széherova (Slowakei), Marie Voslářová (Tschechien), Zdravka Evstatieva (Bulgarien), Radu Alexe (Rumänien), Meral Tarar Tutus (Serbien), Vanda Kušpilić (Kroatien), Marina Aganthangelidou (Griechenland), Natia Datuashvili (Georgien), Anne Folkertsma (Niederlande), Giulia Disanto (Italien), Margherita Carbonaro (Italien), Alexia  Valembois (Frankreich), Rebecca DeWald (Großbritannien), Mandy Wight (Großbritannien), Paula Kuffer (Spanien), Ramon Farres (Spanien), Kathleen Thorpe (Südafrika), Daniel Bowles (USA), Mariana de Ribeiro de Souza (Brasilien), Martina Fernandez Polcuch (Argentinien), Amira Amin (Ägypten), Donya Moghaddamrad (Iran), Raikhan Shalginbayeva (Kasachstan), Ma Jian (China), Subroto Saha (Indien), Jiwon Oh (Südkorea), Nihat Ülner (Türkei), Gülperi Zeytinoglu (Türkei) und Katalin Rácz (Ungarn).

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Übersetzer*innen, die auf Facebook & Twitter networken: 

Katy Derbyshire | Shelley Frisch | Rachel Hildebrandt | Charlotte Collins | Rebecca DeWaldWilliam Gregory | Meytal Radzinski | Ruth Martin | Jamie Searle Romanelli | Lyn Marven | Jenny Watson | Ruth Ahmedzai Kemp | Jen Calleja | Susan Bernofsky | Daniel Hahn | Lucina Schell | Paula Kirby (GDR expert) | Anne Marie Jackson | Stefan Tobler | Mandy Wight | Sarah Pybus | Jessica West | Karen Leeder | Sally-Ann Spencer | Meike Ziervogel | Charlotte Ryland | Emma Rault | Jackie Smith | Amanda Price | Vivid Meaning | Elka Sloan | Louise Lalaurie | CMC Translations | Tony Malone | Julia SanchesKatharina Bielenberg | Deborah Smith | Ruth Clarke | Melanie J. Florence | Sophie Hughes | Marta Dzuirosz | Laura Watkinson | Lillie Langtry | Steph Morris | Petra Hardt (Suhrkamp) | Emma Ramadan | Theodora Danek | Tim Gutteridge | Geraldine Brodie | Lawrence Schimel | Susan Reed | Walter Schlect | Anna Holmwood | Lissie Jacquette | Saskia Vogel | Lucy Moffatt | Alyson Coombes | Tim Mohr | Christine Moser | Nick Rosenthal | Maria Snyder | Mandy Wight

…und Bradley Schmidts Blog „Leipzig is lit“

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New Books in German | Translated World | ALTA | ata | BCLT | Words Without Borders | World Literature Today | Open Letter Books | Deep Vellum | CATranslation | LitAcrossFrontiers | European Literature Network | European Prize for Literature | TranslationMonth | Women in Translation | Festival Neue Literatur | FBF New York | Transfiction | Tilted Axis | World Editions | Oneworld Publications | Darf Publishers

…und der Hashtag #translationsthurs

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Facebook-Gruppen:

Buchhandelstreff: Buchhändler*innen tauschen sich über Kunden, Alltag und die Branche aus. Wer einen Buchtipp sucht, bekommt in der Gruppe oft fachkundige oder originelle Antworten.

Empowerment durch Medien: Medienberichte, Links, Inspiration und viele Links zu Spielzeug, Serien, Büchern und Filmen von oder mit Menschen of Color. Eine rassismuskritische Gruppe, besonders fachkundig bei Kinder- und Jugendliteratur.

Comicforschung: deutschsprachige Journalist*innen und Akademiker*innen sprechen über Comics / Graphic Novels. Viele Expert*innen für den deutschsprachigen Markt.

Das blaue Sofa: aktuelle Zeitungsartikel, Links, Videos – meist zu den größten Namen der deutschsprachigen Literaturszene.

