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ein Stern, fünf Sterne: meine Kriterien beim Bücher-Bewerten

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Ich bin Literaturkritiker für u.a. ZEIT Online und Spiegel Online, und spreche/schreibe immer wieder über diese Arbeit, z.B.

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Ich mag lange, detaillierte Texte voller Links, Querverweise, Nebenaspekte.

Doch ich finde es – besonders online und auf Facebook/Twitter – oft wichtig, auf einer Fünf-Sterne-Skala schnell aufzeigen zu können, wie ich ein Buch bewerte.

Meine Kriterien, im Sternchen-Raster von u.a. Amazon und Goodreads?

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Das Buch_macht ein oder mehrere Dinge SO klug anders oder SO viel besser als andere Titel, dass ich denke: „Wow. Meisterhaft.“

Ich_werde es nie vergessen und/oder genoss die Lektüre sehr. Oder denke „Was für eine interessante Zumutung!“, „Was für ein unerhörter Gedanke!“, „Was für eine bizarre, markante Stimme!“

Das Gros der Leser*innen_wird, hoffe ich, „gelungen!“ denken oder mindestens „interessant!“

5 von 5 Sternen. ca. 10 Prozent der Bücher, die ich lese.

Das Buch_schafft das, was es sich vornahm: eine runde Sache ohne frappante Probleme… oder mit so viel Charme, Klugheit, Eigensinn, dass selbst solche Probleme aufgewogen werden.

Ich_hatte Spaß beim Lesen, bereue die Lektüre nicht, sage laut und guten Gewissens: „ein gutes Buch!“

Leser*innen_, die Genre, Tonfall oder Thema grundsätzlich mögen, kriegen hier eine kompetente und/oder interessante Lektüre.

4 von 5 Sternen. ca. 30 Prozent der Bücher, die ich lese.

Das Buch_macht viel richtig, doch Entscheidendes falsch: Irgendwo knirscht es. So grundsätzlich oder so häufig, dass ich als Lektor gern eingeschritten wäre.

Ich_las das Buch oft mit Gewinn, doch hätte in der Zeit trotzdem VIEL lieber ein Besseres, Klügeres, Originelleres, Mutigeres, Dichteres oder wenigstens Kompetent-routinierteres gelesen. Ich ärgere mich, dass ich das Buch auswählte. Ein Titel, bei dem ich nicht pauschal „ein SCHLECHTES Buch“ sagen würde. Doch mindestens: „Autor*in? SO wird das nichts mit uns, auf lange Sicht.“

Leser*innen_, die das Buch in einer Buchhandlung sehen, würde ich gern meine Einwände und Probleme nennen, und bei Facebook drücke ich, sobald das Buch auftaucht, auf keinen Fall „gefällt mir“. Ich verbringe viel Zeit, darüber zu reden, wo das Buch für mich hakt und warum ich es allerhöchstens GANZ konkreten Einzelpersonen, Liebhaber*innen, Fans, Nischenpublikum empfehlen kann.

3 von 5 Sternen. ca. 40 Prozent der Bücher, die ich lese.

Das Buch_ist schlecht. Vielleicht nur wurstig oder banal – und nicht jedes Mal denke ich „Von dieser Autorin will ich nichts mehr lesen“ oder „Der Autor ist nicht klug oder hat den Job verfehlt!“ Doch dass Verlage das Buch in dieser Form druckten und vermarkten, enttäuscht mich: Ich verliere ein Stück Respekt vor allen Beteiligten.

Ich_warne vor dem Buch, hatte beim Lesen schlechte Laune, war wütend, hämisch, enttäuscht oder genervt, und tue alles, damit niemand dieses Buch kauft, liest, empfiehlt.

Leser*innen_, die das Buch lesen, zweifeln danach, ob Bücher „etwas für sie sind“ oder verlassen sich das nächste Mal auf Netflix statt auf die Buchhandlung.

2 von 5 Sternen. ca. 15 Prozent der Bücher, die ich lese.

