Literaturkritik

Die besten Jugendbücher: Deutschland, 2018 – Vortrag am Literarischen Colloquium Berlin

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Am 13. März darf ich am Literarischen Colloquium Berlin sieben aktuelle Jugendbücher meiner Wahl vorstellen, denen ich ein internationales Publikum wünsche. 35 Übersetzer*innen aus 29 Ländern hören zu.

Seit 2009 lese und mag ich Jugendbücher: Ich schreibe einen Roman über Teenager, „Zimmer voller Freunde“, und war unsicher, sobald Agent*innen etc. fragten, ob das Young-Adult-Literatur sei. Kann ich aus YA-Literatur für mein Erzählen, Schreiben lernen? Soll mein Buch in dieser Ecke der Buchhandlung liegen? Ich las YA – um mich zu positionieren und, weil mir die Sparte schnell ans Herz wuchs.

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„Jugendbuch“ in Deutschland heißt meist:

ein Buch, geschrieben für Leser*innen ab ca. 10.

Auf dem US-Markt wird zwischen „Middle Grade Novels“ und „Young Adult“ unterschieden: Bücher für Tweens (10 bis ca. 12) und dunklere, anspruchsvollere, komplexere Bücher für Teenager auf der High School. Der deutsche Jugendbuchmarkt scheint mir, insgesamt, auf Jüngere fixiert: Ich finde kaum ein Buch, das explizit erst ab 14 bis 16 empfohlen wird, über 300 Seiten hat oder sich, im Young-Adult-Stil, bemüht, ein Problem-Thema besonders tief und intensiv zu bearbeiten.

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Young-Adult-Literatur, die ich mag:

  • …hat meist eine Hauptfigur, der wir möglichst nahe kommen sollen. Oft als Ich-Erzähler*in.
  • Die Figur kann sehr eigen sein in Sprache oder Verhalten; sie kann unsympathisch sein oder ein komplexes Krankheitsbild, einen komplizierten Background etc. haben. Doch Ziel ist fast immer, dass wir der Figur und ihren Problemen so nah wie möglich kommen. Die Welt aus ihren Augen sehen.
  • Oft gibt es EIN zentrales Thema im Buch, z.B. „Loslassen“, „Vertrauen fassen“, „zu sich selbst Stehen“ etc., und alle Figuren, alle Subplots etc. behandeln Facetten und Aspekte dieses zentralen Themas.
  • (Mein Roman hat drei Hauptfiguren, ein halbes Dutzend Perspektiven, Sprünge. YA-Leser*innen wären irritiert, wie viel Distanz durch solche Wechsel entsteht: Um die YA-Zielgruppe anzusprechen, müsste ich mich viel entschiedener, empathischer auf die Seite einer oder zweier Figuren stellen.)

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Deutschsprachige Jugendbücher sind weniger normiert als US-Titel.

Leider haben sie dafür oft auch weniger Formgefühl: Sie sind amorpher, labbriger erzählt. Ich frage mich oft: „Autor*in? Wie viele Jugendbücher hast DU bisher gelesen? Was genau tust du da, für wen?“ Die Bücher sind kürzer. Und: meist jünger, optimistischer, harmloser. Sprachlich und psychologisch weniger komplex.

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Zwei Probleme bei meiner Auswahl: Auch, weil viele der erfolgreichsten Klassiker auf dem deutschen Markt Märchen- und Fantasy-Elemente enthielten, gibt es aktuell eine Flut von Prinzessinnen-, Elfen- und Zauber-Romanen, meist „nur für Mädchen“. Sowie irrsinnig viele Jugend-Dystopien, die ich als schwache Kopie von „Hunger Games“ etc. lese. Beides: oft sexistisch, abgedroschen, klischiert.

Mir fehlen männliche Autoren, die ausschließlich Jugendbücher schreiben: Ich finde Jugend-Krimis von Krimi-Autoren, Jugend-Sci-Fi von Sci-Fi-Autoren, Jugend-Thriller von Thriller-Autoren. Die Jugendbücher dieser Männer kommen mir oft vor wie Nebenbei- oder Light-Projekte. Mein Erfahrungswert: Je hauptberuflicher, desto ambitionierter und intelligenter ist das Jugendbuch..

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Sieben Favoriten, die ich gern übersetzt sähe:

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STEFANIE HÖFLER, „Mein Sommer mit Mucks“

  • Jugendbuch ab ca. 11 | Ich-Erzählerin ist ca. 12
  • Mädchen trifft einen exzentrischen Jungen im Schwimmbad; sie werden Vertraute.
  • Beltz & Gelberg, 140 Seiten, 2015
  • PerlentaucherGoodreads, Amazon

„Zonja besitzt eine unbezwingbare Neugier, weshalb die meisten in ihrer Klasse sie für eine Spinnerin halten. Egal. Zonja mit Z liebt es, im Schwimmbad Leute zu beobachten und Statistiken aufzustellen, und so fischt sie an diesem Tag einen Jungen – grüne Badehose, dünn wie eine junge Birke, abstehende Ohren – aus dem Wasser, weil der nicht schwimmen kann. Seltsam. Sie spielen Scrabble, beobachten den Sternenhimmel und essen viele Pfannkuchen – eigentlich ist Mucks der erste Mensch seit Jahren, der ihr Freund werden könnte. Doch irgendwas stimmt überhaupt nicht mit ihm, und es dauert diesen einen Sommer, bis sie weiß, warum er im Regen tanzt und was es mit den blauen Flecken und dem Pfefferspray auf sich hat.“ [Klappentext, ungekürzt]

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Ein pubertäres, idealistisches Mädchen im Stil von Lisa Simpson (talentiert, aufgeweckt, doch ziemliche Scheuklappen) mit harmonischen Eltern, liebevoller Oma, hübschem Garten etc… in einer nicht-sehr-großen, wohlhabenden (süddeutschen?) Stadt. Ein introvertierter, aber liebenswerter Junge aus einfachen Verhältnissen, dessen Vertrauen sie gewinnt. Ein Handlungsraum und Tonfall, in dem auch kleine Schritte (nachts die Sterne beobachten; den Mut fassen, an einem fremden Wohnblock in einer „schlechten“ Nachbarschaft zu klingeln usw.) angemessen dramatisch erzählt werden:

„Mein Sommer mit Mucks“ ist das schönste, wärmste, liebevollste, zugänglichste Jugendbuch, das ich seit Jahren las. Genug Tiefgang und eine intelligente Grundfrage – Wie weit kann man gehen, um jemandem zu helfen, der sagt, er brauche keine Hilfe? – um sich als Schullektüre zu empfehlen. Und so frei von Zeit-, Medien- und Gegenwarts-Bezügen, dass es in jeder Sprache funktioniert und für fast jede Altersgruppe: Stefanie Höfler hätte das Buch auch 1996 schreiben können, oder spielen lassen.

Als Autorin macht sie mir das eher unsympathisch – weil für mich Social Media, Serien, Kino etc. zu Jugend und Alltag gehören. Und, Grundproblem: Fehlen Jugendbücher mit dem Plot (A) „Bürgerliches Mädchen mit idyllischem Umfeld hat kurz Sorgen, wegen einem sozial schwachen Jungen“? Oder (B) „sozial schwacher Junge kennt nur häusliche Gewalt, Armut und Frauenhass“? (B) wäre mutiger. Und ginge tiefer.

Schwächen:

  • Betuliche, altbackene Sprache… die zwar zur sehr behütet aufwachsenden Erzählerin passt, doch auf mich arg saturiert, provinziell, bieder, tantig wirkt: Stefanie Höfler ist eine irrsinnig sympathische Erzählerin. Als Stilistin finde ich sie gestrig.
  • Wenige Illustrationen – die der Geschichte nichts vermitteln/hinzufügen.
  • Plot und Figuren sind großartig universell, zeitlos. Das heißt auch: Der spezifische Handlungsort, die Zeit etc. bleiben vage. Das Buch aus dieser Auswahl, dem Gegenwärtigkeit & „Sense of Place“ am egalsten sind, und das am wenigsten über Deutschland erzählt.

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STEFANIE HÖFLER, „Tanz der Tiefseequalle“

  • Jugendbuch ab ca. 12 | Ich-Erzähler und Ich-Erzählerin sind ca. 12
  • angepasstes Mädchen traut sich nicht, freundlich zu einem übergewichtigen (und: exzentrisch-schrullig-selbstverliebten) Jungen zu sein.
  • Beltz & Gelberg, 190 Seiten, 2017
  • Perlentaucher, Goodreads, Amazon

„Manchmal ist es diese eine Sekunde, die alles entscheidet: Niko, der ziemlich dick ist und sich oft in Parallelwelten träumt, rettet die schöne Sera vor einer Grapschattacke. Sera fordert Niko daraufhin zum Tanzen auf, was verrückt ist und so aufregend anders, wie alles, was in den nächsten Tagen passiert. Vielleicht ist es der Beginn einer Freundschaft von zweien, die gegensätzlicher nicht sein könnten – aber im entscheidenden Moment mutig über ihren Schatten springen.“ [Klappentext, ungekürzt]

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Niko ist für mich eine Kunstfigur: ein optimistischer, tagträumender, onkelig-altklug-distanzierter Nerd, der davon träumt, mit schrulligen Erfindungen den Alltag aller Menschen zu verbessern. In altkluger, künstlicher Sprache schreibt er über Klassenkameradin Sera – die er langsam aus der Reserve lockt und von der er hofft, sie sei anders als die vielen oberflächlichen Kinder, die ihn mobben.

Auch Sera ist Ich-Erzähler: In jedem zweiten Kapitel wägt sie ab, was es für ihren Status auf dem Schulhof bedeutet, wenn sie mit einem Außenseiter lacht und Zeit verbringt. Auf einer Klassenfahrt versucht Sera, für Niko Flagge zu zeigen – doch alles geht schief, und die beiden trampen, getrennt von ihrer Klasse, nach Hause.

Schwächen:

  • Sera ist ein Archetyp, den ich in der Schulzeit oft sah – doch kaum kenne, verstehe: ein Mädchen, das nicht auffallen will. Nicht als Pathologie oder große Charakterschwäche. Sondern einfach, weil das leichter ist. Was widerfährt so vielen Mädchen ab ca. 12, bis/dass sie glauben, es sei lebenswichtig, unter dem Radar zu bleiben? Ich hätte mir von Höfler mehr Tiefgang, bessere Antworten gewünscht.
  • Nikos schrullige und altbackene Sprache passt gut zu Höflers eigenem, meist biederem Stil. An zu vielen Stellen aber klingt Niko komplett artifiziell. Ein Junge voller Selbsthass wäre mir lieber gewesen als jemand, dessen drollige Exzentrik deutlich mehr Raum nimmt als die… Body Issues.
  • Niko ist großherzig, charmant und entspannt. Tatsächlich aber tragen die meisten gemobbten Jungs den Hass, den sie erfahren, an z.B. die Mädchen, in die sie sich erfolglos verlieben, weiter: Ich kann mir eine MENGE ca. 14jähiger Arschloch-Jungs vorstellen, die das Buch lesen, sich sagen „Auch ich wurde von einer dummen Fotze in die Friendzone gesteckt. Dabei bin ich so ein netter Kerl!“ Niko ist für mich eine Ausnahme, eine Fiktion.

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ANKE STELLING, „Erna und die drei Wahrheiten“

  • Jugendbuch ab ca. 11 | Ich-Erzählerin ist 11
  • Soll Erna einen scheußlichen Mitschüler verpetzen, unter dem alle leiden? Alle in der Gemeinschaftsschule mahnen: Nein – nimm bitte immer Rücksicht!
  • cbj, 240 Seiten, 2017
  • Perlentaucher, LovelyBooks, Amazon

„Warum steckt in „Gemeinschaft“ auch „gemein“? Solche Fragen interessieren Erna Majewski, 11. Sie besucht eine Gemeinschaftsschule und lebt, wie ihre Freundinnen Liv und Rosalie, im gemeinschaftlichen Wohnprojekt. Dass das ganze Gemeinschaftsgetue ungerecht und sogar verlogen sein kann, erleben Erna und ihre Freundinnen, als nach dem Schulfasching jemand mutwillig die Klos ruiniert hat: Weil der Täter sich nicht meldet, sollen jetzt alle dafür büßen. So eine Gemeinheit! Liv lässt das kalt, aber Erna ermittelt. Und sie findet heraus, was passiert ist. Aber soll sie es auch verraten? Schließlich gibt es laut einem Sprichwort drei Wahrheiten – deine, meine und die Wahrheit. Und wer kann die schon ertragen?“ [Klappentext, ungekürzt]

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2015 war Anke Stellings (Erwachsenen-)Roman „Bodentiefe Fenster“ auf der Longlist des deutschen Buchpreis‘: Eine Ich-Erzählerin mit Kindern und lapidarem Ehemann, zunehmend verzweifelt in einem Gemeinschaftswohnprojekt im Prenzlauer Berg. Linke Idealisten und Kreative, die sich Eigentumswohnungen bauten; doch deren Freundschaften während endloser Öko-, Achtsamkeits-, Bio-Debatten im Plenum starben. Ich mochte das Buch… doch wurde beim Lesen müde: Ist das Satire? Rollenprosa einer irr zergrübelten, analytischen, gehemmten Mutter – privilegiert und trotzdem prekär? Die Grübel-Ich-Erzählerin war so unentschieden, stellte ihre Gefühle so schnell in Frage, relativierte jeden Gedanken… Der Roman verlor Schwung. Jeden Gedanken mit einem Gegen-Gedanken zu kontern und dabei immer schneller zu pendeln… das wurde, gegen Ende, freudlos und zerquält. Ohne, dass ich noch sagen konnte: „Klug hinterfragt!“

„Erna und die drei Wahrheiten“ spielt im selben Milieu. Mit einer elfjährigen Hauptfigur, genauso zergrübelt, fragend, nervös. Aber: Das Jugendbuch ist kürzer, spitzer, schärfer, witziger und zieht sich, anders als „Bodentiefe Fenster“, nicht ständig selbst durch Über-Analysieren den Boden unter den Füßen fort.

Ein oft brillanter Ton, der die maximal unbequemen Fragen in den witzigsten Momenten stellt – kindgerecht, doch für jedes Alter empfehlenswert. Den Erwachsenen aus „Bodentiefe Fenster“ wollte ich zurufen: Trennt euch! Zieht aus! Tut irgendwas und zieht es durch! Ihr habt alle Möglichkeiten!“ Erna, 11, hat keine Optionen. Das macht ihr Buch so dringlich, intensiv, klug. Ein Tonfall wie in den besten „Peanuts“-Strips: melancholisch, clever… und trotzdem irr süffig, lebenslustig, leicht!

Schwächen:

  • Erna liebt seltene Worte, hat immer ein etymologisches Wörterbuch dabei. Das ist, im Rahmen des Buchs, okay. Doch mich langweilt, dass DREI von sieben Kinder-Ich-Erzähler*innen hier auf der Liste seltene Worte sammeln, über die Schönheit von Vokabeln philosophieren. Ein Bildungsbürger-Kinderbuch-Klischee – das nochmal doppelt nervt, falls Figur und Autor dann auch noch Youtube, Whatsapp usw. ostentativ egal sind. [Erna schimpft immerhin, dass sie kein eigenes Tablet hat; und sie mag schlechte High-School-Filme.]
  • Ein abruptes Ende. Ich glaube, Ratlosigkeit und ein gewisses Sich-Abfinden sind Stellings Markenzeichen: Über Probleme mit klarer Lösung schreibt sie erst gar nicht.
  • Erna hat die zweit-dicksten Oberschenkel der Stufe. Ich mochte, dass das recht spät im Buch zum Thema wird – weil Erna selbst ihren Körper mag, nur unter den abschätzigen Kommentaren leidet. Doch wenn der Verlag Erna zeichnen lässt, will ich beim Blick aufs Buch-Titelbild bitte nicht denken: „schlaksiges, dünnes Mädchen“.

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DORIT LINKE, „Jenseits der blauen Grenze“

  • Jugendbuch ab ca. 13 | Ich-Erzählerin ist ca. 12 bis 16 (Rückblenden) / 17 oder 18 (Flucht)
  • Hanna und Andreas aus Rostock schwimmen über die Ostsee – weil sie in der DDR keine Zukunft sehen.
  • Magellan, 304 Seiten (TB), 2014
  • Goodreads, Amazon
  • Link zu geschichtlichen Hintergrund: „Die Ostsee – eine gefährliche Fluchtroute“

„Die DDR im August 1989: Hanna und Andreas sind ins Visier der Staatsmacht geraten und müssen ihre Zukunftspläne von Studium und Wunschberuf aufgeben. Stattdessen sehen sie sich Willkür, Misstrauen und Repressalien ausgesetzt. Ihre einzige Chance auf ein selbstbestimmtes Leben liegt in der Flucht über die Ostsee. Fünfzig Kilometer Wasser trennen sie von der Freiheit – und nur ein dünnes, verbindendes Seil um ihr Handgelenk rettet sie vor der absoluten Einsamkeit …

‚Ergreifend wird hier das Bild einer sozialistischen Jugend zwischen Aufmüpfigkeit und Resignation, Leistungssport und politischer Agitation gezeichnet. Hanna und ihre Freunde finden mit sicherem Instinkt die Brüche im System. Dorit Linke hat die Charaktere glaubwürdig und berührend gezeichnet und eine untergegangene Welt dem Vergessen entrissen.‘ Karen Duve“ [Klappentext, ungekürzt]

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Hanna, Andreas (…und der alberne, naive, eindimensionale „Sachsen-Jensi“) hadern seit der ca. 7. Klase mit gehässigen Lehrern, Drill, angepassten Kameraden. Jensi hat West-Verwandtschaft: Er darf nach Hamburg ausreisen. Andreas wird vom Vater geschlagen. Er rebelliert, landet im Jugendwerkhof und versucht, sich umzubringen. Ich-Erzählerin Hanna hat einen depressiven/umnachteten Vater. Eine Mutter, die sich nur wünscht, dass Hanna Zöpfe und Röcke trägt. Und einen renitenten Opa, der jedes Schulfest und jede Feier mit staats- und frauenfeindlichen Sprüchen sprengen will. Nach einem Scherz von Opas wird Hanna und Andreas das Abitur verwehrt – und Andreas beschließt, im Neoprenanzug ca. 50 Kilometer in den Westen zu schwimmen. Hanna, die als Sportlerin aussortiert wurde, trainiert in der Schwimmhalle. Auch, weil sie glaubt, dass Andreas unvorbereitet und schwach ist, und ohne sie sterben wird.

Alle ca. 8 Seiten wechselt das Buch von Rückblenden aus der Schulzeit (oft: schleppend, mit recht durchschaubaren Figurenkonflikten) zur Gegenwart: toll recherchierte, dramatische Survival-Action auf der Ostsee, blendend geschrieben. Hanna spricht und entscheidet extrem pragmatisch: Ich musste an „Hunger Games“ denken – denn wie Katniss liebt auch Hanna ihren Survival-Partner… doch hält ihn für leichtsinnig, zu weich, einen Klotz am Bein.

Eine sehr erwachsene, oft rhythmische Sprache. Eine Autorin, die ihr Milieu *sehr* genau kennt. Ein actionreiches, beklemmendes, oft erwachsen-unsentimentales Buch – ambitioniert, literarisch auf hohem Niveau. Passt auf den US-Markt, wo Action-Historien-Titel wie „Code Name Verity“ zu YA-Bestsellern wurden.

Schwächen:

  • Unmengen an DDR-Jargon? Das öffnet eine fremde Welt. Dass sich Vieles erst im Kontext erschloss? Kein Problem. Doch ich hatte den Eindruck, dass besonders in den dialog-intensiven Rückblenden auf jeder Seite fünf bis acht Idiome, Sprüche, Floskeln, Markennamen etc. aus der DDR gehäuft wurden. Als würde die Autorin eine Liste abarbeiten. Auf Kosten des Erzählfluss‘.
  • Am störendsten: Sachsen-Jensi und Opa erzählen gern Witze, manchmal drei oder vier am Stück. Auf 300 Seiten gibt’s 40, 50 (?) sehr zeit-spezifische Ost-Kalauer. Alle wären lost in translation. Mich haben sie beim Lesen gebremst: Sie nervten, in ihrer Monotonie.
  • „Sachsen-Jensi“ ist wie eine noch dümmere, feigere, faulere Version von Ron aus „Harry Potter“: eine eindimensionale Figur mit dümmlichen Slapstick-Problemen wie zu kleiner / zu großer / gerissener / hässlicher Kleidung.
  • Eine Übersetzung bräuchte Fußnoten, ein ausführliches Glossar – oder viele ergänzende Halbsätze wie „Wir gingen in den Intershop, wo man nur mit Fremdwährung einkaufen konnte.

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CHRISTIANE NEUDECKER, „Sommernovelle“

„Ein Sommer, wie es ihn nur in der Kindheit oder Jugend gibt: In den Ferien arbeiten zwei 15-jährige Schülerinnen auf einer Vogelstation direkt am Meer. Sie streifen über die Nordsee-Insel und lauschen den Trillergesängen der Austernfischer, zählen Silbermöwen am Himmel und führen Kurgäste durch das schillernde Watt.

Pfingsten 1989: Lotte und Panda wollen die Welt verändern. Es ist die Zeit kurz vor der Wende, in der es für Jugendliche in der BRD vor allem Nord und Süd gab, nicht aber Ost und West. Deutschland liegt noch im Schatten der Wolke von Tschernobyl und jedes Gewitter bringt sauren Regen. Die beiden Freundinnen sind sich einig: Sie wollen handeln. Gemeinsam mit einer bunt zusammengewürfelten Truppe aus Rentnern und Studenten leisten sie ökologischen Dienst in einer skurrilen Vogelstation. Da ist etwa Hiller, der vogelbesessene Pensionär, der Panda in sein Herz schließt und ihr beibringt, das Meer zu deuten und den Himmel zu lesen. Lotte nähert sich dem attraktiven Julian an, der sie für erwachsener hält, als sie tatsächlich ist.“ [Klappentext, gekürzt]

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Ich hasse, wenn Zyniker Kinder- und Jugendliteratur als Schwundstufe, Light-Version von E-Literatur begreifen. Ich zweifle, dass es einfacher, leichter ist, ein gutes Jugendbuch zu schreiben – und halte Jugendbuchautor*innen nicht für verkrachte Autor*innen zweiter Klasse. Trotzdem kann ich in Jugendbüchern – besonders bei Ich-Erzähler*innen gibt – besser mit Figuren leben, die nicht alles zu Ende denken. Ich las „Sommernovelle“ 2015… und fand das Buch zu harmlos, kurz, plätschernd unentschieden: Christiane Neudecker findet einen liebenswerten Ton. Schafft eine überzeugende Atmosphäre und eine Erzählerin, die man gern begleitet. Besonders tief, dramatisch, hässlich, verstörend oder klug-verdichtet sind die melancholischen Sommer- und Insel-Anekdoten nicht.

Doch übersetzt, und als Jugendbuch vermarktet? Die Ich-Erzählerin kommt mir nah (perfekt bei Jugendbüchern!), funktioniert als Einladung, Identifikationsfläche… doch ist trotzdem so charmant prototypisch-nostalgisch-spezifisch fürs 80er-Jahre-Bürgertum, dass z.B. eine etwas versnobte 40jährige Kanadierin, die sich für übersetzte Literatur interessiert, *sehr* viel wieder erkennen und mögen wird.

Ähnlich gelungen finde ich hier im Buch Sylt: Eine Kulisse, harmlos und einladend genug, dass das Buch als Sommer-, Strandlektüre und Middle-Brow-Novel funktioniert. Doch detailliert und fachkundig genug beschrieben, dass jeder sagen wird: „In diesem sehr deutschen Buch über Deutschland wurde mir eine attraktive deutsche Ecke in schöner Sprache einladend beschrieben.“

Überzeugendes, charmantes, publikumswirksames Zeit- und Lokalkolorit!

Schwächen:

  • Ich glaube, je mehr man denkt „Das hier will allergrößte Literatur sein“, desto enttäuschter ist man von diesem sanften, lapidaren Buch.
  • „Sommernovelle“ handelt von Jugendlichen, die nicht wissen, wie viel sie erwarten dürfen. Fast alle Erwartungen werden enttäuscht. Deshalb wirkt das Buch etwas… antiklimatisch.
  • (Aber: meine Lieblings-Jugendserie, „Willkommen im Leben“/“My so-called Life“, hat das selbe Grundthema. Ich finde tröstend, wenn Jugendliteratur, statt künstlicher Dramatik, zum Thema macht, wie wenig oft passiert.)

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CHRISTIAN DUDA, „Gar nichts von allem“

  • Jugendbuch ab ca. 10 | Ich-Erzähler ist 11
  • Der Vater schlägt. Die Mutter vertuscht und entschuldigt. In einem Tagebuch wird Magdi die eigene Machtlosigkeit bewusst.
  • Beltz & Gelberg, 140 Seiten, 2017
  • Perlentaucher, Amazon

„Der 11jährige Magdi ist glühender Fan des Boxers Mohammed Ali. Denn Ali ist stark, fair und einfach unbesiegbar. Ganz anders als Vater. Der buckelt nach oben und tritt nach unten. Unten, da stehen Magdi und seine drei Geschwister. Und Mutter. Was den arabischen Vater und die deutsche Mutter eint, ist der Wille, »gebührliche« Kinder großzuziehen. Bloß nicht unangenehm auffallen! Deshalb müssen Magdi und seine Geschwister besser sein als die anderen. Und wenn sie nicht besser sind, dann hilft Vater nach.“ [Klappentext, ungekürzt]

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Ein Tick zu kurz, zu schlicht. Doch dafür: Das Buch hier in meiner Auswahl, das ich jedem noch-so-lesefaulen Elfjährigen in die Hand drücken will. Zugänglich, pointiert und mit zwei, drei markanten Gedanken, Szenen oder Witzen pro Seite. Duda nutzt Sarkasmus, um einem 11jährigen in hoffnungsloser Lage Stimme, Agency, Mut, Spielraum zu zeigen: Im Schreiben versteht Magdi die Dynamiken seines (oft unerträglichen) Alltags.

Ob „Gar nichts von allem“ gefällt/gelingt, hängt an den eigenen Maßstäben: Alles könnte tiefer greifen. Viel länger sein! Geschwister, Nebenfiguren bleiben kaum genutzt. Dass Magdis Mutter als Enablerin / Vertuscherin genauso gefährlich ist wie der gewalttätige Vater, deprimiert mich. Realistisch, dass die Familie in ihrer Dynamik bleibt. Doch schade, dass (außer: Tagebuch-Führen) für keines der Kinder eine Lösung sichtbar wird: Magdi wünscht sich, dass sein Vater stirbt. Ein Wunsch, auch für uns Leser deprimierend verständlich.

Lieblingsstelle: Eine Fußballmanschaft gewinnt ein wichtiges Spiel. Die autoritäre, böse Lehrerin steht auf dem Hof und schreit völlig enthemmt „Sieg! Sieg!“, „als hätte sie das schon mal irgendwo geübt.“ ❤

Schwächen:

  • Hier im Buch ist das Meta-Gewäsch über den Zauber der Sprache und die empowernde Macht des Schreibens am stärksten: Magdi ist ein scharfsinniger, gewitzter Ich-Erzähler, genießt das Tagebuchschreiben sichtlich, wird als Figur plausibel. Doch fünf, sechs „XY ist SO ein verrücktes Wort, wenn man genauer darüber nachdenkt…!“-Passagen hätte ich streichen lassen.
  • Kleine Illustrationen, die aussehen wie Schmierereien und Tintenkleckse eines nervösen Elfjährigen: Sie passen gut ins Buch – doch fügen dem Text nichts hinzu, und die Motive sind nicht originell.
  • Das Buch spielt Mitte der 70er in einer Industriestadt (Ruhrgebiet?); der Klappentext rückt Mohammed Ali in den Mittelpunkt. Tatsächlich sind Plot und Milieu nicht besonders detailliert / zeitspezifisch. Ein halbes Dutzend recht verständlicher, doch nicht sehr origineller Popkultur-Anspielungen werden in einem witzigen, charmanten Glossar kurz erklärt.
  • Rezensent Hartmut el Kurdi „rechnet dem Autor hoch an, dass dieser die Probleme nie ethnisiert oder kulturalisiert und die Durchschnittlichkeit einer multikulturellen Identität ebenso thematisiert wie deren Besonderheit. Nicht zuletzt lobt El Kurdi den „authentischen“ Erzählton dieses lesenswerten Buches“. Ich stimme zu. Warne aber: Über den Alltag muslimischer Familien in Deutschland erfährt man hier deshalb eben… relativ wenig.

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TANYA LIESKE, „Mein Freund Charlie“

  • Jugendbuch ab ca. 11 | Ich-Erzähler ist 12 oder 13
  • Ein Sommer in Düsseldorf, damit Niks‘ Vater auf dem Bau Geld machen kann. Niks, allein in der Wohnung, wird in den Bandenkrieg der russischen Nachbarn verwickelt.
  • Beltz & Gelberg, 170 Seiten, 2017
  • Perlentaucher, Bücherkinder, Amazon

„Niks lernt Charlie kennen, als er mit seinem Vater Mahris für mehrere Wochen von Riga nach Deutschland kommt. Während Mahris Arbeit sucht, streunen die Jungen durch die Stadt und Charlie zeigt Niks, was er besonders gut kann: sich unsichtbar machen. Egal, ob in einer Menschenmenge oder in einem Geschäft, manchmal ist Charlie einfach weg. Oft sind dann auch Portemonnaies, Skateboards oder anderes Zeugs verschwunden. Niks ist fasziniert von Charlies Talent.“ [Klappentext, ungekürzt]

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Das schwächste Buch dieser Auswahl: Ich freue mich, dass eine deutschsprachige Autorin versucht, die Stimme eines jungen Letten einzunehmen. Psychologisch klappt das gut – für mich handelt Niks nachvollziehbar und authentisch. Stilistisch, sprachlich klappt es kaum: Tanya Lieske benutzt viele Floskeln und Sprachbilder aus den ca. 60ern. Das Buch klingt IRRSINNIG altbacken [aber: genau solche Dinge kann eine gute Übersetzung ja ausbügeln/ausgleichen].

Drei Viertel des Romans glücken für mich: Niks, allein in einer deprimierenden Mietwohnung, lernt von seiner Zufallsbekanntschaft Charlie die Kunst des Taschendiebstahls, doch muss dann für dessen Familie in ein Hehler-Haus klettern, damit Charlies russische Hehler-Familie ihre Rivalen, zwei deutsche Hehler-Brüder, bestehlen können. Viel Action. Eine vernünftige, gewinnende Hauptfigur – und ihr liebevoller, hilflos optimistischer Vater: ein Duo, eine Familiendynamik, die mir sehr gefiel!

Leider läuft alles auf einen Klimax hinaus, in dem Figuren entführt werden, Schüsse im Mietshaus fallen, verkleidete Männer Lassos (!) in einer Sozialwohnung schleudern etc. – ein Finale, in dem sich Abgründe auftun, die dann aber – völlig misslungen! – binnen zwei, drei Seiten geklärt sind. Wenn Lieske erklärt, dass eine ganze Mietskaserne den Atem anhält, gafft, die Helden beobachtet… DANN in einer kleinen Wohnung ein Schuss fällt… doch nie jemand nachschaut, nachfragt, die Polizei ruft etc. …bin ich raus.

Schwächen:

  • Freund Charlie hat kaum Persönlichkeit, Tiefe, Kontur.
  • Seine Verwandten/Geschwister bleiben noch blasser: ein Buch ohne nennenswerte Frauenfiguren.
  • Lieske bedankt sich bei einer Kommissarin, die „viel weiß über Bandenkriminilität, Wohnungseinbrüche und Kinder, die in diesem Milieu aufwachsen. Die Wirklichkeit ist um etliches düsterer, als in meinem Roman dargestellt.“ Ich wünschte, der Roman hätte sich näher an dieser Wirklichkeit orientiert, statt…
  • …die Geiselnahme zu beenden, indem Niks‘ reicher Onkel aus Amerika maskiert ins Zimmer stürmt und mit Zirkus-Tricks und Lassos zwei Hehler überrumpelt. Auch, dass Niks‘ nicht wusste, dass sein Vater und Onkel im Zirkus erwachsen wurden, schien mir aufgesetzt/hanebüchen.
  • Lieske bedankt sich bei einer lettischen Autorin, die ihr viel über Lettland erklärte, und den Jugendkrimi „Spelés Meistars“ schrieb. Im Roman ist „Spelés Meistars“ Niks‘ Lieblingsbuch, wird oft erwähnt – doch an keiner Stelle erfahren wir, worum es geht oder, was das Buch besonders, wichtig macht für Niks. Das wirkt für mich wie… albernes Product-Placement. Oder: eine schlecht durchdachte Gefälligkeit unter Kolleginnen.
  • Nachdem wir über 150 Seiten sahen, dass Mahris ein liebevoller, doch finanziell / lebenspraktisch oft inkompetenter Vater ist, sich kaum über Wasser halten kann… eröffnet er einen Zauber- und Artistik-Shop in Riga und wird damit mühelos erfolgreich? Ein Ende, das allem, was zuvor gezeigt wurde über Nöte, Pragmatismus, schmutzige Kompromisse… ins Gesicht spuckt.