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Facebook-Seiten / Fan-Pages:

Buchbloggerinnen-Netzwerk | Stiftung Lesen | Arbeitskreis für Jugendliteratur | Übersetzercouch | VdÜ

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Facebook-Seiten von Buchblogs:

We read Indie | das Debüt | SchöneSeiten | 54Books | Literaturen | Buzzaldrins Bücher | Klappentexterin | Muromez | Zeilensprünge

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Facebook-Seiten von Verlage und Initiativen:

Indiebookday | Kurt-Wolf-Stiftung | Hotlist | Alliance internationale des éditeurs indépendants

Culturbooks | kookbooks | Mairisch | Verbrecher Verlag | Kremayr & Scheriau | MerveHablizel Verlag | Luftschacht Verlag | Matthes & Seitz | Schöffling | Männerschwarm | Kein & Aber | Verlag Antje Kunstmann | Liebeskind | Frohmann Verlag | Jung und Jung | mikrotext | Salis | Steidl | Frankfurter Verlagsanstalt | WeidleGuggolz | avant [Comics] | Reprodukt [Comics] | Edition Moderne [Comics]

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internationale Facebook-Seiten:

Global Literature in Libraries Initiative | McSweeney’s | The Millions | Book Riot | Literary Hub | Afrolivresque (Franz. & Englisch)

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Websites von Verlagen, die Jugendbücher veröffentlichen:

Arena | Loewe | Carlsen | Magellan | Beltz & Gelberg | Hanser | mixtvision | Ravensburger | dtv Jugendbuch | script5 | Oettinger | Egmont | cbt | Fischer FJB | Thienemann | Gerstenberg | Twitter-Account: buuu.ch

Instagram:

Die meisten Buchblogs sind auch auf Instagram. Explizit sehenswert: Literarischer Nerd | Literakt …und, Videos: Autor*innenlesungen auf Zehnseiten.de

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Rezensionsportale, Online-Magazine:

Literaturkritik.de | Litrix | litaffin | Literatur & Feuilleton | Buecherkinder (Kinderbücher) | Literaturport | Literaturcafé | Fixpoetry | Poetenladen | Lyrikline | Litprom | SWR-Bestenliste

Aggregator Perlentaucher | Perlentaucher-Newsletter „Bücherbrief“ | …und, ähnlich: der „Börsenblatt-Bestseller-Newsletter“

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Print-Magazine:

Buchkultur | BÜCHER Magazin (auch sympathische FB-Seite) | Volltext | Buchreport | Börsenblatt | Buchmarkt

Genre & Krimi:

Krimi-Bestenliste | Phantastik-Bestenliste | „die 7 besten Bücher für junge Leser“ (monatlich) | SERAPH-Preis | Krimi-Couch | Histo-Couch [weitere Sparten-Websites, jeweils couch.de] | TOR Online (Deutsch) | Heyne: die Zukunft | Darkstars Fantasy-News | Markus Mäurer (Twitter) | das Syndikat | FantasyGuide (Twitter) | Herland: Feminismus & Krimis

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Selfpublishing [in Deutschland nennen sich unabhängige Verlage gern „Indie-Verlage“; doch Selfpublishing-Autor*innen ganz ohne Verlag gern „Indie-Autor*innen“: Indie-Autor*innen veröffentlichen selten in Indie-Verlagen.]

Federwelt (auch Verlags-Autor*innen. Oft Fokus auf Handwerk und Selbstorganisation) | Selfpublisher-Bibel | Uschtrin.de | R Benke-Bursian (Twitter) | Matthias Matthing (Twitter)

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Social Reading & Blogs:

50 Buchblogs, die ich empfehle | Krimi-Blogs, die ich empfehle (2014) | Booktube-Videos, die ich empfehle | 1000+ Buchblogs auf Lesestunden.de | tagesaktuelle Blogposts und Feuilleton-Texte, gesammelt bei lit21.de

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Leseportale:

LovelyBooks | MojoReads | NetGalley | VorabLesenLiteraturschock

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Agenturen, mit denen ich gute Erfahrungen machte:

Graf & Graf | Agentur Michael Gaeb | Werner Löcher-Lawrence [auch Übersetzer] | Langenbuch & Weiss sowie Scout Jana-Maria Hartmann (Chicago)

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Goodreads: Books my friends are reading (Liste)

30 Goodreads-User*innen, die deutsche Gegenwartsliteratur mögen und oft bewerten: Agnieszka | Philipp | Yvo | Martin | Thomas | Marie | Patrick | SusanneFabian | Alexandra | Frau Zerstreuung | Wiebke | Booklunatic | Steffi | Kathrin | Antje | Silke | Dazessin | Barbara | Lese lust | Sabine | Clara | Martin | Ira | Dennis | Matthias | Georg | Rabenfrau | Thomas H. | …und ich selbst

Twitter-Accounts, die oft über deutsche Literatur-Debatten und Neuerscheinungen posten:

Karla Paul | SalonLit_ | Österreichische Gesellschaft für Literatur | Jan Drees | Patrick HutschDirk Pilz | WhoisKafka | Fabian ThomasCarsten Otte | Ruth liest | CrowandKrakenNadine Epilogues | XMarieReads | Buchwurm_Blog | Bookster HRO | IR_head | RedustrialBlog | Matthias Huber | Stefanie Laube | Claudia Dürr | Marcus Kufner | meineliteraturwelt | Peter Peters | Florian Eckardt | SkylineofBooks | Verena Schmetz | Literatur in Berlin | Maren Appeldorn | Misshappyreading | Sameena Jehanzeb | HerrBooknerd | Was mit Büchern | letusreadsomebooks | Die Buchbloggerin | dasfoejetong | Frau Hemingway | Sharon Baker | Wolfgang Ferchl | Wunderliteratur | Frank Beck | Tilman Winterling | Eszter Bolla | Re-book | Literatur_Papst | Mario Max | Papiergeflüster | Klaus N. Frick | Wolfgang Tischer

Neuerscheinungen finden?

Blogger Ilja Regier [Muromez] verlinkt alle 6 Monate ca. 40 Verlagskataloge im Blog. Eintrag zu Frühling 2018 | ähnlicher Eintrag von mir

Literaturkritik.de listet öffentlich alle Titel auf, die als Rezensionsexemplar eingereicht wurden: Link

präzise Amazon-Suchen, z.B. deutschspr. Gegenwartsliteratur, nach Erscheinungstermin (absteigend)

Buchhandel.de / Verzeichnis lieferbarer Bücher (noch präzisere Suchparameter, customizable)

Neuerscheinungs-Listen bei LovelyBooks

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„Wo findest du neue Bücher? Wie stößt du auf interessante Titel?“

Frage ich das Kritiker*innen, Blogger*innen, Autor*innen, Veranstalter*innen… höre ich zu oft:

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a) „Ich lese halt durch alle Verlagsvorschauen, zweimal pro Jahr“ oder, knapper „Ich lese durch die Vorschauen meiner acht bis zwölf Lieblingsverlage. Die anderen enttäuschen mich eh fast immer, lehrte mich die Erfahrung.“

oder:

b) „Ich suche, stöbere selbst kaum noch. Ich habe Freund*innen, die meinen Geschmack gut genug kennen, dass ich weiß: Wenn X mir ein Buch empfiehlt, sollte ich es lesen!“

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Vielleicht reicht das.

Er reicht für fast alle im Literaturbetrieb (…außer Buchhändler*innen):

  • Favoriten und recht enge Parameter bestimmen.
  • vertrauenswürdige Empfehler*innen suchen.
  • sagen: „Was mich auf DIESEN Kanälen erreicht, nehme ich besonders ernst. Alles andere muss erst sehr laut, sehr sichtbar, sehr besonders sein, dass ich es irgendwann später, auf Umwegen, wahr nehme.“

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Mir reicht das nicht.

Wenn ich nicht aktiv suche, lese ich vor allem Bücher von Lieblings-Autor*innen: arrivierte Namen, die mir ein Begriff sind. Ich verlasse mich auf Klassiker, Vertrautes. Mache viel zu selten Entdeckungen – denn die Hemmschwelle bei unbekannteren Stimmen ist höher.

Immer, wenn ich 20 Bücher aussuche, sind sechs oder sieben von Frauen. Nie 10. Nie mehr als 10: Männer sind sichtbarer. Sie werden öfter besprochen, empfohlen. Beim Roman eines Manns denke ich: „Das ist ein Buch. Also: relevant für mich!“ Beim Buch einer Frau denke ich: „Ist das überhaupt Literatur? Oder doch nur: Frauen-Unterhaltung?“

Ein Buch bei Suhrkamp, Hanser, Rowohlt, S. Fischer: nehme ich ernst.

Bei Büchern aus Kleinverlagen denke ich: Das Buch wird wenig Publikum erreichen. Der Verlag kann oft kaum Geld auszahlen, nicht viel Energie in PR und Werbung stecken: Hatte der Autor, die Autor*in Geld genug, um sich viel Zeit zu nehmen, beim Schreiben? Ist das ein Buch, das ihm/ihr maximal wichtig ist? Oder doch: ein Schnellschuss, ein Kompromiss, eine Schrulle – für ein Nischen-Publikum? Etwas, hinter dem kein großer Verlag stehen will?

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EIN Buch zu finden, ist frustrierend.

Ich suche ständig, parallel:

  • ein Buch, das ich als nächstes lesen kann.
  • ein aktuelles Buch, über das „alle“ reden – und bei dem ich dabei sein will.
  • ein Buch, das in ca. sechs Wochen erscheint und das ich als Rezensent im Radio vorstellen / empfehlen kann.
  • Bücher für alle, denen ich oft Bücher schenke: Ein existenzielles, packendes Buch für meinen Partner. Ein spannendes, makellos geplottetes Buch für meinen besten Freund. Ein Buch, das meinen neunjährigen Neffen begeistert. Ein Buch, von dem ich online sagen kann „Wenn ihr dieses Jahr EIN Buch lest: Nehmt das hier!“ usw.

Das sind Standard-„Suchanfragen“, die immer gelten.

Oft aber habe ich EINE akute, konkrete Vorgabe, z.B. von meinem Radio-Redakteur. Bis Juni etwa suche ich Bücher, in denen Töchter autobiografisch über den Vater schreiben. Die Bücher müssen, idealerweise:

  • …jünger als zwei Jahre sein.
  • …in deutscher Übersetzung vorliegen.
  • …so klug und literarisch sein, dass ich sie im Radio empfehlen kann.

Jedes Mal, wenn ich einen so konkreten Suchauftrag habe, finde ich unterwegs interessante Bücher, die nicht richtig passen, zu den genauen Parametern:

  • Vater-Töchter-Bücher, nicht auf Deutsch
  • Jugendbücher, nicht autobiografisch
  • interessante Bücher eine Frau, die vor 20 Jahren über ihren Vater schrieb
  • Familien-Mangas etc.

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Diese Entdeckungen helfen mir akut bei meiner Arbeit nicht.

Doch sie zu speichern, ist wichtig und motivierend – denn oft habe ich fünf Monate später einen Schwerpunkt, einen Auftrag, ein Projekt, bei dem es plötzlich wirklich um gute Jugendbücher geht. Oder Mangas. Oder Vater-Tochter-Klassiker.

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Unter Zeitdruck EIN passendes Buch finden, z.B. für meinen besten Freund?

Stress und Frust.

Befriedigend wird das Scouten, Stöbern, Herumsuchen, sobald ich zwei Zwischenstufen einbaue:

  • Ich markiere die Bücher, die mir gerade nichts bringen – doch die mir interessant scheinen. Damit ich immer, wenn ich Zeit habe, durch Leseproben lesen kann: Meine das-will-ich-anlesen-Liste. Sie enthält 4500 Titel.
  • Später gehe ich durch diese 4.500 Titel der das-will-ich-anlesen-Liste und entscheide nach der Leseprobe, was ich tatsächlich kaufen und weiter lesen würde: Meine angelesen-und-sehr-gemocht-Liste. Sie enthält über 2000 Titel.

Bücher, deren Leseprobe mich überzeugte. Doch die ich gerade in kein Projekt einbinden kann, und deren Lektüre für mich reine Privatsache wäre.

Immer, wenn ich einen Auftrag kriege wie „Empfiehl sechs aktuelle Jugendbücher“, kann ich meine angelesen-und-sehr-gemocht-Liste öffnen und habe endlich Grund / Vorwand, Bücher, auf die ich seit Monaten Lust habe, zu lesen.

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Reicht eine Leseprobe, um zu ein gutes Buch zu erkennen?

Nein. Ich lese oft Bücher an, finde den Stil, Ton, Rhythmus, das Vokabular und die Atmosphäre auf den ersten 5 Seiten großartig. Doch Monate später, wenn ich das Buch komplett lese, merke ich: Es ist gut geschrieben – aber nicht gut erzählt.

Umgekehrt habe ich sicher viele gut erzählte Bücher angelesen und aussortiert: weil die Leseprobe nicht kunstvoll, dringlich, ambitioniert, literarisch genug war.

Für Übersetzer*innen gibt es ein Zusatz-Problem: Wie kunstvoll müssen Bücher, die übersetzt werden, formuliert sein? Reicht mittelguter Stil nicht oft – so lange der Plot stimmt? In der Übersetzung kann man vieles noch einmal aufwerten, literarischer machen, ausbalancieren, retten.

Natürlich sind Leseproben nicht genug, um ein Urteil zu fällen. Aber mich irritiert, wie schnell Leute sagen „Ach: eine Leseprobe? Das ist doch oberflächlich. Was willst du da schon sehen? Raus lesen? Fest machen? Du musst 80 Seiten lesen, mindestens!“

Diesen Menschen antworte ich: Ihr zappt. Schaut Film-Trailer. Entscheidet STÄNDIG auf Basis von 20, 30 Sekunden, ob eine Serie, ein Film, ein Youtube-Video relevant für euch ist. Ich glaube, mit Übung und Sprachgefühl kann ich als Leser aus einer Leseprobe genauso schnell Schlüsse ziehen über die „Production Values“, den Ton und die Zielgruppe eines Buches…. wie ihr als Zapper über Look, Ton, Zielgruppe eines Streams.

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Mein Anspruch: in alles, das empfohlen wird, erfolgreich ist und / oder in Verlagen erscheint, die ich respektiere, kurz rein zu lesen. Auch, weil Cover, Klappentext etc. oft falsche Bilder vermitteln. Zwei Minuten mit der Amazon-Leseprobe verrät mir fast immer mehr als die beste Rezension, der klügste Klappentext.

Das Zeitfenster, in dem ich Bücher an Redaktionen pitchen, mit Büchern Geld verdienen kann, wird schnell enger:

  • Ich habe noch keine Redaktion, die mich große Titel wie „Lincoln at the Bardo“ oder „Die Ermordung des Commendatore“ lesen lässt: Solche Bücher werden von Journalist*innen besprochen, 15 Jahre älter als ich. Bei Deutschlandfunk Kultur durfte ich Elena Ferrantes Neapel-Romane besprechen – weil ich 6 Monate vor der deutschen Veröffentlichung immer wieder sagte „Das war hyper-erfolgreich in den USA und Italien. Trust me on this: Lasst uns schon jetzt darüber berichten.“
  • Wenn Bücher von zu vielen anderen Blogger*innen und Kolleg*innen besprochen und empfohlen werden, verliere ich oft die Lust, sie selbst zu lesen. Oft sind das Zeitfenster von ca. drei Wochen, von „Online hörte ich noch kein Wort über das Buch, in meiner Blase“ zu „25 Konkurrent*innen posteten das auf Instagram.“
  • Aktuell sind TV-Serien mein größtes Problem. 2013 las ich die „Jessica Jones“-Comics. Doch kein Redakteur hätte mir eine Plattform gegeben für 10+ Jahre alte Comics, in Deutschland nie erschienen. Am 18. November 2015 schien die Figur zu interessieren. Am 20. November 2015 hatte mein halber Freundeskreis eine Meinung zu allen 13 Episoden von Staffel 1. Der Anime „Your Name“? Die Comic-Verfilmung „Lazarus“? Die Netflix-Serie „The Chilling Adventures of Sabrina“? Das Zeitfenster von „interessiert keinen“ zu „kennt eh schon jeder“ wird frustrierend klein.

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Mein Fazit?

Mir tut sehr gut, so viel wie möglich anzulesen. Listen anzulegen.

Ich werde unruhig, wenn ich in einer Buchhandlung stehe und von zu vielen aktuellen Büchern, die dort ausliegen, noch nie gehört habe.

Ich habe diese Bücher dann nicht EIN MAL verpasst, sondern wiederholt.

  • Vorschau-Listen wie „The Millions‘ Most Anticipated“ und die User-Rankings im Goodreads-Bereich „Listopia“ zeigen mir englischsprachige Neuerscheinungen, Monate vor Veröffentlichung
  • Ich markiere mir interessante US-Bücher auf Goodreads und lese in die Leseprobe, sobald sie online ist (meist: wenige Tage vor dem US-Release)
  • Am Ende jedes Jahres schaue ich noch einmal durch US-Bestenlisten und -Blogs.
  • ca. Juli und ca. Dezember durchsuche ich deutschsprachige Verlags-Vorschauen
  • Alle ca. 2 Monate schaue ich bei Amazon, welche Bücher bald erscheinen, und mache Vorschläge an meine Auftraggeber*innen.
  • …dann kommen die deutschsprachigen Bestenlisten, Preise / Longlists / Hotlists und Jahres-End-Rankings.

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Es gibt Bücher, die ich seit Jahren lesen will – und bei denen ich auf einen aktuellen Anlass warte: eine Verfilmung, eine Serie, ein neues Buch des Autors. Sobald das erste Jugendbuch von z.B. Adam Silvera in Deutschland erscheint, kann ich das Gesamtwerk vorstellen, in deutschen Medien.

Und es gibt viele Bücher, die ich gern lesen würde, die mir wiederholt empfohlen wurden, bei denen mich die Leseprobe überzeugte, z.B. Mark-Uwe Klings „Qualityland“. Ein Buch, über das so viel geschrieben wurde, dass leider einfach egal ist, was Stefan Mesch noch zu sagen hat – vier Monate nach Erscheinen.

Und ganz zuletzt gibt es überraschend viele Titel, die ich beim Lesen der Leseprobe aussortierte – doch von denen Freund*innen immer wieder sagen: „Das war toll! Schau noch mal rein!“ Jakob Nolte, Ben Lerner, Alice Munro…

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