Das Buch_ist böse, oder SO schlecht, dass ich mir keine erwachsenen Menschen vorstellen kann, die es tatsächlich mögen. Ich weiß nicht, wie der/die Schreibende denken konnte „So ist es gut!“

Ich_benutze das Buch, um grundsätzlich aufzuzeigen, wo Bücher scheitern können, und denke oft noch 15 Jahre später fassungslos an die Lektüre. Manchmal amüsiert („Was war da nur los?“), meist aber wütend („Dieser Mensch, manchmal auch dieser Verlag haben KEINE weitere Stunde meiner Lebenszeit verdient. Wir sind fertig.“)

Leser*innen_die das Buch lesen, fanden es bestenfalls mittelmäßig. Wer es ehrlich mag oder empfiehlt, ist mir so suspekt, dass ich daran zweifle, dass wir uns je wieder Buchtipps geben sollten.

1 von 5 Sternen. ca. 5 Prozent der Bücher, die ich lese.

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ein Grundsatzproblem bei Goodreads:

Die Idee, dass 2 Sterne für „it was okay“ stehen.

Die Plattform will beim Sterne-Vergeben helfen, indem jedem Stern eine Phrase zugeschrieben wird. „I did not like it“ (1), „It was okay“ (2), „I liked it“ (3), „I really liked it“ (4), „It was amazing“ (5 Sterne). Meine eigene Skala: „unfähig oder böse: Ich wünschte, niemand läse dieses Buch“ (1), „misslungen: Ich rate ab“ (2), „nicht misslungen – doch mit größeren Problemen/Schwächen“ (3), „gern gelesen, viele Stärken“ (4), „umwerfend, besonders, aufregend!“ (5 Sterne).

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Literatur und Social Media: Lesung / Podium „Blog until you drop“ fürs Literaturhaus Köln

„Blue Shell“, Köln: Ich lese aus „Zimmer voller Freunde“. [Foto: Karla Paul]

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Literatur… und das Netz?

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Fürs Literaturhaus Köln sprach ich mit Karla Paul und Moderatorin Ines Dettmann übers Schreiben im Netz, „Freundschaften“ auf Facebook, Social Reading, eBooks und Selbstbilder / Risiken / Chancen für Autoren. Ein entspannter, kluger Abend unter Menschen / Freunden, die sich bislang nur online kannten.

  • Bringen Vernetzung, Lärm, Kritik und Ablenkung im Netz mein Schreiben weiter?
  • Welche literarischen Projekte, Formate, Nischen erlaubt ein Blog?
  • Twitter, Tumblr, Bonus-Material bei eBooks – wer liest das? Wem hilft das?
  • Lohnt sich der Aufwand?

Fünf Abende lang, Oktober bis Dezember, wird fürs Literaturhaus Köln – organisiert / kuratiert von Bettina Fischer und begleitet von Thorsten Krämer – über neue Literatur, veränderte Rezeption, Chancen und Risiken gesprochen.

„Unser Abend“ fand am 26. November statt, als Late-Night-Format, im Blue Shell: eine kurze Lesung aus „Zimmer voller Freunde“, ein Audio-Einspieler von Dana Buchzik, vor allem aber ein Gespräch, in dem Karla und ich, als Social-Media-Nutzer, erklärten, mit welchem Handwerkszeug und welchen Netzwerken wir unser Schreiben, Lesen und Leben im Netz aufbauen.

Der Ankündigungstext:

Wir befassen uns in der Veranstaltungsreihe „Zukunftsliteratur“ mit dem Wandel, den die technischen und medialen Veränderungen für die Literatur und die Buchbranche mit sich bringen. Wo findet sich dieser Wandel denn eigentlich? Natürlich im Netz! In literarischen Blogs und solchen, die sich mit der literarischen und kulturellen Welt befassen! Und auch auf der Bühne:

Für das Late Night-Format holen Stefan Mesch und Karla Paul ihre Arbeit aus dem Netz auf die Bühne des Blue Shell. Anders als in unserem Programmheft angekündigt, wird Dana Buchzik/Sophia Mandelbaum leider nicht dabei sein – ihr Blog wird aber mit einem von ihr selbst aufgenommenen Text kurz vorgestellt. Freuen Sie sich mit uns auf eine Late Night mit vielfältigen und lebendigen Texten, literarisch und literaturkritisch, begeisternd und aktuell.

Moderation: Ines Dettmann

Foto: Bettina Fischer, Literaturhaus Köln.

mein Eindruck / Fazit? 