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Elena Ferrante bei Deutschlandfunk Kultur: „Die Geschichte des verlorenen Kindes“

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Heute – 29. Januar 2018, gegen 17.40 Uhr – spreche ich bei Deutschlandfunk Kultur über Sog und Reiz von Elena Ferrantes Neapel-Romanen.

Ich las die vier Bücher auf Englisch, 2016 (die deutsche Übersetzung von Karen Krieger ist besser: Empfehlung!), und schrieb…

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Hier im Blog:

Neuigkeiten und Zitate, kurz vor Erscheinen von Band 4, „Die Geschichte des verlorenen Kindes“.

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1: Ab Mitte Januar schreibt Ferrante eine wöchentliche Kolumne im Wochenend-Magazin des Guardian:

„Ferrante will share her thoughts on a wide range of topics, including childhood, ageing, gender and, in her debut article, first love. After the Guardian approached her with the idea, Ferrante said she was “attracted to the possibility of testing myself” with a regular column, and called the experience “a bold, anxious exercise in writing”.

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2: Die Kolumnen sind recht kurz. Persönlich und offen – doch werfen mehr Fragen auf, als sie beantworten. Zitate aus Nr. 1:

„He was 17, I 15. We saw each other every day at six in the afternoon. We went to a deserted alley behind the bus station. He spoke to me, but not much; kissed me, but not much; caressed me, but not much. What primarily interested him was that I should caress him. One evening – was it evening? – I kissed him as I would have liked him to kiss me. I did it with such an eager, shameless intensity that afterwards I decided not to see him again.

[… For this column,] I planned to describe my first times. I listed a certain number of them: the first time I saw the sea, the first time I flew in an aeroplane, the first time I got drunk, the first time I fell in love, the first time I made love. It was an exercise both arduous and pointless. For that matter, how could it be otherwise? We always look at first times with excessive indulgence. Even if by their nature they’re founded on inexperience, and so as a rule are not very successful, we recall them with sympathy, with regret. They’re swallowed up by all the times that have followed, by their transformation into habit.“

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3: Kolumne 2 lohnt sich mehr (und muss komplett gelesen werden).

„As a child, whenever it was necessary to appear fearless, I appeared fearless. […]  if someone threatens my daughters, or me, or any human being, or any harmless animal, I resist the desire to run away. […] Popular opinion has it that people who react as stubbornly as I’ve trained myself to have real courage, which consists precisely in overcoming fear. But I don’t agree. […] I’m learning, like a character in Conrad, to accept fear, even to exhibit it with self-mockery. I began to do this when I realised that my daughters got scared if I defended them from dangers – small, large or imaginary – with excessive ardour. What perhaps should be feared most is the fury of frightened people.“

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4: Kritiker Marc Reichwein besuchte im Sommer 2017 Ferrantes italienischen Verlag, edizione e/o. Interessanter als der Besuch selbst sind kleine Beobachtungen Reichweins:

„Auf Italienisch, Deutsch und in vielen weiteren, etwa den slawischen Sprachen, ist die Freundin „genial“. Auf Englisch ist sie „brillant“, auf Schwedisch „fantastisch“, auf Spanisch „verblüffend“. [Die Cover in Basilien zeigen] eine Girls-Reihe in knapper Bademode am Strand. China wiederum illustriert die Neapel-Saga mit einer erkennbar chinesisch aussehenden Frau. Interessant auch: Nicht in allen Ländern läuft Ferrante als Hardcover. In Frankreich etwa war das Hardcover ein Flop, anders kann man verkaufte 1800 Exemplare in einem Jahr nicht nennen. Erst eine Taschenbuchvariante mit neuem Cover brachte Galimard den international üblichen Erfolg.“

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5: aktuell schreibt Ferrante an neuer Prosa – sagt ihr Verleger.

„I know she is writing, but at the moment I cannot say anything more,” said Sandro Ferri, who heads the publishing house Edizioni E/O with his wife, Sandra Ozzola.
But Ferri said there were no plans for a new Ferrante novel to be published in 2018.“

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6: Acht erste Episoden einer TV-Serie werden gerade produziert. Details bei Variety.com:

  • Ferrante ist am Drehbuch beteiligt
  • Produktionssender: RAI (Italien) und HBO (die auch „The Young Pope“ in Italien produzierten)
  • 32 Episoden in vier Staffeln sind geplant

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7: tolles, langes Essay von GD Dess über Ferrantes feministische Einflüsse in der LA Review of Books:

„James Wood has suggested that Ferrante’s writing is influenced by second-wave feminist writers such as Margaret Drabble and Hélène Cixous, and Ferrante has acknowledged her familiarity with the work of Cixous, Luce Irigaray, and Julia Kristeva. In a 2015 interview, when asked what fiction or nonfiction has most affected her, Ferrante also names Donna J. Haraway and “an old book” by Adriana Cavarero, Relating Narratives: Storytelling and Selfhood (1997).

Against Lila’s wishes Elena writes and publishes a book about the two of them, which she titles A Friendship. It is — implausibly — only 80 pages long. The book is a success and revives Elena’s sagging career, but after its publication, the two women never speak again and Lila disappears. Thus, contrary to Cavarero’s contention, which invokes Ulysses listening to his own life-story, Lila doesn’t need a life-story written about her in order to affirm her “I.” If another were to write her life-story, she would be turned into “fiction,” taken possession of. And just as she never let anyone possess her throughout her life, she has no intention of allowing that to happen once she is gone. She won’t participate in a practice that reduces her ontological presence to words on a page, a fetishized object between covers. By vanishing, she asserts her right to live a “mere empirical existence.” It is a brilliant move on Ferrante’s part to allow her subject to refuse subjugation to the art of “story telling,” even as she (and Elena) tell her story in the very book we are reading.“

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8: Ich hatte Mühe mit Band 1 – und fand einen langen Ferien-in-Ischia-Exkurs in Band 2 noch träger, anstrengender, reizloser. Ich empfehle, bei Interesse lieber in Band 3 noch einmal neu einzusteigen. Andreas Fanizdaeh über Band 3, in der taz:

„Ferrantes Bände 1 und 2 bestechen durch ihre Kinder- und Jugendlichenperspektive, die neue Offenheit, als die kapitalistische Modernisierung im Nachkriegsitalien auch die Unterschichten erfasst und einigen neue Chancen eröffnen. Band 3 spricht von einem Backlash. […] Ferrantes dritter Band entfaltet über ein weit verzweigtes und psychologisch fein ausgestaltetes Personentableau ein bezeichnendes Panorama der 1970er-Jahre in Italien. Nicht ohne eine Brise Bitterkeit resümiert die Romanautorin die frühen Erwachsenenjahre ihrer Frauenfiguren, deren Emanzipation nach 1968 auf halbem Wege stecken bleibt. Ob Mafia/Camorra, linksradikale Bewegung oder Bildungsbürgertum: Haushalt und Kinder bleiben weiterhin zumeist an den Frauen kleben. Und das, obwohl viele gerade die am unabhängigsten erscheinenden Frauen am meisten begehren.“

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9: Kritikerin Irene Binal, ähnlich ambivalent wie ich – zu Band 3:

„Mal vermisst sie ihre Freundin schmerzlich, mal wünscht sie ihr klammheimlich den Tod, denn „ich ertrug die Leere nicht, die dadurch entstand, dass sie sich mir entzog“. Es ist eine nicht immer nachvollziehbare Beziehung, in der Liebe und Hass nah beieinanderliegen, und dieses an sich reizvolle Wechselspiel hat sich nach drei Romanen doch einigermaßen abgenutzt. Kraft und Farbe gewinnt der Text vor allem dann, wenn er die Stimmung im Italien der 70er einfängt, die von politischen Umbrüchen und strengen gesellschaftlichen Regeln geprägt ist. Abgesehen davon erweist sich „Die Geschichte der getrennten Wege“ als eines jener Bücher, die zwar nicht wirklich schlecht sind, aber auch nicht richtig begeistern können.“

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10: herablassender und sexistischer Artikel über die Idee, Domenico Starnone sei Haupt-Autor des Neapel-Quartetts:

„Then came Gatti’s well-documented claim that Ferrante was Anita Raja, who, unlike Ferrante, did not grow up in an impoverished Neapolitan neighborhood but rather left Naples at the age of three and lived in middle class comfort in Rome. Presumably, Raja had ready access to the educational opportunities that Ferrante’s characters struggled to obtain. […] I was troubled by Raja’s dishonesty and not convinced by her defenders who saw nothing problematic in Raja’s attempt to create the impression that her background was similar to that of her characters.

The powerfully rendered portrait of growing up in deep poverty in 1950’s Naples feels like it was written from first hand experience. Raja did not have this direct experience but Starnone, like the fictional Ferrante, was the son of a seamstress and did grow up in Naples. Also, Gatti reported that after analyzing Ferrante’s books with text analysis software, a group of physicists and mathematicians at La Sapienza University in Rome concluded that there was a “high probability” that Starnone was the principal author.

[…] When I read The Execution, Starnone’s first novel to be translated into English, I saw many stylistic similarities to Ferrante—sentences with clauses piled upon clauses, building to a dramatic climax; long stretches of dialogue without any of the usual markers to indicate the speaker, a dramatic opening and a conclusion which leaves much unresolved.“

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11: Ich kann Ferrantes Scheidungskriegs-Roman „Tage des Verlassenwerdens“ nicht empfehlen – interessant aber, dass der aktuellste Domenico-Starnone-Roman das Thema aufgreift und variiert. Rachel Donadio in der New York Times:

„‚Ties‘ puts the same plot elements through a kaleidoscope. […] I cannot think of two novelists writing today whose recent books are in such clever and complicit conversation as those of Starnone and Ferrante.“

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Die deutsche Ausgabe erscheint am 12. März 2018 bei DVA/Random House; der Schutzumschlag kopiert die deutschen Ferrante-Cover:

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Videos, die begeistern: Social Media für Verlage, Literaturhäuser & Kulturstätten [Vortrag am Goethe-Institut München, 2018]

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Am Freitag – 26. Januar 2018 – spreche ich am Goethe-Institut München über Booktube- und Literatur-Videos:

– Welche Formate gelingen?

– Was hat besonderen Erfolg?

– Wer teilt, schaut, profitiert von Buch-Videos?

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und größer:

– Welche digitalen Inhalte und welche Aufbereitung wünsche ich mir von Verlagen, Literaturhäusern, Institutionen?

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Ich bin freier Literaturkritiker für u.a. Deutschlandfunk Kultur, spreche oft live über Bücher – gern auch vor der Kamera (Link) oder auf Bühnen (Link).

Auf Youtube lese/teile ich Kapitel meines Romandebüts, „Zimmer voller Freunde“.

2015 machte ich ein eigenes BookTube-Video über meine Hassliebe zu und meine Probleme mit Videos im Netz:


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längere Texte von mir – zu Social Reading, Blogs und Vlogs:

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2015: 50 Buch- und Literaturblogs (Empfehlungen)

2015: mein BookTube-Video (kurzer Text zu den Hintergründen)

2015: #blogfragen – Buchblogs und ihre Schwerpunkte, Hintergründe (Statements)

2016: BookTube bei Deutschlandfunk Kultur (Empfehlungen, Text) …kürzer hier (Link)

2016: Vortrag / Tipps zur Leipziger Autorenrunde: Autoren & Journalisten auf Facebook – wie finde ich Kontakte im Netz?

2017: Social Reading: Gründe für und gegen Goodreads & Lovelybooks (DKultur) …kürzer hier (Link)

2017: Was haben so viele Buchblogs gegen Graphic Novels, Comics? (Statements)

aktuell arbeite ich an Texten zu Twitter – und zum Blockieren und Rechtsruck auf Facebook.

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Was ich mir von Vlogger*innen und Boooktube-Videos wünsche, kam in meinem eigenen Booktube-Video zur Sprache.

pointierter, schriftlich:

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1: gelungene Booktube-Videos?

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_Eine gute Kamera? Gern. Wichtiger: ein sehr gutes Mikro.

_Mein Hauptgrund, Videos abzuschalten: Die Person wirkt aufgesetzt, affektiert oder fühlt sich vor der Kamera nicht wohl.

_Ein gut gemachter Vorspann wirkt professionell. Trotzdem langweilen Intros; erst recht beim vierten, fünften Sehen. Lieber, wie bei immer mehr TV-Serien, eine höchstens drei Sekunden lange „Title Card“.

_Fast alle Videos erklären die ersten ca. 30 Sekunden lang, was uns erwartet. Eine Aufgabe, die der Video-Titel übernehmen kann. Bitte so schnell wie möglich rein in die Kritik, Beschreibung etc.!

_Wer „Du“ sagt, wirkt oft herablassend-kumpelig. Auch „Hallo, ihr Lieben“ wirkt auf mich aufgesetzt. Jede Begrüßung spricht Zielgruppen an oder stößt sie ab. Ich würde einfach „Hallo“ sagen – oder, besser noch: auf Anreden verzichten.

_Ein Klangteppich/Instrumentalstück, das alles Video (leise) untermalt, stört mich nicht. Zu laut oder dudelnd aber wird es nervig (Negativ-Beispiel hier, gegen Ende).

_Je mehr Fokus auf Deko liegt, besonderer Mode oder eigens gestalteten Grafiken und Gimmicks, desto wichtiger ist mir, dass die Person authentisch und entspannt ist, sich in ihrer Umgebung wohl fühlt.

_Seitenzahl, Verlag, Übersetzer*in, Preis des Buchs: Bitte einfach in der Video-Beschreibung.

(_BookTube-Videos über alles, was Schullektüre oder aktueller Prüfungsstoff ist, haben großen Erfolg.)

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2: sympathische Persönlichkeiten!

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_Menschen folgen schnell Menschen, die ihrer eigenen Schicht, Alter, Stil und Habitus entsprechen. Ein älterer Buchblogger wie Jochen Kienbaum hat mehr ältere Männer unter seinen Followern – schon ohne, sich um diese Zielgruppe besonders zu bemühen.

_Eine punkige Booktuberin bringt punk-affine Follower mit. Ein queerer Blogger hat queere Fans. Wer bieder oder professoral auftritt, wird biedere Menschen erreichen.

_Autorin Isabel Bogdan (wir sind Netzfreunde, ich liebe ihren Ton und ihre entspannte, positive Art) wird, scheint mir, von JEDER Isabel-Bogdan-ähnlichen Leserin geliebt, gekauft, gelesen. Und weil z.B. mehr Menschen, die Bücher lieben, aussehen wie Christiane Westermann als Harald Schmidt, würde ich *immer* auf Westermann als Multiplikatorin/Gesicht setzen. Ich frage mich oft, ob mehr Leute denken „Stefan und ich haben was gemeinsam!“ als „Hm. Der ist irgendwie komisch, und ganz anders.“

_Bei Zweier-Gesprächen, Gruppenprojekten und jedem Podium: Sobald das Ziel ist, eine breite Öffentlichkeit anzusprechen, bitte möglichst verschiedenen Altersgruppen, Schichten etc. sichtbar machen und Bühnen bieten. Sonst sind nur Leute interessiert, die aussehen/sich kleiden etc. wie die (sich oft zu ähnlichen) Menschen im Rampenlicht.

_Ich höre am liebsten schnellen, geistreichen, selbstironischen Leuten zu, besonders auf Youtube. Ich schalte Leute ab, die…

…zu mausig, schleppend, phlegmatisch sprechen.
…aufgesetzt fröhlich tun.
…dozieren, palavern, Arroganz und Weltekel feiern.
…Gesprächspausen machen, den Faden verlieren. (Deshalb: Videos gern straffen; auch kleinere Pausen raus schneiden.)

_bitte also: Menschen, „die man gern sieht“ – und die sich freuen, ein Video für uns zu drehen, über ein Thema, das ihnen wichtig ist: Energie, Schwung, Dringlichkeit, Tempo, Authentizität!

_Nicht die klügste, attraktivste oder professionellste Person wird geteilt. Sondern die Stimme, die man sich am liebsten einladen würde: weil man sie gern hört; ihre Nähe und ihr Reden sogar nach Stunden noch tolerieren (nein: genießen!) könnte. Es gibt nicht viele solcher Leute.

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3: Ideen, Formate:

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_75 Prozent der Menschen im Netz öffnen NIE Info-Videos.

_Wird mir ein Video empfohlen, muss ich überlegen: Stelle ich den Ton an? Kann ich das Video hier (Bett, S-Bahn, Büro etc.) hören, ohne zu stören? Muss ich auf den Bildschirm schauen, um das Video zu verstehen? Darf ich das Browser-Fenster wechseln? Oft ignoriere ich das Video, oder schiebe es tagelang auf.

_Texte kann ich überfliegen. In Videos muss ich Probe-Hören und brauche lange, um mich zu orientieren und die Struktur zu verstehen. Die Entscheidung „Gefallen mir Stimme, Habitus, Tempo der Person?“ treffe ich in wenigen Sekunden. Die Entscheidung „Ist dieses Video relevant für mich?“ braucht oft über eine Minute. Das macht mich wütend – denn ich fühle mich hingehalten, ausgeliefert: Texte kann ich schneller scannen, einordnen.

_Je weniger visuell geschieht (und: je leichter ich z.B. nebenher noch den Abwasch machen könnte), desto länger darf ein Video sein.

_Bei Videos, die ich nur schaue, weil mir die Person sympathisch ist, habe ich kein Problem mit 20, 30 Minuten Erzählen, Geplapper. Doch bei Videos, die geteilt und von möglichst vielen Leuten verstanden und gemocht werden sollen, sind bereits 3 Minuten lang.

_Ich mag Interviews/O-Töne, die als 3-Minuten-Videos veröffentlicht werden. Wenn ich mehr sehen will, kann ich in einer Playlist weitere Häppchen finden. (Gute Länge und Aufbereitung: Sam Jones‘ tolles Celebrity-Interview-Format „The Off Camera Show“)

_Lange Videos? Am liebsten Dialoge! Das Mit- und Gegeneinander der Stimmen schafft Spannung. Meine Mutter hört das Literaturmagazin „Lesart“: Wenn sich Moderator und Gast/Expertenstimme nicht mögen oder etwas knirscht, hört sie besonders genau hin.

_Wer Gefühle hat beim Sprechen, stellt Sog her und affiziert – doch allein vor einer Kamera sitzen? Dabei authentisch Gefühle aufbauen? Das scheitert meist.

_Besser: keine nüchterne „Buchbesprechung“ anzukündigen, sondern vorher zu wissen, ob die Lektüre und das Video in einem Gefühl gründen. Wütender Rant oder kühle Polemik? Persönliche Anekdote? Schwärmen fürs Lieblingsbuch? Hilfreich auch, wenn schon der Video-Titel ankündigt, dass es um Emotionen, Gefühle geht. „Ein perfides Buch!“, „Meine Lieblingsreihe!“, „Ich habe mich geärgert über…“ etc.

_Eine Rezensions (gilt für Buchblogs und BookTube) kriegt kaum Klicks. Erfolgreicher?

…Die 10 besten/schlechtesten/wichtigsten…
…Warum ich (Genre, Format, Autorin) X lese/liebe/boykottiere/nicht empfehlen kann.
…persönliche „Kulturtechniken“ wie: Warum ich gebrauchte Bücher kaufe; Warum ich gern von Hand schreibe.
…biografische, identitätspolitische oder (lokal)geografische Klammern wie „Bücher, die mich zur Feministin machten“, „Schottland lesen“, „lesbische Romanzen, die mir nahe gehen“ etc.

_Menschen suchen meist Empfehlungen, Buchtipps. Keine Rezensionen/Kritiken, deren Fazit lautet „Das Buch ist durchwachsen.“

_Ein Booktube-Klischee: Junge Frauen halten Cover. „Schaut, wie das glitzert. Hört, wie das raschelt!“. Doch die Haptik eines Buchs kann man in Videos SO gut vermitteln – warum keine Serie über Buchgestaltung? Pop-Up-Bücher? Bildbände? Design und Typografie? Hässliche Cover? Oberflächenreize? Her damit!

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4: Inhalte streuen, teilen

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_PR-Beraterin Kerstin Hoffmann entwickelte eine großartige „Content-Ampel“ (Link): idealer Content zum Teilen ist…

dringend benötigt | aktuell/kommt zum richtigen Zeitpunkt | emotional/bewegend | dauerhaft relevant | fesselnd | nützlich | …und lädt zum Kommentieren, Teilen, Interagieren ein

_Jo Lendle sagte 2013, kein Social-Media-Beitrag von Verlagen schien ihm trauriger als das immer gleiche „Am Dienstag erscheint unser Buch XY. Na? Freut ihr euch auch schon so?“

_Ich hasse Vorankündigungen. Besonders für Bücher! So lange es keine Leseprobe gibt, heißen Ankündigungen für mich: „Du wirst ein Buch, das interessant oder Mist sein könnte, jetzt wochen-, monatelang im Kopf behalten.“ Ich freue mich über jeden Titel, bei dem zwischen „Klingt interessant“ und „Angelesen, nichts für mich“ 30 Sekunden liegen. Nicht: 9 Monate.

_Deshalb, generell: Bitte nicht zu oft Fans, Facebook-Publikum etc. auf Türen hinweisen, die sich eh noch nicht öffnen lassen.

_Wer ein Buch, eine Lesung etc. ankündigen will, macht den Beitrag relevanter, indem etwas verlinkt wird, das JETZT schon begutachtet werden kann: Videos einer vorigen Lesung, ein Interview, notfalls ein Behind-the-Scenes-Foto oder ein Lebenslauf.

_Karla Paul rät Institutionen, Verlagen, Personenmarken, drei Adjektive/Eigenschaften zu wählen und Inhalte zu teilen, die diesen Eindruck, dieses Bild festigen. Müsste ich wählen, wäre das für mich…

…neugierig, kritisch, intim (Adjektive)

… Buchtipps, Diversity, Fankultur (Themenfelder)

_Klare, eindeutige Aussagen liken Leute am schnellsten: Postings, die zum Mit-Freuen einladen oder Statements enthalten, die man gern unterstreicht, bekräftigt.

_Links werden viel öfter geklickt, wenn sie Vorschaubilder enthalten. Am besten Fotos aus sehr guten Kameras. Fotos die, ideal, ein menschliches Gesicht zeigen.

_Ich nehme mir immer wieder Zeit, in Antiquariaten oder vor Regalen „neutrale“ Fotos zu machen. Fotos, die sagen: „Hier geht es um Buchkultur“, ohne, ein konkretes Buch zum Motiv zu machen. Diese Fotos helfen bei Link- und Text-Postings auf Facebook und Twitter und machen die Beiträge viel attraktiver. [Deutschlandfunk Kultur macht das auf Facebook: Bücherregal-Fotos, oft zu quadratischen Texttafeln verarbeitet.]

_Es lohnt sich, keine Handy- oder unbearbeiteten Fotos zu posten. „Wertige“ Bilder sind den Mehraufwand wert.

_Die Reichweite auf Facebook wird für Seiten immer weiter eingeschränkt. Mario Sixtus: „[Mittlerweile] erreiche ich mit einem Posting von 500 Fans ca. 50 – was mir Facebook stets verbunden mit der freundlichen Aufforderung mitteilt, das Posting doch ein wenig zu promoten. Deshalb mache ich mit anderen Projekten nichts mehr auf Facebook.“

_Mein größter Wunsch: Ich nehme Postings ernst, wenn Institutionen oder Influencer*innen kein „Business as usual“ machen – sondern erklären, warum, was sie gerade teilen, FÜR SIE AKUT besonders und wichtig ist: „Wir freuen uns, weil…“, „Wir sind nervös, weil…“, „Wir machen jetzt etwas, das neu für uns ist…“. Ein Posting-Text soll mir erkären: Warum ist das den Beteiligten, Veranstalter*innen, Produzent*innen wichtig? Gern auch: Steht etwas auf dem Spiel?

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5: Multiplikator*innen

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_Wer teilt meine Inhalte? Oft die immer selben Leute. Ich bedanke mich. Lese besonders aufmerksam durch deren eigene Postings. Und füge sie auf Facebook (privaten) Listen hinzu, damit ich jeden Inhalt von ihnen sehe.

_Sinnvoll: Listen anlegen, welche Menschen oder Insitutionen ein ähnliches Profil pflegen wie man selbst (…oder einfach nur: den selben Humor haben, die selben Fotos schön finden, ähnlich ticken) und dann die Follower*innen dieser Profile sichten und ihnen folgen (Twitter) oder sie abonnieren (Facebook).

_Oft helfen wenige, sehr gezielte Anfragen, Markierungen oder Direktnachrichten: „Schau mal, was ich gerade gepostet habe.“

_Die AfD schreibt bei fast allen Facebook-Postings und Bildtafeln „bitte teilen!“. Und (hasserfüllte) Menschen gehorchen. Mich selbst macht der Appell „bitte teilen!“ trotzig. Doch es hilft, ab und zu laut zu sagen: „Ich würde mich freuen, wenn ihr das teilt“ oder „Dieser Blogpost war Mühe: Kennt ihr Leute, die das interessieren könnte? Teilt gern!“

_2014 half ich, einen deutschen Thriller zu promoten, indem ich Krimi- und Thriller-Blogs suchte und eine Liste mit ca. 120 Leser*innen erstellte, von denen ich hoffte, dass sie das Buch mögen würden. Wer Publikum für sein Buch sucht, muss wissen: Welche Bücher sind ähnlich? Wo wurden diese ähnlichen Bücher besprochen? Veranstaltungen: Wer war auf ähnlichen Veranstaltungen, hat berichtet? Wer jährlich etwas plant, sollte Listen anlegen: Wer hat letztes Jahr unsere Inhalte geteilt, sich besonders interessiert?

_Die Büchergilde kooperiert mit Blogger*innen: Sie stellt frühzeitig das nächste Programm vor, und wer Zeit/Lust hat, kann einen Text über ein Buch seiner Wahl schreiben. Das funktioniert gut, weil a) der Pool der beteiligten Blogger*innen groß ist, b) die Zeitpläne nicht sehr eng und c) Es so viele Bücher gibt, dass niemand regelmäßig teilnehmen oder Kompromisse machen muss. Bei Kooperationsanfragen an Blogger*innen hilft, deutlich zu sagen: „Falls es gerade nicht passt, mit DIESER Idee: Es gibt weitere Ideen, und terminlichen Spielraum.“

_Mein Twitter-Account hat erst Erfolg (3000 Follower), seit ich selbst sehr großzügig und proaktiv folge, like, lese. „Follow for follow“ wirkt billig und verzweifelt. Doch ich glaube, wer auf Twitter, Instagram, Facebook wachsen will, MUSS erstmal in Vorleistung gehen und aktiv anderen Accounts zeigen: „Ich interessiere mich für dich, ich bin Teil deines Publikums.“ Überraschend viele dieser Leute folgen dann zurück – falls das Interesse echt und kontinuierlich ist.

_Wer ist mein Publikum? Besonders alle, die meinen Konkurrent*innen, Equals etc. folgen. Das Goethe-Institut tut gut daran, herauszufinden, wer z.B. der Deutschen Welle folgt. Lässt sich eine Liste mit 20, 30 verwandten Institutionen anlegen, auch für lokale einzelne Institute?

_Sinnvoll: Statements von Menschen sammeln, die selbst große Followings haben. Ein Beitrag, in dem 99 gut vernetzte Branchen-Menschen kluge Sätze sagen, wird viral gehen, innerhalb dieser Branche.

_Maßgebliche Accounts der deutschsprachigen Buchkultur- und Literaturszene? Forough Book traf eine gute Auswahl, in den ersten ca. 300 Accoutns: LINK

_Amazon lädt Gruppen/Cliquen von Buchblogger*innen ein, sich auf ein gemeinsames Apartment während der Leipziger Buchmesse 2018 zu bewerben. Ich finde sinnvoll, dass hier Menschen eine Wohnung teilen werden, die sich bereits kennen. Grundsätzlich aber würde ich IMMER fünf recht breit gestreute, diverse Multiplikator*innen einbinden – um möglichst diverse Follower- und Fan-Bases zu erreichen.

_Jeder kulturelle Inhalt spricht auch noch andere, eigene Gruppen und Communities an. Wer Inhalte streuen will, sollte diese anderen Szenen kennen: In welchen Facebook-Gruppen vernetzen sie sich? Gibt es Fachpresse und Influencer*innen? Uni-Bezug, Akademiker*innen?

_Wer Videos produziert, kann damit planen: Eine Manga-Besprechung, ein Fantasy-Roman, eine Mexiko-Novelle und ein Buch, in dem jemand Bäcker wird, sorgen dafür, dass die Manga-, die Fantasy-, die Mexiko- und die Back-Gemeinde dich erstmals und einmalig auf dem Schirm hat. Kontakte, die sich pflegen lassen.

_Deshalb: Bei vielen Inhalten auch diese Zweit-Zielgruppen, periphery demographics suchen. „Meine größten Verkaufserfolge“, schreibt Autor Karl-Ludwig von Wendt, „verdanke ich der Produktverbindung meiner Jugendbücher mit Minecraft, […dem] erfolgreichsten Computerspiel aller Zeiten. Oft schon habe ich gedacht, dass die Verbindungen »komplementärer« Bücher über Verlagsgrenzen hinweg besser genutzt werden könnten. Die Erkenntnis beispielsweise, dass Leser, die Karl Olsberg mögen, auch gerne Thriller von Mark Elsberg lesen (und umgekehrt, hoffe ich), wird bisher vor allem vom Amazon-Empfehlungsalgorithmus genutzt.“

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6: Community

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_Buchhändler Florian Valerius gewann mit seinem Instagram-Account „Literarischer Nerd“ den Buchblog-Award 2017. Die Buchtipps und -fotos wirken knapp und simpel; doch er investiert ein, zwei Stunden täglich, um Instagram-Kommentare zu schreiben, zu beantworten, auf Follower*innen zu reagieren. Das sorgt für Likes, Engagement, Reichweite. (Dafür muss man der Typ sein: Auf Facebook habe ich Spaß an Kommentaren und Debatten. Auf Twitter like und teile ich nur.)

_Wer viel liest, hat oft auch Expertenwissen (oder, im Schlechten: Streber- und Pedanten-Tendenzen) und hilft (oder, im Schlechten: korrigiert) gern. Ich liebe es, auf Facebook Recherche-Fragen zu stellen (Autor Neil Gaiman auf Twitter z.B. auch).

_Empfehlung, auf Facebook: das „Bücher Magazin“. Redakteurin Elisabeth Dietz stellt simple, offene Fragen („Welche Figur werden Sie nie vergessen?“ etc.) und nimmt sich Zeit, zu reagieren, Engagement der Fans zu honorieren. „Helf mir mal“, „Ich brauche Empfehlungen“ etc. sind Appelle, auf die sich viele Facebook-Nutzer*innen freuen. Keine falsche Scham, Zurückhaltung!

_Kein gutes Posting der Facebook-Seite des Goethe-Instituts: „Heute vor einem Jahr eröffnete die Elbphilharmonie Hamburg. In einem Grafik-Interview kommentiert der Illustrator Till Laßmann, wie er die Elbphilharmonie wahrnimmt und wie sie im Verhältnis zur Subkultur steht. Was meint ihr dazu?“ Niemand kommentierte den Beitrag. Wohl, weil man den Link öffnen muss, um Till Laßmann Standpunkte zu sehen. Dann einen eigenen Standpunkt formulieren – der auch noch (viel zu abstrakt und emotionslos formuliert!) „das Verhältnis zur Subkultur“ berücksichtigt? Mein Vorschlag: „Ein teurer Hype? Die Elbphilharmonie lässt Illustrator Till Laßmann kalt. Sein idealer Kulturort sind die Hamburger Bücherhallen. Was ist Ihrer?“

_Hilfreich, wenn Institutionen Follower nach Meinungen fragen? Auf Gebieten fragen, in dem sich Menschen sicher/bewandert fühlen: „Tee ist das Lieblingsgetränk unseres Autors der Woche. Was ist Ihres?“ ist besser als „Welchen Henry-James-Roman mochten Sie am liebsten?“. Bei Kultur, Geschichten gern auch nach Filmen mit-fragen. Follower reagieren stärker auf Pop- und Celebrity-Kultur, weil sie dort Inhalte besser kennen und sich mehr Urteile zutrauen.

_Beliebt, wichtig: „Identitätspolitische“ Listen. „Bücher für Jungen“, „Filme von schwulen Regisseuren“, „Serien mit geschiedenen Frauen“, „Deutsch-türkische Reportagen“ etc.

_Bitte nie erwarten, dass viele Facebook-Fans aufs Twitter-Profil folgen; oder sich auf Youtube anmelden und „Daumen hoch“ drücken: Aktives Publikum wechselt kaum die Plattform. Wer Youtube- oder WordPress-Abonnent*innen sucht, sollte auf Youtube, WordPress Engagement zeigen, liken, kommentieren. Nicht, aus Bequemlichkeit, auf Facebook.

_Es gibt gefälligen, auf Dauer aber ärgerlich banalen Buchkultur-Content, den man auch als Institution leicht teilen kann – weil er keine Position bezieht und selten Diskussionen entfacht. #bookporn-Fotos, Illustrationen von MyModernMet und BoredPanda, Cartoons von u.a. Tom Gauld; auch harmlose Zitate übers Schreiben und die große Bücherliebe findet man leicht bei Goodreads.

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7: Chancen fürs Goethe-Institut?

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_Will das Institut eigene BookTube-Videos produzieren? Erst besser mit bestehenden BookTuber*innen kooperieren – sie auf Podien einladen. Oder als Publikum passender Veranstaltungen. Gern auch: Interviews zwischen Autor*innen und Booktuber*innen organisieren.

_Sollen im Haus Videos gedreht werden? Dann lieber: keine großen Schnitte, keine Materialschlacht. Einfach die charismatischen, ausdrucksvollen, leidenschaftlichen, selbstbewussten Goethe-Mitarbeiter*innen filmen – mit gutem Mikro, vor sympathischer Kulisse, ausgeleuchtet. Sie zwei Minuten sprechen lassen – über Veranstaltungen, Kultur, Themen, Programmpunkte, die sie begeistern, die ihnen spürbar wichtig sind. Der Goethe-Youtube-Kanal spricht vor allem Menschen an, die Deutsch lernen. Ich wünsche mir mehr Videos der Reihe „im Gespräch“ (2015 beendet – nach 18 Videos mit älteren weißen Männern im Anzug.)

_Welche Expert*innen gibt es im Haus? Ich machte 2009 ein Praktikum in Toronto, bei Jutta Brendemühl. Sie twittert fast nur auf Englisch, über deutschen Film – und hat damit ein recht großes Following, als Expertin/Multiplikatorin. Ich würde raten, eine Liste anzulegen und periodisch zu fragen: „Jutta? Welche drei deutschen Filme haben Chancen in der Award Season?“ etc. – als Blogpost, Liste, Video o.ä.

_Schneller Content, der vor allem Auslandsdeutsche und Sprachschüler*innen anspricht (…mich selbst eher langweilt): „Was ist Ihr Lieblingswort?“-, „Wie übersetzt man folgende Redewendung?“-, „Ist das Wort ‚Habseligkeiten‘ nicht wunderbar?“-Texttafeln (hier: immer auch schauen, was die Social-Media-Redaktion des Duden gerade erfolgreich zeigt/teilt); und „Deutschland: ein Weihnachtsmarkt“-, „Deutschland: eine typische Brotzeit“-Fotos. Hier hilft der Blick auf Content (und Fans) von Facebook-Seiten wie „German Culture“: keine Hochkultur – sondern Alltagsbräuche und historische Gebäude.

_Mehr Diskussionen, Kommentare, Engagement auf Facebook? Schaut, welche Texttafeln Deutschlandfunk Kultur teilt, und welche Fragen das Bücher Magazin stellt.

_Auf den Facebook-Seiten einzelner Institute wünsche ich mir mehr Fotos dazu, wie die Gebäude aussehen und eingerichtet sind. Gern: Praktikant*innen mit Alltagsfotos und kurzen, persönlicheren Texten; einzelne Sprachlehrer*innen und Mitarbeiter*innen vorstellen und sichtbarer machen; Fragebögen beantworten (oder z.B. „Im Mai stellen vier unserer Mitarbeiter in Kyoto ihre Lieblingsfilme über Japan vor: jeden Montag.“)

_Falls auf den FB-Seiten einzelner Institute mehr Engagement erwünscht ist: Nach Tipps für z.B. Restaurants, Bars in der Nachbarschaft fragen. Oder einen Buchpreis vergeben für die Person, die das schönste Foto einer lokalen Goethe-Veranstaltung online teilt, jeden Monat, mit Publikumsvoting.

_Die Facebook-Seite des Literarischen Colloquiums Berlin vermittelt mir einen guten Eindruck, wie es dort aussieht: Wo der Eingang ist, wo ich sitzen werde, welches Publikum ich dort treffe. Ich wünsche mir das oft, bei Veranstaltern: Fotos, die mir genug Orientierung geben und so viel Lust machen, dass ich allein und ohne Vorkenntnis an einem Tag, an dem es furchtbar regnet, sagen könnte: „Ich gehe jetzt spontan ins Institut. Ich erkenne es schon von der anderen Staßenseite aus. Weiß, wo ich Tickets kaufen. Und, dass Menschen in meinem Alter da sind.“ Also: Den Veranstaltungs- und Begegnungsort (und z.B. die institutseigenen Bibliotheken) plastischer, greifbarer machen, online.

_Welche deutschsprachigen Bücher (in Übersetzung), welche Filme, welche Stars kennt das Publikum im Gastland? Kann man Brücken schlagen? Im German Book Club in Toronto saßen irritierend viele Herren 70+, die über Max Frisch, Hermann Hesse reden wollten. Der meist-gelikte aktuelle Post auf der Goethe-Facebook-Seite zeigt Kafkas Schlafzimmer (als Computeranimation). Mein Rat ist nicht: „Noch mehr Frisch! Auf ewig Kafka!“ Aber: Welche Referenzen ziehen im Gastland? Wollen mehr Leute „Victoria“ sehen, sobald das Facebook-Posting „Run Lola Run“ erwähnt?

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BookTube: 16 Empfehlungen, deutschsprachig.

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vier Belletristik- und Unterhaltungs-BookTuberinnen:

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der klassische Bildungsbürger-Duktus:

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junge, sehr professionelle Youtube-Stars (oft queer, oft Jugendbuch):

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und, jeweils mit Problemen:

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Ich mag zudem:

 

Selbsthilfe & Helden der Kindheit: „Die Winnetou-Strategie“, Frank Behrendt

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Am 23. Oktober bespreche ich im Kulturmagazin „Kompressor“ bei Deutschlandfunk Kultur das… vielleicht schlechteste Buch, das ich seit 10 Jahren las:

einen Lebenshilfe- und Management-Ratgeber von PR-Berater, „Winnetou“-Fan und Stern-Kolumnist Frank Behrendt:

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„Die Winnetou-Strategie. Werde zum Häuptling deines Lebens.“

Gütersloher Verlagshaus / Random House, Oktober 2017. 224 Seiten, 17.99 EUR

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„Frank Behrendt, »Guru der Gelassenheit«, ließ sich in vielen Lebenslagen von Karl Mays stolzem Apachen-Häuptling inspirieren. Auch von Persönlichkeiten im echten Leben lernte er viel. Ihre Haltung, Klugheit und Weisheit hat er übernommen und für seinen eigenen Weg erfolgreich adaptiert. Selbstbestimmt und selbst-entschieden zu leben: In unterhaltsamen Geschichten erzählt Behrendt an konkreten Beispielen, wie ihn die Helden seiner Kindheit nachhaltig beeinflussten. Eine Inspiration und ein flammender Appell, Ausschau zu halten nach den Helden am Wegesrand – den fiktionalen und den realen.“

[Klappentext, gekürzt.]

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Ich bin Diplom-Kulturwissenschaftler und hatte im Studium (Kreatives Schreiben & Kulturjournalismus, Hildesheim) u.a. wöchentliche Seminare über Feminismus bei „Alien“ & „Akte X“ (2004), Fan-Fiction bei „Xena, die Kriegerprinzessin“ (2003) und, über Heroismus seit der Antike, „Das Leid der Superhelden“ (2003).

Der Idealismus, die Strahlkraft und die Inspiration durch Helden und Antihelden ist ein Thema, über das ich immer wieder spreche und schreibe:

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Entsprechend große Lust hatte ich auf Behrendts Ratgeber:

Wir sollten alle öfter und präziser darüber sprechen, welche Figuren, Rollen, Plots etc. uns inspirieren, Vorbild sind, überraschen.

Frank Behrendt, geboren 1963, verbrachte seine Kindheit in Rio de Janeiro und seine Jugend in Ottensen an der Nordsee. Er arbeitete in der PR- und Kommunikationsabteilung von u.a. Henkel und RTL, war Geschäftsführer von Karussell (Polygram) und aktuell Serviceplan (München), und berät z.B. Fußballer bei Social-Media-Auftritten.

2015 postete er zehn Tipps für gute Work-Life-Balance, die viral gingen (Link).

2016 wurde daraus ein Buch bei Random House, „Lebe dein Leben und nicht deinen Job. 10 Ratschläge für eine entspannte Haltung“

Er wohnt mit seiner zweiten Frau und mehreren Kindern in Köln, ist großer Karl-May-Fan und war u.a. Komparse im „Winnetou: Der Mythos lebt“-Remake (RTL, 2016) und Gast beim „Wer wird Millionär“-Winnetou-Special.

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  • „Gefragt sind heute Menschen, die teilen und vertrauen können.“
  • „Ein lockerer Spruch bricht den Bann.“
  • „Du musst ein Feeling für deine Mannschaft entwickeln.“
  • „Meine hohe Performance-Erwartung erwies sich als meine Achillesverse.“
  • „Ein guter Spirit ist keine Garantie für das Gelingen.“
  • „Der neue Impuls machte mich richtig happy.“
  • „Heute bin ich Fanboy Nummer 1 meines kleinen Gerätes mit dem angeknabberten Apfel.“
  • „Nach dem Säen darfst du das Ernten nicht vergessen.“
  • „Endlich checkte ich, dass der Sinn des Lebens nicht darin bestehen kann, pausenlos zu ackern.“
  • „Ein grandioses Finanzgenie lehrte mich, wie ein Plan aussehen muss, der in Amerika jeden happy macht.“
  • „Ob Oberboss oder mittleres Management: Als Häuptling schwebst du nicht irgendwo über den Wassern, sondern bis immer Teil des Ganzen.“
  • „Die Zeit arbeitet für die Frauen: Ihre stärksten Waffen – Empathie und Emotion – sind heute mehr denn je gefragt.“

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Behrendt schreibt: Freunde nennen ihn „Guru der Gelassenheit“, „Lord des Loslassens“, „Emir der Entspannung“. Er mag u.a. Paulo Coelho und spricht viel über persönliche Begeisterung, gegenseitige Achtung, Freundlichkeit.

„Ich bin ohnehin jemand, der sehr stark in seiner glücklichen Kindheit verankert ist und ich bin auch nie so richtig erwachsen geworden. Freundschaft, Ehrlichkeit, Respekt, Verlässlichkeit waren mir als Junge wichtig und sind es heute noch. Was sich verändert hat, ist das Umfeld. Früher ging es um Werte innerhalb einer Klassengemeinschaft oder im Ruderverein, heute in meiner eigenen Familie oder in einem Unternehmen. Aber am Ende geht es immer um das gleiche: Ein faires und wertschätzendes Miteinander. Die Welt könnte schöner und friedlicher sein, wenn jeder so ticken würde.“

[Interview mit Helga König, Link]

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Ich las „Die Winnetou-Strategie“ kurz nach der Buchmesse, twitterte „Das ist das, glaube ich, schlechteste Buch, das ich seit ca. 10 Jahren las. Wow.“

…und bekam eine – freundliche, respektvolle – Rückfrage von Frank Behrendt: Was hat mich enttäuscht? Habe ich Nachfragen?

Wir wechselten einige Mails – und ich freue mich, dass er meine Haltung, Arbeit, Kritik nicht wütend weg wischen will.

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Meine Kritikpunkte:

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Es wird magic | Macht und Leadership | die Company war inhabergeführt | das Ergebnis der Session war top | es war Stress pur | eiskaltes Power-Selling | Downloads killten die CD | ich hatte nicht gecheckt, wie kniffelig die Situation sein kann | „die Neue“ brachte einen ganz neuen Spirit in die Kommunikationsabteilung | die Audience war begeistert | bei wichtigen Reden ist ein Reheasel [sic], also eine Generalprobe üblich | als Interims-CEO war ein smarter, relativ junger Typ verpflichtet worden, mit Power und Köpfchen

Die Mischung aus onkelig-bildreicher Bla-Sprache („mein Filius“ usw.) und Manager-Sprech voller Anglizismen (Der neue Impuls macht uns super-happy und ist gut für Performance und Spirit) lassen mich an Manager-Kunstfiguren wie „Stromberg“ denken:

  • „Hol dir den Happiness-Kick von früher zurück.“
  • „Zum Lunch am besten gechillten Talk.“

Ich kann das nicht lesen, ohne, die Augen zu rollen, zu lachen. Versteht sich Behrendts Buch (auch) als Management-Ratgeber, Leitfaden für Führungskräfte?

Gut, dass ein PR-Berater Erfahrung, Anekdoten teilt. Lehren aus dem Feld zieht, in dem er Profi ist. Doch stilistisch klingt er dabei wie die Parodie, Karikatur eines Managers. Und: Brauchen Menschen, die bereits Führungspositionen füllen, Empfehlungen wie „Du musst ein Feeling für deine Mannschaft entwickeln“? Behrendt baut eine bodenständige, entspannte Persona auf. Und macht dann viel kaputt, mit Passagen wie:

„Meine bisher längste berufliche Station verbrachte ich bei der PR-Agentur Pleon. Ein stolzer Kommunikationsriese, entstanden aus der legendären KohtesKlewes-Kommunikationsagentur der beiden PR-Granden Paul J. Kohtes und Dr. Joachim Klewes. Pleon war der absolute Marktführer, wuchs jedes Jahr und beschäftigte die besten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Branche. Es war eine unglaubliche Truppe, wir arbeiteten hart, gewannen und feierten wild. Ich war stolz, später Anführer dieser ganz besonderen Elite-Einheit zu sein.“

Show, don’t tell: Was die „unglaubliche Truppe“ so „legendär“ und „besonders“ macht, führt Behrendt nie aus. Ich lese hier Hyperbole, Sich-selbst-auf-die-Schulter-Klopfen, Glorifizierung, Mystifizierung.

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  • „Ich habe heute noch vor Augen, wie ein Kollege aus Südamerika im Seminar mit Hilfe von zwei Kokosnüssen erklärte, wie ein perfektes Einstellungsgespräch abläuft. Das war so ein irres Bild!“ Aber WAS war, mit den Kokosnüssen?
  • „Alle paar Wochen bin ich für einen Abend im Altersheim bei mir um die Ecke zu Gast, wo ich auf einer kleinen Bühne zum Gespräch bitte. Gesprächspartner sind Bewohner des Altersheimes.“ Warum dieses Ehrenamt: Was hört, lernt, erfährt man genau dort?
  • „Selbst heute noch bin ich nicht davor gefeit, zu sehr auf andere, und zu wenig auf mich zu hören. […] Freunde und Bekannte hatten uns von den Super-Hotels und den tollen Stränden in Dubai vorgeschwärmt. Wir knickten ein und fuhren in die Stadt, die schon auf den Bildern aussah, als wäre sie eine einzige Filmkulisse. Es wurde der blanke Horror! Für uns die Nummer 1 auf der Liste der Places not to be.Weil es kulissenhaft wirkt? „Der blanke Horror“ klingt so dramatisch: Details!
  • „Seit 1972 ist in Bhutan nicht etwa die Steigerung des Bruttoinlandsprodukts, sondern die Steigerung des Nationalglücks vorrangige Aufgabe des Staates. Dort am Himalaya gibt es einen Glücksminister. Ich finde diesen Ansatz hervorragend.“ Klappt das gut, für Bhutan? Was entscheidet der Minister konkret, und was bedeutet das gesellschaftspolitisch?

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Behrendt versucht bei fast jedem Beispiel, Anekdote, möglichst positiv zu bleiben: Seine (recht reichen?) Eltern sind streng und wollen die Kinder nie übervorteilen. Im Beruf gibt es viele „legendäre“ Mentoren, Förderer. Behrendt lernt von jüngeren Kolleg*innen, und wenn jemand Fehler macht oder scheitert, bleibt Behrendts Schilderung so anonym, ungefähr und harmlos-gutmütig wie möglich.

Ich bin 34, und mag Autor*innen und Memoirs, die tief blicken lassen, Widersprüche zum Thema machen, immer neu fragen, was sagbar ist. Karl-Ove Knausgard wird von Verwandten verklagt. Lena Dunham schreibt personal essays über schlechten Sex und Geschlechtskrankheiten. Mir imponiert, wenn öffentliche Personen Fehler teilen. Behrendt bleibt langweilig vage, enttäuschend neutral:

  • Im Ruderclub hörte er bei einem Wettkampf nicht auf die Trainer und verausgabte sich zu früh.
  • Seine erste Ehe scheiterte, weil er viel arbeitete.
  • Ein Kollege, der zotige Witze erzählt, verstand nicht, dass er damit alle abstieß.

Solche Momenten, Anekdoten KÖNNEN „teachable Moments“ sein. Doch hier im Buch bleiben das, was Behrendt als Beispiel hastig und vage skizziert und die Lehre, die er daraus zieht, viel zu weit auseinander, viel zu beliebig verknüpft.

  • Ruderclub: Wie genau haushaltet man also die eigenen Kräfte?
  • Ehe: Wie kann man exzellente Arbeit machen UND eine glückliche Ehe führen?
  • Witze: eine Zote nervt alle, doch „ein lockerer Spruch bricht den Bann“. Tiefer rein ins Thema, bitte!

Oft klaffen „Fehler“, Lerneffekt und konkrete Tipps so weit auseinander, dass ich aus ganzen Kapiteln vor allem mitnehme: „Ich habe alles richtig gemacht. Der Erfolg gibt mir Recht. Ich bin PR-Berater in legendären Teams. Alle sind happy.“

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„Nur wer ein selbstbestimmtes Leben führt, verfügt über die Freiheit, Verantwortung auch für andere zu übernehmen.“

Starke These… die an keiner Stelle tiefer durchdacht wird: Sind Menschen ohne „selbstbestimmtes“ Leben zu schwach, faul oder dumm? Wie viel Freiheit und Selbstbestimmung haben wir im Kapitalismus? Was ist mit z.B. arbeitslosen Müttern, die Verantwortung für ihre Kinder übernehmen? Ist (fehlende) Selbstbestimmung ein privater Makel – oder ein strukturelles Problem?

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Ich mailte Frank Behrendt (gekürzt):

Ich fand Ihr Buch tatsächlich sehr phrasenhaft, nichtssagend und… aufgeblasen. Vielleicht hatte ich falsche Erwartungen: mehr Winnetou, oder mehr, tiefere persönliche Erlebnisse. Oder ein Selbsthilfe-Modell, das dem Untertitel „Werde zum Häuptling deines Lebens“ gerechter wird.

Sie wirken nicht unsympathisch. Ich bin nur einfach… schockiert, wie Sie aus Allgemeinplätzen, Binsenweisheiten und SEHR dünner anecdotal evidence im Brustton der Überzeugung „Weisheiten“ raus hauen, die mir sehr… beliebig vorkommen.

Meine – wirklich: große! – Enttäuschung beim Lesen: Sie halten sich sehr bedeckt und bleiben dauernd im Ungefähren. Ich weiß jetzt, dass Frank Behrendt nette Eltern, nette Geschwister, nette Kinder hat, und dass er Fehler machte, die wir alle machten (Überarbeitung, vorschnelle Urteile, falsche Prioritäten)…

…doch in einer Welt, in der Autorinnen wie Lena Dunham in jedem personal Essay, das sie veröffentlichen, über Geschlechtskrankheiten sprechen oder private Super-GAUs, ist mir Ihr Buch zu ungefähr, ausweichend, harmlos.

Ich muss die ganze Zeit an TED-Talks denken: die Idee, dass jemand den Vortrag seines Lebens hält. Alles vermittelt, was er/sie zu sagen hat. Dringlichkeit!

Ich kann mir bei der „Winnetou-Strategie“ einfach nicht vorstellen, dass Sie z.B. dieses Buch als Vermächtnis für Ihre Kinder geschrieben haben. Alles bleibt so knapp, zurückhaltend, nett… da tun sich keine Abgründe auf. Meine Hoffnung ist, dass Ihr erstes Buch mehr Dringlichkeit hat, Substanz, schwerere Konflikte mit klügeren Fragen origineller und mutiger durchleuchtet… dass es einfach mehr klingt wie ein Buch, in dem Sie auch etwas von SICH teilen wollen.

Nach der „Winnetou-Strategie“ weiß ich nicht einmal, warum jetzt ausgerechnet „Winnetou“ so prägend für Sie war. Oder, warum Dubai Ihnen nicht gefiel. Warum Sie Menschen im Altersheim interviewen. Oder sich Bhutan aufs Nationalglück konzentriert. All das wird nur erwähnt, nie ausgeführt.

Stattdessen Sätze wie „Nach dem Säen darfst du das Ernten nicht vergessen“ und Weisheiten wie „Perfektion macht nicht glücklich“ – von denen ich hoffe, dass jeder Neunzehnjährige schon so weit dachte.

Das ist einfach zu dünn, für mich. Sie kennen, denke ich, Randy Pauschs „The Last Lecture“? Das fand ich so gut, dass ich es ca. 2011 zu Weihnachten sicher zehnmal verschenkte, an alle engen Freund*innen. Weil da Dringlichkeit war, und Pausch fast nur sagte und erzählte, was ihm erkennbar am Herzen lag – und originellere Erkenntnisse/Lehren mit persönlichen Geschichten verband, die tiefer gingen.

Ich denke auch an z.B. Ihre Stern-Kollegin Meike Winnemuth: ähnlich happy, ähnlich kurze und harmlose Sätze, ähnlich leicht verdaulich. Doch DIE nimmt sich die Zeit, um in einem Buch auf 40 Seiten zu erklären, warum sie von Indien enttäuscht war und sich ausgezehrt fühlte: IHR fühle ich mich nah, weil sie mehr von sich verrät und uns näher an sich ran lässt. Was Sie an Dubai stört, weiß ich nicht. Das ist schade – denn an solchen Stellen wirkt das Buch auf mich einfach irrsinnig beliebig, defensiv, ungefähr.“

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Ich erfahre nichts Profundes über Winnetou.

Die Ratschläge bleiben schwammig und nichtssagend („Mach auch mal eine Pause“, „Frauen in Führungspositionen sind oft eine Bereicherung, weil oft einfühlsamer und geschickter“ etc).

Es gibt keine konkrete „Winnetou-Strategie“: Behrendt verknüpft Allgemeinplätze mit recht beliebigen „bei Winnetou ist das so ähnlich“-Momenten. „Man muss auch mal über sich lachen können. Nebenfigur aus Sam Hawkins aus Winnetou weiß das auch.“

Das Buch bietet keine Antworten auf die Frage, warum wir überhaupt auf Kindheitsheld*innen, Literatur oder Geschichten/Figuren schauen sollten: Wie das ein Leben prägt.

Als Ratgeber, als Lebenshilfe, als Management-Anleitung… und auch als Weg, um einen erfolgreichen PR-Berater kennen zu lernen, bleibt das mangelhaft, misslungen, dürftig.

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ein Stern, fünf Sterne: meine Kriterien beim Bücher-Bewerten

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Ich bin Literaturkritiker für u.a. ZEIT Online und Spiegel Online, und spreche/schreibe immer wieder über diese Arbeit, z.B.

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Ich mag lange, detaillierte Texte voller Links, Querverweise, Nebenaspekte.

Doch ich finde es – besonders online und auf Facebook/Twitter – oft wichtig, auf einer Fünf-Sterne-Skala schnell aufzeigen zu können, wie ich ein Buch bewerte.

Meine Kriterien, im Sternchen-Raster von u.a. Amazon und Goodreads?

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Das Buch_macht ein oder mehrere Dinge SO klug anders oder SO viel besser als andere Titel, dass ich denke: „Wow. Meisterhaft.“

Ich_werde es nie vergessen und/oder genoss die Lektüre sehr. Oder denke „Was für eine interessante Zumutung!“, „Was für ein unerhörter Gedanke!“, „Was für eine bizarre, markante Stimme!“

Das Gros der Leser*innen_wird, hoffe ich, „gelungen!“ denken oder mindestens „interessant!“

5 von 5 Sternen. ca. 10 Prozent der Bücher, die ich lese.

Das Buch_schafft das, was es sich vornahm: eine runde Sache ohne frappante Probleme… oder mit so viel Charme, Klugheit, Eigensinn, dass selbst solche Probleme aufgewogen werden.

Ich_hatte Spaß beim Lesen, bereue die Lektüre nicht, sage laut und guten Gewissens: „ein gutes Buch!“

Leser*innen_, die Genre, Tonfall oder Thema grundsätzlich mögen, kriegen hier eine kompetente und/oder interessante Lektüre.

4 von 5 Sternen. ca. 30 Prozent der Bücher, die ich lese.

Das Buch_macht viel richtig, doch Entscheidendes falsch: Irgendwo knirscht es. So grundsätzlich oder so häufig, dass ich als Lektor gern eingeschritten wäre.

Ich_las das Buch oft mit Gewinn, doch hätte in der Zeit trotzdem VIEL lieber ein Besseres, Klügeres, Originelleres, Mutigeres, Dichteres oder wenigstens Kompetent-routinierteres gelesen. Ich ärgere mich, dass ich das Buch auswählte. Ein Titel, bei dem ich nicht pauschal „ein SCHLECHTES Buch“ sagen würde. Doch mindestens: „Autor*in? SO wird das nichts mit uns, auf lange Sicht.“

Leser*innen_, die das Buch in einer Buchhandlung sehen, würde ich gern meine Einwände und Probleme nennen, und bei Facebook drücke ich, sobald das Buch auftaucht, auf keinen Fall „gefällt mir“. Ich verbringe viel Zeit, darüber zu reden, wo das Buch für mich hakt und warum ich es allerhöchstens GANZ konkreten Einzelpersonen, Liebhaber*innen, Fans, Nischenpublikum empfehlen kann.

3 von 5 Sternen. ca. 40 Prozent der Bücher, die ich lese.

Das Buch_ist schlecht. Vielleicht nur wurstig oder banal – und nicht jedes Mal denke ich „Von dieser Autorin will ich nichts mehr lesen“ oder „Der Autor ist nicht klug oder hat den Job verfehlt!“ Doch dass Verlage das Buch in dieser Form druckten und vermarkten, enttäuscht mich: Ich verliere ein Stück Respekt vor allen Beteiligten.

Ich_warne vor dem Buch, hatte beim Lesen schlechte Laune, war wütend, hämisch, enttäuscht oder genervt, und tue alles, damit niemand dieses Buch kauft, liest, empfiehlt.

Leser*innen_, die das Buch lesen, zweifeln danach, ob Bücher „etwas für sie sind“ oder verlassen sich das nächste Mal auf Netflix statt auf die Buchhandlung.

2 von 5 Sternen. ca. 15 Prozent der Bücher, die ich lese.

Das Buch_ist böse, oder SO schlecht, dass ich mir keine erwachsenen Menschen vorstellen kann, die es tatsächlich mögen. Ich weiß nicht, wie der/die Schreibende denken konnte „So ist es gut!“

Ich_benutze das Buch, um grundsätzlich aufzuzeigen, wo Bücher scheitern können, und denke oft noch 15 Jahre später fassungslos an die Lektüre. Manchmal amüsiert („Was war da nur los?“), meist aber wütend („Dieser Mensch, manchmal auch dieser Verlag haben KEINE weitere Stunde meiner Lebenszeit verdient. Wir sind fertig.“)

Leser*innen_die das Buch lesen, fanden es bestenfalls mittelmäßig. Wer es ehrlich mag oder empfiehlt, ist mir so suspekt, dass ich daran zweifle, dass wir uns je wieder Buchtipps geben sollten.

1 von 5 Sternen. ca. 5 Prozent der Bücher, die ich lese.

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ein Grundsatzproblem bei Goodreads:

Die Idee, dass 2 Sterne für „it was okay“ stehen.

Die Plattform will beim Sterne-Vergeben helfen, indem jedem Stern eine Phrase zugeschrieben wird. „I did not like it“ (1), „It was okay“ (2), „I liked it“ (3), „I really liked it“ (4), „It was amazing“ (5 Sterne). Meine eigene Skala: „unfähig oder böse: Ich wünschte, niemand läse dieses Buch“ (1), „misslungen: Ich rate ab“ (2), „nicht misslungen – doch mit größeren Problemen/Schwächen“ (3), „gern gelesen, viele Stärken“ (4), „umwerfend, besonders, aufregend!“ (5 Sterne).

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10 Gründe für – und gegen! – Goodreads

beim Literaturfestival Sprachsalz, Mai 2016. Foto: Denis Mörgenthaler

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Am 21. Juni bin ich Studiogast bei Deutschlandfunk Kultur – und erkläre, wie ich auf Leseplattformen neue und vergessene Bücher finde.

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Mir hilft „Social Cataloging“: Websites, auf denen ich eingebe, was ich las, sah, hörte… oder bald lesen, sehen, hören will.

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Mein Essay „Futter für die Bestie: 528 Wege zum nächsten guten Buch“ (BELLA triste, Link hier) gewann 2012 den Friedrich-Oppenberg-Förderpreis der Stiftung Lesen.  Auf ZEIT Online schrieb ich über Goodreads, zuletzt 2013 (Link). Im Techniktagebuch: ein kurzer Text übers Liken und Herzchen-Vergeben in solchen Netzwerken.

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Als Literaturkritiker ist Goodreads mein wichtigstes Werkzeug.

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zehn Gründe für  – und gegen – die Plattform:

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10. Mein Leben als Leser – öffentlich sichtbar?

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Ich fand Goodreads im Juni 2008; bei einem Praktikum im Lektorat von Klett-Cotta: Ich las aktuelle britische und US-Titel und prüfte, ob sie in den Verlag passen. Oft war Goodreads die einzige Site, auf der über diese Bücher klug gesprochen wurde:kurze Kritiken – und der User-Score zwischen einem und fünf Sternen.

Knapp eine Woche überlegte ich: Was habe ich bisher gelesen? Will ich meine Lektüren mit Sternen bewerten? Ich legte ein Profil – und damit: eine öffentliche „Bibliothek“ – an, ich verschlagwortete Bücher als „Deutsch, modern“, „Deutsch, Klassiker“, „international modern“, „international Klassiker“, „Genre oder Sachbuch“, „Graphic Novel“ und fand ca. 2000 Lektüren, an die ich mich erinnern konnte, in der Datenbank: meine Lese-Biografie, öffentlich im Netz.

Ich bin froh, dass ich das 2008 tat: mit 25. Viele Details hätte ich mittlerweile vergessen.

  • Entscheidet, wer eure Buchsammlung sehen sollte. Alle? Nur Goodreads-Freund*innen?
  • Entscheidet, ob ihr knapp zeigen wollt, was ihr aktuell lest… oder eure komplette Lesebiografie einpflegt.
  • Entscheidet, wie ihr Bücher auf ein oder mehrere virtuelle „Regale“ sortiert: „abgebrochen“? „will ich lesen“? „Lieblingsbuch“? etc.

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ein Problem: Vieles fand ich mit 8, 12, 15 umwerfend. Soll das gleichberechtigt neben aktuellen Büchern stehen? Vergebe ich 5 Sterne, weil das GUT war? Oder nur, weil es mich damals glücklich machte?

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09. Meinung – auf eine Zahl von 1 bis 5 reduziert:

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Freund*innen sind oft verwirrt und müde, wenn ich sie bitte, komplexe Meinungen zu einem Buch auf eine Skala von 1 bis 5 zu reduzieren. Doch das ist Übungssache – und macht oft Spaß. Meine Vermutung: Wer online über Bücher ins Gespräch kommen will, sucht im Jahr 2017 gar keine Leseplattformen mehr – sondern kennt fast alle. Je nach Interesse, Zeit, Stimmung, Zielgruppe, Charakter kann ich…

  • Blogs führen (und meine Rezensionen auf Amazon, Goodreads, Lovelybooks etc. kopieren).
  • Lektüren für Instagram fotografieren, Hashtags vergeben, in Hashtags wie „Essay“ Neues entdecken.
  • Amazon-Wunschzettel anlegen.
  • auf Plattformen wie Literaturschock, Lovelybooks in „Leserunden“ gemeinsam mit Fans & Autoren über ein Buch diskutieren.
  • auf Facebook, Twitter, Tumblr Diskussionen eröffnen, mit Freunden oder Fremden.

Bücher auf einer 5-Sterne-Skala zu werten… das ersetzt keine Literaturkritik oder Dialog. Doch es hilft, sich Vorlieben bewusst zu machen. Lese ich zu viele 3-/2-Sterne-Titel in Folge, denke ich z.B. schnell, Lesen per se mache mir gerade keinen Spaß mehr. Goodreads macht die eigenen Gewohnheiten, Ansprüche, Mechanismen sichtbar(er).

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ein Problem: Goodreads will helfen, indem jedem Stern eine Phrase zugeschrieben wird. „I did not like it“ (1), „It was okay“ (2), „I liked it“ (3), „I really liked it“ (4), „It was amazing“ (5 Sterne). Meine eigene Skala: „unfähig oder böse: Ich wünschte, niemand läse dieses Buch“ (1), „misslungen: Ich rate ab“ (2), „nicht misslungen – doch mit größeren Problemen/Schwächen“ (3), „gern gelesen, viele Stärken“ (4), „umwerfend, besonders, aufregend!“ (5 Sterne).

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08. der User-Score: 401 Abstufungen

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Fünf Sterne? Das klingt undifferenziert. Doch zu jedem Buch wird der Durchschnittswert öffentlich gezeigt, bis zur zweiten Kommastelle. Nur die schlechtesten oder umstrittensten Bücher haben einen Score unter 3.00 („Feuchtgebiete“: 2.80, „Deutschland schafft sich ab“: 3.35), und nur Bücher mit besonders euphorischen Fans (z.B. Kinder und Jugendliche) kommen über 4.5 („Harry Potter“, Band 1: 4.44).

Lovelybooks, der deutschsprachige Konkurrent zu Goodreads, zeigt den Score nur als Grafik: Fast jedes Buch hat rund 4 Sterne. Damit ist die Plattform für mich nutzlos – denn ich brauche die genaue Zahl. Und etwas Erfahrung, wie ich sie lesen/verstehen kann:

  • Romane: ab 3.75 lesenswert; ab 4.00 auffällig beliebt
  • Superheldencomics: ab 3.75 lesenswert; ab 4.00 auffällig beliebt
  • Fantasy und Science Fiction: erst ab 4.00 einen Blick wert, oft seltsame Hypes
  • Jugendbücher: ab 3.90 einen Blick wert; ab 4.20 oft krasser Mainstream/Romance.
  • Theaterstücke, Essays, Kurzgeschichtensammlungen: ab 3.90 einen Blick wert

Schullektüren werden schlechter bewertet – weil viele sie unfreiwillig lesen, und sich darüber ärgern. Bildbände haben hohe Wertungen: Weil viele Geld ausgeben? Stolz sind? Sich den Kauf schön reden? Je schwerer, trockener, anspruchsvoller, desto höher der Score: Vielleicht sind die meisten Leser*innen stolz, sich durch ein Buch gekämpft zu haben. Wichtig: Je größer das Fandom, die Nische, je leidenschaftlicher die Subkultur – desto größer die Hype-Gefahr; Bücher von/für Mormonen sowie Liebes-Groschenromane und Erotik haben oft unkritisch hohe Wertungen. Bücher aus den Niederlanden werden dagegen meist absurd schlecht bewertet: Das niederländische Heimatpublikum fühlt sich von ihren Literat*innen genervter als wir Deutschen von unseren.

ein Problem: Der „Ikea“-Effekt zeigt: Wer viel Arbeit investiert, ist stolzer als jemand, der es leichter hat. Vielleicht werden deshalb zähe, mühsame, trockene Bücher oft höher bewertet. Je mehr man denken, mitarbeiten, die Zähne zusammenbeißen muss, desto höher oft der Score. Eine gute Nachricht, eigentlich: Ein breites Publikum bereut die meisten „schwierigen“ Lektüren nicht. Im Gegenteil!

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07. Anlesen, bald lesen, für später merken:

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Bücher können als „gelesen“, „lese ich gerade“, „will ich lesen“ markiert werden. Meine Routine, seit Jahren: Sobald jemand ein Buch erwähnt oder empfiehlt, öffne ich Goodreads, markiere es. Gibt es eine deutsche oder englische Leseprobe, lese ich rein. Ich entscheide, ob ich das Buch interessant finde, selbst lesen würde. Um dieses Anlesen und Bald-Lesen zu organisieren, habe ich einen Zweit-Account:

  • Bei 6.600 Büchern suche ich eine Leseprobe, warte auf die Übersetzung oder die Buchpremiere.
  • 13.000 Bücher wurden von mir angelesen
  • 2.7000 Bücher von mir als „angelesen und gemocht“ markiert: Ich lege sie auf meine Amazon-/Medimops-/Rebuy-Wunschzettel, blogge über sie, habe sie oft billig gebraucht gekauft und noch ungelesen im Regal stehen.
  • Hier, im Zweit-Account, nutze ich präzisere Verschlagwortungen und sortiere auf mehr Regale: „zweiter Weltkrieg“, „Bücher mit Illustrationen“, „Bücher für Neun- bis Vierzehnjährige“, „in Deutschland erschienen, doch gerade nicht im Buchhandel erhältlich“ etc.
  • Sucht jemand Bücher für Teenager, die von Essen handeln, internationale Comics, die in Japan spielen etc., kann ich in zehn Minuten erste Listen erstellen.
  • Ich bin oft stundenlang in Bibliotheken, Buchhandlungen, Antiquariaten oder vor Regalen von Freund*innen. Ich blättere durch Bücher und markiere, was mich packt/interessiert – und was mich kalt lässt.

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ein Problem: Um schnell zu sehen, welchen Eindruck solche angelesen Bücher auf mich machten, gebe ich den vielversprechenden 4 Sterne, den abstoßenden 2, und allem, das ich nicht unbedingt lesen will, 3. Weil alle Sterne öffentlich sind, beeinflusse ich damit Scores – ohne, das Buch zu Ende gelesen zu haben. Verboten ist das nicht. Doch besonders bei aktuellen deutschen Titeln, die noch kaum bewertet wurden, gebe ich manchmal keine Wertung ab: Statt – anonym, und ohne, komplett gelesen zu haben – durch eine 2-Sterne-Wertung Menschen Lust aufs Buch zu nehmen.

ein größeres Problem: Bei Amazon-Kritiken werden Rezensionen von Menschen, die das Produkt nachweislich bestellten, bevorzugt. Bei Goodreads aber kann man durch Kampagnen und anonyme Sockpuppet-Accounts Scores leicht ändern. Deshalb nehme ich Scores erst ab ca. 30, 40 Einzelwertungen ernst. Viele deutschsprachige Titel aus kleinen Verlagen haben aber nur sechs, sieben Stimmen: Ihre Scores werden nie repräsentativ.

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06. „Lesezwillinge“, Vertrauenspersonen:

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Unter jedem Goodreads-Profil: die Option „Compare Books“. Eine Extra-Seite zeigt alle Titel, die man gemeinsam hat – und stellt die Wertungen gegeneinander. Eine Funktion, die ich auch gern bei Kritiker*innen hätte, die im Feuilleton rezensieren; denn sie lässt überraschend tief blicken: Ich werte Haruki Murakami und viele feministische Memoirs überdurchschnittlich hoch. Meine 3 Sterne für „Tschick“ und „Der Fänger im Roggen“ fallen aus dem Rahmen. Viele Deutsche geben Christian Kracht und Bret Easton Ellis einen Stern – oder fünf.

  • Die Rezensionen unter jedem Buch sind nach Beliebtheit sortiert: Unter den ersten fünf sind oft schon ein, zwei interessante Stimmen.
  • Ich sehe oft nach, wer meine Lieblings- oder Hass-Bücher ähnlich euphorisch oder negativ wertete wie ich.
  • Öffne ich die Profile, klicke ich auf „Compare Books“ und sehe nach, ob ich die Wertungen plausibel/hilfreich finde.
  • Lovelybooks wurde als Bestseller- und Unterhaltungs-Plattform vermarktet. Goodreads lockt auch Expert*innen, Akademiker*innen, Nerds: Ich folge Menschen, die z.B. italienische Hochliteratur lieben, Rrriot Girls oder Mangas mit Schwulen und Lesben.

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ein Problem: In David Lodges „Changing Places“ gibt ein Literaturprofessor auf einer Party zu, nie „Hamlet“ gelesen zu haben – mit Folgen für seine Karriere. Ich fragte einen Germanisten-Freund, ob er zu Goodreads will. Er zierte sich lange: „Zeige ich, welche Bücher ich las, dann zeige ich damit auch, welche Bücher ich NICHT las. Ein peinlicher Offenbarungseid!“ Jeder sieht, dass ich „Krieg und Frieden“ nie las, „Die Blechtrommel“ abbrach, nichts von Heinrich Böll kenne.

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05. Rankings und Listen.

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Spotify kennt meinen Musikgeschmack gut genug, um mir zweimal pro Woche („Mix der Woche“, „Release Radar“) je 30 Songs vorzuschlagen – von denen viele gut passen. Auch Netflix hat eine beliebte „Recommendation Engine“. Die Empfehlungen bei Goodreads sind flau: Sobald ich deutsche Bücher bewerte, greift das System auf deutsche Bücher zurück – von denen die meisten in den USA erschienen. Weil dort noch immer Bücher über den zweiten Weltkrieg gefragt sind, heißt das: Statt Gegenwartsliteratur empfiehlt mir Goodreads – seit die persönlichen Empfehlungen eingeführt wurden (2011) – fast NUR Holocaust-Memoirs.

Unpersönlich dagegen – doch spezifisch und hilfreich: „Listopia“. Der Bereich, in dem jede*r öffentliche Listen erstellen und Titel auf bestehenden Listen nach oben voten oder neu einfügen kann.

Wer promoviert, an einem längeren Text arbeitet oder eine Nische erforschen will: Erstellt eine Liste – und schaut, ob sie wächst!

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ein Problem: Auf den ersten Blick wirkt Goodreads zu US-fixiert. Es hilft, Listen auf Deutsch anzulegen – sonst werden sie bald von englischsprachigen Vorschlägen, Favoriten dominiert.

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04. In Deutschland: lieber Lovelybooks?

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Vorgestern las ich die Verlags-Programmvorschauen für Herbst 2017: Immer wieder wurde versprochen, dass der Verlag Geld an Lovelybooks zahlt, um als dort Werbung für den neuen (meist: Unterhaltungs- oder Liebesroman) Verlosungen und -Leserunden einzurichten. Als PR-Plattform scheint Lovelybooks immer wichtiger zu werden. Auf Goodreads dagegen pflegen Verlage oft nicht einmal das deutsche Cover, den deutschen Klappentext ein (…bis Fans/deutsche User*innen das übernehmen).

Goodreads wird „deutscher“/“deutschsprachiger“, indem man…

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ein Problem: Der US-Markt sowie US-Klassiker werden durch viele, recht diverse US-Leser*innen in aller Vielfalt abgebildet – auch die Hochliteratur und akademische Diskurse. Ich finde dauernd rezensierende US-Bibiothekar*innen, Pädagog*innen. Mit etwas Mühe kann ich (immerhin) auch nach philippinischen, rumänischen, portugiesischen Bestsellern suchen. Doch die Vielfalt deutscher Verlage zeigt sich leider immer noch eher, indem man erst eine Stunde im „Perlentaucher“/Feuilleton liest, dann eine Stunde im Bahnhofsbuchhandel blättert.

„I already know how people like me, people who read books professionally and with a particular set of aesthetic values, respond to a text. I go to reader reviews to see how the other half reads“ …begründet Literaturkritikerin Laura Miller – recht klassistisch / von oben herab – warum sie sich freut, dass Laienkritik, Fan-Meinungen und die Stimmen der Menschen, die meist nur zum Vergnügen lesen, durch Plattformen wie Goodreads sichtbarer werden.

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03. …und meine Daten?

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2013 wurde Goodreads von Amazon gekauft.

Auf Goodreads selbst änderte sich nichts: Ein Button namens Get a Copy leitet mich (schon seit zehn Jahren) an einen Online-Bookstore meiner Wahl; ich selbst stellte dort „Amazon.de“ ein – nicht, um die Bücher dort zu kaufen, sondern, weil sich dann mit ein, zwei Klicks gleich eine Online-Leseprobe öffnet.

Die Übernahme ist problematisch, weil…

  • Amazon auf Goodreads noch schneller sehen kann, welche Bücher einen Hype/Sog entwickeln – besonders auch bei Fans und gebildeteren Käufer*innen.
  • Buch-Scores leicht zu manipulieren sind.
  • Bücher via Newsletter, Anzeigen etc. auf der Seite beworben (oder unsichtbarer gemacht) werden können.
  • Kindle-Daten dem Konzern zeigen, WIE wir lesen, wo wir abbrechen und pausieren…
  • …und Goodreads-Daten jetzt zusätzlich genau zeigen, was wir lesen WOLLEN.

Als User sind Goodreads und Amazon für mich nicht vergleichbar: Auf Goodreads kann ich Bücher markieren, sortieren, sichtbar machen oder wegklicken, in einer Optionen-Fülle, die mir Online-Stores oder Datenbanken nie gaben. Mir kommt das vor, als könne ich mit Leuchtstiften, Stickern, Handwagen etc. durch eine Buchhandlung laufen – und alles wegwerfen, umsortieren, anstreichen, nach meinen Vorstellungen stapeln. Die Amazon-Website gibt mir kaum Optionen, mich als Leser zu organisieren: Hier geht es um Angebote, Überflutung, Werbung, Kaufanreize. Goodreads dagegen ist – bislang – weiterhin ein Ort, an dem ICH entscheiden kann, was ich mir speichere und sichtbar halte.

Trotzdem glaube ich, dass Amazon durch die Goodreads-Daten noch aggressiver planen kann. (Gut, immerhin: Dass die meisten dieser Daten auf Goodreads offen sind und ich selbst – z.B. als Journalist – von außen ebenfalls viele Schlüsse aus all den Scores und Rankings etc. ziehen kann: Die Seite hat mir VIEL mehr gegeben und gezeigt, als ich bisher, durch meine Daten, dort „einzahlte“.)

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02. Abseitiges, Serien, Direktvergleiche:

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„Was macht gute Literatur aus?“, „Was macht Buch X besser als Y?“, das sind Irrsinns-Fragen: Sie müssen immer neu gestellt, verhandelt werden – und Goodreads hat auf sie keine besonders klugen oder neuen Antworten. Eine Frage aber, die die Plattform HERVORRAGEND beantwortet: „Welche Bücher lasen Menschen gern – und: lieber als andere?“

Ich bin besonders oft bei Goodreads, wenn ich mich nicht über EIN konkretes Buch informieren oder austauschen will – sondern frage:

Ich liebe die Website GraphTV: Sie zeigt, wie IMDB-User*innen alle Episoden von Serien bewerten – und liefert damit klare Tendenzen: Welche Serien laufen sich tot? Wo lohnt sich erst die zweite Staffel? Was wird besser und besser? [Beispiele: „The Americans“, „Friends“, „Game of Thrones“, „The Walking Dead“).

Goodreads ist kein Werkzeug, das mir objektiv zeigen kann: Die folgenden Bücher sind gut.

Doch Goodreads kann mir überraschend präzise Tendenzen, Entwicklungen, Abstufungen zeigen.

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ein Problem, das ich oft fürchte, aber nicht besätigen kann: „Unbequeme“ Bücher, Zumutungen, Herausforderungen, Irritationen, Kurswechsel, Experimente – werden sie auf Goodreads abgestraft? Werden nur Wohlfühl-Titel hoch bewertet oder Autor*innen gelobt, die keine Wagnisse eingehen, nur eine feste Formel bedienen? Nein. Die Scores zeigen: Auch das aller-breiteste Publikum ist VIEL kritischer, experimentierfreudiger meist.

schade aber: Wer Band 1 einer Serie, Reihe nicht mag, steigt aus. Wer Band 17 liest, liebt die Reihe meist. Deshalb haben Reihen oft immer höhere Wertungen – vielleicht auch solche, die den Hype nicht verdienen?

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01. nie wieder die Angst: „Nichts macht mir Spaß!“

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Wenn ich krank bin, müde, deprimiert, frage ich nicht mehr: Was soll ich lesen, sehen, hören? Die vielen Watch- und to-Read-Lists helfen mir, Titel präsent zu halten, auf die ich mich freue. Ich öffne Goodreads in Antiquariaten, Bibliotheken, als Wunschzettel, Merk- und Einkaufsliste. Ich war nie suizidal – doch ein Blick auf die Listen macht mir wie NICHTS ANDERES klar, wie viel ich noch nicht kenne… und unbedingt kennen will. Kultur, auf die ich mich freue. Geschichten, Figuren, Stimmen, für die ich mir Zeit nehmen will.

Mein Leben fühlt sich weiter, offener an – seit ich solche Listen pflege. #Vorfreude!

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ein Problem: Für mich ist das Routine:

  • Bücher im Gespräch mit Freund*innen, im Feuilleton oder in Buchläden entdecken.
  • Sie auf Goodreads finden, Kritiken und den Score nachlesen.
  • Die Leseprobe anlesen.
  • …und DANN entscheiden: Will ich das kaufen und komplett lesen?

Viele Freund*innen brauchen das nicht: Sie lassen sich Bücher leihen oder schenken, kaufen nach Cover und Gefühl, sparen sich langes Überlegen. Ich bin Literaturkritiker: Mir ist wichtig, dass ich in alle bekannteren Bücher wenigstens kurze Blicke warf, mir einen ersten Überblick verschaffte, nicht zu viel Zeit mit Dutzendware verbringe. Doch ich verstehe alle, die sagen: „Eine Datenbank pflegen – über die eigenen Lese-Absichten? Wozu?“

Ich verbringe gut vier Tage im Monat, Bücher zu finden, zu sortieren, anzulesen, Redakteur*innen vorzuschlagen, in Listen zu bloggen.

Ich verbringe oft weniger als vier Tage im Monat damit, Bücher zu lesen.

Für mich passt diese Balance meist. Passt sie für euch? Dann: Goodreads, gern.

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schlechte Blogs, schlechte Bücher, schlechte Maßstäbe: Wo wird mir Literatur… zu platt?

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„Es gibt keine etablierte Praxis der Kritik von Genreliteratur, von Jugendliteratur und Young Adult-Literatur. Ein Teil dieser Sparten ist dafür zu jung, vor allem aber hat sich die etablierte Literaturkritik darum nie intensiv gekümmert. Blogger, Booktuber und Bookstagramer können hier auf keine etablierten Muster zurückgreifen, sie müssen neue Muster herausbilden.“

…schreibt Netzfreundin und Bloggerin Katharina Hermann in einem lesenswerten, klugen langen Grundsatztext auf 54Books (Link).

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Ich habe Kulturjournalismus studiert und schreibe heute sehr viel und gern über Genre- und Unterhaltungsliteratur, Mangas, Comics, TV-Serien, Popkultur.

„Selbstverständlich ist doch „ich habe mich gut unterhalten gefühlt“ ein legitimes Beurteilungskriterium für einen Unterhaltungsroman. Selbstverständlich ist „ich konnte mich mit der Protagonistin identifizieren“ ein legitimes Beurteilungskriterium für Jugendliteratur, die doch genau darauf in der Regel angelegt ist. Natürlich ist „das Buch ist lustig“ ein legitimes Beurteilungskriterium für ein Buch, das genau das sein will. Nur weil das keine klassischen literaturkritischen Parameter sind, ist das eben nicht unreflektiert oder dumm, sondern vielleicht: schlicht angemessen.

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Als Kritiker bin ich schnell gelangweilt von Büchern, Serien, Filmen, Comics, Erzählwelten, in denen…

1 – Figuren sich kaum entwickeln oder ändern; am Anfang schon absehbar ist, wie die Geschichte endet; oder jeder Teil, jede Episode nach dem selben Muster erzählt ist (z.B. „Monk“).

2 – Nebenfiguren so eindimensional bleiben, dass ich bei Frauen denke „Wow: Sexismus?“ und bei Figuren of Color: „Wow: Rassismus?“ (z.B. „Two Broke Girls“).

3 – EIN Geschlecht angesprochen oder als Zielgruppe gedacht wird, und alle Figuren des anderen Geschlechts am Rand bleiben (z.B. „Herr der Ringe“).

4 – Die Hauptfigur NUR triumphiert und wir eingeladen werden, uns an ihrer Seite dem Rest der Welt überlegen zu fühlen (z.B. James Bond, Batman).

5 – Sprache so egal ist, dass mich Klischees wie „rabenschwarze Nacht“ und „ihr Herz blieb fast stehen“ ablenken (z.B. die meisten deutschsprachigen Krimis).

6 – Figuren Berufe, Krankheiten oder Expertengebiete haben, die niemand richtig recherchiert hat (z.B. „Marienhof“).

7 – Alle Figuren außer den Helden Trottel, Abschaum, Monster bleiben (z.B. „Fear the Walking Dead“? Ich schwanke noch).

8 – Eine Grundstimmung ohne Höhen und Tiefen „zum Abschalten“ einlädt: Statt Irritationen und Details, die man im Hinterkopf behalten sollte, bleibt alles ein harmloser, gemächlicher Brei (z.B. „Sturm der Liebe“).

9 – Gegner keine Argumente haben, nichts dazu lernen, oft nur für das „Falsche“, „Perverse“ Andere stehen, über dessen Bestrafung wir uns freuen sollen (z.B. Märchen, „Law & Order“, Kinder- und viele Disney-Bösewichte).

10 – Dinge erzählt werden, die schon lange erzählt werden, auf eine Art und Weise, die niemanden stören, erschrecken, herausfordern soll (z.B. „heitere“ Unterhaltungsromane).

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Nicht alles, was ich mag, muss in JEDER Hinsicht unbequem, überraschend, ikonoklastisch, schwierig, hermetisch sein.

Doch ich habe mehr Respekt vor einem Werk, das probiert, auf originelle Art und Weise mit meiner Geduld und meinen Erwartungen zu spielen, als mit einem Werk, das mir genau das geben will, was vermeintlich „alle“ gerade „wollen“.

Ein Unterhaltungsroman, der mich *nur* unterhält, ein Jugendbuch, das es mir *nur* möglichst leicht macht, ein wenig Welt durch die Augen der möglichst netten Hauptfigur zu sehen, ein lustiger Roman, der *nur* lustig ist – das ist mir zu wenig. Ich mag Werke, die mir MEHR zeigen als nötig – und Fragen, Gefühle, Reaktionen auslösen, die mir nicht schon beim Blick aufs Cover versprochen wurden.

Das ist kein Argument gegen Katharinas Text oder die Arbeit vieler Blogger*innen.

Sondern einfach mein persönliches Kriterium beim Auswählen von Werken: Geben mir Geschichten nur DAS, womit ich eh gerechnet habe… habe ich keine Lust, meine Zeit mit ihnen zu verbringen. Kritiken und Empfehlungen haben für mich einen Mehrwert, sobald sie sagen „Achtung: Dieser Action-Film ist unerwartet traurig!“ oder „Hey: Schau mal, was hier noch alles drin steckt!“

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Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus: die besten Bücher aus der „Schreibschule“ Hildesheim

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Von 2003 bis 2008 studierte ich Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim:

eine trostlose Stadt – aber ein gutes Studium.

Pro Jahr bestehen 10 bis 15 Studierende die Aufnahmeprüfung und kommen – oft direkt nach dem Abitur – in die Stadt. Etwa fünf Jahre später schreiben sie eine Abschlussarbeit: manchmal ein wissenschaftlicher oder journalistischer Text. In vielen Fällen aber: ein Debütroman. Viele dieser Titel werden später in Verlagen veröffentlicht – und ich lese vier, fünf von ihnen pro Jahr.

ab.hier.kultur, das Alumni-Netzwerk des Hildesheimer Fachbereichs Kulturwissenschaften, bat mich im Sommer 2016, persönliche Favorien und Empfehlungen auszusprechen: Bücher von (Ex-)Kommilitoninnen, die ich mochte und empfehlen kann. Die Texte erschienen in „Kultur 16!“, der Zeitschrift des Netzwerks. [Ein anderer Artikel von mir, ebenfalls fürs Netzwerk, von 2013: Link.]

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Hildesheimer Namen auf Buchcovern

Seit dem Ende der 90er Jahre sind über 50 Bücher von jungen Autorinnen und Autoren, die in Hildesheim studiert haben, in großen Verlagen erschienen. Literaturkritiker Stefan Mesch stellt fünf persönliche Favoriten vor.

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Nora Wicke: „Vierstromland“.

Roman, 320 Seiten, Müry Salzmann 2014.

Ein solcher Tonfall, ein solches Thema misslingt fast immer: Eliza zieht nach Berlin. Bisher lebte sie mit ihrer großen Schwester in einem Internat bei Amsterdam, ihre Mutter hat eine junge Geliebte in Paris, ihr Vater eine neue Frau und weitere Kinder. Zwei ältere Zwillingsbrüder leben in Rumänien, bei den Großeltern. Nora Wicke lässt eine heimatlose Frau aus einer oft abweisenden, verstreuten Großfamilie mit serbischen, rumänischen und deutschen Wurzeln durch Europa reisen, jahrelang: Nebenjobs, Kälte, vorsichtige Briefe und Annäherungen. Ein leiser, melodischer, manchmal schleppender Roman über Europa – schwermütig, klug, fast nie kitschig.

Buch bei Goodreads (Link)

Vierstromland

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Sabrina Janesch: „Tango für einen Hund“.

Roman, 303 Seiten, Berlin Verlag 2014.

Wolfgang Herrndorfs „Tschick“ blieb mir lange im Gedächtnis – auch, weil so viele Szenen, Einzelteile wie spitzes, ungeschliffenes Metall aus den Kapiteln stechen. „Tango für einen Hund“ ist ein glatteres, schnittigeres Buch – etwas seichter und weniger markant. Doch dafür so stimmig und professionell wie nichts anderes, das ich von Hildesheimern kenne: ein prima Jugendbuch, charmante Unterhaltung, ein wunderbar rundes Ding! Es geht um Weichei Ernesto, der seine Sommerferien in der Lüneburger Heide verschwendet, bis sein etwas dementer, energischer Onkel aus Argentinien einen Roadtrip durch die Pampa Niedersachsens anzettelt. Warmherzig, witzig, mit überzeugendem Ich-Erzähler. Und, versprochen: keine „Tschick“-Kopie.

Buch bei Goodreads (Link)

Tango für einen Hund

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Jan Fischer: „Ready. Wie ich mit digitalen Spielen erwachsen wurde“.

Autobiografisches Essay, 52 Seiten, Hanser 2016. [nur als E-Book]

Jan gehört zu meinen besten Freunden. Doch richtig nah kommen wir uns selten: Er traut sich als Kulturjournalist oft an die schwersten oder absurdesten Themen. Nur über eigene Ängste spricht er kaum. Wie großartig, dass ausgerechnet hier – in einem 50-Seiten-E-Book über die Mainstream-PC- und Videospiele der 80er, 90er, 00er Jahre – kluge Erinnerungen und Emotionen so viel Raum einnehmen: Jan schreibt, was ihn als Kind an Spielen reizte. Wie sie helfen. Womit sie faszinieren. Experten und Hardcore-Gamer werden Vieles kennen. An einigen Stellen: zu viel Pathos. Doch selbst, wer kein Interesse an Spielen hat, liest Jans Erinnerungen mit Gewinn: kulturwissenschaftliche Beobachtungen – leidenschaftlich, nah, verständlich.

Buch bei Goodreads (Link)

Ready

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Anne Köhler: „Nichts werden macht auch viel Arbeit. Mein Leben in Nebenjobs“.

Autobiografische Kolumen, 144 Seiten, Dumont 2010.

2015 veröffentlichte Anne Köhler einen Roman über eine junge, unglückliche Köchin in Hildesheim – der mich sehr langweilte: Mir war diese Hauptfigur zu zweifelnd, fade, flau. Besonders, weil Annes erstes Buch (2010) eine geisteiche, komplexe, viel liebenswertere Heldin hatte: Anne Köhler! Für jetzt.de schrieb Anne eine Kolumne über alle Nebenjobs, Praktika und bezahlten Projekte ihres Lebens. Wie viele Hildesheimer hatte sie Angst, alles nur oberflächlich zu wissen, zu wenig richtig zu beherrschen. Ihre Textsammlung hinterfragt diese Angst, bleibt aktuell, macht Mut – und empfiehlt sich besonders als Geschenk für Eltern oder Freunde, die nur geradere Lebenswege und Karrieren kennen. Leichte Texte. Schlaue Thesen!

Buch bei Goodreads (Link)

Nichts werden macht auch viel Arbeit : Mein Leben in Nebenjobs

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Funny van Money: „This is Niedersachsen und nicht Las Vegas, Honey. Auf Tabledance-Tour durch die Republik“.

Autobiografisches Sachbuch, 224 Seiten, Hanser Berlin 2012.

(Taschenbuch-Ausgabe 2014 bei Piper, mit neuem Titel: „Wie ich auszog, mich auszuziehen“.)

Um ihr Hildesheimer Kuwi-Studium zu finanzieren, tanzt Funny in einer Rotlicht-Bar in Hannover, nackt. Danach macht sie Diplom – mit einer kulturwissenschaftlichen, feministischen Selbstbeobachtung ihrer Rolle als Pole-Dance-Girl. Wer Spaß- und Comedy-Kolumnen sucht, wird hier enttäuscht: Funny schreibt auf hohem Niveau, häuft akademische Konzepte und Anglizismen. Stellenweise formuliert sie nerdy und verblasen wie ein Gender-Experte in der Spex. Trotzdem ist ihr Experiment so interessant, ihre Beobachtungen so originell, überraschend, kritisch, dass ich das Buch dauernd verschenken will. An jeden, der bei Sex-Workern nur an dümmliche Opfer denkt. Und bei Hildesheim nur an Bürgerlichkeit und Anpassung.

Buch bei Goodreads (Link)

This is Niedersachsen und nicht Las Vegas, Honey

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[Ich mochte auch Juan Guses „Lärm und Wälder“ und Leif Randts „Schimmernder Dunst über CobyCounty“]

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Stefan Mesch, geboren 1983 bei Heidelberg, studierte von 2003 bis 2008 Kreatives Schreiben in Hildesheim. Er lebt und arbeitet als Autor und freier Journalist für u.a. Deutschlandradio Kultur und ZEIT Online in Berlin und schreibt an seinem ersten Roman, „Zimmer voller Freunde“.

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Die besten Bücher 2017: erste Favoriten und Empfehlungen

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angelesen und gemocht: [Update – 12 Bücher ab Sommer 2017, mehr hier]

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neue Bücher 2017 Colson Whitehead, Mariana Leky, Geoffrey Household.png

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Colson Whitehead: “Underground Railroad” (Hanser, 21.8. – Deutsch von Nikolaus Stingl) “Cora ist eine von unzähligen Schwarzen, die auf den Baumwollplantagen Georgias schlimmer als Tiere behandelt werden. Da hört sie von der Underground Railroad, einem geheimen Fluchtnetzwerk. Über eine Falltür beginnt eine atemberaubende Reise, auf der sie Leichendieben, Kopfgeldjägern, obskuren Ärzten, aber auch heldenhaften Bahnhofswärtern begegnet. Jeder Staat, den sie durchquert, hat andere Gesetze, andere Gefahren. Wartet am Ende wirklich die Freiheit?”

Mariana Leky: “Was man von hier aus sehen kann” (Dumont, 18.7.) “Selma, eine alte Westerwälderin, kann den Tod voraussehen. Immer, wenn ihr im Traum ein Okapi erscheint, stirbt am nächsten Tag jemand im Dorf. Unklar ist allerdings, wen es treffen wird. Das Porträt eines Dorfes, in dem alles auf wundersame Weise zusammenhängt.”

Geoffrey Household: “Einzelgänger, männlich” (Kein & Aber, 5.9. – Deutsch von Michel Bodmer) “Europa Anfang der Dreißigerjahre: Ein Jäger schleicht sich auf das Anwesen eines gefürchteten Diktators, legt an und zielt. Ein unvorstellbar spannender Thriller, geschrieben aus der Sicht des Verfolgten.” [Klassiker von 1939]

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neue Bücher 2017 Gael Faye, Betty Smith, Tom Drury

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Gael Faye: “Kleines Land” (Piper, 2.10. – Deutsch von Brigitte Große, Andrea Alvermann) “Als Kind pflückte Gabriel in Burundi mit seinen Freunden Mangos von den Bäumen. Heute lebt er in einem Vorort von Paris. Dorthin floh er, als der Bürgerkrieg das Paradies seiner Kindheit zerstörte. Doch er muss noch einmal zurück.”

Betty Smith: “Ein Baum wächst in Brooklyn” (Suhrkamp/Insel, 23.10. – Deutsch von Eike Schönfeld) “Die elfjährige Francie Nolan ist eine unbändige Leserin – und möchte Schriftstellerin werden. Ein Traum, der im bunten, ruppigen Williamsburg von 1912 kaum zu erfüllen ist. Hier brummen die Mietshäuser vor all den Zugewanderten.” [Klassiker von 1944.]

Tom Drury: “Grouse County” (Sammelband einer Romantrilogie, ich las und mochte “Die Traumjäger”; 5.8. – Deutsch von Gerhard Falkner, Nora Matocza) “Irgendwo im Mittleren Westen: Das Leben der Menschen zerbröckelt langsam, alle jagen unrealistischen Träumen nach – und sind Dorn im Auge des örtlichen Sheriffs, Dan Norman, der die Harmonie in seinem County wahren will. Die jüngere Generation sieht dagegen nur einen Ausweg, dem ländlichen Mief zu entkommen: nie mehr zurückkehren. Der Band enthählt die drei Romane »Das Ende des Vandalismus«, »Die Traumjäger « und den bisher auf Deutsch unveröffentlichten Roman »Pazifik«.”

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neue Bücher 2017 Tim Winton, Margaret Atwood, Elena Lappin

Tim Winton: “Inselleben. Mein Australien” (Luchterhand, 24.7. – Deutsch von Klaus Berr) [Ich glaube, das ist der schwülstigste, unfreiwillig komischste Klappentext, den ich dieses Jahr las. Winton selbst schreibt zum Glück nicht halb so… pfaffenhaft.]

Margaret Atwood: “Aus Neugier und Leidenschaft. Gesammelte Essays [bis 2005]” (Berlin Verlag, 13.10. – Deutsch von Christiane Buchner, Claudia Max, Ina Pfitzner) ” Rezensionen zu John Updike und Toni Morrison; ein Afghanistan-Reisebericht, der zur Grundlage für den ‘Report der Magd’ wurde, leidenschaftliche Schriften zu ökologischen Themen, Nachrufe auf einige ihrer großen Freunde und Autorenkollegen…”

Elena Lappin: “In welcher Sprache träume ich?” (Kiepenheuer & Witsch, 7.9. – Deutsch von Hans Christian Oeser) “Hineingeboren ins Russische, verpflanzt erst ins Tschechische, dann ins Deutsche, eingeführt ins Hebräische und schließlich adoptiert vom Englischen – jede Sprache markiert einen neuen Lebensabschnitt in der Familiengeschichte Elena Lappins: Fragen nach Heimat, Identität, Judentum und Sprache. Sensibel geht sie den Erzählungen, Lebenslügen und Geheimnissen der Eltern und Großeltern nach und schildert, was es heißt, mit gleich mehrfach gekappten Wurzeln zu leben und auch nach dem Verlust einer Muttersprache schreiben zu wollen.”

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neue Bücher 2017 Benjamin Alire Saenz, Guy Gavriel Kay, James Corey

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Benjamin Alire Saenz: “Die unerklärliche Logik meines Lebens” (Jugendbuch, Hanser bei Thienemann, 19.8. – Deutsch von Uwe-Michael Gutzschhahn) “Sich gegenseitig auffangen – das haben Sal und seine beste Freundin Samantha bisher immer geschafft. Doch gelingt das auch, wenn alles droht, auseinanderzubrechen? Das letzte Schuljahr stellt ihre Freundschaft auf eine harte Probe. Sam gerät an einen miesen Typen, während Sal verzweifelt versucht, nicht zu einem zu werden.”

Guy Gavriel Kay: “Am Fluss der Sterne” (Fantasy, spielt 400 Jahre nach “Im Schatten des Himmels”, Fischer TOR, 26.10. – Deutsch von Ulrike Brauns) “Einst galt Xi’an als schönste Stadt der zivilisierten Welt, der Kaiserhof als Hort des Luxus und der Kultur. Doch seit Kitai in weiten Teilen an die Barbaren aus dem Norden gefallen ist, herrscht Angst auf den Straßen, und das Heulen der Wölfe hallt durch verfallene Gemäuer.”

James Corey: “Babylons Asche” (Science Fiction, Band 6 der “The Expanse”-Reihe, Heyne, 13.6. – Deutsch von Jürgen Langowski) “Die Menschheit hat das Sonnensystem kolonisiert. Auf dem Mond, dem Mars, im Asteroidengürtel und noch darüber hinaus gibt es Stationen und werden Rohstoffe abgebaut. Doch die Sterne sind den Menschen bisher verwehrt geblieben. Als der Kapitän eines kleinen Minenschiffs ein havariertes Schiff aufbringt, ahnt er nicht, welch gefährliches Geheimnis er in Händen hält – ein Geheimnis, das die Zukunft der ganzen menschlichen Zivilisation für immer verändern wird.”

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CHRIS KRAUS, „I love Dick“ (Matthes & Seitz, 30. Januar. Deutsch von Kevin Vennemann.)

FLURIN JECKER, „Lanz“ (Nagel & Kimche, 20. Februar)

DON CARPENTER, „Freitags bei Enrico’s“ (Klett-Cotta, 8. April. Deutsch von Bernhard Robben.)

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TREVOR NOAH, „Farbenblind“ (Blessing, 6. März. Deutsch von Heike Schlatterer.)

ROBERT GERWARTH, „Die Besiegten. Das blutige Ende des ersten Weltkriegs“ (Siedler, 23. Januar. Deutsch von Alexander Weber.)

MURRAY SHANAHAN, „The Technological Singularity“ (Matthes & Seitz, 27. Februar. Deutsch von Nadine Miller.)

SIDDHARTHA MUKHERJEE, „Die Gene. Eine sehr persönliche Geschichte“ (S. Fischer, 24. Mai. Deutsch von Ulrike Bischoff.)

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deutschsprachige Literatur:

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ANNA KIM, „Die große Heimkehr“ (Suhrkamp, 16. Januar)

KRISTINA PFISTER, „Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten“ (Klett-Cotta, 11. Februar)

NATASCHA WODIN, „Sie kam aus Mariupol“ (Rowohlt, 17. Februar)

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GERHARD HENSCHEL, „Arbeiterroman“ (Hoffmann & Campe, 17. Februar)

LUISE MAIER, „Dass wir uns haben“ (Wallstein, 27. Februar)

ANKE STELLING, „Fürsorge“ (Verbrecher Verlag, 28. Februar)

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KERSTIN PREIWUSS, „Nach Onkalo“ (Berlin Verlag, 1. März)

MASCHA DABIC, „Reibungsverluste“ (Edition Atelier, 1. März)

STEPHAN LOHSE, „Ein fauler Gott“ (Suhrkamp, 6. März)

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NIAH FINNIK, „Fuchsteufelsstill“ (Ullstein, 7. April)

ENNO STAHL, „Spätkirmes“ (Verbrecher Verlag, 18. April)

CHRISTOPH SCHULTE-RICHTERING, „32 Tage Juli“ (Rowohlt Berlin, 22. April)

SVENJA GRÄFEN, „Das Rauschen in unseren Köpfen“ (Ullstein, 12. Mai)

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internationale Literatur, neu auf Deutsch:

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HANYA YANAGIHARA, „Ein wenig Leben“ (Hanser Berlin, 30. Januar. Deutsch von Stephan Kleiner.)

GUSEL JACHINA, „Suleika öffnet die Augen“ (Aufbau, 17. Februar, Deutsch von Helmut Ettinger.)

MAURIZIO TORCHIO, „Das angehaltene Leben“ (Zsolnay, 20. Februar, Deutsch von Annette Kopetzki.)

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GONZALO TORNÉ, „Meine Geschichte ohne dich“ (DVA, 6. März. Deutsch von Petra Strien-Bourmer.)

MILJENKO JERGOVIC, „Die unerhörte Geschichte meiner Familie“ (Schöffling, 8. März. Deutsch von Brigitte Döbert.)

KIM THUY, „Die vielen Namen der Liebe“ (Kunstmann, 8. März. Deutsch von Andrea Alvermann, Brigitte Große.)

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CARSTEN JENSEN, „Der erste Stein“ (Knaus, 13. März, Deutsch von Ulrich Sonnenberg.)

LUKE KENNARD, „Transition: Das Programm“ (Droemer, 3. April. Deutsch von Karl-Heinz Ebnet.)

OLIVIA SUDJIC, „Sympathie“ (Kein & Aber, 7. April, Deutsch von Ann-Christin Kramer.)

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VAL EMMICH, „Die Unvergesslichen“ (Droemer, 2. Mai. Deutsch von Eva Bonné.)

FRANCESCA SEGAL, „Ein sonderbares Alter“ (Kein & Aber, 5. Mai, Deutsch von Anna-Nina Kroll.)

AE-RAN KIM, „Mein pochendes Leben“ (Cass, Deutsch von Sebastian Bring.)

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Comics:

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HAMID SULAIMAN, „Freedom Hospital“ (Hanser Berlin, Kai Pfeiffer.)

GUY DELISLE, „Geisel“ (Reprodukt, 1. März. Deutsch von Heike Drescher.)

DANIEL CLOWES, „Patience“ (Reprodukt, 1. März. Deutsch von Jan Dinter.)

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Sachbuch: 

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ILIJA TROJANOW, „Nach der Flucht“ (S. Fischer)

BETTINA STANGNETH, „Lügen lesen“ (Rowohlt, 23. Juni)

TALI SHAROT, „Die Meinung der anderen“ (Siedler, 9. Mai. Deutsch von Susanne Kuhlmann-Krieg.)

JOACHIM RADKAU, „Geschichte der Zukunft“ (Hanser, 30. Januar)

MOHAMED AMJAHID, „Unter Weißen“

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gelesen:

RACHEL KUSHNER, „Telex aus Kuba“ (Rowohlt, 22. April. Deutsch von Bettina Abarbanell.)

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Links zu den (v.a. Belletristik-) Vorschaukatalogen für Frühling/Frühjahr/erstes Halbjahr 2017…

…der meisten größeren deutschsprachigen Verlage.

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Albino | Antje Kunstmann | Atlantik | Aufbau | Berenberg | Berlin Verlag | Blessing | Blumenbar | Braumüller | btb | C.H. BeckDiogenes | Dörlemann | Droemer Knaur | Dumont | dtvDVA | Edition Atelier | Edition Büchergilde | Edition fotoTAPETA | Edition Nautilus | Galiani | Goldmann | Guggolz | Hanser | Hanser Berlin | Hoffmann und Campe (und das neue Imprint Tempo) | Insel | Jung und Jung | Kein & Aber | Kiepenheuer & Witsch | Klaus Wagenbach (n/a) | Klett-Cotta (und Imprint Tropen) | KnausKremayr & Scheriau | Liebeskind | List | Louisoder |  Luchterhand | LuftschachtManesse | Matthes & Seitz | Mikrotext | Nagel & KimchePenguin | PiperPolar Verlag | Reclam | Reprodukt (Comics) | Rowohlt; und Rowohlt BerlinS. Fischer | SchöfflingSiedlerSuhrkamp | Ullstein (und das neue Imprint Ullstein Fünf) | Verbrecher Verlag | Voland & Quist | WallsteinWeidleZsolnay/Deuticke

Danke an Ilja Regier, der Mitte 2016 eine ähnliche Liste erstellte, für die Herbst-Novitäten.

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Besondere Romane: Buchtipps, Geschenktipps, Geheimtipps

buchtipps weihnachten

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Seit Ende November gebe ich auf Twitter kurze Buchtipps zu Weihnachten.

Knappe Literaturkritik – in Stichworten, als Adventskalender.

Die ersten 11 Buchtipps habe ich auch gebloggt: Link

Heute: 21 weitere Titel. Geschenktipps, persönliche Empfehlungen, Lieblingsbücher – denen ich ein breites Publikum wünsche. Mehr u.a. hier:

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twitter tschechow

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frühes 20. Jahrhundert – mein Lieblings-Dramatiker:
russisches Bürgertum: neurotisch, tragisch, verpeilt
Verwicklungen – bissig, aber sehr warmherzig.
Reiche Menschen stehen sich selbst im Weg.

Kirschgarten, Möwe, Onkel Wanja, 3 Schwestern, Ivanov: viele Theaterklassiker sind eitel, überdreht, gehässig zu den Figuren. Tschechow ist Humanist: kaputte, lächerliche, SUPERliebenswerte Rollen. Groß!

„Die großen Dramen“, Anton Tschechow

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twitter sherriff

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vergriffen – aber in toller dt. Übersetzung von 1959:
Eine einfache britische Familie macht Urlaub.
Spießer, Hausfrau, 2 fast erwachsene Kinder,
2 Wochen Ferien in einer billigen Pension am Meer.

Stiller Klassiker von 1931; liebe- und respektvoller Blick aufs Reihenhaus- und Kleingarten-Milieu, kein Spott, keine Satire. Spröde Alltagsmenschen und ihre oft verzweifelten Versuche, glücklich zu sein.

„Septemberglück“, R.C. Sherriff

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twitter kristof

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3 sehr verschiedene Romane. Trilogie über Krieg:
Zwillingsbrüder bei einer bettelarmen Großmutter.
Stoische, verbissene Kinder. Osteuropa? Zweiter Weltkrieg?

Band 1: schlichtes, dunkles Dorfmärchen, Parabel. Ein Erzähl-Experiment: beginnt als ultrabrutale, nihilistische Kindergeschichte über Entsagung und Besatzung – und wird in Buch 2 und 3 immer postmoderner, melancholisch-klüger, ambitionierter.

„Das große Heft“, „Der Beweis“, „Die dritte Lüge“, Agota Kristof

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Abrechnung mit der DDR – und schlechtem Journalismus:
Reporterin reist nach Bitterfeld; und ist schockiert.
Dreck, Fabriken, Vertuschung: Wie berichten?
Marons Debüt: komplex, autobiografisch, relevant.

Ein „Unrechtstaat“ zeigt sich im großen Horror – und in den täglichen Widersprüchen, Ängsten, Machtstrukturen. Marons Roman bleibt Alltag: leise, klein – und dennoch: unerträglich beklemmend.

„Flugasche“, Monika Maron

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twitter semple
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verschroben, humorvoll, klug, überraschend:
sehr „Gilmore Girls“ (hey, Chick-Lit-Fans!)
sehr „Infinite Jest“ (hey, Schnösel & Nerds!)
Unterhaltung – auf hohem Niveau, leicht lesbar.

Die brillante Frau eines Microsoft-Managers bringt ihre hochbegabte Tochter in Gefahr, als sie wichtige Mutti-Jobs nach Indien outsourct, an eine Assistentin. Schenkt das hier… ALLEN! Wild, smart, toll.

„Wo steckst du, Bernadette?“, Maria Semple

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twitter kleist.

Nur selten Graphic Novels gelesen? Idealer Einstieg:
Simple Tuschezeichnungen, klarer Plot,
aber packend und relevant.
Auch toll als Schullektüre oder fürs alte FAZ-Publikum.

Samia Jusuf Omar vertrat 2008 Somalia als 100-Meter-Sprinterin in Peking. Sie wird Letzte – doch will danach von Afrika nach Europa, illegal, übers Meer. Portrait/Biografie über Flucht & Chancengleichheit.

„Der Traum von Olympia“, Reinhard Kleist
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twitter haslinger.

Vierköpfige Wiener Familie im Tsunami 2004:
Josef Haslinger, Leiter der Schreibschule Leipzig,
erlebt im Thailand-Urlaub die Flutkatastrophe
und hält alle Details fest, nüchtern, packend.

Distanzierte, recht ignorante reiche Feriengäste… plötzlich ausgeliefert, überfordert, traumatisiert. Sachlich-schlicht, aber nah und sehr persönlich zeigt H., was diese Tage aus Ort & Leuten machten.

„Phi Phi Island. Ein Bericht“, Josef Haslinger
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twitter toews.

Miriam Toews‘ Vater beging Selbstmord.
Toews schreibt süßliche, nicht-sehr-kluge Schmöker:
Mainstream-Humor, „verrückte“ Mennoniten,
Oft brav-kanadisch-abgeschmackt und bieder.

Hier aber, in der Erinnerung an ihren gläubigen, manisch-depressiven Vater, gelingt die Balance: Gefühl und Witz, Existenzielles und Dorf-Schrullen. Die Autorin macht mir kaum Respekt. Das Buch sehr.

„Mr T., der Spatz und die Sorgen der Welt“, Miriam Toews
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twitter honigmann.

jüdisch-deutsche Ex-DDR-Autorin, bis heute toll:
Honigmann schreibt meist autobiografisch,
manchmal zu vorsichtig, bürgerlich, verhuscht,
doch hier: nah, packend, selbstkritisch.

Eine junge Berliner Dramaturgin arbeitet an einem Provinztheater, verheddert sich in einer Affäre und im DDR-Apparat. Brief-, Künstler-, Liebesroman, authentisch, traurig, intelligent!

„Alles, alles Liebe“, Barbara Honigmann
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twitter erpenbeck.

Asylrecht, Flucht, Ausgrenzung, Behörden-Irrsinn:
Erpenbeck erzählt so kunstlos-sachlich,
meist klingt dieser Roman nur nach Report/Bericht.
Ein etwas steifes, didaktisches Buch.

Aber: NIE habe ich schneller mehr gelernt über Geflüchtete in Deutschland. Im Ruhestand will ein Professor spontan helfen. Sein ignoranter, naiver Blick kommt schnell ins Wanken. Must-Read 2015!

„Gehen, ging, gegangen“, Jenny Erpenbeck
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twitter miller.

New York 1945, Bürohengste wie aus „Mad Men“:
Mit seiner neuen Brille wirkt Spießer Newman plötzlich „irgendwie jüdisch“.
Er verliert Ansehen, Job, Respekt aller Nachbarn.

Ein Kleingeist und Rassist als Opfer von Rassismus: Das könnte Satire, platte Parabel bleiben. Doch es wird sehr schnell überraschend komplex, rasant, psychologisch, hässlich. Packend und aktuell!

„Fokus“/“Im Brennpunkt“, Arthur Miller
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twitter joe hill.

Horror, Abenteuer, Herz: meine Lieblings-Comicreihe
6 Bände lang zeigt Joe Hill, Stephen Kings Sohn,
drei Geschwister in einem Spukhaus
voller magischer Schlüssel:

„The Shining“ trifft „Harry Potter“ trifft „Maniac Mansion“: Intelligenter, raffinierter, warmherziger Grusel mit tollen Zeichnungen, Figuren, Twists: 800+ Seiten wie aus einem Guss. Moderner Klassiker!

„Locke & Key“, Joe Hill und Gabriel Rodriguez
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twitter haushofer.

Survival-Thriller – oder feministische Sinnsuche?
Eine Biowaffe. Eine unsichtbare Barriere.
Und eine Frau, allein in den Bergen:
Als einzige Überlebende, isoliert auf Alm und Hütte.

Ich stellte mir diesen Klassiker viel softer, blumiger vor: Natur, Katze, Menopause. Eine österreichische Robinsonade. Doch „Die Wand“ ist so beklemmend, hart wie McCarthys „Straße“. Atemberaubend!

„Die Wand“, Marlen Haushofer
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twitter dirks.

sperrig, dunkel, brutal, bitter, schwer:
Liane Dirks erzählt die Lebensgeschichte
ihres monströsen Vaters.
Ein Koch aus Hamburg, der sie missbrauchte.

Schnöselige Drogisten in den 1930ern. Ein junger Koch in Russland, später dann auf Schiffen in der ganzen Welt. Grandios literarische Zeitgeschichte – und Psychogramm dreier Generationen. Hart.

„Vier Arten, meinen Vater zu beerdigen“, Liane Dirks
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twitter sakamichi.

nur online lesbar, als Fan-Übersetzung auf Englisch:
Japan, Ende der 60er, Provinz:
Eine Jazzband. Ein neuer Schüler (Streber).
Und zwei Kindheitsfreunde: Raufbold und Mädchen.

Manga, 10 Bände – still, sonnig, starke Figuren. Freundschaft statt Romance, sympathisch schlichte Retro-Zeichnungen. Coming-of-Age, Politisierung, Zeitgeschichte – zum Heulen schön!

„Sakamichi no Apollon“, Yuki Kodama

…längerer Empfehlungstext hier: die 20 besten Graphic Novels 2015
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twitter hedges.

Den Film sah ich nie. Die Romanvorlage? Großartig!
Nach der High School muss Gilbert bleiben:
Der Vater ist tot, ein Bruder behindert,
die Mutter depressiv.

Keine Komödie. Aber auch kein Pathos, Selbstmitleid: Geschwister, gestrandet in der Provinz, wütend, ratlos, hungrig, lebendig. Gute Übersetzung – aber gerade vergriffen. Fantastisch… empathisch!

„Gilbert Grape. Irgendwo in Iowa“, Peter Hedges
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twitter drakulic

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Bosnische Frauen im Krieg… und danach:
Ein schlichtes, kluges, alptraumhaftes Buch
über die Psychologie des Krieges
und sexuelle Gewalt.

Die ersten und die letzten 10 Seiten: Klischee und Kitsch. Dazwischen aber: Ein Text, der mich seit Monaten nicht loslässt. Einfache Sprache, brillante Gedanken. Pogrome, Lager, Asyl. Kontrollverlust.

„Als gäbe es mich nicht“, Slavenka Drakulić
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twitter Capote.

Reportage von 1965: erster großer „True Crime“-Text
Zwei junge Männer überfallen eine Farm in Kansas
und ermorden die komplette Familie.
Capote recherchiert, interviewt, rekonstruiert.

Vielleicht ist vieles hier gebogen, dramatisiert – doch erstmal lese ich, atemlos: Kein schauerlicher Real-Life-Krimi. Sondern Milieus, Figuren, ein Land, toll erfasst. Ein Buch, das nachwirkt. Große Kunst!

„Kaltblütig“, Truman Capote
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twitter toulme.

Trisomie 21 aus Sicht eines Vaters:
Autobiografische Graphic Novel aus Frankreich,
persönlich, nah, sympathisch, schlicht.
Gute Einführung in Comics – und Behinderung.

Ich finde besser, wenn Behinderte sprechen – statt immer nur Eltern ÜBER sie. Und: Viele Comics sind komplexer, literarischer. Aber: Alles hier ist so herzig, einladend, einfach – als Einstieg erstmal toll.

„Dich hatte ich mir anders vorgestellt…“, Fabien Toulmé
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twitter baldwin

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dt.: „100 Jahre Freiheit ohne Gleichberechtigung“
James Baldwins politisches Manifest von 1963.
Leidenschaftlich, kurz, komplex. Bis heute relevant.
Schwarze in Amerika: Scham & Unterwerfung.

Wäre das ein Online-Text 2015 – er ginge sofort viral: Aufstiegschancen und Polizeitgewalt, Angst und Bildung, Identity Politics und Akitivsmus: die heute noch großen Themen, klug & klar verhandelt.

„The Fire next Time“, James Baldwin
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twitter archie.

Sieht aus wie ein billiger Scherz…?
„Peanuts“: Grundschule. „Archie“: High School.
Der harmlos-biedere Cartoon-Klassiker seit 1941
…als blutiger Zombie- und Survival-Horror?

Die braven US-Kinderfiguren neu erzählt – viel literarischer, psychologischer… und auf der Flucht vor Zombies. Erst dachte ich: Pubertäre Parodie? Aber: Nein! Spektakulär atmosphärisch. Gruselig klug.

„Afterlife with Archie“, R. Aguirre-Sacasa, F. Francavilla

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11 weitere Titel hier:

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Graphic Novels des Jahres: 20 Empfehlungen

Stefan Mesch schreibt über Literatur und Comics, u.a. bei ZEIT Online, Deutschlandradio Kultur, der Freitag und im Berliner Tagesspiegel. Mehr hier: Link

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20. Rasputin (USA)

Rasputin (USA)

Autor: Alexander Grecian, Zeichner: Riley Rossmo
Image Comics, Oktober 2014 bis November 2015.
10 Hefte in zwei Sammelbänden, abgeschlossen.

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Phil Gelatts „Petrograd“ erzählte 2011 das Mordkomplott gegen Rasputin – als melancholischen Agententhriller. Die monatliche „Rasputin“-Serie von Alex Grecian ist ähnlich atmosphärisch, politisch, blutig-existenziell.

Der Mönch und Wunderheiler, charismatisch und monströs, allein zwischen Zar und Klerus. Volk und Armee. Spionen und Revolution. Detailverliebt. Komplex. Viele Zeit-, Erzählebenen und Wendepunkte, toll inszeniert.

Ich bin nicht sicher, ob die Reihe zu früh endete: Nach fünf Heften verlässt Rasputin – unsterblich, aber gescheitert – den Palast, zusammen mit den Zarenkindern Alexei und Anastasia. Was als historisch-biografische Comic-Spielerei begann, wird zum Jahrhundert-Panorama:

Macht, Mord, Magie vom JFK-Attentat bis in die Gegenwart. Oft langsam. Manchmal träge. Und nach 10 Heften: plötzlich vorbei. Schade!

Ein Fantasy-Psychogramm: eigensinnig, gemütvoll, klug menschlich, überraschend.

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19. Alex + Ada (USA)

Alex + Ada (USA)

Autor: Jonathan Luna, Zeichnerin: Sarah Vaughn
Image Comics, November 2013 bis Juni 2015.
15 Hefte in drei Sammelbänden, abgeschlossen.

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2013, in Spike Jonzes Kinofilm „her“, verliebt sich Theodore – einsamer Hasenfuß und Angestellter – in seine digitale Assistentin, das Betriebssystem Samantha. Ein Trottel, eklig fixiert auf eine körperlose künstliche Intelligenz. Die Satire macht Spaß, bleibt aber sehr didaktisch. Ein Film wie zwei Stunden Ethik-Unterricht für Dreizehnjährige.

Auch „Alex + Ada“ zeigt einen recht unsympathischen Single: Alex’ reiche, verwitwete Großmutter hat Spaß am Leben, seit sie sich einen gehorsamen Sex-Androiden ins Haus holte. Also schenkt sie Alex ein eigenes Modell, Ada. Via illegalem Jailbreak wird aus dem Apparat eine (recht bieder-flache) Persönlichkeit: Pinocchio mit Indie-Fransenpony.

Als Liebesgeschichte: gruseliger Stuss. Als Diskussion um Menschlichkeit und Technik: sympathisch, aber zu einfach, seicht. Als creepy Psychogramm eines Verlierers, der seine Projektionsfläche missbraucht: faszinierend! Die klinisch-faden Zeichnungen passen zu den kalten Figuren. Ist das ein kluger, gut gemachter Comic? Ich zweifle.

Doch er wirft tolle Fragen auf, zu Autonomie, Narzissmus, Konsum, Sehnsucht – und Maschinen, die uns „erkennen“.

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18. Dich hatte ich mir anders vorgestellt… (Frankreich)

Dich hatte ich mir anders vorgestellt... (Frankreich)

Autor und Zeichner: Fabien Toulmé
Deutsch bei Avant, Oktober 2015. Original: Frankreich 2014.
Graphic Novel, 248 Seiten, abgeschlossen.

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Ich liebe Guy Delisles saloppe, autobiografische Graphic Novels: Seit 2000 erzählt er vom Reisen, Älterwerden und seinen Problemen und Versäumnissen als Vater. Fabien Toulmé reiste selbst zehn Jahre um die Welt, heiratete eine Brasilianerin, zog zurück nach Frankreich – und hadert: Denn eine Tochter ist gesund. Die andere hat das Down-Syndrom.

„Dich hatte ich mir anders vorgestellt“ ist der egozentrische, naive, selbstmitleidige und träge Bericht eines Mannes, der wenig über Behinderung weiß: ehrlich und verletzlich – aber an vielen Stellen unbeholfen bis dumm. Im selben Stil schrieb Nobelpreisträger Kenzaburo Oe 1964 in „Eine persönliche Erfahrung“ über Wut, Enttäuschung, Ekel und Hilflosigkeit als Vater eines geistig behinderten Sohnes.

Ich mag, wie angreifbar sich diese Bücher machen, wie unsympathisch und überfordert Toulmé erzählt. Ein Comic für Menschen, die noch kaum etwas über Behinderungen wissen. Die aller-allerersten Schritte – und Fehltritte.

Nicht clever. Nicht „empowernd“. Aber: schlicht, ehrlich, überfordert, lesenswert.

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17. Silk (USA)

Silk (USA)

Autor: Robbie Thompson, Zeichnerin: Stacey Lee
Marvel Comics, seit Februar 2015 (aktuell kurze Pause).
7+ Hefte / bisher ein Sammelband, wird fortgesetzt.

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Die selbe radioaktive Spinne, die vor 13 Jahren Peter Parker biss, infizierte auch Cindy Moon – eine Grundschülerin. Um sie vor Angriffen des Spider-Man-Gegners Morlun zu schützen, wächst Cindy allein in einem Bunker auf. 2014, im „Spider-Man“-Crossover „Spider-Verse“, wird sie entdeckt, befreit… und versucht, ihr altes Leben aufzunehmen:

Eine forsche junge Frau in New York – Praktikantin beim Daily Bugle und mutige, unerfahren-enthusiastische Nachwuchs-Heldin. Kein „Supergirl“-, kein „Batgirl“-, kein „Teen Titans“-, „Young Avengers“- oder „Spider-Gwen“-Comic aus den letzten Jahren ist so einladend, schlicht, einsteigerfreundlich, sympathisch. Fans der „Supergirl“-Serie? Fans von Batgirl Stephanie Brown? Unbedingt anlesen!

Geradlinig, emotional, selbstbewusst: eine Young-Adult-Heldin fürs breite Publikum.

[„Spider-Verse“ habe ich nicht gelesen. Aber der Crossover-Band „Spider-Woman: Spider-Verse“ ist eine tolle, schwungvolle Einführung ins aktuelle Ensemble rund um Peter Parker und andere Spinnen-Figuren: Ich las „Silk“, weil ich Cindy in „Spider-Woman“ sehr mochte.]

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16. She-Hulk (USA)

She-Hulk (USA)

Autor: Charles Soule, Zeichner: Javier Pulido
Marvel Comics, Februar 2014 bis Februar 2015.
12 Hefte / zwei Sammelbände, abgeschlossen.

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Marvel-Superhelden sind oft vor allem für ihre Abenteuer im Team berühmt: Nur wenige Avengers, fast keiner der X-Men hat eine eigene monatliche Solo-Comicreihe. 2012 erzählte ein schmissiger, eleganter „Hawkeye“-Comic, wie die beiden Bogenschützen Clint Barton und Kate Bishop leben, wenn sie nicht gerade mit den Avengers die Welt retten. Die Reihe wurde zum Überraschungshit – und seitdem gibt es immer wieder neue, oft schrullige Solo-Experimente.

She-Hulk Jennifer Waters ist zu laut, zu forsch, zu grün, zu wild – und fliegt aus ihrer Großkanzlei. Sie eröffnet ein eigenes Büro, trifft in verschiedenen Verhandlungen und Kämpfen auf Daredevil, Captain America, Ant-Man und Doctor Doom. Autor Charles Soule hat selbst als Rechtsanwalt gearbeitet. Eine selbstbewusste, humorvolle, recht erwachsene Serie, nach 12 Heften eingestellt.

Leichte, smarte Unterhaltung – abseits vom Einheitsbrei.

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15. Ms. Marvel (USA)

Ms. Marvel (USA)

Autorin: G. Willow Wilson, Zeichner: Adrian Alphona
Marvel Comics, seit Februar 2014. Deutsch bei Panini.
19+ Hefte und einige Gastauftritte / drei Sammelbände, wird fortgesetzt.

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Believe the Hype! Den ersten Band „Ms. Marvel“ würde ich am liebsten jedem Menschen von 10 bis 15 schenken – oder… bis 45. Ein All-Ages-Comic, charmant, atmosphärisch, optimistisch und rasant wie „Harry Potter“.

Band 2 hatte hanebüchene Konflikte und viel (leeres, dummes) Gerede über die angeblichen Besonderheiten der Generation Y. Und mit Band 3 tauchen immer kompliziertere Marvel-Crossover und -Bezüge auf. Auch der Zeichner wechselt ärgerlich oft: Vielleicht verheddert sich die Reihe gerade.

Vorerst aber: Unbedingt lesen! Kamala Khan, Teenager, Online-Nerd und Muslima, lebt in New Jersey. Ihre Eltern sind aus Pakistan eingewandert und haben Angst, dass sie verwestlicht. Als sie bemerkt, dass sie ihren Körper verformen, schrumpfen, verwandeln kann, hilft sie in Schule und Nachbarschaft. Ein humorvoller Comic, bunter und kindlicher als viele andere Marvel-Titel – geschrieben von einer muslimischen Autorin.

Ein zeitgemäßer, sympathischer Bestseller – aber manchmal zu drollig, harmlos.

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14. Twin Spica (Japan)

Twin Spica (Japan)

Autor und Zeichner: Kou Yaginuma
Media Factory, 2001 bis 2009.
90+ monatliche Kapitel, gesammelt in 16 Sammelbänden, abgeschlossen.

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Wieder ein „Harry Potter“-Vergleich: Drei Mädchen und zwei Jungs auf einer gefährlichen Elite-Akademie. Talent und Potenzial, tragische Vorgeschichten. Geheimnisse. Verluste:

Asumis Mutter starb 2010 – als die Lion, das erste Space-Shuttle Japans, auf ihre Heimatstadt stürzte. Trotzdem will Asumi Astronautin werden – unterstützt von ihrem depressiven Vater, und dem Geist eines verglühten Lion-Astronauten.

„Twin Spica“ wirkt simpel und süßlich. Die extrem kleine, kindliche Asumi sieht aus wie Heidi, jede Figur hat ein rührseliges Trauma, kurz dachte ich: für Zehnjährige, höchstens – oder Fans vom „kleinen Prinz“.

Doch Leitmotive, Bildsprache, Psychologie und Stimmungen werden so geschickt verwebt… mit jedem Band (ich kenne sechs von 16) wird diese zarte Coming-of-Age-Geschichte trauriger, ernster, klüger, subtiler.

Mut zum Melodrama: das Kitschig-Schönste, das ich seit Jahren las. Hach!

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13. Darth Vader (USA)

Darth Vader (USA)

Autor: Kieron Gillen, Zeichner: Salvador Larocca
Marvel Comics, seit Februar 2015.
Deutsch nur kapitelweise als Back-up in Paninis monatlichem “Star Wars”-Heft.
14+ Hefte und einige Crossover („Vader Down“) / zwei Sammelbände, wird fortgesetzt.

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Kieron Gillen nervt: Sein „Young Avengers“-Comic hatte pro Heft 15 selbstverliebte Ideen – aber wenig Lust auf Plot und Timing. Seine Musik- und Jugendkultur-Comicreihen „The Wicked + the Divine“ und „Phonogram“ baden in Geplapper, Posen. Eitlem Gewäsch. Auch im offiziellen „Darth Vader“-Comic will Gillen zeigen, wie crazy originell er immer noch ein, zwei, fünf draufsetzt – auf die verbrauchtesten Ideen:

Darth Vader verbündet sich mit einer sexy Weltraum-Archäologin? Die durch Weltraum-Tempel springt wie Indiana Jones? Ihm helfen zwei Killer-Droiden im selben Look wie R2-D2 und C-3PO? Die ständig Menschen töten wollen, beim Foltern und via Flammenwerfer?

Der größte Marvel-“Star Wars“-Comic macht keinen Spaß. Auch viele Spin-Offs haben Schwierigkeiten [Link: Tipps von mir]. Die beiden besten aktuellen Reihen sind – Überraschung – „Kanan: The Last Padawan“ und Gillens „Darth Vader“. Weil Gillen eine recht einfache Geschichte erzählt. Weiterhin gerne parodiert, zitiert, postmodern spielt. Doch weniger überschnappt als sonst:

„Star Wars“ als Korsett, Gerüst, Hundeleine für einen talentierten, aber überdrehten Autor. Dunkler Humor und viel Suspense zwischen Episode IV und V.

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12. Der Traum von Olympia (Deutschland)

Der Traum von Olympia (Deutschland)

Autor und Zeichner: Reinhard Kleist.
Carlsen Comics, Januar 2015. Schon 2014 seitenweise in der FAZ erschienen.
Graphic Novel, 152 Seiten, abgeschlossen.
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Bei den Olympischen Spielen 2008 lief Samia Yusuf Omar im 200-Meter-Sprint für Somalia: Sie brauchte fast zehn Sekunden länger als die anderen Läuferinnen – doch wurde vom Publikum wie eine Siegerin beklatscht [Video].

Reinhard Kleist schreibt und zeichnet einfache Schwarzweiß-Comics, meist historisch-biografisch. Für die FAZ recherchierte er Omars Geschichte: Ihr Leben in Somalia und Äthopien, ihr Training und der Druck, den islamistische Machthaber auf Frauen im Sport ausüben. Beim Versuch, illegal nach Europa zu fliehen, ertrank Omar Mitte 2012, mit 21 Jahren.

Kleists Comic ist so simpel, linear, verständlich – perfekt als Schullektüre und für Menschen, die Scheu vor Comics haben oder von Bildsprache überfordert sind. Ich hoffe, Kleist – der beliebteste und bekannteste deutsche Graphic-Novel-Künstler – kann mehr und hat noch andere Ambitionen.

Doch besonders 2015, fürs Massenpublikum, kann ich mir kein sinnvolleres Buch vorstellen.

(„Gehen, ging, gegangen“ von Jenny Erpenbeck ist klüger, komplexer, besser. Aber eben: kein Comic.)

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11. The October Faction (USA)

The October Faction (USA)

Autor: Steve Niles, Zeichner: Damien Worm
IDW Comics, seit Oktober 2014.
12+ Hefte in 2+ Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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Der pseudo-schwarze Humor der „Addams Family“ langweilt mich. Was Tim Burton „unkonventionell“ nennt, ödet mich an. Gothic Horror, Emo-Kitsch, die dunkle Romantik, die meisten Schauer-Comics? Nicht mein Fall. Wozu also eine Humor-/Action-Reihe über eine morbide Familie aus Hexen, Dämonenjägern, Monstern in einer klischeehaften Villa?

„The October Faction“ handelt von schlechten Kompromissen, falschen Entscheidungen, von der Schuld und dem Selbstekel, den selbst die patentesten, integersten Eltern auf sich laden im Lauf der Jahre. Sympathisch verkorkste Teenager, eine brutal-pragmatische Mutter und ein Vater, so doppelbödig/abgründig, dass Leser sagen: „Das ist der beste John-Constantine-Comic seit Jahren.“

Ich bin überrascht, wieviel Herz, Hirn, Schwung und emotionale Tiefe sich eine so eitle und stilisierte Reihe bewahrt: Für Fans von „Supernatural“ und guten Seifenopern.

Keine große Kunst – aber mehr Substanz, als die klamaukigen Zeichnungen vermuten lassen.

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10. Southern Bastards (USA)

Southern Bastards (USA)

Autor: Jason Aaron, Zeichner: Jason Latour
Image Comics, seit April 2014.
14+ Hefte in mindestens 3 Sammelbänden (ich kenne 2), wird fortgesetzt.

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Als Comic hat „Southern Bastards“ große Schwächen. Im ersten Sammelband geht alles schief. In Band 2 ruht die Handlung. Als Literatur dagegen ist die dunkle, drückende Serie über ein Provinznest in Alabama, dessen korrupter alter Football-Coach alle Fäden und Schicksale in der Hand hält, ein Muss.

Jason Aaron, selbst in den Südstaaten geboren, erzählt keine schnelle Geschichte – sondern baut Räume, Atmosphären, fängt ein Milieu in toller Sprache, Jargon, kantigen Dialogen; zeigt Machtverhältnisse und Abhängigkeiten in einer rassistischen, schreiend armen Kulisse, die ich sonst nur aus Cormac-McCarthy– und Daniel-Woodrell-Thrillern kenne… und auf deren Buchrückseite dann immer steht „mit alttestamentarischer Wucht!“

Dick aufgetragen? Nein: klug stilisiert.

Ein Krimi-Western-Hinterwäldler-Korruptions-Noir-Kleinstadtpsychogramm, zynisch, brutal, aber mit sehr genauem Blick, viel Sprachgefühl und, wichtig: Liebe zu den Figuren.

Kein Spannungsbogen. Unsympathische Welt. Aber grandios geschrieben und inszeniert!

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9. Copperhead (USA)

Copperhead (USA)

Autor: Jay Faerber, Zeichner: Scott Godlewski
Image Comics, seit September 2014.
10+ Hefte in 2+ Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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Eine mürrische alleinerziehende Mutter wird Sherriff – in Copperhead, einem gefährlichen Außenposten. Ein Comic wie eine billige 90er-Jahre-Serie: schnelle Fälle und simple Figuren wie in „Dr. Quinn – Ärztin aus Leidenschaft“, platte Aliens und Interspezies-Konflikte wie in „Earth 2“, alles im Wildwest-Weltraum-Look von„Marshall Bravestarr“ (1987).

Sherriff Clara Bronson droht, knallt, flucht und flirtet im Saloon. Ihr kleiner Sohn läuft heimlich in die Wüste – und freundet sich mit Ishmael an, einem Killer-Androiden. Die Ureinwohner des Planeten sind Insektenmonster. Und Budroxifinicus, der gutmütige, riesige Hilfssherriff, gehört einer Alien-Rasse an, die erst kürzlich mit der Menschheit Krieg führte.

Viele US-Comics wollen zu viel in zu kurzer Zeit. „Copperhead“ ist sechs Nummern seichter, flacher, geradliniger als Konkurrenz-Reihen wie „Saga“. Aber dafür eben auch: zugänglicher, mitreißender, plausibler. Ein stimmiger, nostalgischer Mainstream-Comic:

Wer vor 20 Jahren simple Serien mochte, wird die schlichten Sammelbände lieben.

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8. Harrow County (USA)

Harrow County (USA)

Autor: Cullen Bunn, Zeichner: Tyler Crook
Dark Horse Comics, seit Mai 2015.
8+ Hefte in 2+ Sammelbänden (ich kenne den ersten), wird fortgesetzt.

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Mir sind in Comics tolle Plots, Dialoge, Sprache wichtiger als kunst- und ausdrucksvolle Bilder. Trotzdem machen mich „Narration Boxes“ müde – die Vierecke, in denen schlechte Künstler einen allwissenden Erzähler alles sagen lassen, was sie über Bild und Dialog nicht transportieren können. Je mehr Text in Narration Boxes, desto schlechter ist meist der Comic.

„Harrow County“ habe ich lange übersehen: ein nichtssagendes Cover, zu kindliche Zeichnungen, als dass ich Grusel, Angst empfunden hätte – und der dritte beliebte Hexen-Comic, nachdem mich schon Terry Moores amateurhaftes „Rachel Rising“ und Scott Snyders selbstverliebt-wirres „Wytches“ nicht überzeugten.

Tatsächlich ist „Harrow County“ ein Glücksfall. Wegen der blendend geschriebenen Narration Boxes! Den Zeichnungen, die zur kindlichen, viel zu naiven Hauptfigur passen. Und, weil hier ein klassischer, packender Hexe-gegen-Kleinstadt-Kampf erzählt wird in den 30er Jahren. Mit der – überraschten, nichtsahnenden – Hexe als Heldin.

Einfacher, simmungsvoller Grusel für Leser*innen ab 12. Letzte Woche wurde überdie Verfilmung berichtet.

[Mehr Hexen? Ich freue mich auf „Sabrina“, „Providence“ und „Black Magick“]

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7. Injection (USA, britischer Autor)

Injection (USA, britischer Autor)

Autor: Warren Ellis, Zeichner: Declan Shalvey und Jordie Bellaire
Image Comics, Mai bis September 2015.
5 Hefte in einem Sammelband, pausiert gerade. Mindestens 5 weitere Hefte ab 13. Januar 2016.

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Auf den Comic-Bestenlisten vieler Männer, die sich für besonders „hart“ und „alternativ“ halten, stehen seit Jahrzehnten drei Namen: Garth Ennis, Mark Millar undWarren Ellis.

Von Ennis kenne ich nur eine zarte Superman-Geschichte aus „Hitman“. Von Millar das fast disneyhaft süße, nostalgische „Starlight“. Ellis mag ich seit seiner kindisch-wüsten Marvel-Parodie „Nextwave“. Aktuell schreibt er auch „Trees“, einen ambitioniert politischen, aber noch arg verzettelten Comic über die Frage, was aus Krieg, Macht, Ego wird, sobald die Menschheit sicher sein könnte, dass es fortschrittlichere Aliens gibt.

Dass in „Injection“ viel geschossen und gestorben, geflucht, gesoffen und geblutet wird, gehört wahrscheinlich zur Marke „Warren Ellis“. Noch mehr aber geht es ums Altern und Beten, Wandern und Meditieren, Hoffen und Resignieren. Fünf Wissenschaftler haben die Welt verändert, mit einer geheimen „Injektion“. Jetzt, Jahre später, zahlt die Welt den Preis – und ein Dana-Scully-Lookalike über 50 humpelt und flucht durch eine mystische Regierungsverschwörung.

Tolle Figuren, verquaste Esoterik: Bisher überzeugen mich Stil, Atmosphäre, Psychologie. Könnte aber schlimmer Märchen- und Pagan-Kitsch sein.

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6. The Fade Out (USA)

The Fade Out (USA)

Autor: Ed Brubaker, Zeichner: Sean Phillips
Image Comics, seit August 2014.
11+ Hefte in 2+ Sammelbänden, ist auf 15 Hefte/3 Sammelbände angelegt.

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Charlie Parish ist Drehbuchautor – heimlich: Er macht den Job, für den sein Alkoholikerkumpel Gil bezahlt wird. Bei einer Party stirbt Hauptdarstellerin Valeria Summers. Charlie verliebt sich in Maya Silver – den jungen Star, der sie ersetzen soll. Während viele Szenen neu gedreht, das Drehbuch ständig ausgebessert wird, versucht er, sich an die Mordnacht zu erinnern.

Ich liebe Ed Brubaker seit „Gotham Central“. Seit 15 Jahren erzählt er immer wieder gefeierte historische Noir-Dramen um Detektive und Killer. „Fatale“ brach ich schnell ab: Was als Krimi begann, wurde zu schnell von trashigen Lovecraft-Tentakelnerwürgt.

„The Fade Out“ bleibt den klassischen Farben, Motiven, Tricks des Krimi-Genres treu: Hollywood 1948. Kaputte Stars, Auf-, Absteiger. Bittere Geheimnisse. Verrat und Sünde. Ein glänzend recherchierter, toll gezeichneter Comic zweier Profis.

Nicht bahnbrechend, ambitioniert – aber stimmig, fesselnd, smart, detailverliebt… und wunderbar traurig.

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5. Jupiter’s Legacy / Jupiter’s Circle (USA, britischer Autor)

Jupiter's Legacy / Jupiter's Circle (USA, britischer Autor)

Autor: Mark Millar, Zeichner: Frank Quietly
Image Comics, seit April 2013.
Zweimal fünf Hefte (jeweils 1 Sammelband) sind geplant, die ersten 5 erschienen bis Anfang 2015. Danach, April bis September 2015, folgten 6 Hefte der Prequel-Serie „Jupiter’s Circle“. Hefte 6 bis 10 sind in Arbeit, haben aber noch kein Veröffentlichungsdatum.

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Wer selten Superheldencomics liest, stolpert bald über ein Gedankenspiel: Was, wenn Superman böse wäre? Oder ihn ein anderer Held, militanter und despotischer, töten und ersetzen könnte?

Superman-Fans – wie mir – stellt sich die Frage selten. Weil seit „Death & Return of Superman“ und „Kingdom Come“ vor über 20 Jahren fast jedes Jahr zwei, drei neue Was-wäre-wenn-Geschichten dazu dazu erscheinen: Die meisten bleiben seichte, pubertäre Dystopien – ohne politischen Biss, Erkenntniswert, Dramatik.

„Jupiter’s Legacy“ handelt von einer Gruppe Abenteurer, die 1932 auf einer verlassenen Insel Superkräfte erhielten. Seitdem behüten und gängeln sie die Menschheit. Als ihre Kinder – viele mit eigenen Kräften – rebellieren und die besonnenen Alten beseitigen, entsteht ein Polizei- und Überwachungsstaat.

Millars Geschichte ist simpel – aber wendungsreich, warmherzig, mit viel Liebe zu Figuren, die sich schnell und überraschend entwickeln. Der größte Gewinn aber sind die Zeichnungen von Frank Quitely: hübsch-hässlich-knittrig-simpel-detailverliebtes Gekrakel. Eine Welt, die an allen Rändern ausfranst, Falten wirft. Auch die Rückblenden in die 50er und 60er Jahre in der Ableger-Serie „Jupiter’s Circle“ machen Spaß.

Verbrauchtes Konzept, fesselnde Umsetzung: der schönste Mainstream-Superhelden-Schwanengesang des Jahres.

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4. Saga (USA)

Saga (USA)

Autor: Brian K. Vaughan, Zeichnerin: Fiona Staples
Image Comics, seit März 2012. Deutsch bei Cross Cult.
31+ Hefte in 6+ Sammelbänden, wird fortgesetzt, idealerweise noch mehrere Jahre.

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Brian K. Vaughan ist einer der klügsten Autoren, die ich kenne.

Doch er ist nicht so klug, wie er selbst denkt. Und deshalb sind seine politischen, kritischen, verbissen originellen Comic-Reihen oft nur halb so clever, rebellisch, überraschend, wie sie zu sein glauben (aktuell: der selbstverliebte, recht trashige USA-gegen-Kanada-Kriegscomic „We stand on Guard“).

„Saga“ stieß mich anfangs ab – weil es sich las, als glaube Vaughan wieder, ALLEN alles beweisen zu müssen: eine Space Opera voller Verfolgungsjagden, Verräter, Explosionen. Ein Liebespaar wie aus „Romeo und Julia“, gerade Eltern geworden. Raumschiffe aus Holz, die in Wäldern wachsen. Roboter-Monarchien. Robbenwesen, Spinnenwesen, Geister-Babysitter und ein Zyklop, der Kitschromane schreibt und aussieht wie Ernest Hemingway. Uff.

Unter dem verbissen originellen (aber toll gezeichneten!) postmodernen Mash-Up-Plunder geht es um Krieg und Elternschaft – und Weisheiten über den Kosmos und das Leben, die auch aus einer „Brigitte“-Kolumne stammen könnten.

Dass ich „Saga“ trotz dieser Ticks und Eitelkeiten nach über drei Jahren Mitfiebern und Lesen liebe, bemerkte ich vor drei Monaten: Ich las den offiziellen „Star Wars“-Comic. Und dachte: Was für eine fade, bemühte, abgeschmackte „Saga“-Kopie. [Im Ernst: Link!]

„Saga“ kann Space Opera im 21. Jahrhundert besser.

(…sage ich keine Woche vor der „Star Wars 7“-Premiere. Mal sehen, wer danach führt!)

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3. Sakamichi no Apollon (Japan)

Sakamichi no Apollon (Japan)

Autorin und Zeichnerin: Yuki Kodama
Shogakukan, 2007 bis 2012, keine deutsche Version.
50 monatliche Kapitel, gesammelt in 10 Sammelbänden (der letzte Band: Epilog), abgeschlossen.

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Im August las ich die ersten Seiten von über 150 Mangas – und merkte: Oft brauchen sie viel länger, um Stimmung und Ton zu treffen. Die Eröffnung bleibt meist unbeholfen. Überfrachtet.

Bei „Kids on the Slope“ (englischer Titel der Anime-Adaption) war ich nicht sicher, ob ich in einer schwulen Romanze stecke, einer Pennäler-Komödie im Retro-Look oder mitten im Kampf zweier ungleicher Schüler – ein verzärtelter Nerd, ein bettelarmer Raufbold – um das selbe Mädchen. Alle (männlichen) Figuren spielen in einer Jazzband. Doch Jazz-Exkurse bleiben nebensächlich.

Nein. „Sakamichi no Apollon“ (nur als Fan-Übersetzung online lesbar) ist die Geschichte einer (lebenslangen?) Freundschaft. Die späten 60er Jahre in der japanischen Provinz. Enge Rollenbilder. Armut. Der Mut, von etwas zu träumen. Zu jemandem zu stehen – behutsam inszeniert im simplen Retro-Zeichenstil.

Ein langsames, zärtliches, schlichtes Coming-of-Age – oft witzig und zum Heulen schön. Ohne große Abgründe, Effekte, Pomp.

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2. Lazarus (USA)

Lazarus (USA)

Autor: Greg Rucka, Zeichner: Michael Lark
Image Comics, seit Juli 2013.
21+ Hefte in 4+ Sammelbänden (ich kenne drei), wird fortgesetzt.

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Greg Rucka ist mein Lieblings-Comicautor – und „Lazarus“ hat, als vielleicht erste Rucka-Reihe, das Potenzial zum Mainstream-Erfolg. Eine TV-Serie ist in Planung:

Im späten 21. Jahrhundert wird die Welt von familiengeführten Konzernen beherrscht: neofeudale Clans, die ein paar Menschen als Leibeigene benutzen und versorgen (Kategorie „Serv“), den Rest aber in Reservaten und als Kleinbauern sterben lassen (Kategorie „Waste“).

Konflikte zwischen Familien werden in ritualisierten Kämpfen ausgetragen: Jeder Clan hat einen „Lazarus“, ein optimiertes (künstliches?) Wesen, das trainiert wurde, um Duelle auszutragen, Gegner einzuschüchtern und diplomatisch zu verhandeln. Die junge Forever ist Tochter und Lazarus des amerikanischen Carlyle-Clans. Während die Familie von allen Seiten attackiert wird, hinterfragt sie ihre Rolle als Waffe.

Rucka und Lark waren schon in „Gotham Central“ großartig. Eine leidenschaftliche, psychologisch stimmige Dystopie mit unvergesslichen Figuren. Harten Entscheidungen. Endlosen Dilemma. Dilemmas? Dilemmata?

Erwachsener als „Hunger Games“. Packender als „The Walking Dead“.

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1. I am a Hero (Japan)

I am a Hero (Japan)

Autor und Zeichner: Kengo Hanazawa
Shogakukan seit 2009, Deutsch bei Carlsen Comics.
200+ Kapitel in 18+ Sammelbänden, wird fortgesetzt.

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Die ersten 200 Seiten sind hart: Ein misogyner, phlegmatischer, recht dumpfer Manga-Assistent steckt im Alltag fest – und redet unsympathischen Stuss. Die nächsten 200 Seiten, Band 2, sind wirr: Passanten beißen sich gegenseitig, Zombies überrennen Tokio, alles bricht zusammen. Noch in Band 3 war mir nicht klar, ob ich einen Zombie-Thriller lese, über eine Zombie-Komödie und -Parodie lachen soll oder nur die Fehler einer verpeilten, passiven, selbstmitleidigen Hauptfigur zählen: eine Art „Girls“ oder „Louie“, ein Woody-Allen-Film… mit Zombies?

„I am a Hero“ ist langsam. Oft hässlich, unsympathisch, grotesk. Alle Figuren sind überfordert und distanziert. Nichts gelingt. Man schwimmt bis zu 800 Seiten am Stück mit neurotischen, fremden Menschen in stillen, bedrohlichen, verwirrenden Szenen – in denen jederzeit alles eskalieren kann.

Fotorealistisch gezeichnet. An vielen Stellen zum Schreien spannend. Ein toller Blick auf Alltagskultur, Moral, Ethos, Sexismus, Twenty- und Thirtysomething-Defekte, Versagensängste in Japan. Ein Freund las die ersten Bände und sagte „Ich sehe da nichts als Trash.“

Ich sehe: eine unerträgliche Figur in einer unerträglichen Geschichte – die mich begeistert, überfordert, angeekelt und beglückt hat wie keine andere Erzählung seit Jahren. Vergleichbar vielleicht mit „Geister“ von Lars von Trier. Aber eben: schleppend, langsam, viel richtungsloser.

Ich bin in Band 16. Ein Ende/Finale ist langsam absehbar (noch zwei, drei Jahre?).

Wenn es auf diesem Niveau endet, ist es ein Meisterwerk.

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Der Trailer zur “I am a Hero”-Verfilmung, 2016:

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…zu rasant, zu komödiantisch, zu locker, zu sommerlich:

Der Manga ist stiller und… verzweifelter. Aber die “Soll ich lachen, schreien, weinen?”-Stimmung die selbe. Der Hauptdarsteller passt perfekt.

#blogfragen: Alles über Buch- und Literaturblogs

blogfragen stefan mesch

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Die (immer gleichen) Debatten über Qualität und Selbstverständnis von Buch- und Literaturblogs verlieren – zum Glück – langsam an Schwung: Niemand, der online über Lesen und Bücher schreibt, muss sich dauernd neu erklären, entschuldigen, rechtfertigen.

Trotzdem habe ich viele Fragen an Rezensent*innen und Blogger*innen – und sammelte Ende September 2015 eine erste Runde: 15 #blogfragen zum Mitnehmen und Beantworten.

über 20 Buch- und Literaturblogs haben seitdem geantwortet:

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Chris Popp von Booknerds.de hat eine Liste mit „unbequemen, stachligen, kratzigen“ Fragen veröffentlicht. Ich habe hier (Link) geantwortet. Eva Maria Höreth hat einen Fragenkatalog an Autor*innen zusammengestellt. Auf ihrem Blog Steglitzmind stellt Gesine von Prittwitz schon seit Jahren Fragen an Blogger: Empfehlung!

Meine 50 Lieblings-Buch- und Literaturblogs habe ich im Juli hier gesammelt und verlinkt.

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blogfragen buchblogs stefan mesch

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Ich habe alle Antworten gelesen, wollte ein paar Lieblings-Statements sammeln und verlinken…

…und habe jetzt, in den letzten sechs Stunden, folgende (monströs lange!) Antwort-Collage montiert. Meine Fragen – und eine Reihe von Antworten, manchmal um einige Sätze gekürzt.

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01 Das Lieblingsbuch meiner Mutter:

Buchimpressionen: „Ob sie EINS hat, weiß ich nicht, auf jeden Fall liebt sie die Lyrik von Eva Strittmatter und stand mit der Schriftstellerin bis zu ihrem Tod in (hand)schriftlicher Verbindung.“

Zürcher Miszellen: „Wahrscheinlich ein 500-Seiten-Paperback, in dem jemand sein Gedächtnis verliert.“

Muromez: „Sie kann sich als Vielleserin nicht festlegen. Vielleicht eins von Iwan Bunin. Kein Konkretes. Meint sie. Wechsle ja ständig.“

Schlaue Eule: „Sie konnte sich nicht entscheiden und ihr sind immer mehr eingefallen! „Das besondere Gedächtnis der Rosa Masur“ – Vladimir Vertlib, „Glasperlenspiel“ – Hermann Hesse, „Der Fuchs war immer schon der Jäger“ – Herta Müller, „Eine liebevolle Sicht auf die Erde“ – Elisabeth Loibl.“

Buchkolumne, Karla Paul: „Wann schafft endlich mal jemand den Begriff „Lieblingsbuch“ ab? Wer kann sich denn für ein Buch entscheiden und warum müssen wir das eigentlich? Meiner Mutter geht es da wie mir und sie hat verschiedene Bücher gern gelesen – z.B. „Nicht ohne meine Tochter“ oder auch das von mir empfohlene „Drachenläufer“ von Khaled Hosseini sowie „Das karmesinrote Blütenblatt“ von Michel Faber. Sie versinkt gern in Geschichten, Schicksalen und lässt sich dann von fremden Erlebnissen, Charakteren umarmen.“

Denkzeiten: „Meine Mutter las keine Bücher, ging aber jede Woche mit mir in die Bibliothek – so hat sie mich quasi in die Sucht getrieben.“

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02 Das Lieblingsbuch meines Vaters:

Schöne Seiten: „Mein Vater liest alles, was im Haus herumliegt, die Bücher meiner Mutter und die, die ich ihm mitbringe. Vorzugsweise aber Spannungsliteratur. Und er sagt zu allem unterschiedslos: »Ja, war gut.« Er ist kein Mann der großen Worte. Nur Franzens „Unschuld“ fand er ein bisschen anstrengend und Wolf Haas gewöhnungsbedürftig. Ansonsten ist er jedoch leicht zufriedenzustellen.“

Lust auf Lesen, Jochen Kienbaum: „Mein Vater ist ein herzensguter, aber auch ein sehr rationaler Mann, ein Ingenieur, kein Mann der Worte. Die Kraft des Positiven Denkens von Norman Vincent Pearle war vor vielen Jahrzehnten sein Lieblingsbuch, damals vielleicht das einzige, das er wirklich mehr als einmal gelesen hat. Der Titel wurde zum geflügelten Wort in der Familie. Und wie eine Mahnung stand Vaters einziges Buch im Regal. Seit er Rentner ist liest er mehr, viel mehr, auch mit gesteigertem Genuss und gutem Lesegeschmack; gerne politische Sachbücher, Biographien, aber auch viel Belletristik.“

Denkzeiten: „Mein Vater las Zeitungen, jede, die er in die Hände kriegte. Bücher las auch er kaum. Er hatte aber eine ganze Reihe grüner Bücher (wir nannten sie nur „die grünen Bücher“) im Regal stehen mit dem Titel „Die Kulturgeschichte der Menschheit“. So lange ich denken kann, sagte er, dass er die dann mal lesen wolle, wenn er pensioniert sei. Das ist er nun seit bald 20 Jahren, gelesen hat er sie noch immer nicht (was ich nicht anders erwartet hatte 😉 ). Noch immer liebt er aber Zeitungen und Nachrichten, ist der wohl informierteste Mensch, den ich kenne, wenn es um das aktuelle Geschehen auf der Welt geht.“

Nur Lesen ist schöner: „Mein Vater liebt fränkische Krimis. Ich glaube, ihm gefällt dabei besonders der regionale Bezug der Geschichten. Sie sind für ihn viel greifbarer und authentischer. Er hat eben gern handfeste Beweise!“

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03 Ich führe einen typischen Buchblog, weil…

Zürcher Miszellen: „Ich schreibe keinen typischen Buchblog, eher einen Feuilleton-Blog, in dem auch Bücher besprochen werden. Als studierter Journalist, der gerade noch ausschliesslich mit klassischen Medien sozialisiert wurde, neige ich weiterhin auch eher zum klassischen Journalismus. Ich experimentiere aber auch mit freieren Textsorten.“

Lust auf Lesen, Jochen Kienbaum: „…ich eigentlich keinen typischen Buchblog führen möchte. Ich ziehe auch die Bezeichnung Literaturblog vor, weil mir das schärfer und präziser erscheint. Im tausendfachen Heer der Blogs steche ich dann aber doch nicht wirklich hervor. Manchmal bereitet mir das Sorgen, doch die werfe ich schnell über Bord. Dafür macht mir das Bloggen zu viel Spaß, selbst wenn es tausende Andere auch machen. Fußball spielen ja auch tausende Menschen, es ist und bleibt dasselbe Spiel und doch spielt es jeder anders und jeder entwickelt seine individuellen Techniken, seinen Stil, findet sein persönliches Vergnügen.“

Muromez: „…sich hier genügend Rezensionen finden lassen. Damit wird der Vorwurf unterstützt, dass Blogger im Prinzip nichts anderes machen als die professionellen Literaturkritiker (nur schlechter), die medialen Potentiale nicht erkennen und lediglich – und das auch noch vermehrt in der bösen Ich-Form – tippen. Verwerflich, dass ich die Form der Literaturkritik (insofern hier eine stattfindet und das ist eine andere Frage!) benutze und nicht weiterentwickle. Im Übrigen bezeichne ich Muromez als Literaturblog. Buchblogs sind für mich solche, die über wenig bis gar keine literaturkritische Gattungen verfügen, mehr mit Bildern (von Büchern) arbeiten. Zeigen, wie sich ihre Stapel ungelesener Bücher vergrößern, Gewinnspiele anbieten und so weiter.“

Reingelesen: „tue ich das? nö glaub nicht – angefangen hat es als Leseliste für mich selbst, früher eine Exceltabelle heute eben hier, allerdings lasse ich die Sachen, die mir nicht gefallen meistens weg und schreib nur über das, was ich mochte.“

Buchkolumne, Karla Paul: „… ich nicht anders kann? Ich bin damals über das Studium zum ersten Onlineprojekt rund um Literatur gekommen und stieß auf Tausende Leser, die sich im Internet über Bücher austauschen. Hier erreiche ich all die Bibliomaniacs, völlig unabhängig von Zeit und Ort und bekomme sofortige Rückmeldung auf meine Beiträge, Tweets, Statusupdates rund um die schönste Nebensache der Welt: Lesen. Auf meiner Webseite kann ich alles dazu versammeln, Buchtipps, Interviews und Kolumnen. Ob er typisch ist, das weiß ich nicht (was ist ein typischer Buchblog, Stefan?) – er wächst seit Jahren mit mir mit, ich baue ihn um, finde mal mehr und mal weniger Zeit dafür. Es ist mein digitales Zuhause.“

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04 Ich bin anders als die Blogs, die ich gern lese, weil…

Lust auf Lesen, Jochen Kienbaum: „… ich hinter meinem Blog stehe, mit meinen Leidenschaften, Vorlieben und Macken. Hinter den anderen Blogs stehen andere Menschen, mit ihren anderen Leidenschaften, Vorlieben und Macken. Deshalb sind wir alle irgendwie anders, selbst wenn wir über dieselben Bücher schreiben sollten.“

Buchimpressionen: „Vielleicht bin ich inhaltlich ein wenig minimalistischer als andere: keine Blogtouren, keine Lesevents, keine Verlosungen, keine Spielchen, kein Sub, keine Listen, was ich wann mal noch lesen will oder nie geschafft habe, zu lesen, weil…eben all das, was ich woanders auch nicht lese, weil es mich vom Wesentlichen ablenkt. Höchstwahrscheinlich bin ich auch nicht ganz so gut vernetzt wie andere, sehe das aber entspannt.“

Buchstäbliches: „Gerade bei jüngeren Buchbloggern sehe ich häufig sehr bunte Seiten, viele Fantasyromane und eine dynamische Startseite. Dies wollte ich so für mich nicht. Mein Blog hat eine statische Startseite, auf der ich Orientierung bieten möchte, phantastische Literatur bildet nur einen kleinen Teil meiner besprochenen Bücher und das Ganze ist auf jeden Fall sehr textlastig und ohne Bling-Bling.“

Silvia, Leckere Kekse: „…wir den Blog zu zweit machen und dadurch mehr Vielfalt in der Buchauswahl zeigen können. Ausserdem bringen wir noch andere Themen die uns bewegen. Zum Beispiel Kekse…“

Chris Popp: „…unser Ich multipel ist. Derzeit sind wir zu siebzehnt, mit unterschiedlichsten Interessen und Schwerpunkten. Wir legen uns weder auf Genres noch auf Medien fest. Wir schreiben über Bücher, über Hörbücher, über Filme, über Musik, über Serien, schreiben Kolumnen, haben Specials, machen Außenschalten. Und wir haben unseren eigenen Groove. Wir ticken anders. Wir betreiben kakophonen Medienhalbjournalismus. Wir sind awesome. Wir riechen gut und sind der gute Geschmack. Alle wollen uns. Wir nehmen uns nicht immer ernst.“

Muromez: „…der Fokus vermehrt auf osteuropäischer Literatur liegt und regelmäßig Klassiker näher gebracht werden, die sonst scheinbar niemand mehr liest oder über die niemand mehr schreibt/schreiben will. Amerikanische Werke werden hier zum Beispiel kaum behandelt. Auf Short-/Middle-/Long-/whatever-Lists habe ich genauso wenig Bock. Ein Marketing-Preis, den ich wenig bis kaum beachte und der mir nicht diktieren soll, was ich zu lesen habe, um up to date zu sein. Da verzichte ich und pflege lieber eine individuellere Auswahl, genieße meine Freiheit. Ansonsten findet sich hier viel Häftlingsliteratur (Nationalsozialismus, Stalinismus), gerne werden auch Werke behandelt, die von Süchten und Kriegen/Konflikten handeln.“

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05 Am Bloggen überrascht mich / beim Bloggen habe ich gelernt, dass…

Sophie Weigand: „…es einen Alltag und die Art, wie man Bücher liest und rezipiert, völlig verändern kann. Irgendwann kommt der Punkt, an dem man nicht nur gelegentlich mal irgendwas ins Internet schreibt und mal ein Buch liest, sondern das Ganze eine gewisse Ernsthaftigkeit bekommt. Man nimmt es dann auch ernster, stellt Ansprüche an sich, die man vorher nicht hatte.“

Lust auf Lesen, Jochen Kienbaum: „…es viel Zeit und Herzblut kostet. Ein Buch zu lesen ist eine Sache, darüber einen Text zu verfassen, eine andere. Sicher ist: Ich lese inzwischen etwas aufmerksamer, sammle und sortiere bereits bei der Lektüre Gedanken zum Buch. Allerdings: Wenn’s ans Schreiben geht, sind die meist schon wieder entfleucht. Texte, Besprechungen, Kurzkritiken zu formulieren ist harte Arbeit für mich und fordert mich extrem. Am Ende seufze ich oft: Das versteht jetzt niemand, das ist doch gequirlter Unsinn. Bloggen lehrt Demut und Präzision. An beidem mangelt es mir (noch).“

Norman R., Booknerds.de: „…die Resonanz meist nur an der Klickzahl des jeweiligen Beitrags erkennbar wird. Wir sprechen hier zwar von einem dreistelligen Bereich an Leserinnen und Lesern, aber Kommentare kommen dann doch meist nur bei den ohnehin strittigen Themen.“

Mokita: „Immer wieder lehren mich der Blog, das Internet und die direkten und indirekten Folgen für mich, dass selbst meine kleine Spielwiese hier die Leben anderer Menschen beeinflussen kann. Wenn ich sie dabei ein bisschen erfreuen, bereichern oder unterhalten kann, kann ich Gutes tun. Schön, nicht?“

Lust zu Lesen, Sonja Graus: „…sich das Lesen nachhaltig verändert, weil ich durch das Verfassen der Besprechungen noch sensibler und aufmerksamer mit dem Text umgehe. Man wird kritischer bei der Vorabauswahl und lernt durch die Vernetzung mit den anderen Blogs und der persönlichen Auseinandersetzung mit den anderen Meinungen die eigenen Einschätzungen noch mal zu hinterfragen. Überrascht hat mich die Geschwindigkeit, mit der neue Kontakte in sämtliche Bereiche des Literaturbetriebs entstehen.“

Guido Graf: „…mich, wie sonst auch, das am meisten interessiert, was ich nicht verstehe.“

A Million Pages: „Am Bloggen überrascht mich, wie sehr es mich entspannt. Ich konnte mir angesichts meines hektischen Jobs zu Beginn gar nicht vorstellen, dass ich für dieses Hobby viel Zeit erübrigen kann, aber es funktioniert – ganz einfach, weil es Spaß macht und einen guten Ausgleich bietet.“

Buchstäbliches: „…viel Schreiben zu besseren Texten führt. Wenn ich meine ersten Rezensionen lese (die eigentlich ja noch gar nicht so alt sind), juckt es manchmal sehr in meinen Fingern und ich würde sie am liebsten komplett umformulieren. Mache ich aber nicht, weil ein Blog auch sehr schön eine persönliche Entwicklung aufzeigen kann. Die Artikel sind schließlich ein Teil von mir, meine Vergangenheit gehört dazu. Außerdem habe ich gelernt, geduldig zu sein, es dauert, bis man Leser gewinnt und manche Artikel, in die ich sehr viel Energie gesteckt habe, interessieren immer noch niemanden. Damit umzugehen ist ein Lernprozess und klappt nicht immer.“

Muromez: „…ich auch einfach mal auf Veröffentlichen drücken muss, statt weiter stundenlang zu redigieren, herumzudoktern und zu verändern – irgendwann ist gut. Ich verdiene keinen Krümel damit. Es ist nicht mein Lebenswerk, mehr ein sinnvolles Hobby, ein Trainingsplatz und ein Gedankensortiergerät, das gleichzeitig einem persönlichen Literatur-Archiv gleicht. Ehrgeiz ist förderlich, hemmt manchmal aber dennoch.“

Chris Popp: „Überrascht hat mich die Dynamik der Bloggerszene und die beeindruckende Möglichkeit des Netzwerkens. Wenig Konkurrenzdenken, viel Gemeinschaftsdenken. Und wenn Konkurrenz, dann auf eine freundschaftliche, neidlose Art. Auch überrascht hat mich, dass so manche Künstler, Verlage oder was auch immer auf uns zukommen, von denen ich es niemals gedacht hätte. Auch habe ich gelernt, dass man sehr schnell instrumentalisiert und als Werbemultiplikator benutzt werden kann. Da bin ich doch sehr vorsichtig geworden, zuweilen kommt da auch der Zickerich in mir durch.“

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06 Helfen Amazon-Rezensionen? Wobei? Wie?

Literaturina: „Ich lese keine Rezensionen auf Amazon (ups). Nur der Score auf Goodreads lässt mich manchmal aufhorchen. Dort sind die Rezensionen allerdings oft mit Spoilern aller Art gespickt, so dass ein Reinlesen einem Marsch durch ein Minenfeld gleichkommt.“

Astrid, Leckere Kekse: „Nein, mir nicht! Ich kenne die Personen nicht, die sich dahinter verbergen, es ist sehr anonym und immer häufiger vermute ich hinter den Rezensenten Profischreiber. Bücher kaufe ich immer in einer Buchhandlung.“

Chris Popp, Booknerds.de: „Den Oberflächlichen, den ‚Sternenguckern‘, helfen sie in Fastfood-Manier, der Masse zu glauben. Da wird nicht nachgeschaut, was am Buch beziehungsweise am Artikel gut oder schlecht ist, sondern entschieden: „Oh, hat viereinhalb Sterne, muss gut sein, wird gekauft!“. Als ich noch einen Amazon-Account hatte, habe ich eine Kurzversion meiner Rezensionen zu diversen Titeln eingestellt – und musste feststellen, dass die Texte wohl kaum gelesen werden, wenn Du nicht einer der allerallerallerersten Verfasser bist. Es steht in keiner Relation zum Aufwand. […] Ganz schlimm ist die Mauschelei unter diversen Selfpublishing-Autoren, die sich sogar in Facebookgruppen organisieren, um sich gegenseitig mit 5-Sterne-Bewertungen zu pushen.“

Muromez: „Zumindest schaden sie nicht, wenn sie einige mehr Sätze enthalten und über gut, schlechtherzzerreißend oder todtraurig hinausgehen. Mir helfen sie vor allem zu erkennen, ob ein Werk überhaupt aufgenommen und gekauft wird. Bei null Bewertungen tendiere ich dazu, zu behaupten, dass dieses Werk nur wenige Leser hat. Ist das (eigentlich) so?“

Guido Graf: „Sie helfen Amazon.“

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07 Hilft Literaturkritik in Zeitungen und Magazinen? Wobei? Wie?

Zürcher Miszellen: „Ja. Dort schreiben kluge Köpfe, die sich irgendwann und oft zurecht durchgesetzt haben. Wer Literaturkritik als Beruf betreibt, schreibt oft anders und mit mehr Erfahrung als ein Blogger, der in seiner Freizeit schreibt (mich nicht ausgenommen).“

Norman R., Booknerds.de: „In meinem Alltag spielen Kritiken eine große Rolle, weil sie im besten Fall die Augen öffnen und Denkanstöße geben oder zumindest eine grobe Richtung anzeigen, was ich von etwas zu erwarten habe. Dazu gehört allerdings, dass die Kritik in einen Kontext eingebettet wird. Welche Zielgruppe soll angesprochen werden? Wofür steht der Rezensent? Was sagen die anderen? Dann kann Kritik ein hilfreicher Begleiter sein, aber kein Helfer, der einem die Arbeit abnimmt.“

Lust zu Lesen, Sonja Graus: „Sie kann helfen. Dabei, sich einem Buch mal aus einer völlig anderen Perspektive zu nähern. Ich schätze an den Kritiken im Feuilleton vor allem die, in denen dem Autor, seinem Lebenshintergrund und der Entstehungsgeschichte entsprechend Platz eingeräumt wird. Dadurch kann sich die Sicht auf den Text verschieben und ein neues, anderes Lese-Erleben entstehen.“

Buchimpressionen: „Lese ich sehr selten (am ehesten noch „Perlentaucher“), für mich ist das Randinfo und meist nicht hilfreich. Ich denke, da werden Bücher aus einem anderen Blickwinkel betrachtet, als ich ihn habe. Ich habe keinen hyperintellektuellen Anspruch und muss ein Buch nicht en detail tot analysieren, für mich ist Lesen immer noch zu einem großen Teil Entspannung, das Verlassen des Alltags, Eintauchen in andere Welten. Das darf mich gerne unterhalten und muss mich nicht permanent zu geistigen Höchstleistungen herausfordern.“

Silvia, Leckere Kekse: „Bei manchen Kritikern weiß ich auch: Wenn der das Buch lobt, ist es nichts für mich.“

Chris Popp: „Es kommt ganz darauf an. Hochgestochene Feuilletonschreibe und hochnäsigen Magazinschrieb mag ich gar nicht, und der hilft zumindest mir nicht. Selbiges gilt für schlichtweg schlechte Literaturkritik – die ist gedruckt auch nicht besser, nur weil sie auf Papier ist. Aber wenn Literaturkritik bodenständig, ehrlich und mit Herzblut geschrieben ist, ist sie doch sehr hilfreich – in puncto literarischer Selbstfindung. Wobei mir da weniger um Kauftipps geht, sondern um einen – wenn auch einseitigen – Austausch. Mich interessiert die Meinung einfach.“

Muromez: „Schöne Frage. Ich schreibe gerade an meiner Master-Arbeit zu diesem Thema und könnte jetzt ganz, ganz weit ausholen. Dabei will ich das Verhältnis von Literaturbloggern und professionellen Literaturkritikern herausstellen und zeigen, welche Funktionen beide Parteien haben und ob sie nebeneinander ergänzend existieren können oder im Haifischbecken Literaturbetrieb schwimmen. Und können beide sogar voneinander profitieren, ist das vorzustellen? Um es kürzer zu machen: Wenn die Literaturkritik, die zweifelsohne Platz und Zeilen im Gegensatz zu Literaturtipps benötigt, eine Orientierungs- sowie Informationsfunktion einnimmt und gleichzeitig als Entscheidungshilfe agiert, kann sie helfen. Wobei? Ich glaube, es war Adorno, der gesagt hat, dass Kunstwerke zu ihrer Entfaltung auf Interpretation, Kritik und Kommentare angewiesen sind. Mich muss professionelle Literaturkritik überraschen und sie muss von Expertise geprägt sein. Ich will daraus etwas entnehmen, was mir nach der Lektüre bisher noch nicht bewusst war und damit meine ich nicht den Inhalt oder die Biografie des Autors. Es muss Klick machen, ein Aha-Erlebnis muss sich formen.“

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08 Helfen Blogs? Wobei? Wie? Wem?

Schlaue Eule: „Ja, ich finde schon. Blogger sind wie du und ich.  Wir lesen alles, nicht nur Literatur. Wir sind glaube ich mehr zugänglich als Rezensionen in einer Zeitung.“

Lust zu Lesen, Sonja Graus: „Wenn ich über längere Zeit einem Blog folge, kann ich seinen Verfasser einschätzen, kenne seine Interessen und Schwerpunkte und weiß seine Besprechungen zu deuten. Das muss nicht automatisch heißen, dass ich nur den gerne lese, der sich mit meinen Vorlieben deckt.“

Buchimpressionen: „Sie helfen, Informationen zu bekommen, die mir ein Verkaufsportal nicht bietet. Blogs sind bunt und so verschieden, dass für Jeden etwas dabei ist: der Eine mag es strukturiert, der Andere eher chaotisch mit viel Bling-Bling. Ich hab die Möglichkeit, schnell das zu finden, was mir persönlich liegt und für mich das heraus zu ziehen, was für mich wichtig ist. Unabhängige Blogger sind zum Großteil mit Herzblut bei der Sache und haben kein wirtschaftliches Interesse, von daher messe ich ihren Meinungen eine beachtenswerte Bedeutung bei.“

Chris Popp, Booknerds.de: „Blogs helfen, weil man innerhalb kürzester Zeit unzählige Informationen und Meinungen zu einem Buch lesen kann, man muss nur etwas googlen und sich durchklicken. Die unglaublich unterschiedlichen Schreibstile und Gedankengänge helfen einem dabei, „Seelenverwandte“ zu finden – das ist im Virtuellen um einiges einfacher. Jede „Leserschicht“ hat ihre eigenen Anlaufstellen. Blogs helfen aber auch den finanziell nicht so gut betuchten Menschen, die sich nicht ständig Zeitungen und Literaturmagazine kaufen können.“

Zürcher Miszellen: „Ich hatte die Hoffnung, dass man viele kunst- und literaturinteressierte Leser findet. Bisher habe ich vor allem kunst- und literaturinteressierte Schreiber gefunden. Blogger lesen Blogger. Und vielleicht sollte ich Frisch zitieren: Schreiben heisst: sich selber lesen.“

Buchkolumne, Karla Paul: „Ich mache zwischen der klassischen Literaturkritik und Buchblogs keinen Unterschied – verschiedene Medien und Autoren schreiben über Literatur und ich setze mir über das Internet meine Auswahl als Filterbubble zusammen. Die oft sehr persönlichen Empfehlungen der Blogger sind dabei ebenso wichtig wie die meist sachlicheren Bewertungen der Literaturkritik und beide für mich als Leserin gleichwertig notwendig für die tägliche Entscheidung für oder gegen ein Buch. Zudem sind die Menschen hinter den Blogs inzwischen zum größten Teil zu persönlichen Freunden geworden und der Austausch geht weit über die Bücher hinaus. Ein Punkt mehr für das „sozial“ in „soziale Netzwerke“.“

Norman R., Booknerds.de: „Blogs können dabei helfen, die Meinungsbreite zu erhöhen. Gerade heutzutage wird das immer wichtiger, weil im Kulturbereich generell und damit auch im Kulturjournalismus immer weniger Geld vorhanden ist. Kaum jemand kann heute noch ausschließlich davon leben, und wenn doch, muss er sich mit Arbeit überhäufen. Es liegt die Vermutung nahe, dass Kulturgüter dadurch immer oberflächlicher und schematischer oder aber viel zu überschwänglich und im Konsens analysiert werden. Blogger haben in der Hinsicht die besseren Karten, weil sie ihre Freizeit und damit eher ihr Herzblut investieren und sich etwas mehr Zeit nehmen können als die professionellen Kollegen. Allerdings glaube ich, dass es sowohl Profis als auch „Amateure“ geben muss, damit die Varianz und die Breite der Meinungen erhalten bleibt. Die Frage wird nur sein, ob wir genug für den Erhalt unserer Kulturlandschaft tun, die uns doch eigentlich so am Herzen liegt.“

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09 Wahr oder falsch: “Ich blogge vor allem, weil ich mich über Bücher austauschen will und im persönlichen Umfeld nicht genug Menschen habe, mit denen ich das könnte.”

aus.gelesen: „falsch. ich blogge, damit ich auch in zwei jahren noch weiß, was in dem buch stand und was mich interessierte daran. der austausch über bücher ist ein (sehr) angenehmer nebeneffekt, wobei diskussionen auf meinem blog eher selten sind.“

Dominik Nüse-Lorenz, Booknerds.de: „Es gibt in meinem direkten Umfeld Menschen, mit denen ich mich über Literatur austauschen kann – doch aufgeschrieben, ausformuliert und vielleicht auch etwas tiefergehender analysiert, ist der Blog für mich das ideale Medium.“

Buchkolumne, Karla Paul: „Das war der ursprüngliche Grund, weshalb ich mit dem Bloggen angefangen habe. Oft werden Witze über die Nerds gemacht, die tage- und wochenlang nur mit Büchern im Bett liegen und alles um sich herum vergessen und mit mehr Charakteren als normalen Menschen befreundet sind. Hello, that’s me! So bin ich aufgewachsen und deswegen war das Internet mit all seinen Möglichkeiten der kurzfristigen Vernetzung eine wahre Entdeckung. Seit vielen Jahren lebe und arbeite ich in der Literaturbranche und inzwischen hat es sich umgedreht – ich kenne eigentlich kaum mehr Menschen, die nicht irgendwie etwas mit Büchern zu tun haben. Aber dieser Büchernerd, der bleibt man im Herzen trotzdem und so brauche ich regelmässig meine Wochenenden ohne menschliche Kontakte, tief vergraben in Texten!“

Nur Lesen ist schöner: „Falsch. Ich blogge, weil ich mich mit so vielen Menschen wie möglich über Bücher austauschen möchte. Ich möchte Leidenschaft entflammen und Bücherempfehlungen in die Welt streuen. Ich möchte Büchern, Autoren und Verlage zu mehr Aufmerksamkeit verhelfen und mit ihnen die Liebe zur Literatur feiern. Da sind genügend Menschen in meinem Umfeld, mit denen ich mich über Bücher austauschen kann. Ich lebe die Devise: Je mehr, umso besser.“

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10 Mein persönlicher Geschmack und meine Prinzipien beim Lesen und Bewerten:

Der Buchbube: „Da Lesen für mich ausschließlich eine Freizeitbeschäftigung darstellt, verfolge ich nur ein einziges Prinzip (dieses aber sehr konsequent): Das, was ich lese, darf mich nicht langweilen.“

Sophie Weigand, Literaturen: „Ich schätze gute und besondere Sprache, die für mich irgendwo zwischen zu opulent (Thomas Wolfe!) und zu karg liegt. Ich mag’s poetisch, aber nicht pathetisch. Mir gefällt es, wenn Literatur mir entweder eine Welt zeigt, die ich nicht kenne oder die Welt, die ich zu kennen glaube, auf eine ganz neue Art (wie im Augenblick Clemens J. Setz!). Wenn sie aktuelle Themen aufgreift. Wenn sie das Allgemeine im Besonderen sichtbar macht und das Besondere im Allgemeinen. […] Je mehr man liest, desto besser kann man Bücher einschätzen, desto besser weiß man, welcher Verlag für was steht und in welche Richtung ein Buch geht. Ob es bloß Trends aufgreift, ein Aufguss von irgendwas anderem ist oder einen eigenen Ton entwickelt.“

A Million Pages: „Ich lese quer durch alle Genres, stelle aber prinzipiell nur die Bücher vor, die mich begeistert haben. Wenn mir ein Roman absolut nicht gefällt, halte ich es für vertane Zeit, ihn vorzustellen und aufzuzeigen, warum er mir nicht zusagt.“

Guido Graf: „Es muss weh tun.“

Lust auf Lesen, Jochen Kienbaum: „Ein Buch darf alles; nur nicht langweilen. Langeweile ist tödlich. Ein Roman kann anstrengend sein, schwierig, komplex, er darf mich fordern, ja sogar überfordern, aber ebenso gut auch einfach nur unterhaltsam sein. In jedem Fall muss er etwas anschlagen in meinem Inneren, etwas zum Klingen bringen, meine Gedanken auf Reisen schicken. Lesen bedeutet für mich, eintauchen zu können in fremde Welten, neue Lebens- und Denkbilder entdecken zu dürfen und meinen Horizont zu weiten. Ein besondere Vorliebe hege ich für die „dicken Dinger“, Bücher, in denen mich die Autoren auf mehr als tausend Seiten in hochkomplexe Geschichten verwickeln. Das können und dürfen auch sehr intellektuelle und abgehobene Bücher sein, solche von denen behauptet wird, sie seien eigentlich unlesbar, total verkopft oder ohne wirkliche Handlung. Nur langweilen, das dürfen sie mich nicht. Wenn ich über Bücher schreibe, auch über die komplexen und herausfordernden, dann möchte ich Neugier wecken, nicht belehren. Ich möchte auf ein Buch zeigen und sagen: Seht her das gibt es, mir gefällt das, versucht es auch einmal, egal ob sofort oder später. Bei der Bewertung von Literatur verlasse ich mich auf meine Intuition, meinen Geschmack und einige Werkzeuge, mit denen ich im Literaturstudium gelernt habe umzugehen.“

Muromez: „»Scheiße, warum bin ich schon am Ende angelangt?«, wenn sich dieser Gedanke festigt, ist ein Buch auf jeden Fall gelungen und kann was. Das muss nicht immer vorkommen, aber Bücher dürfen mich nicht quälen. Damit meine ich nicht, dass sie keinen Anspruch haben sollen, nein. Schwere Kost und komplex darf es ganz im Gegenteil sein, aber sie müssen mich anlächeln und gleichzeitig kein Muss verursachen. Ich muss mich mit dem Stoff anfreunden können, sprachlich, stilistisch, ästhetisch, Logik schätze ich dabei. Ein Buch muss mich weiterbringen, sonst hat es den Zweck verfehlt, und dann auch noch unterhalten. Ich muss entdecken können, worauf der Verfasser hinaus will, was er der Welt und mir als Empfänger senden möchte. Die Prinzipien können beim Lesen und Bewerten immer variieren. Ein Debüt hat z.B. einen Sonderstatus und darf vorsichtiger angefasst werden als ein hochgelobter und etablierter Verfasser.“

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11 Wer liest mich? Habe ich eine Zielgruppe?

Zürcher Miszellen: „Gute Frage. Meine Wunschzielgruppe ist der NZZ-Feuilleton-Leser, die SZ-Feuilleton-Leserin, der/die das Internet entdeckt – und dann mich und meinen Blog. Diese Zielgruppe ist noch relativ klein, darum bin ich auf der Suche nach weiteren.“

Chris Popp, Booknerds.de: „Laut der Liste der Facebook-Liker*innen sind 70% der Leser weiblich, wobei 50% unserer „Leserschaft“ Frauen zwischen 25 und 54 Jahre alt sind. Schade ist das irgendwie, da dies das Klischee der nicht lesenden Männer doch beinahe bis zum Platzen füttert. Ich will das nicht so ganz glauben. Ich denke generell, dass uns die lesen, die qualitativ gute Artikel lesen möchten und nicht viel von Mainstream halten.“

Reingelesen: „mmh das wüsste ich auch gern, vor allem, da sich so viele der Follower nicht äußern, kann ich das schlecht einschätzen.“.

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12 Habe ich Vorbilder?

Schöne Seiten: „Uwe Wittstocks Die Büchersäufer mit der schönen Kolumne »Buch & Bar«. Oder die Wilmvorlesungen von Jan Wilm, wo monatlich je zwei Bücher gemeinsam besprochen werden – stets ein älteres im Paartanz mit einem neueren.“

Lust zu Lesen, Sonja Graus: „Jetzt oute ich mich mal: Ja, definitiv! Und zwar den Literaturblog Günter Keil. Mir sind viele Besprechungen schlichtweg zu lang, verraten zu viel, auch wenn sie ansonsten richtig, richtig gut sind und ich auch die Blogger dahinter sehr schätze. Wenn ich alle Namen der Protagonisten schon kenne, sämtliche Besonderheiten und die meisten Handlungsstränge – warum soll ich das Buch dann noch lesen? Günter Keil bringt es immer fertig, in ein paar Sätzen alles Wichtige unterzubringen, seine Meinung dazu durchschimmern zu lassen und noch Lust auf das Buch zu machen – oder eben auch nicht. Da denke ich dann immer „Yesss, so muss das!“.“

Denkzeiten: „Nein. Ich hatte nie Vorbilder oder Idole. Verehrte auch nie Schriftsteller oder Stars. Ich achte die Arbeit, das Können, finde die Menschen vielleicht spannend, aber: kein Vorbild.“

Buchkolumne, Karla Paul: „Nein. Ich sammel mir im Alltag gute Eigenschaften von tollen Menschen, die mir nahe sind. Von Freundinnen, Geschäftskollegen, von Autoren oder beeindruckenden Dokumentationen. Ich versuche mir von jeder Begegnung und Erfahrung etwas Positives mitzunehmen und all dies fließt natürlich auch in meine Blogarbeit ein. Ich schätze viele Blogger- und Journalistenkollegen, habe aber keine festen Vorbilder.“

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13 Welche Ratschläge würde ich meinem früheren Lese-Ich geben? Kann man lernen, Bücher besser auszusuchen, zu entdecken und zu genießen? Wie?

aus.gelesen: „offen bleiben. die fähigkeit behalten, sich überraschen zu lassen. Bereit sein, ein buch auch wieder ungelesen oder nur angelesen, wegzulegen.“

Literaturina: „Suche dir Leute, die einen ähnlichen Geschmack haben wie du. Vertraue auf ihre Wahrnehmung. Lass dich zu anderen Genre überreden. Lese Bücher, von denen du immer dachtest, du würdest sie nie anfassen. „

Schöne Seiten: „Früher, als Jugendliche und zu Beginn meines Studiums, habe ich Bücher wahllos gekauft und gelesen, ich hatte keine Kriterien und keine Orte, wo ich mich informieren konnte. Inzwischen wähle ich sehr sorgfältig aus, scanne zunächst die Verlagsvorschauen und warte dann die Kritiken ab. Zudem kaufe ich oft nicht sofort bei Erscheinen, sondern mit ein paar Monaten oder gar Jahren Abstand, vieles erledigt sich dadurch von selbst, weil ich das Interesse verloren habe.“

Flying Thoughts: „Kommt drauf an, wie alt mein früheres Lese-Ich ist. Dank des Internets ist es ja noch einfacher geworden, Bücher zu entdecken. Als wir noch keins hatten oder ich das nicht so genutzt habe, wie heute, bin ich in die Buchhandlung gegangen. Etwas, was ich zwar heute auch noch mache, aber wahrscheinlich sind die Besuche eher anders. Dann nehme ich mir ein englisches Buch in die Hand, sehe den Preis und denke mir „Bei Amazon ist das günstiger“.“

A Million Pages: „Mein früheres Lese-Ich hat im Studium streng nach Literaturkanon – Klassiker aller Epochen – gelesen. Zeit für spontane Lektüre hatte ich kaum. Heute suche ich nach für mich interessanten Büchern zwar oft im Internet, aber so richtig Spaß macht es mir, entweder in einer großen Buchhandlung oder auch in einem kleinen traditionellen Buchladen ganz entspannt nach Büchern zu stöbern. Ich glaube im übrigen nicht, dass man lernen kann, Bücher besser auszusuchen, da man sie zumeist nach Interessenlage bzw. nach sehr individuellen Kriterien (manchmal sogar nur nach dem Cover) auswählt. Auf Klappentexte verlasse ich mich nicht mehr allzu sehr, denn es ist mir schon oft passiert, dass ich nach Lektüre eines Romans dachte, dass der Verfasser des Klappentextes das Buch wohl nicht gelesen hat.“

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14 “Verlage brauchen mich für PR. Sie brauchen mich mehr, als ich sie brauche” …oder “Toll! Autoren und Presseabteilungen suchen Kontakt und bieten mir Bücher an. Was für ein Glück!” Was überwiegt?

Schlaue Eule: „Eher das zweite. Ich finde es toll, Vertrauen geschenkt zu bekommen und Bücher zu lesen, auf die ich sonst vielleicht länger warten hätte müssen. Natürlich mache ich eine Art von PR, aber ich sage trotzdem noch meine ehrliche Meinung!“

Buchstäbliches: „Letzteres. Ich denke nicht, dass PR-Agenturen und Verlage gerade mich brauchen, es gibt genug andere Blogs mit viel größerer Reichweite. Umso mehr freue ich mich, wenn ich von Menschen angesprochen werde, die möchten, dass ich ihr Werk rezensiere, gibt es mir doch ein bisschen das Gefühl, dass es richtig ist, was ich mache.“

Sophie Weigand, Literaturen: „Ich freue mich immer über Verlagskontakte, bin aber auch nicht so blauäugig zu vergessen, dass das nicht aus reiner Mildtätigkeit geschieht, sondern weil entsprechende Interessen dahinterstehen. Dass diese Interessen da sind, sehe ich aber nicht als problematisch, so lange man sich ihrer bewusst ist. Auch Blogger haben schließlich Interessen: Kontakte, Vernetzung, Steigerung der Reichweite usw. Im besten Fall haben alle was davon und wissen darum. Nicht die Interessen sind schwierig, sondern womöglich unausgesprochene oder eingebildete Erwartungen, die damit einhergehen.“

Chris Popp: „Mir ging es viele Jahre finanziell dreckigst. Hätte ich nicht wenigstens Rezensionsexemplare in Buch-, Film- oder Musikform bekommen, die ich stets gewissenhaft und so professionell wie möglich rezensiert habe, wäre ich kulturell verkümmert – so war ich gerade in diesen schwierigen Jahren wenigstens ein wenig näher am Puls der Zeit. Dafür bin ich den Verlagen und Labels unendlich dankbar – ich versuche immer, möglichst viel zurückzugeben. Selbst negative Kritiken möchte ich stets so gut und fundiert wie möglich schreiben. Man stellt mir etwas zur Verfügung, und dies behandele ich immer mit Respekt. Heute verdiene ich endlich wieder ausreichend Geld, um mir Bücher und Musik auch kaufen zu können, und meine Sammlung ist ein guter Mix aus Rezensions- und Kaufexemplaren. Ein schlechtes Gewissen habe ich trotzdem nicht – denn es ist nach wie vor auch eine Form der Arbeit – wenngleich sie in Hobbyform betrieben wird.“

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15 Was soll sich tun in meinem Blog und in meinem Leser-/Schreiber-Leben in den nächsten fünf Jahren:

Buchimpressionen: „Gute Frage. Da ich den Blog hobbymäßig betreibe und kein Berufsblogger bin, kann ich mich treiben lassen. Vom Zeitgeist, von persönlichen Vorlieben, vom Spieltrieb bei den technischen Möglichkeiten von WordPress, ich bin da sehr entspannt. Das ein oder andere unausgegorene Projekt geistert schon durch meinen Kopf (Stichwort „Indie“), momentan aber nichts Konkretes.“

Buchkolumne, Karla Paul: „Hoffentlich so viel, dass ich es mir jetzt noch nicht einmal wünschen kann. Im letzten Jahrzehnt hat sich jährlich jeweils sehr viel getan und ich hätte vorher nie gewagt oder gedacht, dass es so kommt, wie es dann kam. Dies hat mich gelehrt, dass ich weniger wünsche und einfach mehr mache und auf mich vertraue. Ich kann hoffentlich weiterhin alle Literaturprojekte gestalten, die mir in den Kopf kommen und damit möglichst viele Leser erreichen. Ich werde in den kommenden fünf Jahren mein erstes Buch veröffentlichen und hoffentlich auch noch ein zweites und drittes. Ich werde eine große Lesereise machen und hauptberuflich einige Digitalprojekte rund ums Buch umsetzen. Ich werde weiterhin möglichst viele Netzwerke für Literatur entdecken und erobern. Ich werde in fünf Jahren hoffentlich immer noch hier schreiben und dann rückblickend sagen – das war verrückt, fabelhaft, großartig – weitermachen!“

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Bei wieviel Prozent der Bücher, die ich gelesen habe, denke ich danach: Mist. Ich wünschte, ich hätte das nie gelesen…? Steigt oder fällt diese Prozentzahl, Jahr für Jahr? Warum?

Der Buchbube: „Bei Büchern niemals, bei Kommentaren in den Sozialen Netzwerken dagegen immer.“

Zürcher Miszellen: „Weniger als ein Prozent. Auch das Lesen von schlechten Büchern bringt einen weiter und naja: Es ist immer leichter, einen Verriss zu schreiben als ein fundiertes Lob, das wissen wir ja alle.“

Chris Popp, Booknerds.de: „Uff. Zwei Prozent?!? Es gibt wirklich kaum Bücher, die ich wirklich für Zeitverschwendung gehalten habe. Geändert hat sich in all den Jahren nichts. Klar, es ist immer mal wieder ein Buch dabei, bei dem ich denke: „Der arme Baum…“, aber offenbar habe ich bei der Auswahl der Bücher, die ich lesen möchte, recht viel Glück. Oder habe andere Ansprüche. Oder andere Maßstäbe. Ich weiß es nicht wirklich.“

Nur Lesen ist schöner: „Es kommt wirklich selten vor, dass ich denke, „Ich wünschte, ich hätte das nie gelesen“, aber am Ende des Jahres sind es schätzungsweise 30 % der Bücher, deren Geschichten zwar nett waren, mich aber nicht vom Hocker gehauen haben.“

Muromez: „Die Prozentzahl sinkt durch eine gründlichere Vorbereitung. Warm machen! Anlesen, prüfen, vorfühlen, vergleichen! Mit einer voranschreitenden Kompetenz verfliegt der Mist danach. Das hat auch damit zu tun, dass man lernen muss, häufiger Nein zu sagen.“

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Bonusfragen:

Ein Buch, das fast niemand mag – aber das ich liebe: [warum?]

Nur Lesen ist schöner: „„Tiere essen“ von Jonathan Safran Foer. Viele Menschen finden es eklig, die vielen erschreckenden Details aus der Lebensmittelindustrie zu erfahren, mich haben sie fasziniert und ungemein bereichert. Auch wenn ich immer noch gern Fleisch esse, lege ich heute viel mehr Wert auf die Herkunft des Tieres und eine artgerechte Haltung.“

Denkzeiten: „Alles von Thomas Mann… weil ich ihn halt mag.“

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Ein Buch, das fast alle mögen – aber das mich wütend oder ratlos macht: [warum?]

Chris Popp, Booknerds.de: „Ohne zu zögern: „Der Fänger im Roggen“ von J. D. Salinger. Selten ein langweiligeres, nichtssagenderes, blöderes, deprimierenderes und überbewertetes, nervtötendes Buch gelesen. Und DAS soll zahllose Autoren inspiriert haben? An DAS soll Herrndorfs „tschick“ erinnern? Was soll „Der Fänger im Roggen“ denn bitteschön an sich haben, was so fasziniert? Was tun mir die Bäume leid…“

Guido Graf: „Francois Julien: Über die Wirksamkeit“

Buchkolumne, Karla Paul: „Davon gibt es sehr viele – angefangen mit der Schulpflichtlektüre „Die Blechtrommel“ von Günter Grass bis hin zu sämtlichen Romanen von David Safier oder Kerstin Gier, Richard David Precht … Alle paar Wochen stoße ich auf von Anderen so geliebte Bücher und finde selbst keinen Zugang. Deswegen sind die Bücher nicht schlecht, nur eben nicht für mich geschrieben. Viele Leser sollten das vielleicht weniger persönlich nehmen. Manchmal verstehe ich nicht, was sich der Autor dabei gedacht hat und ab und an bin ich ein bisschen angefressen, wenn er/sie es für mein Gefühl schlichtweg hätte besser schreiben können.  Ich freue mich, wenn sich andere dafür begeistern und deswegen ist mir die Zeit auch zu kurz für Adjektive wie „wütend“ oder „ratlos“.“

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Ein Buch, das ich bekannter gemacht habe:

Nur Lesen ist schöner: „„Lieblingsmomente“ von Adriana Popescu, weil es wie eine berauschende Fahrt mit der Gefühlsachterbahn ist und es mich so unfassbar glücklich gemacht hat. Meine Ausgabe ging allein durch sechs Hände, und hat sogar einen anderen Kontinent bereist. Jeder einzelne Leser hat es mir mit einem Lächeln zurückgegeben.“

Denkzeiten: „So wichtig bin ich nicht.“

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Ein Buch, vor dem ich oft und gern warne:

Buchkolumne, Karla Paul: „Das gibt es nicht. Bücher, vor denen ich warnen würde, stehen meist zurecht auf dem Index. Der Rest hat eher etwas mit persönlichem Geschmack zu tun und da können die Leser ruhig selbst für sich entscheiden.“

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Ein schlechtes Buch, das ich gut fand:

Guido Graf: „Pierre Clastres: Archäologie der Gewalt“

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Ein gutes Buch, das ich schlecht fand:

Kurt Drawert: Schreiben

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Ein Geheimtipp, der bisher in Blogs noch kaum besprochen wurde:

Schlaue Eule: „Auf dass uns vergeben werde“ von A.M. Homes.

Chris Popp, Booknerds.de: „Nilowsky“ von Torsten Schulz.

Guido Graf: Franz Josef Czernin – Beginnt ein Staubkorn sich zu drehn. Ornamente, Metamorphosen und andere Versuche. (Brueterich Press)

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Ein Buch, das viel zu oft überall besprochen wurde:

Chris Popp: „„Weil ich Layken liebe“. Ich habe keine Ahnung, worum es da geht. Aber jedes gottverdammte „Schnuffelpupsis Bücherrappelkiste“-Blog hat dieses Buch rezensiert, es fand so eine entsetztliche Hysterisierung statt… grauenvoll.“

Buchkolumne, Karla Paul: „„Girl on the train“ von Paula Hawkins. Nett aufgemachter Psychothriller, dennoch ein reiner Marketinghype – lest und besprecht lieber „Leona“ von Jenny Rogneby, das kann wesentlich mehr!“

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Ein gutes Buch von/über jemandem/n, der ganz anders ist als ich selbst:

Denkzeiten: „Oh, ich denke, die meisten Bücher wurden von jemandem geschrieben, der ganz anders ist als ich, und sie handeln auch von jemandem, der anders ist als ich. Sonst könnte ich ja ständig mein eigenes Tagebuch lesen.“

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Ein gutes Buch von/über jemandem/n, der ganz anders denkt als ich selbst:

Karla Paul: „Der österreichische Autor Thomas Glavinic beschreibt in seinen Romanen und vor allen Dingen in „Das größere Wunder“ eine Lebenseinstellung, eine Hoffnung, die ich nicht in mir trage. Ich kann sie nachvollziehen und wir reden oft darüber, ich versuche mich beim Lesen ranzutasten. Aber es bleibt mir stets ein bisschen fremd, ich komme nicht völlig ran, kann es nicht greifen. Trotzdem oder vielleicht deswegen hat mich kaum ein Roman so sehr beeindruckt.“

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Ein Buch, von dessen Gestaltung/Cover/Design sich Verlage eine Scheibe abschneiden könnten:

Mokita: „Kein Buch, aber ein Designer, der öfter mal eingesetzt werden könnte: Levente Szabó. Er illustriert Klassiker neu, auf eine sehr tolle Weise.“

Denkzeiten: „Mir gefallen Die Bücher des Verlags Hermann Schmidt  sehr gut. Zum Beispiel Felix Scheinbergers Mut zum Skizzenbuch.“

Buchkolumne, Karla Paul: „Besonders (haptisch) schöne Bücher fertigt auch der Verlag Hermann Schmidt, wie z.B. „Die Kunst, ein kreatives Leben zu führen“ von Frank Berzbach. Der Verlag beschäftigt sich auch als Grundthema mit Design und Typografie und zeigt die Expertise in jedem einzelnen Buch.“

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Ein anderes Produkt, von dessen Gestaltung/Cover/Design ich Verlage eine Scheibe abschneiden könnten:

Mokita: „Erinnert ihr euch an das Design aller Sachen auf der Insel in der Serie „Lost“? Stellt euch einen Buchladen vor, wie sie heute so sind, und mittendrin ein Buch, welches so minimalistisch gestaltet ist.“

Chris Popp, Booknerds.de: „Shape-CDs. War ein nicht allzu langlebiger Trend, aber ich finde so etwas witzig. Diskettenformat, Sägeblatt, an ein Scheunentor genageltes Huhn. Fände ich auch in Buchform cool, wenn es thematisch passt. Gibt es leider viel zu selten.“

Guido Graf: Arduino (www.arduino.cc)

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Das netteste Presseteam / die schönste Erfahrung mit einem Verlag:

Sopie Weigand, Literaturen: „Die Teams von Hanser, Suhrkamp, Dumont, Diogenes, Kiepenheuer & Witsch und der Kirchner Kommunikation (vertritt z.B. Dörlemann) sind schon wirklich ein Kennenlernen wert.“

Chris Popp, Booknerds.de: „Bislang habe ich die Verlagsmenschen ja nur online kennen gelernt, aber von denen gibt es einige, die ich wunderbar finde. Katharina Waltermann von DuMont, Wiebke Maren Ratzsch und Ruth Geiger von Diogenes, Carina Gerner von Loewe, Thomas Vogt von Rapid Eye Movies, Anko Gniwotta von polyband Medien, die Leute von berlinieros, Frau Liebl von Random House, der wunderbar direckte Bertram Reinecke von Reinecke & Voß, die sind schon alle ziemlich klasse.“

Nur Lesen ist schöner: „Die Teams von Dumont, Magellan, arsEdition und Piper sind mir wirklich unfassbar sympathisch. arsEdition und Piper haben mir zwei wunderbare Bookup-Abende geschenkt, die mir sicherlich noch lange im Gedächtnis bleiben werden. Ich freu mich grundsätzlich aber über jede Begegnung mit Herzensmenschen.“

Mokita: „Vor fünf Jahren hatte ich mal die Freude, mit den Leuten vom Argon Verlag zu arbeiten, das war wirklich wunderbar.  Und bis heute sind die Leute supernett, wenn ich sie treffe. Tatsächlich hatte ich aber bisher mit keinem Presseteam von Verlagen schlechte Erfahrungen gemacht. Immer auf Augenhöhe.“

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Autor*innen, die tolle Inhalte auf Facebook und Twitter posten:

Chris Popp, Booknerds.de: „Benedict Wells und Oliver Uschmann, Berni Mayer ebenso. Ich denke, Du redest von Buchautoren, oder? Dann fällt mir noch Richard Lorenz ein. Und Ruprecht Frieling. Und Guido Rohm postet manchmal so herrlichen Unfug.“

Guido Graf: Jan Kuhlbrodt

Buchkolumne, Karla Paul: „Gibt es noch eine Definition von „tolle Inhalte“ dazu? Liebe Autoren, lasst Euch nichts einreden, wie und ob Ihr Social Media zu gestalten habt. Macht es so, wie es sich für Euch richtig anfühlt, geht den Leuten nicht mit zu viel Eigenwerbung auf die Nerven und beachtet die im Internet übliche Netiquette – das wird schon. Ernsthaft, jeder macht das anders, ganz nach Gefühl und Leben und Genre und ich freue mich, dass langsam so viele ihren Platz finden.“

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mein(e) Lieblingskritiker*in/Journalist*in:

A Million Pages: „Meine Lieblingskritiker sind Marcel Reich-Ranicki und Hellmuth Karasek. Das werden sie auch immer bleiben, denn so kluge, streitbare und unterhaltsam-witzige literarische Experten wird es meines Erachtens nicht mehr geben. Auch wenn ich ihre Ansichten nicht immer nachvollziehen konnte, fand ich doch ihre Wortduelle stets großartig. Für mich müssen Literaturkritiker neben einem profunden literarischen Wissen immer auch Primadonna-Flair haben und sich selbst schon recht wichtig nehmen. Das macht schließlich ihren besonderen Reiz aus, denn Literaturkritiker sollten schon auch Provokateure und keine handzahmen Nacherzähler sein.“

Denkzeiten: „Marcel Reich-Ranicki und Helmut Karasek – das waren sie.“

Buchkolumne, Karla Paul: „Günter Keil, Richard Kämmerlings, Daniel Bröckerhoff, Sonja Peteranderl, Nils Minkmar, Julian Heck, Wolfgang Blau, Moritz von Uslar, Ulrike Klode, Jochen Wegner, Anita Zielina, Stefan Niggemeier, Kathrin Weßling …“

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ein toller Text/Beitrag aus einem Verlagsblog:

Guido Grafhttp://www.logbuch-suhrkamp.de/jacob-teich/der-open-mike-rap-battle-der-literatur

Buchkolumne, Karla Paul: „Bitte abonnieren Sie an dieser Stelle sofort die beiden Blogs hundertvierzehn (Fischer Verlag) und Resonanzboden (Ullstein Verlag) – herzlichen Dank. Sehr schön und redaktionell toll aufbereitete Hintergrundinformationen zu den jeweiligen Verlagen als auch der sonstigen Buchbranche, spannende Kooperationen und Gastautoren,“

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ein Lieblings-Blogbeitrag (kein ganzer Blog):

Buchkolumne, Karla Paul: „Ich habe in meinem Herzen ein kleine, dunkle Ecke für Verrisse und dazu gehört der sehr unterhaltsame Rant von meinem Freund Tilman Winterling auf 54books gegen die Büchergilde bzw. deren aktuelles Design.“

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ein Blogbeitrag von mir selbst, auf den ich stolz bin: 

Guido Graf: http://grafguido.de/access-to-awesome-30-thesen-zur-zukunft-der-literaturvermittlung/

Buchkolumne, Karla Paul: „Auf einen Blogbeitrag kann ich schwer stolz sein, aber vielleicht auf die Aktion „Blogger für Flüchtlinge“ aus diesem Jahr, die ich gemeinsam mit anderen Bloggern startete – dies findet hoffentlich bei mir selbst und Anderen Nachahmung.“

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mein erfolgreichster Text/Beitrag:

Lust zu Lesen, Sonja Graus: „Bisher das Interview mit der Übersetzerin Gabriele Haefs. Die Zugriffszahlen und das Tempo des Teilens haben mich völlig überrascht.“

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ein Text/Beitrag von mir, der wenig Beachtung fand, aber mehr Beachtung verdient:

Chris Popp, Booknerds.de: „Kann ich pauschal gar nicht sagen. Bei vielen Artikeln denke ich mir: Mensch, eigentlich müsste das die Leute doch interessieren! Aber die Onlineleserschaft ist unberechenbar.“

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eine Frage, die diesem Fragebogen fehlt:

Mokita: „Zweifelst du an deinem Tun? Und wann sind die Momente, an denen du mit dem Bloggen aufhören willst?“

Guido Graf: „Wann fängst Du endlich an?“

Buchkolumne, Karla Paul: „Was macht Literatur mit Dir, mit Deinem Leben?“

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und, zum Vervollständigen:

“Das neue literarische Quartett…”

Chris Popp, Booknerds.de: „…interessiert mich genau so wenig wie das alte. Ranickis Empörung auf Knopfdruck fand ich eher lachhaft als unterhaltsam. Aber auch so gibt mir das Format nicht viel. „Was liest du?“ mit Jürgen von der Lippe fand ich da irgendwie schöner und unterhaltsamer. Und nach den Meinungen zur ersten Aufgabe habe ich wohl auch nichts verpasst.“

Laurent Piechaczek, Booknerds.de: „Warum muss Maxim Biller eigentlich überall seinen Senf hinzugeben?“

Denkzeiten: „Ich mag keine Remakes und Kopien. Wenn eine Literatursendung, dann eine neue. Alles andere wird eh zu nichts führen.“

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“Auf der Buchmesse…”

Buchkolumne, Karla Paul: „… bin ich zuhause.“

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“Ich bin sehr überraschend und unerwartet auf ein gutes Buch gestoßen. Und zwar…”

Buchstäbliches: „…auf mehrere Bücher, von Self-Publishern geschrieben.“

Flying Thoughts: „„The Eyre Affair“ von Jasper Fforde ist so ein Buch. Ebenso „The Invisible Library“ von Genevieve Colman. Beides Genre, die ich eigentlich fast gar nicht lese. Aber es hat sich gelohnt.“

Buchkolumne, Karla Paul: „… „The Art of Asking“ von Amanda Palmer aus dem Eichborn Verlag. Die Musikerin, Künstlerin und Frau von Fantasybestsellerautor Neil Gaiman beschreibt darin ihren Lebensweg mit der Musik und wie sie gelernt hat, andere Menschen in ihr Leben zu lassen und sie um Hilfe zu bitten, wie sie die mit 1,2 Millionen Dollar bisher erfolgreichste Kickstarter-Kampagne initiierte und die sozialen Netzwerke für sich nutzt, sie lebt. Ich hielt es erst für ein esoterisch angehauchtes Selbsthilfebuch – stattdessen stieß ich auf eine äußerst spannende Biografie mit der besten Nutzungsanleitung für soziale Medien und gemeinsames Miteinander on- als auch offline.“

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weitere Buchtipps aus den bisher 22 verlinkten Blogposts:

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Schöne Seiten: David Grossmans „Stichwort: Liebe“, Jonathan Safran Foers „Alles ist erleuchtet“, Vladimir Nabokovs „Lolita“, Gabriel García Márquez’ „Hundert Jahre Einsamkeit“, Salman Rushdies „Mitternachtskinder“. Hard-boiled Krimis und Noirs, der Liebeskind Verlag hat in dieser Hinsicht einige aufregende Bücher im Programm. Nino Haratischwilis Das achte LebenDeutscher Meister von Stephanie Bart.“

Literaturen: Clemens J. Setz,  „Sieben Minuten nach Mitternacht“ von Siobhan Dowd und Patrick Ness.  „Gotthard“ von Zora del Buono. „Die Verschwundenen“ von Wolfgang Popp. „Der amerikanische Architekt“ von Amy Waldman. „Limonow“ von Emmanuel Carrère. „Deutschland überall“ von Manuel Möglich.  „Lust und Laster“ von Evelyn Waugh. „Lucky Newman“ von Carl Nixon. Wenn es nicht sowieso ein tolles Buch wäre, hätte ich es wegen des Covers gekauft. Sechs Personen suchen einen Autor” von Luigi Pirandello.

A Million Pages: Henry James: Porträt einer jungen Dame. Helmut Berger: IchDie stille Frau von A. S. A. Harrison. Erika Robuck. The Curiosity vom amerikanischen Autor Stephen P. Kiernan: Ich kann nicht nachvollziehen, warum dieses außergewöhnliche Buch noch nicht ins Deutsche übersetzt wurde, denn es würde meines Erachtens mit Sicherheit auch hier die Bestsellerlisten stürmen.

Der Buchbube“Der Fliegenfänger” von Willy Russell.

MokitaDas Gefängnis der Freiheit von Michael Ende.

Chris Popp: „Nilowsky“ von Thorsten Schulz, „Amerika-Plakate“ von Richard Lorenz, die David Foster Wallace-Biographie „Jede Liebesgeschichte ist eine Geistergeschichte“ von D. T. Max, Juha Vuorinens „Göttlich versumpft“, Christoph Poschenrieder – Die Welt ist im Kopf; Wolfgang Welt – Fischsuppe; Georges Perec – Das Leben Gebrauchsanweisung; Lothar Baier – Jahresfrist usw.,  usw…

Guido Graf: Georges Didi-Hubermann: Das Nachleben der Bilder, Helen Hester: Beyond Explicit: Pornography and the Displacement of Sex, Ernst Gombrich: über Schatten, Steffen Popps Beuys-Buch

Buchkolumne, Karla Paul: Scarlett Thomas: „Troposphere“, „Was wir fürchten“ von Jürgen Bauer, die Romane der irischen Chick-Lit-Autorin Marian Keyes, JJ Abrams: „Das Schiff des Theseus“, „Shakespeare and Company“ aus dem Suhrkamp Verlag.

Nur Lesen ist schöner: „„Wir sind die Könige von Colorado“ von David E. Hilton. “Schloss aus Glas” von Jeannette Walls. „Zwiterschende Fische“ von Andreas Séché. „Im Schatten des Vogels“ von Kristin Steinsdóttir. „Das hat alles nichts mit mir zu tun“ von Monica Sabolo. „Wir haben Raketen geangelt“ von Karen Köhler. „Liebten wir” von Nina Blazon. Es war eine reine Bauchentscheidung, das Buch zu kaufen, weil mich das Cover so ansprach. Hinter dem Buchdeckel habe ich eine weitaus facettenreichere Geschichte entdeckt, als ich anfangs vermutet habe.

Deutscher Buchpreis 2015 an Frank Witzel: Empfehlung. „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1968“, Matthes & Seitz Verlag

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Für „der Freitag“ las ich alle sechs Romane auf der Shortlist zum deutschen Buchpreis 2015:

„Und was, falls dann doch Frank Witzel gewinnt? Für seinen brillant verquasten, übervollen, herrlich sperrigen Jugend- und Provinzroman Die Erfindung der Rote Armee Fraktion durch einen manisch depressiven Teenager im Sommer 1969? 800 Seiten Jugendängste, Wahn, 60er-Jahre-Jargon, Katholizismus und Neurosen, in 99 grellen Kapiteln immer neu gekreuzt, verschränkt. Literarische Apophänie: Was, wenn die Beatles Märtyrer wären? Mein Leben ein Schneider-Jugendbuch? Die RAF unser Kinderclub? Was, wenn dieses eigensinnige, wagemutige, bekloppte, brillante Buch Bestseller wird? Und Tagesgespräch?“

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“Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969”, Frank Witzel, Matthes & Seitz

“Ein Spiegelkabinett der Geschichte im Kopf eines Heranwachsenden: Erinnerungen an das Nachkriegsdeutschland, Ahnungen vom Deutschen Herbst; das dichte Erzählgewebe ist eine explosive Mischung aus Geschichten und Geschichte, Welterklärung, Reflexion und Fantasie: ein detailbesessenes Kaleidoskop aus Stimmungen einer Welt, die 1989 Geschichte wurde. Ein mitreißender Roman, der den Kosmos der alten BRD wiederauferstehen lässt.” [Klappentext, gekürzt.]

Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969

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Der 800-Seiten-Roman spielt 1968 in einem Vorort von Wiesbaden und folgt einem 13jährigen, in 99 Kapiteln – von denen fast jedes anders klingt und viele einen parodistischen Quatsch-Tonfall haben, z.B. die Floskeln eines Jugendbuchs oder den Panik-Tonfall der RAF-Berichterstattung.

Es geht um Sprachmüll, BRD-Muff und die Armut, mit den falschen Worten etwas festhalten, ausdrücken, auf den Punkt bringen zu müssen – ein Gefühl, das 13jährige gut kennen.

Der Roman ist sehr verspielt – jedes Kapitel ist eine literarische Versuchsanordnung, in dem Jargon (z.B. aus einer Musikzeitschrift) auf ein anderes Themenfeld (z.B. auf die Schule) getragen wird. So entsteht viel… wilder, windschiefer… Quatsch. abgegriffene Worte, in neuen, überraschenden Zusammenhängen.

Literarisch/psychologisch mach das viel Spaß: ein Junge, der als Messdiener jahrelang Gewäsch über Heilige und Märtyrer aufgesaugt hat und jetzt in Musikzeitschriften über die Beatles und in den Nachrichten über die RAF hört, spricht über die Beatles… wie über Märtyrer. Über die RAF… wie Popstars. Nicht als witziges Spiel – sondern aus Unvermögen: seltsame Welten werden durch die jeweils falschen Sprach- und Wahrnehmungsbrillen betrachtet. Die einzigen Brillen/Wortschätze eben, die der 13jährige bisher hat.

Warum ist das literarisch toll – und warum dauert es 800 Seiten? Weil Witzel noch etwas Größeres probiert/durchspielt/erzählt, das mich sehr überzeugt: Apophänie ist die Störung, Zusammenhänge und Leitmotive zu sehen: https://de.wikipedia.org/wiki/Apoph%C3%A4nie

…und die meisten Romane nehmen eine Figur, ein Stück Gegenwart oder Zeitgeschichte und ein paar Motive und sagen: „Schaut. Winnetou und die RAF – da sind schon Parallelen“ oder z.B. „Dawson Leery und Stephen Spielberg: Das wird immer wieder interessant gegeneinander gestellt und hinterfragt – dieser All-American Idealismus.“ wir erzählen uns unsere Leben selbst in solchen Mustern, finden uns in Popkultur, ziehen Parallelen.

Witzel zieht 800 Seiten lang Parallelen, die IMMER beliebiger und absurder und wahnhafter werden und dabei zeigen: Solche Netze sind sehr schnell gesponnen. Aber dabei eben oft: spinnert. „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1968“ setzt, versuchsweise, ALLES in Zusammenhang – auch, um dabei zu zeigen, wie leichtfertig und hilflos Menschen solche Zusammenhänge suchen, um sich ihr Leben zu erklären, und – Meta, Meta! – wie schnell Autor*innen solche Zusammenhänge zimmern können.

Wie gesagt: Ich finde es schwierig, ein Buch zu empfehlen, bei dem ich z.B. von Seite 200 bis 300 dachte „Hm. Das hätte man jetzt alles einfach streichen können.“ Der Roman ist sehr lang, und ich weiß nicht, ob er Gelegenheits- und Hobbylesern genug gibt, über diese 800 Seiten hinweg. Versteht man erstmal, worum es geht – Lebenswelten in jeweils „falschen“ Sprachwelten durchzunudeln, in immer anderen Kombinationen – passiert nicht mehr viel: es nudelt halt 99 Kapitel lang durch. sprachlich toll. aber einen packenden Plot oder besondere Auflösungen zum Schluss gibt es nicht.

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Im Freitag (Link) schreibe ich:

„“Wer 2015 nur ein einziges Buch lesen kann, dem empfehle ich gestrost Jenny Erpenbeck, Gehen, ging, gegangen. Kosten: 19 Euro 99, Umfang: 352 Seiten. In kaum zehn Stunden Lesezeit bewältigt und verstanden. Simple Sprache. Viel Wissenswertes zu Asylrecht und Geflüchteten. Der Alltag afrikanischer Männer in einer Berliner Unterkunft, beäugt von einem skeptischen deutschen Professor in Rente. Altern, Heimatlosigkeit, DDR-Vergleiche. Kulturen im Dialog. Fünf von fünf Sternen. Lesenswert! Besonders auch für Schulklassen. Aber zählt dieser simple, muntere, gut gemeinte Asylroman zu den größten literarischen Leistungen 2015? Ist er buchpreiswürdig?“

„Egal, wer 2015 gewinnt: Favoritin Erpenbeck, Meister Witzel oder einer der holprigeren vier Titel: Keines dieser sechs angreifbaren, erstaunlich windschiefen Bücher im Finale passt gut zum Preis. Alle haben Angriffsflächen, große Schwächen. Peltzer, Witzel sind zu träge, Schwitter, Lappert zu seicht, Mahlke, Erpenbeck keine augenfällig „große“ Literatur. Ich will kein Buchhändler sein, der den Gewinner durchs Weihnachtsgeschäft bringt.“

Deshalb nochmal, als gefälligere Verschenk-Empfehlung:

Jenny Erpenbeck, “Gehen ging gegangen”, Knaus

  • Shortlist zum deutschen Buchpreis 2015
  • 352 Seiten, Knaus
  • Professor mit Sinnkrise sucht Kontakt zu Geflüchteten am Berliner Oranienplatz
  • politischer Roman über die Frage, wie Engagement hilft und was Menschen einander geben können: die Sprache ist sehr simpel, vieles wirkt didaktisch, erklärend, etwas kunstlos… aber keinem Buch wünsche ich 2015 mehr Leserinnen und Leser. Informativ, menschlich, sympathisch und klug.
  • ich mochte “Das alte Kind” nicht, Erpenbecks staubige, viel zu betuliche Kurzgeschichten. auch hier im Portrait wirkt sie verkrampft (Link: könnte aber auch an der Journalistin liegen). aber “Heimsuchung” gehört zu meinen Lieblingsbüchern. Erpenbeck ist keine sehr “junge” oder frische Erzählerin.

“Wie erträgt man das Vergehen der Zeit, wenn man zur Untätigkeit gezwungen ist? Richard, emeritierter Professor, kommt durch die zufällige Begegnung mit den Asylsuchenden auf dem Oranienplatz auf die Idee, die Antworten auf seine Fragen bei jenen jungen Flüchtlingen aus Afrika zu suchen, die in Berlin gestrandet und seit Jahren zum Warten verurteilt sind. Und plötzlich schaut diese Welt ihn an, den Bewohner des alten Europas, und weiß womöglich besser als er selbst, wer er eigentlich ist.” [Klappentext, gekürzt.]

Gehen, ging, gegangen …und, große Empfehlung: Heimsuchung

#blogfragen für Buchblogger: 15 Fragen, zum Mitnehmen und Beantworten

blogfragen

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Ich kenne tolle Buchblogs und tolle Leser*innen und Rezensent*innen. Aber ich habe viele Fragen, die mir die „über mich“-Seite oder die kurzen persönlichen Gespräche mit Bloggern oft nicht beantworten.

Deshalb habe ich – aus Neugier und ohne besondere Forschungs-, Umfrage- oder Analyse-Absicht – 15 Fragen gesammelt, die ich fast jedem Literaturblogger gern stellen würde. Falls ihr Zeit und Lust habt:

Leitet sie weiter. Beantwortet so viele (oder wenige), wie ihr wollt.

Ergänzt und kommentiert.

Ich freue mich auf Antworten und Antwort-Postings in euren eigenen Blogs: kurz oder lang. ausführlich oder in Bruchstücken.

meine Fragen:

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01 Das Lieblingsbuch meiner Mutter:

02 Das Lieblingsbuch meines Vaters:

03 Ich führe einen typischen Buchblog, weil…

04 Ich bin anders als die Blogs, die ich gern lese, weil…

05 Am Bloggen überrascht mich / beim Bloggen habe ich gelernt, dass…

06 Helfen Amazon-Rezensionen? Wobei? Wie?

07 Hilft Literaturkritik in Zeitungen und Magazinen? Wobei? Wie?

08 Helfen Blogs? Wobei? Wie? Wem?

09 Wahr oder falsch: „Ich blogge vor allem, weil ich mich über Bücher austauschen will und im persönlichen Umfeld nicht genug Menschen habe, mit denen ich das könnte.“

10 Mein persönlicher Geschmack und meine Prinzipien beim Lesen und Bewerten:

11 Wer liest mich? Habe ich eine Zielgruppe?

12 Habe ich Vorbilder?

13 Welche Ratschläge würde ich meinem früheren Lese-Ich geben? Kann man lernen, Bücher besser auszusuchen, zu entdecken und zu genießen? Wie?

14 „Verlage brauchen mich für PR. Sie brauchen mich mehr, als ich sie brauche“ …oder „Toll! Autoren und Presseabteilungen suchen Kontakt und bieten mir Bücher an. Was für ein Glück!“ Was überwiegt?

15 Was soll sich tun in meinem Blog und in meinem Leser-/Schreiber-Leben in den nächsten fünf Jahren:

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eine offene, kompliziertere Frage, die mich selbst sehr beschäftigt: Bei wieviel Prozent der Bücher, die ich gelesen habe, denke ich danach: Mist. Ich wünschte, ich hätte das nie gelesen…? Steigt oder fällt diese Prozentzahl, Jahr für Jahr. Und: Warum?

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BELLA triste Essay Stefan Mesch WordPress 06

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Bonus: Empfehlungen!

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Ein Buch, das fast niemand mag – aber das ich liebe: [warum?]

Ein Buch, das fast alle mögen – aber das mich wütend oder ratlos macht: [warum?]

Ein Buch, das ich bekannter gemacht habe:

Ein Buch, vor dem ich oft und gern warne:

Ein schlechtes Buch, das ich gut fand:

Ein gutes Buch, das ich schlecht fand:

Ein Geheimtipp, der bisher in Blogs noch kaum besprochen wurde:

Ein Buch, das viel zu oft überall besprochen wurde:

Ein gutes Buch von/über jemandem/n, der ganz anders ist als ich selbst:

Ein gutes Buch von/über jemandem/n, der ganz anders denkt als ich selbst:

Ein Buch, von dessen Gestaltung/Cover/Design sich Verlage eine Scheibe abschneiden könnten:

Ein anderes Produkt, von dessen Gestaltung/Cover/Design ich Verlage eine Scheibe abschneiden könnten:

Das netteste Presseteam / die schönste Erfahrung mit einem Verlag:

Autor*innen, die tolle Inhalte auf Facebook und Twitter posten:

mein(e) Lieblingskritiker*in/Journalist*in:

ein toller Text/Beitrag aus einem Verlagsblog:

ein Lieblings-Blogbeitrag (kein ganzer Blog):

ein Blogbeitrag von mir selbst, auf den ich stolz bin: 

mein erfolgreichster Text/Beitrag:

ein Text/Beitrag von mir, der wenig Beachtung fand, aber mehr Beachtung verdient:

eine Frage, die diesem Fragebogen fehlt:

und, zum Vervollständigen:

„Das neue literarische Quartett…“

„Auf der Buchmesse…“

„Ich bin sehr überraschend und unerwartet auf ein gutes Buch gestoßen. Und zwar…“

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Frankfurter Buchmesse 2011 WordPress

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Ich liebe Fragebögen.

Ich habe viele geschrieben, u.a. an meinen Ex-Professor, an den größten „Green Lantern“-Comicfan, Sally Pascale, an die Literaturkritik und, für Deutschlandradiokultur, „fiese Fragen“, die u.a. Karla Paul, Hans Hütt, Tilman Winterling, [edit, 2018:] Linus Giese und Christiane Frohmann beantwortet haben.

Ich beantworte auch gerne Fragebögen, z.B. für die ZEIT, Christoph Kochs „Mein Medien-Menü“ oder den Open Mike. Im Mai habe ich Fragen über meine Arbeit als Übersetzer beantwortet, hier (Link).

Ich freue mich über jeden Blog-Autoren, der meine Fragen beantworten will – und bin gespannt auf die Antworten.

Video: Bücher auf Youtube – Literaturkritik, BookTube, Vlogs

wordpress Vlog

august münchen 2015

Blogs und Literaturkritik:

Seit fünf Jahren führen wir eine große Qualitäts- und Grundsatzdebatte. Dass Blogs ein sinnvoller Ort sein können, um über Bücher zu sprechen, stellt mittlerweile niemand mehr in Frage. Was aber ist mit Videos? Vlogs?

Im Juli 2015 portraitierte die Süddeutsche Zeitung Sara Bow, Mode- und Buchbloggerin: http://www.sueddeutsche.de/kultur/buchkritikerin-auf-youtube-sehrsehrsehr-lustig-lest-es-1.2558228

„Sara! Mir grauts vor dir“ antwortete Blogger Thomas Brasch und schrieb: “ ich finde es grauenvoll, dass diese Darbietungen, dieses ungenierte Plappern von Sara Bow & Co. erfolgreich Bücher verkauft. Soviel Neid muss sein. […] Mit solchen Formaten trifft die Anspruchslosigkeit eines selbstgefälligen Youtube-Sternchens auf die Anspruchslosigkeit naiver Teenies.“https://thomasbrasch.wordpress.com/2015/07/11/sara-mir-grauts-vor-dir/

Sara Bow ist 21 – und weder sprachlich noch in der Auswahl ihrer Bücher mein Fall. Trotzdem imponieren mir Youtuber und Vlogger, und ich sammle seit Jahren Mut für ein eigenes Video. Ich rede u.a. bei Deutschlandradio Kultur über Bücher. Aber: mit einer Redaktion, in einem Studio. Im Alleingang vor die Kamera treten, ein eigenes Format entwickeln… das habe ich jetzt zwei Tage lang, zum ersten Mal, probiert.

Es macht Spaß. Es frisst Zeit, kostet Kraft und führt mir vor Augen, wie viel ich zu lernen habe und wie viel schief gehen kann. Ob ich ein zweites, drittes Video drehe, hängt auch vom Feedback und der Resonanz ab: Bringt das hier was? Wer schaut das, und wozu? Es war VIEL mehr Arbeit als ein Blogpost oder ein Artikel – und es sieht amateurhafter aus.

Mein Lieblings-Vlogger ist Michael Buckley, den ich u.a. für ZEIT Online portraitiert habe, http://www.zeit.de/digital/internet/2010-01/youtube-buckley

Mein deutscher Lieblings-Booktuber ist Andreas Dutter, Brivido Libro: https://www.youtube.com/user/brividolibro

Ich empfehle auch Herbert liest,https://www.youtube.com/user/LiteraturEskorte

und Iris Radischs Videos (die grade leider immer seltener/sporadischer werden): http://www.zeit.de/serie/lesetipp

mehr zu Literaturblogs u.a. auf meinem Blog, https://stefanmesch.wordpress.com/2015/07/28/die-besten-buchblogs-und-literaturblogs-50-empfehlungen-links/

Video-Link auf Youtube: https://youtu.be/3CH3YYE7AdY

weiteres Videos von mir hier: Youtube-Channel, smesch83