Eine lebendige, kluge Moderation, eine sympathische Location und ein konzentriertes, gutes Publikum: Es war toll, Karla Paul nach über zwei Jahren Online-Kontakt persönlich zu treffen, und es macht mir Spaß, Kultur-, Sortier- und Scouting-Techniken, die zu meinem Schreiber-Alltag gehören, für ein interessiertes Publikum aufzuarbeiten: Wo findet man gute Bücher? „Lohnen“ sich Online-Freundschaften? Wo befruchten / befeuern sich Literatur und neue Medien?

Ich hatte ein paar „Zimmer voller Freunde“-Flickr-Fotos (Link) dabei und ließ sie während der Lesung im Hintergrund ablaufen… werde aber in Zukunft, glaube ich, gerne mehr Medien / Anschauungsmaterial  mitbringen.

Seltsam / kurios? Dass Karla und ich in vielen Netz- und Literaturthemen ähnliche Interessen / Kompetenzen haben. Und wir das Netz – in erster Linie, trotz aller Skepsis – richtig, richtig mögen. Ich hoffe, das Publikum hatte nicht den Eindruck, dass hier zwei Facebook-/Twitter-Fans über Handyfotos und virtuelle Buchtipps schwärmen… ohne, Probleme / Schattenseiten zu reflektieren.

Thorsten Krämer, Autor, Berater und Mitorganisator der „Zukunftsliteratur“-Reihe, mailt:

„Viele der genannten [netzkritischen / wirtschaftlichen] Punkte wurden tatsächlich nicht angesprochen. Dennoch hatte ich gestern während der Veranstaltung nicht den Eindruck, es würde etwas fehlen.

Das mag an der mitreißenden Leidenschaft gelegen haben, mit der Karla Paul und Stefan Mesch von ihrem Engagement für die Literatur berichtet haben.

So ergab sich, für mich zumindest, das etwas paradoxe Fazit, dass ausgerechnet der Abend der Reihe, der auf dem Papier sich am weitesten vom herkömmlichen Bild der Literatur hätte entfernen können, mit dem bislang schwungvollsten und optimistischsten Bekenntnis zur Literatur aufwarten konnte. Dass dieses Bekenntnis von vermeintlich Literatur-fernen Digital Natives vorgebracht wurde, war für mich die sehr erfreuliche Erkenntnis aus der Veranstaltung.“

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Die „Zukunftsliteratur“-Reihe im Überblick:

25.10.: „Die Zukunft der Buchbranche“ – Klaus Kluge (Bastei Lübbe), Jo Lendle (DuMont Buchverlag) und Helge Malchow (Kiepenheuer & Witsch) geben im Gespräch mit Thorsten Krämer Auskunft.

13.11.: „Die Reform des Urheberrechts und die möglichen Folgen für die Buchbranche“ – eine Diskussion zwischen Christian Sprang, Chef-Justiziar beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels, und Matthias Spielkamp, unter anderem Gründungsredakteur und Projektleiter von iRights.info, soll die unterschiedlichen Positionen verdeutlichen – und hoffentlich gute Lösungen aufzeigen. Moderation: Markus Brügge (WDR). Einmischen in die Diskussion werden sich auch Dr. Verena Hoene, Partnerin der Kanzlei Heuking Kühn Lüer Wojtek, und Mario Giordano, der als Auftakt des Abends seine Web-Novel ‚Apocalypsis‘ vorstellt.

22.11.: Lothar Müller: „Weiße Magie“ – Lothar Müller zeichnet in seinem aufschlussreichen Buch ‚Weiße Magie‘ die Geschichte des Papiers nach, das von China über die arabische Welt nach Europa kam.

6.12.: Ulf Erdmann Ziegler: „Nichts Weißes“ – Oliver Jungen (FAZ) spricht mit Ulf Erdmann Ziegler über die Generation, für die das »Hereinbrechen des Computerzeitalters identisch ist mit dem eigenen Erwachsenwerden«. Zudem wird ‚Zukunftsliteratur‘ begleitet von der Präsentation besonderer Publikationsprojekte. An diesem Abend: SuKuLTuR, vorgestellt von Marc Degens.

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Fotos aus älteren Blogposts von stefanmesch.wordpress.com

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meine Auftritte und Lesungen, Sommer / Herbst 2012:

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verwandte Links: